laut.de-Kritik

Ein Entwurf von Emo-Techno.

Review von

Niemand mag den Diskurs ums Genre-Phantom Emo ins neue Jahrzehnt tragen, scheint es. Die Suche auf laut.de nach dem Schlagwort liefert für 2010 jedenfalls weder neue Übergriffe auf Szenegänger in Mexiko noch Rezensionen zum Thema. Niemand? Nun, in der überschaubaren Hafenstadt Kopenhagen sitzt da noch wer "in my room" ...

Anders Trentemøller nämlich bastelt im Schlafzimmer-Refugium am Laptop seine ganz eigene Blaupause: den Entwurf von Emo-Techno. Was ich hier betontermaßen gar nicht despektierlich verstanden wissen will.

Bloß schlägt Dänemarks liebster Shoegazer nach dem unisono abgefeierten Geniestreich "The Last Resort" in eine äußerst gefühlige Kerbe - und er tut gut daran.

So wie schon der Albumname eine Liebe zum Jenseitigen transportiert, wagt sich der Kajalliebhaber aus dem mittlerweile weitgehend gerodeten Minimaltechno-Wald, den er mit dem Debüt noch selbst aufgeforstet hatte.

Anstelle einer elektronischen Aufbau-Abfahrt-Dialektik baut Trentemøller jetzt auf das große Drama innerhalb des Songformats. Er ersetzt die kristalline Soundfixierung, die das Debüt zu einem dunkelblau fließenden Mahlstrom-Faszinosum machte, durch warme, selbst eingespielte Instrumente sowie vier ausgesuchte Gastsänger/-innen.

Dabei herrscht dieselbe entrückte Atmosphäre vor, die schon seinem 2009er-Mixalbum Form gab. Zwischen allgegenwärtigen Streichern und akustischen wie elektrischen Gitarrenakkorden, aus deren Nachhall eine Melodie zauberhafter als die vorherige geboren wird, stehen jede Menge Tributbekundungen an die Teilnehmerliste von "Harbour Boat Trips".

Von allen Vokalbeiträgen sind das geisterhaft verschrobene "... Even Though You're With Another Girl" und "Tide" am nächsten dran an Emiliana Torrinis Gothpop, während "Silver Surfer, Ghost Rider Go!!!" bereits im Titel Blümchen auf der Türschwelle der Raveonettes hinterlegt. Das dänische Duo klang seit seiner hitzigen Garagerock-Attacke "Whip It On" nicht mehr so brachial-raumfüllend wie sein Verehrer hier.

Überhaupt offenbart der Blick zurück vorliegendes Werk als logischen Schritt. Oder waren die "Last Resort"-Live-Interpretationen mit Band, die featurelastigen Singles und die Soundtrack-Arbeiten für diverse skandinavische Filme zuletzt nicht Zeichen genug? Dass sich das Trentemøller-Idiom also konsequent weg vom Elektrobegriff hin zu emotional aufgeladenem, filmischem Sehnsuchtspop verschiebt (aktuell Amazon-Nr. 2 in "Dance & Electronic", Nr. 47 in "Pop" - bald eventuell schon andersrum), war zu erwarten.

Dass ihm die Veränderung mithilfe - oder trotz - eines besungenen Vollmonds ("Tide" als wunderhübsch gesangsuntermaltes Piano-Finish), psychedelischer Twanggitarre ("Sycamore Feeling"), erwähnter Streichermassen, Theremin, Mellotron und schrottigem Kassettenspieler so zweifelsfrei gelingt, macht ihn zum höchsten Statesman des Emotional Techno. Um sein Kopenhagener Landhaus reiten die Goth-"Häxan" auf Bassdrums durch die Nacht, sozusagen.

Bei allem Schwarzstift bleibt Trentemøller allerdings ganz unverwechselbar Trentemøller, meidet allzu naheliegende Klischees des Melodramatisch-Nokturnen. Dafür sorgen sein untrügliches Gespür für einnehmende, ernsthafte Soundtrack-Atmosphäre und unwiderstehlich schöne, aus dem Dunkel ins Dunkel erblühende Klangarabesken. Am Ende nur etwas zu hochkonzentrierte Hit-Ambition per Song für das ganz große Überalbum, das "Last Resort" noch war.

Trackliste

  1. 1. The Mash And The Fury
  2. 2. Sycamore Feeling
  3. 3. Past The Beginning Of The End
  4. 4. Shades Of Marble
  5. 5. ... Even Though You're With Another Girl
  6. 6. Häxan
  7. 7. Metamorphis
  8. 8. Silver Surfer, Ghost Rider Go!!!
  9. 9. Neverglade
  10. 10. Tide

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