laut.de-Kritik

Ein Geburtstagsgruß mit Licht und Schatten.

Review von

Am Samstag, den 23. Juni feierte Hannes Wader seinen 70. Geburtstag - Grund genug für Universal Music, der Liedermacher-Legende mit einem Coveralbum zu gratulieren. An vierzehn deutsche Interpreten, vorzüglich junge Mitbegründer des aktuellen Singer/Songwriter-Kults, verteilte man einen Haufen überwiegend unpolitischer Songs des sozialkritischen Provokateurs. Ein Konzept, das gerade bei altgediegenen Fans für Stirnrunzeln sorgen dürfte.

Doch auch der eher objektive Betrachter lernt das Album als äußerst wechselhafte Compilation kennen. An vielen Stellen birgt die Trackliste wahre Perlen - hier und da aber eben auch groben Unfug wie Glasperlenspiel. So oder so macht vermutlich gerade der dicke Stempel, den die ambitionierten Musiker den auserwählten Liedern aufdrücken, die Tribute-Platte für viele Wader-Puristen ungenießbar.

Hinsichtlich Arrangement, Klangfarbe und Grundstimmung bewegen sich die zeitgemäßen Protagonisten nämlich deutlich distanziert vom Werk des Großmeisters. Aufbauend auf ihrer unangefochtenen Qualität kleidete man die alten Stücke in neumodische Gewänder, die bestenfalls den junggebliebenen Fans des Ostwestfalen, vorrangig aber der eigenen Zielgruppe in den Kram passen dürften.

Zumindest ein Teil der Künstler zeigt sich dabei erfreulich mutig und experimentierfreudig. So wagt sich beispielsweise Pohlmann in seinem relaxten "Charley"-Cover an die von Wader jahrelang verschmähte E-Gitarre. Finns interessante "Schon So Lang"-Interpretation kombiniert dagegen ruhige Zupfmuster mit plötzlichen, atonalen Bläsereinsätzen. Tiemo Hauer macht aus "Am Fluss", was er am besten kann: eine schlichte aber emotionale, auf Gesang und Piano reduzierte Ballade.

Eine der interessantesten Neuinterpretationen findet sich gleich zu Beginn: Die Alin Coen Band widmet sich mit großem Erfolg dem lebhaften 1985er-Hit "Abschied". Eine verspielte Gitarre trifft auf warme Streicher und schüchterne Keyboards, während Coen mit ihrer charismatischen Engelsstimme Waders wunderbar wehmütige Zeilen wieder aufleben lässt: "Morgen gehst du für lange Zeit fort / Für ein Jahr und du gibst mir dein Wort / dass du mich nicht für immer verlässt / Leg' dich lieber nicht fest."

Vor gut zwei Jahren sorgte Philipp Poisel bei TV Noir mit seiner peinlichen Hannes Wader-Anekdote für heiteres Gelächter: Kurz zuvor habe er Konstantin Wecker - zum Glück zu später Stunde an einer Bar - getroffen und diesen auf seinen Hit "Heute Hier, Morgen Dort" angesprochen. Dass der heute vierzig Jahre alte Klassiker jedoch aus Waders Feder stammt, stellte der Ludwigsburger erst später fest - glücklicherweise: Die gleichnamige Compilation erreicht mit seinem stillen Cover ihren stimmungsvollen Höhepunkt.

Bei einer Mischung aus derlei schönen sowie einigen durchschnittlichen Momenten (Johannes Strate - "Unterwegs Nach Süden", Anna Depenbusch - "Nach Hamburg") wollte man es im Hause Universal aber scheinbar nicht belassen. Das Bierbeben, ursprünglich als Elektropunk-Band unterwegs, verwandeln "Du Träumst Von Alten Zeiten" in eine zahnlos vor sich hin plätschernde Pop-Version. Derart gelangweilt ins Mikro gehaucht, wirken selbst Sätze wie "Fühlst dich von diesem Leben oft misshandelt und gekränkt" wie die tägliche Gute-Nacht-Lektüre.

Doch das Plastikpop-Duo Glasperlenspiel setzt tatsächlich noch einen drauf. Mit der nervtötenden Dancefloor-Interpretation von "Traumtänzer" erreicht die Platte ihren absoluten Tiefpunkt. An dieser Stelle drängt sich zum ersten Mal die besorgte Frage auf: Was wird dem Urheber hier bloß durch den Kopf gehen?

Danach leuchtet nicht wirklich ein, warum man die Coverplatte ausgerechnet mit einem zerfahrenen "Kokain"-Drum'n'Bass/Dubstep-Mix von Apfel S beendet. Ein würdiger Abschluss eines verdienten Geburtstagsgrußes klingt jedenfalls anders.

Trackliste

  1. 1. Alin Coen Band: Abschied
  2. 2. Max Prosa: Lied Vom Kleinen Mädchen
  3. 3. Dota & Die Stadtpiraten: Im Garten
  4. 4. Anna Depenbusch: Nach Hamburg
  5. 5. Johannes Strate: Nach Süden
  6. 6. Pohlmann: Charley
  7. 7. Philipp Poisel: Heute Hier, Morgen Dort
  8. 8. Tiemo Hauer: Am Fluss
  9. 9. Finn: Schon So Lang
  10. 10. Glasperlenspiel: Traumtänzer
  11. 11. Bosse: Die Möwe
  12. 12. Das Bierbeben: Du Träumst Von Alten Zeiten
  13. 13. Slime: Heute Hier, Morgen Dort
  14. 14. Apfel S.: Kokain

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