laut.de-Kritik

20 Stars ehren die "Miley Cyrus der 60er Jahre".

Review von

Am 28. Dezember 2015 wäre Hildegard Knef 90 Jahre alt geworden. Doch sie starb im Jahr 2002, gerade als ausgewählte DJs und Elektro-Acts der vielseitigen Grand Dame des Chansons mit "The Reform Sessions" ihre Ehre erweisen wollten. So geriet der Sampler ungeplant zur posthumen Widmung, die einige tolle Momente aufbot (DJ Koze, Hans Nieswandt). Zu ihrem 80. Geburtstag begnügte man sich 2005 damit, den sich über fünf Jahrzehnte erstreckenden Tonträgerfundus zu durchpflügen, um Vergessenes und Großartiges zusammen wieder ins Scheinwerferlicht zu rücken.

2015 erhält der runde Geburtstag der deutschen Diva nun die standesgemäße Party. Viele namhafte und ein paar unbekannte deutsche Künstler aus der Knef'schen Enkelgeneration gratulieren auf Einladung von Four Music mit Eigeninterpretationen. Die Genres sind entsprechend der Herkunft der Teilnehmer so vielseitig wie die Musikerin Knef zu ihren Hochzeiten.

Sonderwünsche hat man natürlich immer. Ich persönlich hätte mich zum Beispiel sehr über Coverversionen von Max Prosa, Seeed und Francesco Wilking gefreut. Aber hey, weder Nena und Unheilig noch der obligatorische Naidoo finden sich in der Tracklist: Alles richtig gemacht, liebe Labelheads!

Während man noch so in Gedanken schweift, spricht Hildes Stimme im "Intro" plötzlich zu uns: "Hallo, ihr Lieben. Hier ist Hilde Knef. Wie gern wär ich jetzt bei euch, sei es auf der Bühne oder mittenmang." Hui, Gänsehaut. Ja, und dann kommt Mark Forster. Doch noch bevor die Angst in mir hoch kriecht, dass der Wahlberliner in bekannter Manier "Halt Mich Fest" verwässert, tropft ein trockener Beat punktgenau auf minimalistische Pianoakkorde, und irgendwie passt das bekannte Forster-Soundpaket hier plötzlich super. Dass er einen Knef-Text singt statt eines eigenen, ist natürlich die halbe Miete.

Gleich drei Lieder ihres 1970er Meisterwerks "Knef" sind vertreten, das ist eine gute Quote. Als erstes dürfen Die Fantastischen Vier mit "Im 80. Stockwerk" ran. Die wohl einfachste Titelauswahl, sampelten sie doch schon auf "4:99" aus besagtem Song die Knef-Zeile "In der Stadt die es nicht gibt" für ihren gleichnamigen Titel. Dies hier ist eine neue Version, ein Remix von Shuko und Freedo, der ein paar BPM langsamer und dank deutlichem Bläser-Input mit jazzigem Einschlag daherkommt.

Die zwei anderen Songs des Klassikers bergen etwas mehr Überraschungen. "Wieviel Menschen Waren Glücklich, Dass Du Gelebt" erfährt bei Flo Mega eine spannende Wiedergeburt als Zwitterwesen mit Merkmalen von gehobenem Soul-Pop und einer Spur Crossover: Der Part mit Basslauf samt akzentuierten Drums ist großes Kino.

Sich an das traurige "Insel Meiner Angst" zu wagen, erscheint alleine schon mutig, doch Dendemann tut das, was er jetzt wöchentlich bei Böhmermann abzieht: Er greift sich ein Thema mit größter Gelassenheit und lullt einen dann mit seinen mantrahaften Wortschüben förmlich ein. Hildes Stimme und Songfragmente des Originals stückelt er gekonnt zusammen, gibt sich gegen Ende dann auch dem Flehen des Originals hin und konstatiert: "Ich brauch Hilfe / ja ich bin genauso entsetzt / doch ich brauch ne Menge und ich brauche sie jetzt / Ich brauch Hilfe, Baby, SOS / Break a break a one nine mayday." Ganz ohne Schalk gehts bei der Eins Zwo-Legende aber auch nicht, und so baut er sich aus den Hilde-Worten "denn" und "der Mann" einen Dendemann zusammen.

Cosma Shiva Hagen gibt sich alle Mühe, in "Der Mond Hatte Frei" würdevoll zu klingen, bleibt dabei aber so nah am ruhigen Original, dass man dann doch wieder die Knef vermisst. Cäthe wiederum entzieht "In Dieser Stadt" die Wärme und singt im Acappella-Stil über ein reduziertes Fundament von Daniel Brandt (Brandt Brauer Frick) aus Knister-Beats, Gitarrenslapping, Bläsersamples und scharf rausgebrüllten Background-Fetzen. Atmosphäre kommt in dieser definitiv eigenen Version jedoch nicht auf. Besser macht es Lea mit einer charmanten Elektro-Version von "So Hat Alles Seinen Sinn", ein Song aus der Zeit, bevor Knef eigene Texte verfasste.

Wie Lea gehört auch Nisse zu den Newcomern, die das Label Four Music nicht ohne eigenes Interesse auf den Sampler geschmuggelt hat. Schwer zu glauben, dass man noch einen Sänger braucht, der wie eine Mischung aus Grönemeyer und Naidoo klingt. Ebenfalls überflüssig: Johannes Oerding, der einen Johannes Oerding-Song singt, obwohl er mal von der Knef gesungen wurde, die ihn aber auch nicht selbst geschrieben hat ("Eins Und Eins, Das Macht Zwei"). Hier fehlt wirklich nur noch die Catterfeld im Refrain, aber die durfte wahrscheinlich eh nicht mitmachen wegen ihres "Sing meinen Song"-Knebelvertrags.

Dann doch lieber Nörd, den niemand kennt und der den Schlussmachsong "Ich Gebe Alles Auf" ausgewählt hat, den auch fast niemand kennt. Der lässt dafür aber die spezielle Knef'sche Textkunst durchblitzen: "Denn so was wie dich gibts im Bündel / zu Preisen, die stark reduziert / denn so was wie du liegt im Discount / und wird selbst da kaum noch geführt / Und so was wie du war mein Leben / und bist es noch immer, auch jetzt / doch so was wie du muss jetzt eben / mal sehen wies ohne mich ist." Clueso transferiert die schlaftrunkene Stimmung des Originals angenehm unaufgesetzt in seine Version von "Ich Bin Zu Müde Um Schlafen Zu Gehn".

Jupiter Jones vertonen mit "Intrigen Intrigen" einen unveröffentlichten Text der Knef, der beängstigend den politischen Zeitgeist des Jahres 2015 trifft: "Hass säen, Ängste schüren, Intrigen Intrigen / Mir wird schlecht, wenn ich dran denke / das könnte uns besiegen (...) Menschenspiel ist gnadenlos, Grenzen öffnen bleibt tabu / Da gehen die Lichter aus und die Vorhänge zu." Neben den Eifel-Rockern und Nisse krallten sich auch Bela B. und Bonaparte ein unveröffentlichtes Manuskript und gehen damit als deutliche Sieger der Hommage vom Platz. Nicht nur ergänzen sich die beiden Stimmen in "Wohin Ich Blicke" perfekt: Bonapartes Quäken zu Belas Tieftonbrummen. Das Duo gießt zudem die sonderbare sowie geist- und extrem wortreiche Tierwelt-Prosa in eine melancholisch-hinreißende Songform. Eine High Class-Ballade, die kommenden Soloalben beider Künstler gut zu Gesicht stünde.

Respekt für die feine Ironie von Samy Deluxe, der mit "Von Nun An Ging's Bergab" einen Song wählt, dessen Text geradezu kongenial auf seinen eigenen Karriere-Abstieg von der unantastbaren Raplegende zum Autotune-Fetischisten Herr Sorge zum Meister abgestandener Wortspiele passt, der mit ASD in diesem Jahr dabei ist, die Kurve zu kriegen. Seine Version mit Beats von Bazzazian bleibt nah am Original, die Story münzt er auf seine Person um. Den größten Knef-Hit "Für Mich Soll's Rote Rosen Regnen" darf eine gewisse Alina unnötig modernisieren.

Unterm Strich bleibt eine Hommage mit einigen Höhepunkten, die es wert sind, auch von einer neuen Hörerschaft entdeckt zu werden. Oder, wie Mark Forster seine Facebook-Fans gerade aufklärte: "Kennt ihr Hildegard Knef? Die Hilde war vor 50 Jahren sowas wie die deutsche Miley Cyrus." Gehen wir mal gnädig davon aus, dass er dabei nicht an Talent, Stil, Haltung oder Zivilcourage dachte, sondern schlichtweg an weltweite Popularität. Doch heute soll kein Zeigefinger erhoben werden, vielmehr beide Arme: Let's all give a big hand to Hilde. Happy Birthday!

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Halt Mich Fest (Mark Forster)
  3. 3. Im 80. Stockwerk (Die Fantastischen Vier)
  4. 4. In Dieser Stadt (Cäthe)
  5. 5. Von Nun An Ging's Bergab (Samy Deluxe)
  6. 6. Ich Gebe Alles Auf (Nörd)
  7. 7. Der Mond Hatte Frei (Cosma Shiva Hagen)
  8. 8. Doch Drehst Du Dich Um (Nisse)
  9. 9. So Hat Alles Seinen Sinn (Lea)
  10. 10. Eins Und Eins, Das Macht Zwei (Johannes Oerding)
  11. 11. Lass Mich Bei Dir Sein (Salut Salon)
  12. 12. Meine Lieder Sind Anders (Miss Platnum)
  13. 13. Intrigen Intrigen (Jupiter Jones)
  14. 14. Ich Bin Zu Müde Um Schlafen Zu Gehn (Clueso)
  15. 15. Ich Hab Noch Einen Koffer In Berlin (Selig)
  16. 16. Berlin, Dein Gesicht Hat Sommersprossen (Mieze)
  17. 17. Wohin Ich Blicke (Bela B. & Bonaparte)
  18. 18. Wieviel Menschen Waren Glücklich, Dass Du Gelebt (Flo Mega)
  19. 19. Insel Meiner Angst (Dendemann vs. Hildegard Knef)
  20. 20. Für Mich Soll's Rote Rosen Regnen (Alina)

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