Porträt

laut.de-Biographie

Barbara Buchholz

"Mich fasziniert die absolute Konzentration, mit der man auf dem Theremin spielen muss. Wenn man nicht ganz und gar in das Instrument eintaucht, kann man darauf nicht intonieren. Es gibt keine Fingersätze, die man üben könnte, bis sie sich verselbständigen. Man muss in jedem Augenblick voll im Klang stecken. Bei jedem anderen Instrument läuft irgendwas automatisch. Beim Theremin ist alles Intuition" (Barbara Buchholz).

Das Theremin kommt Anfang des letzten Jahrhunderts aus Russland zu uns und gilt als der Urahn aller elektronischen Klangerzeuger. Der prähistorische Synthesizer ist das einzige Instrument, das man spielt ohne es zu berühren. Es wird über den Abstand beider Hände zu zwei Antennen zum klingen gebracht. Eine Hand übernimmt dabei die Tonhöhe, die andere die Lautstärke. Der Neue Musik-Komponist Edgar Varése verfasst 1934 zwar ein Stück für das Theremin. Aufsehen erregt das Instrument jedoch in Alfred Hitchcocks "Ich Kämpfe Um Dich", zu dem Salvador Dali die Kulissen und Traumsequenzen erfand.

Die zitternd klingende Soundtrack-Wunderwaffe gilt als erstes elektronische Musikinstrument. Erfunden wurde es 1919/1920 vom russischen Physikprofessor Lew Sergejewitsch Termen, der sich später Leon Theremin nennt. Das Theremin fristet seit jeher ein Nischendasein, da seine musikalischen Möglichkeiten als sehr eingeschränkt gelten. "Lydia Kavina sagte mal, das Zittern und die Schwäche des Theremin sind zugleich auch seine Stärke. Daraus kann jeder machen, was er will. Für mich hat es etwas Tröstendes", kommentiert Buchholz.

Mit ihrem Debüt "Russia With Love" gelingt Buchholz 2004 ein international gelobtes Album. "Meine Russland-Aufenthalte waren notwendig, um zurück zu den Wurzeln zu gehen und die Herkunft des Instruments zu ergründen. Ich habe noch nie ein Land mit so starken Gegensätzen erlebt. In Russland gibt es einfach keine Mitte. Es gibt nur Arm und Reich, Melancholie und Punk, Schräg und Schön. Nichts dazwischen. Meine Musik ist ein Nachklang dieser Zeit. Momentaufnahmen verschiedener Stimmungen. Ursprünglich sollte das Album viel gegensätzlicher sein und neben den melodiösen Seiten auch den Punk zeigen. Wir haben wilde Noise-Improvisationen eingespielt, für die ich mich aber am Ende nicht entscheiden konnte", erläutert Buchholz das Repertoire ihres Erstlings.

Über "Moonstruck" (2008) heißt es, es gehe nicht mehr um Geschichte und Gegenwart des Theremin, sondern um seine Perspektiven. Es gehe darum, das Theremin aus seiner Exotik herauszulösen, die Klischees abzustreifen und es als organischen Bestandteil eines modernen Instrumentariums zu begreifen. Dem gegenüber formuliert Spex-Autor Kai Ginkel: "Es bleibt am Ende der Eindruck, dass allzu oft gefällig verhüllt wurde, was in einer noch reineren, noch reduzierteren Form vermutlich einen weitaus direkteren Effekt entfalten könnte."

Die Wahrheit indes liegt wie immer im Ohr der Hörenden. Wendet man sich den weniger subjektiven Gegebenheiten zu, erfährt man, dass Barbara Buchholz 1959 in Duisburg geboren wird. Nach ihrem Musikstudium (Bass, Gitarre, Gesang und Querflöte) in Bielefeld, sorgt sie ab Mitte der 80er zunächst in der Frauenbigband 'Reichlich Weiblich' für die tiefen Töne.

Später performt die mehrfach ausgezeichnete Musikerin und Komponistin mit Vorliebe in 'interdisziplinären Projekten' wie dem MIDI-fizierten Stepptanz/Musik-Projekt 'Tap It Deep' oder 'Human Interactivity", das sie gemeinsam mit der russischen Computer-Künstlerin Olga Kumeger realisiert. Darüber hinaus produziert sie für den WDR, komponiert, unterrichtete auf Einladung des Goethe-Instituts bereits in Tansania und blickt auf ein Stipendium des Kultur-Ministeriums NRW für einen Arbeitsaufenthalt am Theremincenter Moskau zurück.

"Ich habe das Theremin Anfang der Neunziger erstmalig gesehen, als Lydia Kavina im Thalia Theater zur Aufführung von Tom Waits' Alice spielte", erzählt Barbara Buchholz über ihren ersten Kontakt. "Dieser Klang hat sich mir über Jahre eingebrannt, war aber damals für mich selbst nicht zu realisieren. Es gab keine Theremine zu kaufen und nicht einmal eine Idee, wie man einen Zugang dazu kriegen oder das Instrument lernen konnte."

2003 nimmt sie die mehrfache Einladung des russischen Kulturministeriums an und reist nach Moskau. Dort tritt sie als Meisterschülerin von Lydia Kavina, der Großnichte des Theremin-Erfinders, in die Fußstapfen weniger Theremin-Virtuosen. "Das Spiel auf dem Theremin sammelt für mich alle musikalischen Erfahrungen. Ich bin ja nicht nur Bassistin, sondern habe auch gesungen und Querflöte studiert. Das Theremin ist ein Pool, in dem all das zusammen kommt", kommentiert sie ihre Leidenschaft für das außergewöhnliche Instrument.

Letzten Endes ist es jedoch der Tanz mit dem Instrument, die Körperlichkeit des Thereminspiels, die es Buchholz angetan hat. "Es ist eine ganz poetische Spielweise. Man hebt elegant die Hand und erzielt plötzlich den höchsten Klangpegel, ohne auf etwas draufzuhauen oder rumzukratzen. Alles ist leicht und tänzerisch. Jeder Musiker hat einen körperlichen Bezug zu seinem Instrument. Der Eine hat gern etwas im Mund, der Andere in der Hand. Für mich ist es, als hätte ich schon immer Theremin gespielt. Ich muss mir da nichts überlegen."

Zur Entwicklung des Theremin(spiel)s trägt auch das auf ihre Anregung hin gebaute Midi-Theremin bei, das andere Klangerzeuger ansteuern und Loops und Samples durch Handbewegungen in der Luft auslösen kann. Die Möglichkeiten dieses einzigartigen Klangerzeugers faszinieren auch andere Musikschaffende. Die Jazzbigband Graz sichert sich auf "Electric Poetry & Lo-Fi Cookies" Buchholz' Fähigkeiten, und auch Gnarls Barkleys "Crazy" lässt sich ganz hervorragend auf dem Theremin interpretieren (vgl. Surftipps).

Alben

  • Barbara Buchholz

    Die offizielle Netzheimat von Barbara Buchholz.

    http://www.barbarabuchholz.com
  • MySpace

    Barbara Buchholz bei MySpace.

    http://www.myspace.com/barbarabuchholz
  • Ohne Sahne, bitte!

    Die ZEIT über Barbara Buchholz und "Moonstruck".

    http://www.zeit.de/2008/23/M-Buchholz
  • Intuition

    Ihr Label, Intuition, über Barbara Buchholz.

    http://www.intuition-music.com/shop/de_DE/artists/1/62814/
  • Das Theremin

    Die ZEIT über das seltsamste aller Musikinstrumente.

    http://www.zeit.de/1996/49/theremin.txt.19961129.xml
  • Leon Theremin

    Der Erfinder des Theremins.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Leon_Theremin
  • Thereminworld

    Das globale Dorf versammelt sich.

    http://www.thereminworld.com/
  • Gnarls Barkley

    Gnarls Barkleys "Crazy" als Theremin-Jam auf Youtube.

    http://www.youtube.com/watch?v=mW0B1sipLBI
  • Doepfer

    Ein Theremin zum selbst bauen.

    http://www.doepfer.de/a178.htm

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