29. April 2021

"Ich wünsche mir ein M.O.R.-Album mit Savas und Taktloss"

Interview geführt von

"Wir sind Kinder der Kohl-Ära", betont das Berliner Urgestein Jack Orsen auf "Raproboter". Erstmals in in fast zwei Dekaden ist er wieder auf Albumlänge zu hören.

Jack Orsen meldet sich zurück. Als Teil der Berliner Crew M.O.R. erlebte und prägte er die Anfänge des deutschen Battle-Rap und schuf den Klassiker "NLP", der dieser Tage seinen 20. Geburtstag feiert. Nach seinen letzten beiden Alben "Note 1+" und "Direkt Aus Dem Knast (Du Spast)" tauchte er weitgehend aus der Öffentlichkeit ab, um sich dem bürgerlichen Leben zu widmen. Mittlerweile hat der Berliner wieder Blut geleckt. Sein Comeback-Album "Raproboter" erschien im zweiten Frühjahr der Pandemie, von der auch er nicht verschont blieb. "Wir sind gerade tatsächlich in Quarantäne", erklärt er Mitte April zur Begrüßung: "Meine Freundin und meine Tochter haben es, aber es besteht kein Grund zur Sorge." Mit seiner besonnenen Haltung spricht er im folgenden Zoom-Interview über seine Herkunft, den Wandel in der Musikindustrie, sein Verhältnis zu Kool Savas und Taktloss sowie die Aufhebung des Berliner Mietendeckel.

Bist du mit den bisherigen Reaktionen auf das Album zufrieden?

Ja, ich verfolge das natürlich und lese mir immer die Kommentare durch, wenn ich eine Single releast habe. Auch bei dem kleinen fünfteiligen Block "Die Guten Alten Tage" waren die Reaktionen eigentlich durchweg positiv. Bei "Denk An Mich" mit Miss Platnum habe ich gedacht, dass die Leute das vielleicht überhaupt nicht verstehen oder feiern, weil es vorsichtig ausgedrückt ein bisschen in eine Pop-Richtung geht. Du hast immer einen oder zwei, die das haten, aber zu 98 % mögen es die Leute. Sie freuen sich, dass ich wieder zurück bin. Abgesehen davon ist es natürlich mein eigenes Album und auch wenn es blöd klingt, ist es auch wirklich gut geworden. Die Auswahl der Singles fiel auf viele Themensongs, aber eigentlich ist es 50:50. Ich habe auch noch sechs oder sieben Battle-Songs auf dem Album drauf, die in die Richtung gehen, die man eigentlich von mir erwartet.

War es dir wichtig, auch Erwartungen zu erfüllen?

Ach, überhaupt nicht, ich war jetzt so lange weg. Zwischen "Note 1+" und "Raproboter" lagen 17 Jahre. Ich wollte jetzt keine Erwartungen erfüllen, sondern fand es einfach nur megaspannend, wie die Reaktionen darauf sind. Ich habe vieles aus dem Bauch heraus geschrieben und aufgenommen, ohne mir wirklich Druck oder Gedanken zu machen, was die Leute davon halten. Weil man einen direkt Draht zu den Leuten hat, die das feiern, und sofort Kommentare liest, wird man dadurch unbewusst beeinflusst. Wenn ich theoretisch jetzt ein neues Album machen würde, hätte ich das Gefühl, dass ich dann nicht so unbefangen und befreit daran gehen könnte.

Du hast 2004 die Alben "Note 1+" und "Direkt Aus Dem Knast (Du Spast)" mit Taktloss veröffentlicht. Wieso bist du danach weitgehend verschwunden?

Es lag erstens daran, dass ich 2006 Vater geworden bin. Dann gab es zweitens den Royal Bunker als Label nicht mehr. Ich habe da ja gearbeitet und im Studio auch selbst aufgenommen. Von einem Tag auf den anderen Tag war ich labellos. Wir als M.O.R.-Crew waren verstreut. Viele haben angefangen, normal zu arbeiten. Und dann war ich eben beschäftigt, Vater zu sein, und konnte nicht mehr sagen: 'OK, ich lebe jetzt in einer WG. Es reichen 400 Euro, um die Miete und etwas Essen zu bezahlen.' Ich musste wirklich überlegen, wie ich Geld nach Hause bringe, um meine Familie zu ernähren.

Wann kam die Idee zum Comeback?

Das kam tatsächlich so 2017/2018, als meine Tochter zwölf Jahre alt wurde, sodass man selbst wieder Freiheiten und Zeit hat und sich nicht ständig darum kümmern muss, sie irgendwo hinzubringen und abzuholen. Ich habe Jom getroffen, einen alten Kumpel vom Produktionsteam Brettaz, der mit Said das Album "Alles Oder Nichts" gemacht hat. Den kenne ich, seitdem ich fünf bin. Wir kommen beide aus dem Halleschen Tor. Er hat ein Studio zur Verfügung. Ohne zu sagen, dass ich jetzt ein Album mache, habe ich mich immer, wenn ich frei hatte und meine Tochter bei einer Freundin oder ihrer Mutter war, dort verschanzt, um zu schreiben und erste Sachen aufzunehmen.

Wie kamen die Features zustande?

Es war für mich klar, wenn ich ein Album mache, dass Fumanschu, Taktloss und Justus darauf sind. Savas habe ich frühzeitig gefragt, ob er sich das vorstellen kann, mit mir einen Song zu machen. Wir haben zu der Zeit, als ich mein Album gemacht habe, als M.O.R. "Rapper Wie Du" aufgenommen, das auf "Essahdamus" erschienen ist. Ich habe Savas gefragt und alle drei, vier Monate nochmal nachhaken müssen, wie es aussieht. Am überraschendsten ist das Miss-Platnum-Feature. Wenn ich Songs fertig habe oder es zumindest einen Entwurf gibt, dann spiele ich das oft Leuten wie Fumanschu, Justus oder Taktloss vor, mit denen ich immer noch befreundet bin. Bei "Denk An Mich" habe ich Taktloss gefragt, ob er sich vorstellen könne, dass da Miss Platnum was drauf macht. Ich kannte sie nicht persönlich, aber Taktloss ist ja mit ihr befreundet und hat den Kontakt hergestellt. Ich habe ihr meine Strophen geschickt. Sie hat relativ schnell die Hook und die Bridge gemacht.

Taktloss war dann auch für das Video verantwortlich.

Taktloss war sofort Feuer und Flamme. Nachdem er den Song gehört hat und noch bevor es die Hook gab, hat er gefragt, ob er dafür ein Video drehen darf. "Denk An Mich" war einer der ersten Songs, die fertig waren. Wir haben uns dann mit Miss Platnum Zeit getroffen, um dieses Video zu drehen. Es ist an sich schon ziemlich alt. Das war 2018 fertig, aber ich selbst war noch überhaupt nicht so weit mit meinem Album. Und dann habe ich weiterhin Sachen geschrieben und aufgenommen. Anschließend bin ich hausieren gegangen. Ich hatte ein fertiges Album und drei fertige Videos, die ich aus meiner eigenen Tasche bezahlt habe. Damit war ich bei fünf verschiedenen Labels, die alle Lust darauf hatten. Tatsächlich hat es fast ein Jahr gedauert, jemanden zu finden, der das auf eine ehrliche Art und Weise rausbringt und realistisch einschätzt. Nur Danny von Embassy Of Music hat mir konkret ein bisschen Kohle geboten und ein Release-Konzept vorgelegt. Das hat eigentlich ganz gut geklappt.

Es muss für dich nach der Auszeit eine neue Erfahrung sein, die ganzen Strukturen der Musikindustrie wieder neu kennenzulernen.

Wenn du damals beim Royal Bunker eine halbe oder eine Seite bei der Juice hattest, war das schon richtig gut. Die haben dann Platten mit so Kronen besprochen. Jemand hat sich das angehört, bewertet und die Käufer haben das gelesen. Es gab also die Hip Hop-Magazine und eine oder zwei Hip-Hop-Sendungen im Fernsehen, die vielleicht das Video gezeigt haben oder Lust auf ein Interview hatten. Es war nicht so wie heute: Du lädst ein Video hoch und kannst innerhalb von einer Stunde 40 Kommentare lesen, ob die Leute das feiern oder Scheiße finden. Dann habe ich mit Instagram angefangen, weil mir alle gesagt haben, ohne Instagram laufe es nicht. Es fällt mir immer noch ein bisschen schwer, mich hinzustellen, irgendwelche Storys zu posten und über das zu reden, was ich da gerade mache. Es ist brutal anders.

Du hast schon ein wenig von der Erwartungshaltung der Hörerschaft gesprochen. Siehst du dein Comeback als Nostalgie-Projekt oder wirbst du auch um neue Hörerinnen und Hörer?

Die Leute, die M.O.R. oder mich damals gehört haben, können damit wahrscheinlich mehr anfangen als irgendwelche Zwölfjährigen. Der Sound und die Art und Weise wie ich rappe sind gar nicht so wirklich zeitgemäß. Ich benutze kein Autotune und rappe nicht über Trap-Beats, lila Scheine oder dass ich mit einem krassen Auto durch die Gegend fahre. Was ich mache, ist für mich richtiger deutscher Hip Hop, wirklich Deutschrap. Wer 15 Jahre alt ist und viel das hört, was momentan in ist, wird mit Sachen von mir nichts anfangen können. Aber das ist mir auch nicht so wichtig. Ich habe mich zuletzt aber sehr gewundert. Da bin ich an einem Sonntag auf Insta live gegangen und habe ein bisschen mit einem 16-Jährigen gechattet. Der ist ein ganz großer Savas-Fan, hat sich mit seiner Historie auseinandergesetzt und ist dann auf M.O.R. gestoßen. Obwohl wir zehn Jahre nichts releast haben, ist er ein ganz großer M.O.R.-Fan. Seit einem Jahr rappt er selbst und zwar richtig gut.

"Savas kommt, quatscht, trinkt, isst, schreibt, nimmt auf und geht innerhalb von vier Stunden. Und du sitzt halt im Studio und denkst: 'OK, du hast jetzt theoretisch Monate Zeit. Ob du das jemals besser machen kannst? Wahrscheinlich nicht.'"

Welche Songs sprechen am ehesten das heutige Publikum an?

Ich wusste zum Beispiel, dass die Miss-Platnum-Nummer großen Anklang findet aufgrund des Themas und des Videos mit Kida Ramadan, Jasna Fritzi Bauer und Burak Yiğit. Und dass Taktloss da sein Regiedebüt gegeben hat, ist ja auch eine kleine Überschrift wert. Die Hook bleibt einem im Ohr, der Beat ist gut und ich habe auch relativ gut gerappt. Und dann habe ich den Hype um Savas ein bisschen ausnutzen können. Als ich "Klimawandel" rausgehauen habe, hatte ich Glück, dass Savas zu dieser Zeit selbst ein eigenes Album mit zwei Singles draußen hatte, die krass durch die Decke gingen. Er ist halt immer noch der krasseste MC. Der Song hatte innerhalb von ein paar Tagen so 400.000 Aufrufe. Alle meine Songs zusammen sind vielleicht auf 30.000. Das war der absolute Wahnsinn und lag natürlich auch an Savas. Ich wusste, das sind meine zwei größten Asse.

Als Savas vor mittlerweile 20 Jahren anfing, langsam abzuheben, wurde das in Berlin ja noch kritisch beäugt. Wie bewertest du heute seine Entwicklung?

Ich kenne Savas eigentlich seit Mitte der 90er, aber abgehangen haben wir von 98/99 bis 2001/2002. Da haben wir auch zusammen Konzerte gegeben. Es war ganz früh klar: Wenn Savas das so durchzieht wie in den 90ern, dann ist es klar, wohin seine Reise hingeht. Es gibt keinen MC in Deutschland, der wie Savas eine Generation beeinflusst hat. Wie bei jedem MC, gibt es bestimmte Sachen, die man im Nachhinein vielleicht so nicht wiederholen würde, aber er ist flowtechnisch, raptechnisch der krasseste deutsche MC. Ich habe das ja selbst wieder bei "Klimawandel" gemerkt.

Wie lief die Aufnahme ab?

Savas sagte, er habe nur vier Stunden Zeit. Dann kommt er, quatscht, trinkt, isst, schreibt, nimmt auf und geht innerhalb von vier Stunden. Und du sitzt halt im Studio und denkst: 'OK, du hast jetzt theoretisch Monate Zeit. Ob du das jemals besser machen kannst? Wahrscheinlich nicht.' Du musst halt gucken, dass du nicht untergehst. Man merkt einfach, der macht jeden Tag nichts anderes über Jahre hinweg. Das ist wie bei jemanden, der eine Ausbildung macht und dann 20 Jahre als Maler arbeitet. Wenn er zu dir nach Hause kommt und sagt, er sei in drei Stunden fertig mit dem Zimmer, dann ist er nach drei Stunden fertig.

Neben Savas ist Taktloss unglaublich prominent auf dem Album vertreten. Hättest du "Raproboter" auch ohne ihn gemacht?

Das stand für mich gar nicht in Frage. Ich bin mit Taktloss immer noch befreundet. Wir telefonieren oft. Wenn er in Berlin ist, sehen wir uns auch oft. Ich war bei Taktloss' letzten Projekten immer auch als Feature-Gast dabei. Ich bin auf allen BRPs und den Alben mit Rifleman und Abstract Rude. Beim "Gott"-Album mit Frauenarzt hatte ich sogar eine Hook und einen Part auf dem Bonus-Tape. Es kostet nicht so eine Überwindung, ihn zu fragen. Genauso ist es bei Justus und Fumanschu. Das sind Freunde von mir und wenn ich ein Album mache, dann ist es klar, dass die auch mit dabei sind. Taktloss ist als einziger dreimal drauf. Das liegt einfach daran, dass wir eine enge Bindung haben und über Jahre krass befreundet sind. Wir haben auch nie den Kontakt verloren.

Taktloss ist in gewisser Weise noch immer eine Black Box. Wie würdest du ihn als Menschen beschreiben? Was ist er für ein Typ?

Er selbst hat vielleicht nicht so viele Freunde, aber die Freunde, die er hat, versucht er nicht zu enttäuschen. Als ich ihn selbst kennenglernt habe, gab es auf jeden Fall Phasen, in denen es auch für mich schwierig war, mit ihm umzugehen. Du kannst eine Woche lang jeden Tag mit ihm abhängen und am nächsten Tag sagt er dir nicht 'hallo'. Ich glaube, dass Taktlos viel beobachtet und sehr introvertiert ist. Wenn er Leute nicht kennt, kommt er nicht so aus sich heraus. Taktloss weiß aber auf jeden Fall, was er will. Wenn irgendwas zusagt, dann zieht er das auch durch. "Denk An Mich" war da schon zwei oder drei Jahre alt, als wir "Klimawandel" gedreht haben. Ich habe Taktloss gefragt, ob er sich vorstellen kann, nochmal ein Video für die Savas-Geschichte zu machen. Er hat zugesagt und es bis zum Ende durchgezogen. Im Nachhinein ist er nochmal nach Berlin gekommen, um es umzuschneiden, weil es auf YouTube gesperrt worden war. Es ist sehr bemerkenswert, dass er keine halben Sachen macht. Auf ihn ist immer Verlass, egal wie strange er auf andere Leute herüberkommt.

Das klingt sehr prinzipientreu.

Genau, das ist ein Prinzip-Typ. Er hat irgendwann mal auf einer BRP angekündigt, dass sein Alter Ego Real Geizt im Jahr 2017, also knapp 20 Jahre in der Zukunft, ein Album veröffentlichen wird. Jemand hat ihn tatsächlich darauf aufmerksam gemacht, dass ja theoretisch in zwei Monaten dieses Album erscheinen müsste. Und er hatte es natürlich überhaupt nicht mehr auf dem Schirm. Dann hat er sich eben hingesetzt und hat in einem oder zwei Monaten ein Real-Geizt-Album aufgenommen. Damit er bloß nicht als Lügner dasteht. [lachen]

Er lässt sich aber nicht dazu drängen, ein Taktloss-Soloalbum aufzunehmen.

Taktloss hat viel Zeit. Er hat ja keine Familie, reist und sieht sehr viel. Ihm fällt es nicht schwer, Sachen zu schreiben. Der hat ja die "Gott"-Geschichte als letztes mit Frauenarzt gemacht und dann gab es eine oder zwei Singles. Der wollte mal eine EP machen. Ich glaube, was Taktloss wirklich braucht, ist jemanden, der ihn mit Beats versorgt, die er mag und auf die er klarkommt. Sie müssten als Team funktionieren. Wenn man Taktloss nicht kennt, ist es ein bisschen schwierig, mit ihm zusammenzuarbeiten. Man muss wissen, wie man mit ihm umgehen muss.

Wenn du abseits von deiner Bubble, in der du groß geworden bist, den Rap ansiehst. Was gefällt dir an der heutigen Rap-Landschaft und was fehlt dir?

Ich höre ganz wenig Deutschrap, eigentlich fast gar nichts. Aber auch bei den amerikanischen Sachen fällt mir das momentan schwer, jemanden zu finden, den man toll findet. Es ist alles krass schnelllebig und traplastig, eher Quanti- anstatt Qualität. Wenn alte MCs wie Scarface, die ich früher ganz cool fand, ein neues Album rausbringen, dass höre ich mir das an. Dann gefällt mir das ganz oft. Aber zum Beispiel dieses Album "Compton" von Dr. Dre, das zum N.W.A.-Film rausgekommen ist, hat mir überhaupt nicht gefallen. Yelawolf habe ich mit seinem Mixtape "Trunk Muzik" entdeckt, bevor er bei Eminem gesignt worden ist. Mittlerweile macht er Country-Rap, aber als ich ihn entdeckt habe, fand ich ihn megakrass, genauso wie Big K.R.I.T. aus Mississippi. Und Kendrick Lamar ist jetzt natürlich ein Mega-Superstar, aber ich mochte ihn schon total, als "Section.80" rauskam. Seinen Werdegang und Alben habe ich auch verfolgt. Ich könnte aber nicht sagen, welcher momentan bekannte MC mir gefällt. Dazu verfolge ich das einfach viel zu wenig.

Dein Manager hat mir einen riesigen, blumig formulierten Pressetext geschickt. Da heißt es etwa: "Das Leben des Jack Orsen war hart. Geschenkt wurde ihm nichts." Wie bist du denn aufgewachsen?

Ich glaube, den hat Staiger geschrieben. Ich bin am Halleschen Tor aufgewachsen und habe in der Wilhelmstraße schräg gegenüber vom Tommy-Weisbecker-Haus gewohnt. Das ist ein altes Haus, das nach jemandem benannt ist, der in den 70ern von der Polizei erschossen worden ist. Irgendwann in den 80ern wurde das Haus besetzt. Schräg gegenüber wurden Neubauten hochgezogen, was damals als modern galt. Das war ganz cool, wenn man in so einem Häuserblock wohnte. In der Wilhelmstraße ist jetzt auch das SPD-Gebäude, nicht weit vom Checkpoint Charlie. Ich will nicht sagen, dass es Ghetto war, am Halleschen Tor oder generell in Berlin-Kreuzberg aufzuwachsen, aber ich war halt viel mit Ausländern unterwegs, war selbst ein bisschen kleinkriminell, habe Scheiße gebaut, gesprüht und Diebstähle begangen. Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Mein Vater ist verstorben, als ich vier Jahre alt war. Meine Mutter hat dann mich und meinen Bruder großgezogen, aber wir haben als Kind eigentlich immer gemacht, was wir wollten.

"Meine Mama konnte kein deutsch. Die war nicht einmal bei Elternabenden. Was soll sie da? Sie versteht ja sowieso nichts. Wir waren viel auf uns alleine gestellt."

Im Text wird beschrieben wie ihr in den 90ern bei Jams auf die Mittelschichtskinder aus Hamburg und Stuttgart getroffen seid: "Hochmütig schaute man auf die Prolls aus Berlin herab und schmähte ihre Texte und Musik als primitiv und kulturlos." Die ursprüngliche Erzählung der meisten Berliner wie Bass Sultan Hengzt lautete ja: Wir zeigen jetzt mal Blumentopf und Co., wo Rap herkommt und wie der zu klingen hat. Nach der Beschreibung klingt es eher so, als seien die Berliner Battle-Rapper gar nicht so selbstbewusst gewesen.

Anfang der 90er gab es eine Zeitlang Jams, aber da habe ich noch gar nicht gerappt. Ich erinnere mich an eine in Hannover oder Braunschweig. Da sind tatsächlich viele Berliner runtergefahren, aber damals gab es keine wirkliche Rap-Community in Berlin, sondern nur Graffiti und Breakdance. Das waren teils Gangbanger, teils Halbkriminelle, teils Sprüher, teils Tänzer und wenn die auf eine Jam gefahren sind, dann wurden da Scheiben eingeschmissen, um keinen Eintritt zu zahlen. Die haben da wild Leute abgezogen und eigentlich nur Randale gemacht. Und ich als Vierzehnjähriger war auch mit dabei. Wenn du da mit halbstarken 18- oder 21-Jährigen unterwegs bist, dann bist du froh, dass du jemanden kennst, der jemanden kennt, der dir kein Haar krümmen möchte. Zu der Zeit als wir dann das M.O.R.-Album gemacht haben, waren wir Außenseiter. Für uns war klar, dass wir Leute dissen, die erfolgreich sind, aber deren Musik wir überhaupt nicht mögen. Das Angriffsziel war Hamburg und Stuttgart, aber wir selbst sind nicht auf eine Jam gefahren, um uns hinzustellen und zu sagen, dass wir die richtigen Rapper seien. Wir haben die mehr oder weniger aus der Ferne gedisst.

Es gab also keinen Minderwertigkeitskomplex, weil sie vermeintlich über euch standen.

Nein, das würde ich gar nicht so sagen. Wenn man das M.O.R.-Album als Beispiel nimmt. Wir haben das gemacht, was wir immer gemacht haben: Battle-Musik und eben MCs oder Städte gedisst. Wir haben nicht erwartet, dass das tatsächlich in den Städten irgendwann mal Gehör findet. Dass das Ding tatsächlich in ganz Deutschland bekannt wurde und Leute das bis heute noch feiern, war uns zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Wenn du aus einer Untergrund- oder Außenseiter-Position kommst, dann disst du natürlich irgendwas, das bekannt ist. Aber nicht weil wir dachten, die seien so krass, sondern ganz im Gegenteil: Die sind halt bekannter, aber die Musik von denen ist kacke.

Und dann heißt es: "Im Angesicht einer fast übermächtigen Figur wie Helmut Kohl, bleibt einem als Künstler fast nichts anderes übrig, als sich selbst ebenfalls als Übermensch zu stilisieren." Hat dich ein Konservativer wie Kohl geprägt?

Es gibt ja den Song "Wählt Mich" auf meinem aktuellen Album. Da sage ich in der Hook: "Wir sind Kinder der Kohl-Ära." Als Kind und im Endeffekt auch noch heute interessiert mich Politik an sich gar nicht. Du merkst als Kind gar nicht, was eine Partei macht und wie du dich dementsprechend verhalten musst. Wir sind von dieser Zeit geprägt worden. Ich denke, zwischen 8 und 18 ist für einen einfach die prägendste Zeit. Es hat viel damit zu tun, was dir dein Elternhaus mitgibt, in welcher Gegend du aufwächst und wie dein Freundeskreis so drauf ist. Ich weiß nicht, ob es etwas damit zu tun hat, welche Partei an der Macht ist.

Aber warum betonst du das so? "Wir sind Kinder der Kohl-Ära." Was macht die Ära für dich aus?

Naja, ich bin 1977 geboren und wir haben halt den Mauerfall mitbekommen, dann den Wechsel von D-Mark auf Euro und das Internet-Zeitalter. Meine Generation kennt beide Seiten. Wir sind die erste Generation von den Gasteltern. Wir wurden nicht megakrass verwöhnt. Meine Kinder kriegen mehr oder weniger alles, was sie wollen. Wir haben einfach das Beste aus unserem Leben gemacht. Wenn ich in meine alte Gegend fahre, sehe ich niemanden mehr auf Höfen oder Fußballplätzen. Die haben halt andere Interessen, chillen im Internet oder zocken die ganze Zeit. Früher habe ich bei meiner Mutter darum gebettelt, in den Fußballverein zu dürfen. Es gab für uns auch nicht viele Angebote. Wenn in der Grundschule von meiner Tochter jemand ein bestimmtes Talent hat, wird das sofort gefördert und den Eltern gesagt. Meine Mama konnte kein deutsch. Die war nicht einmal bei Elternabenden. Was soll sie da? Sie versteht ja sowieso nichts. Wir waren viel auf uns alleine gestellt.

Wenn du beschreibst, dass du das 'richtige' gesellschaftliche Leben aus nächster Nähe erlebt hast und die heutigen Jugendlichen vielleicht nicht mehr so. Auf der anderen Seite sind die aber viel politischer und engagierter. Du hast Gret Thunberg ja auch auf "Klimawandel" gesamplet.

Greta ist ein Spezialfall. Es gibt natürlich viele Kids, die darauf aufmerksam geworden sind und angefangen haben, zu demonstrieren. Aber ob die viel politischer sind? Heutzutage ist die Mobilisierung von Massen einfach. 1992, als ich 15 war, ist der Irakkrieg ausgebrochen. Neben meiner Oberschule gab es die Anna-Freud-Schule, die gesagt hat: "Wir machen heute keine Schule. Wir wollen keinen Krieg haben und demonstrieren jetzt gegen Amerika." Und wir hatten von nichts einen Plan. Wir sind einfach mitgegangen und fanden es cool, dass wir schulfrei haben, aber wir waren null politisch eingestellt. Durch das Internet kann man sich über alles informieren, was es auf der Welt gibt, und sich raussuchen, ob man da mitmacht oder nicht. Deutschland fehlt an sich, was es manchmal in Frankreich gibt. Wenn ihnen etwas nicht gefällt, dann gehen sie richtig auf die Barrikaden, machen drei Tage Raddatz und verbrennen Autos. In Deutschland holen sie sich eine Gitarre, sitzen vor dem Rathaus und machen Musik. Als ich zwölf Jahre alt war, gab es noch Straßenschlachten am 1. Mai. Heutzutage ist das ja wie ein großes Ballermann-Fest. Da ist nichts mit Revolution.

Woran liegt das?

Meine Vermutung ist, dass es den Leuten trotzdem noch zu gut geht. Guck dir den Mietendeckel an, der jetzt gekippt worden ist. Wir selbst hatten eine Mietbremse von 150 Euro. Wir haben jetzt also vier oder fünf Monate 150 Euro weniger gezahlt. Und jetzt ist das Gesetz gekippt worden. Wenn wir Pech haben, müssen wir wieder unsere alte Miete zahlen. Und wenn wir noch mehr Pech haben, müssen wir das, was wir ohnehin schon zu wenig bezahlt haben, nochmal nachzahlen. Ich bin in Kurzarbeit, meine Freundin arbeitet nicht. Und es gibt 1.000 Familien, die momentan aufgrund von Corona und Kurzarbeit einfach nicht das Geld nach Hause bringen wie sonst. Theoretisch müsste man jetzt rausgehen, dagegen demonstrieren und sagen, dass es einfach Scheiße ist, was die mit einem machen. Guck dir die Quadratmeterpreise für Wohnungen in Berlin an – egal, welche Partei an der Macht ist. Ich kann mit meinem Gehalt nicht wohnen, wo ich möchte. Früher war es preiswert, in Kreuzberg und Neukölln zu wohnen. Da wollte niemand hin. Mittlerweile ist es unbezahlbar.

Es gab ja Spontanproteste in Berlin, nachdem das Mietendeckel-Gesetz gekippt worden war.

Ich weiß, aber es ist immer zu soft. Was ist denn das? Da sind hochbezahlte Anwälte und Berater, die megaviel Geld im Monat verdienen. Und die kriegen es nicht hin, dass so zu machen, dass es im Nachhinein vor Gericht nicht kippen kann. Die haben ja gesagt, das müsse so gehen. Jetzt sagt das Gericht: 'Nein, da habt ihr euch verzockt. Das ist nicht rechtens.' Das muss doch geprüft werden, die müssen sich 100%ig sicher sein. Es kann doch nicht ein halbes Jahr später heißen, es sei ein Fehler gewesen. Und die Leute, die dafür verantwortlich sind, kriegen einen Monatslohn von 9.000 Euro. Es gibt engagierte Leute, die Unterschriften dafür sammeln, Deutsche Wohnen zu enteignen. Ich habe mich da eingetragen, aber keine Ahnung, was am Ende passiert. Wahrscheinlich gar nichts.

Was kannst du noch über deine zukünftigen Projekte sagen?

Es wird in den nächsten ein bis drei Jahren nochmal ein Jack-Orsen-Album geben. Und was ich mir selbst wünsche ist, dass ich nochmal ein Album mit Taktloss mache. Das ist ein bisschen in der Schwebe. Und ich wünsche mir auch ein neues M.O.-R.-Album mit Savas und Taktloss. Für ein Projekt bin ich selbst verantwortlich, für die anderen zwei versuche ich, alle Hebel in Bewegung zu setzen.

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1 Kommentar

  • Vor 12 Tagen

    Hmm, eigentlich bei allem Hängertum schon ein sympathisches Kerlchen, aber wirkt hier leider genauso politisch plump/unbedarft wie stellenweise in den (alten) Texten. Diese so hohle wie egoistische "Wenns-mir-nicht-passt-gibts-richtig-Randale"-Gelbwesten-Grundhaltung zu loben passt da leider ins Bild.