laut.de-Kritik

Trotz der Schlager-, Britpop- und Hardrock-Ausflüge alles beim Alten.

Review von

Das Post-Punk-Revival hat seine besten Zeiten auch schon längst hinter sich. Kurz nachdem The Killers auf "Day & Age" Schlager für sich entdeckten, veröffentlichte das Londoner Trio White Lies um Sänger Harry McVeigh vor etwa zehn Jahren sein Debüt "To Lose My Life", das zwischen New Wave und Stadion-Rock changiert und alles besitzt, wofür die Band steht: Etwas unspektakuläre Strophen, die ohne Umwege auf eine knallige Hook zielen, angereichert mit schwülstigen Synthies. Das war zwar durchaus unterhaltsam, aber nicht unbedingt das Fegefeuer, das Interpol 2002 mit "Turn On The Bright Lights" und Bloc Party 2005 mit "Silent Alarm" entfachten.

Seitdem erweiterten White Lies ihre Mixtur um Elektro, Synthiepop und Gothic. Jedoch konnte sich Bassist Charles Cave nie von seinem gleichförmigen Songwriting-Schema lösen. Das Klischee der AC/DC des Post-Punks lässt sich nun mal nicht so leicht abschütteln.

Dennoch soll "Five" laut Aussage des Sängers ein "neues und aufregendes Kapitel" aufschlagen. So hieß es schon in ähnlicher Form vor ungefähr sechs Jahren vor dem Release des Drittlings "Big TV", für das die Briten wieder zu Produzent Ed Buller zurückkehrten, der ihr Debüt produzierte. Der saß nun ein weiteres Mal hinter den Reglern. Ebenso zeichnet sich mit Alan Moulder ein langjähriger Weggefährte für den Mix aus. Scheint so, als bliebe alles beim Alten, aber wollen wir McVeigh mal Glauben schenken.

Und siehe da: Da schleicht sich in "Time To Give" nach einer etwas verhaltenen Strophe, die nahtlos in eine ebenso einprägsame wie emotionale Hook übergeht, eine glasklare Keyboardmelodie ein, die sich euphorisch in die Höhe schraubt und zum Schluss in einer interessant arrangierten, majestätischen Bridge mündet. Das alles wird vom dramatischen Gesang McVeighs gestützt. Das zeigt, dass Cave sich durchaus aus seiner Komfortzone herausbewegen kann, wenn er denn möchte.

Mit dem anschließenden "Never Alone" reißt er das Ruder nämlich schlagartig herum und lenkt das White Lies-Schiff wieder in gewohnte Bahnen, aber wenn dabei so ein glamouröser und mit funkelnden Synthies unterlegter Refrain herauskommt, umso besser. Trotzdem schreitet "Five" danach nicht gerade von Höhepunkt zu Höhepunkt.

So geht es dann erstmal zu coldplayschem Britpop behäbig über die "Finish Line", ohne dass überhaupt etwas hängen bleibt. Genauso tun sich die Londoner in "Kick Me" zunächst schwer damit, auf instrumentaler Ebene die Beliebigkeit zu umschiffen. Zumindest weist der Track eine akzeptable melancholische Hook zum Feuerzeugeschwenken auf, beweist allerdings auch, dass ihre Songs oftmals nach hinten raus an Intensität und Durchschlagskraft gewinnen. Dennoch könnte jetzt der ein oder andere Ausreißer nicht schaden.

Der folgt mit "Tokyo" auf der Stelle und geizt nicht mit hymnenhaften Euro-Pop-Synthies, groovigen Funk-Licks und einer nahezu unverschämt klebrigen Hook, für die man sich in Grund und Boden schämen möchte. Die erweist sich jedoch als überaus effektiv und nistet sich demzufolge so penetrant in die Gehörgänge ein wie einst "Human" von The Killers.

Zumindest bekommt man jetzt eine Ahnung davon, wie man sich in Großbritannien Schlager in etwa vorstellt. Schlussendlich kann man der Nummer ohnehin nicht mehr entfliehen, wenn man sie einmal gehört hat. Was soll's. Hawaiihemd an, ab ins Auto, in die nächste Großstadt düsen, Fenster runter, Track laut aufdrehen und lauthals mitsingen: Das Leben ist schließlich viel zu kurz, um Trübsal zu blasen. Die restlichen Experimente machen nämlich bei Weitem nicht so viel Spaß.

"Jo?" und "Believe It" stellen sich mit ihren sterilen 80er-Jahre-Keyboards und der nach vorne treibenden Gitarrenarbeit im Stile Billy Idols als verzichtbar heraus. Da bilden die blutleeren Rocker-Gesten im Herzen der beiden Songs nur die Krönung.

Dazwischen traut sich die Band in "Denial" sogar, die angestaubten Hardrock-Gitarren aus der Mottenkiste zu holen, die Sisters Of Mercy auf "Vision Thing" künstlerisch das Genick gebrochen haben, obendrein noch mit der abgseschmacktesten Hook der gesamten Scheibe versehen: Da will man gleich zum Billigflachmann greifen, um sich dem Niveau dieses Tracks anzupassen. Gruselig. Dann doch lieber Schlager.

Wenigstens bewahrt "Fire And Wings" zum Abschluss die Platte vor einer noch größeren Katastrophe, wenn anfänglich neblige, verhallte Saitenakkorde und psychedelisches Orgelgewaber die Spannung steigern, um geradewegs in einem bombastischen Refrain überzuleiten, der mit eisigen Synthies im Gary Numan-Stil und einer kraftvollen Gesangsleistung noch einmal veranschaulicht, wie gut das Werk hätte sein können, wenn die Formation mehr auf Emotionen denn auf Breitbeinigkeit gesetzt hätte. Zusätzlich hätte sie ihre Musik noch etwas großflächiger gestalten können.

Andererseits fühlen sich dann diejenigen bestätigt, für die sich die Londoner mittlerweile zu sehr von ihren einstigen Post-Punk-Wurzeln entfernen. Streng genommen stand ihnen der Pathos für die großen Stadien jedenfalls besser als das Existenzielle und Düstere, für das sich die Kompositionen ihres Bassisten einfach nicht eignen, da es ihnen am nötigen Tiefgang fehlt. "Death" vom Debüt markiert eher die Ausnahme denn die Regel.

Man hätte der Band ohnehin mangelnde Weiterentwicklung vorgeworfen, wenn sie sich in Richtung "To Lose My Life" zurückbewegt hätte. Und wenn sie mal etwas Neues ausprobiert, klingt es typisch White Lies, meistens in schlecht. Auch wenn AC/DC ausnahmsweise mehr als ein Riff spielen, können die Australier ihre songwriterische Signatur nicht verleugnen.

Die Briten befinden sich demnach in dem Dilemma, es zur Zeit niemanden Recht machen zu können. Wahrscheinlich sollten sie die vier bis fünf guten Songs, die auf ihren Scheiben anfallen, auf eine EP packen. Eine Album-Band waren sie bekanntlich ja leider nie.

Also doch im Prinzip alles beim Alten. Gewiss kein Drama. Wenn man The Killers als Vergleichsmaßstab nimmt, zieht das erschreckende "Wonderful Wonderful" aus dem vorletzten Jahr eindeutig den Kürzeren. Die aktuellen Platten von Interpol und Bloc Party lassen sich mit Sicherheit auch nicht als Knallerwerke bezeichnen. Da laufen White Lies nach wie vor ganz ordentlich rein.

Trackliste

  1. 1. Time To Give
  2. 2. Never Alone
  3. 3. Finish Line
  4. 4. Kick Me
  5. 5. Tokyo
  6. 6. Jo?
  7. 7. Denial
  8. 8. Believe It
  9. 9. Fire And Wings

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4 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Schöne Rezi. Nun bin ick aber sehr gespannt auf Freitag. "Time to give" läuft hier schon immer mal mehrmals am Stück. Tickets für die Tour sind auch da. :D

  • Vor 2 Jahren

    Die Lieder die es schon zu hören gab klangen eigentlich alle gut, von daher sollte das schon was werden.

  • Vor 2 Jahren

    Hm, eine gute Freundin/Mitleserin ermahnte mich gestern, evtl. häufiger mal weniger oder auch nichts zu sagen, wenn ich nichts Gutes über eine Platte sagen kann...

    I.d.S.: Macht ihr noch die neue TOY? Könnte ebenfalls ein Job für Toni sein... Fand auf den ersten beiden Platten schon einiges zwischen gelungen und großartig. Richtig lieben gelernt habe ich sie mit dieser Sexwitch-Scheibe in Kollabe mit Natasha Khan/Bat for Lashes.... und ich habe da seit einigen Tagen so ein Gefühl, dass ich zur neuen TOY durchaus mehr Gutes zu sagen hätte als zu dieser Platte hier...

    • Vor 2 Jahren

      Die SEXWITCH finde ich ebenfalls sehr großartig. Mit TOY habe ich mich bisher aber noch nicht intensiv beschäftigt. Kann ich zur Review aber gerne anmelden. Bräuchte dann aber ein bis zwei Wochen.

    • Vor 2 Jahren

      Zu White Lies wie schon geschrieben: Eine Hälfte durchaus hörbar, andere Hälte eher Tüdelkram. Also letzten Endes wie immer.

  • Vor 2 Jahren

    ...`für die man sich eigentlich in Grund und Boden schämen müsste`aber haut doch voll rein!Ich verstehe das nicht.Für was soll sich jemand schämen? Unfassbar.Und das als `Hörer` und als Kritiker.Tv war UNFASSBAR genial.Die Jungs waren da 20? Ich werde immer noch auf jedes Konzert gehen.Da wird noch VIEL mehr kommen.