laut.de-Kritik

Vier Jahrzehnte in vier Stunden - eine würdevolle Werkschau.

Review von

Von Tom Petty kursieren bisher zwei Compilations - eine "Greatest Hits" (1993) sowie die "Anthology" von 2000. Beide Produkte ähneln einander deutlich und frieren sein Werk auf den Stand 1993 ein. Die posthume Zusammenstellung "An American Treasure" umfasst jetzt dagegen neun unveröffentlichte Songs, 13 Liveaufnahmen und eine bislang kaum bekannte Single-B-Seite. Des Weiteren sind alternative Versionen und Demo-Takes versammelt. Ein 'Best Of' aus 17 Album-Cuts vervollständigt dazu die Auswahl. Getroffen haben sie u.a. Mike Campbell und Benmont Tench, beide Mitglieder von Pettys Band The Heartbreakers.

Es fällt auf, dass sie dabei auf keine klassischen Kriterien für Box-Sets, Anthologies, Best-Of-CDs, The Essential-Selections und ähnliche Produkte zurückgreifen. Ganz behutsam scheint das Nachlassarchiv des am 2. Oktober 2017 überraschend verstorbenen Chefs durchpflügt worden zu sein. Anstatt die vier CDs in Unreleased/Live/Raritäten/Best-Of aufzugliedern, ist die Compilation als Zeitreise aufgebaut.

Von den 1970ern an begleiten wir Petty bis kurz vor seinen Tod - ein ernsthaftes Angebot an die Millionen Fans weltweit. Das Preis-Leistungs-Verhältnis passt auch zum Wunsch des Verstorbenen, seiner Zielgruppe faire Preise zu bieten. In "Money Becomes King" (einem seiner besten Songs überhaupt) führt er dies am Beispiel von Ticketpreisen aus: "They raised the cost of living, how could we ignore? They doubled the price of tickets, to go see Johnny's show". Die Geschichte erzählt, wie ein Fan seinen Lieblingsrockmusiker an Bierwerbung, VIP-Zirkel und das große Geschäft verliert.

Petty bekannte sich oft öffentlich dazu, dieses Business nicht zu verstehen und konfrontierte auch sein Label MCA mit dieser Ansicht. Man trennte sich, bevor es in die Krise schlingerte (2002/03). Gerade, als Geffen Records meldete, das Unternehmen zu schlucken und seiner eigenen Konzernpolitik unterzupflügen, nahm Petty auch diesen Song auf.

"Money Becomes King" ist nur ein Beispiel für die enorme Aufgabe, die Tom Pettys Ex-Musiker bewältigten: Aus dem riesigen Songkatalog des Texters, Sängers, Rhythmus- und Lead-Gitarristen, Bassisten, Keyboarders und Ukulelespielers noch Verborgenes und zugleich Tolles Zu tage zu fördern. Campbell und Tench spielten ab Bandgründung bis zum Schluss miteinander und kannten Petty schon zuvor.

Campbell schrieb übrigens u.a. auch die Melodie von "The Boys Of Summer" (Don Henley) und spielte die Slide Guitar auf "One Headlight" von The Wallflowers, der Band von Dylan-Sohn Jakob. Nach dem Tod Pettys stieg Mike bei Fleetwood Mac ein, für die er ebenfalls immer wieder Songs komponiert hatte.

Tench lernte Petty zufällig 1964 in einem Plattenladen kennen. Tench spielte bei den Heartbreakers meist die Hammond-Orgel. War Petty solo unterwegs, ließ Tench sich Country-Songs für andere einfallen und tourte zum Beispiel mit Johnny Cash. Auch hat er das Verdienst, Stevie Nicks wenigstens ein Soloalbum mit Weltruhm beschert zu haben, hob sein Spiel auf "Bella Donna" doch das Niveau.

Beide Heartbreaker gelten darüber hinaus als angesehene Instrumentalisten. Und diesen Hintergrund hört man der umsichtigen Werkschau "An American Treasure" auch an. Besonderes Interesse weckt der Release aufgrund der unveröffentlichten Songs von 1975 bis 2012. Sowohl mittelmäßig interessante als auch wirklich herausragende Lieder finden sich darunter.

"Walkin' From The Fire" mit dominantem Lead Guitar-Intro stammt von 1984. Während der Text absolutem Classic Rock-Standard entspricht, ereignet sich instrumental so einiges. Die Dynamik des Songs mit explosiven und stillen Momenten erinnert an Russ Ballard und die lange Version seines Klassikers "Fire Still Burns". Die E-Gitarren Pettys und Campbells quietschen, als würde ein Auto während einer Verfolgungsjagd in einem Actionfilm abrupt bremsen. Ein so stereophil, schön abgemischtes Schlagzeug wie auf dieser Aufnahme finden Hi-Fi-Liebhaber selten.

Der Song "Gainesville" (1994) über die Heimatstadt der Heartbreakers lauscht sein schmerzerfüllt dröhnendes Intro beim damals angesagten Grunge ab. Weitere Überraschungen hält der Track dagegen nicht bereit. Im Rockabilly "Lonesome Dave" möchte Petty wohl die The Kinks, ihre 70er Jahre-Alben und den Vibrato-Gesangsstil von Ray Davies imitieren. Gut denkbar, dass der genannte "Dave" gar Dave Davies sein soll. Campbell gab die Davies-Brüder jedenfalls in Interviews ebenfalls als Inspirationen für seinen Stil an.

"Bus To Tampa Bay" erklingt als solider On-The-Road-Country. Subtil funky und sympathisch erdig erwecken Tom Petty & The Heartbreakers auf "Two Men Talking" (2012) das Genre des episch veranlagten 70er-Jahre Keyboard-Piano-Rocksongs mit Gitarrenduell und fiebrigen Hi-Hats zum Leben (siehe so oder ähnlich bei Gallagher, Thin Lizzy, The Rolling Stones, Godley & Creme). Mit seinen sieben Minuten legt sich der Song als echtes Brett in die Lautsprecher. Auch das schwungvolle, simpler gestrickte "Keep A Little Soul" zündet als kräftiges Rock-Drama. Originell klingt der kauzige Gesang, bei dem Petty wirkt, als würde er auf die Schlagzeugstöcke seines Kollegen oder wenigstens einen Kaugummi beißen.

Um noch weitere Diamanten der CD-Box zu nennen: "Fooled Again (I Don't Like It) (Alt. Version, 1976)" in einer bislang nur archivierten Version reißt mit. "Don't Treat Me Like A Stranger (B-Seite, 1989)"- neu 'gemastert' und zuvor nur als Vinyl-Maxisingle erhältlich. Ob "A Woman In Love (It's Not Me (Live, 1981)" oder "Two Gunslingers (Live, 2013)", auch die Konzertaufnahmen sind durchweg wertvoll.

Zu bemängeln gibt es an dieser Compilation nur, dass sie die Traveling Wilburys ausspart. Diese Supergroup mit Petty, Dylan und Ex-Beatle George brachte nicht wenige Hörer erst zu Tom Petty. Auch markiert die Band fraglos einen Wende- und Höhepunkt in Pettys Leben. Sie wegzulassen ist aus Sicht der beiden Heartbreaker zwar verständlich.

So entgeht einem das wohl außergewöhnlichste und für mich beste Stück von und mit Petty: "Tweeter And The Monkey Man". DEr Song über eine Transgender-Drogendealerin, die im Vietnamkrieg war, gehörte bis zum Tod zu Pettys Bühnenprogramm. Ein weiteres Manko: das 90er-Kapitel. Dort überwiegen die langsamen Songs, die Dramaturgie schwächelt und die Scheibe gerät etwas langweilig. Umso besser führt die Zusammenstellung durch die 70er, 80er und schließlich die Ära ab 2000.

Der "Hit"-Petty geht an diesem Box-Set vorbei. Hits befanden sich etwa auf dem Album "Damn The Torpedoes", das in der laut.de-Top 100-Platten der 70er-Jahre auftaucht. Der Sänger blieb bis in die 2010er-Dekade immer offen für Neues. Auf "Fault Lines" sampelt er 2014 den Song "Sleep Walker" von Pere Ubu (1993) und stellt ihn in einen harten Modern Rock-Kontext - ebenfalls ein Highlight auf "An American Treasure".

Mit "Hungry No More (Live, 2016)" findet die Box einen wirklich umwerfenden Schluss. Die berührende, über sieben Minuten lange Konzertfassung (hier mit seiner Band Mudcrutch) zwingt einen dazu, Petty als überwältigenden Storyteller im Gedächtnis zu behalten. 52 Seiten Booklet mit einer Fülle guter Fotos helfen dabei, ein Gespür für Tom Pettys Wandlungen in den Jahrzehnten zu entwickeln.

Trackliste

1970er

  1. 1. Surrender
  2. 2. Listen To Her Heart (Live, 1977)
  3. 3. Anything That's Rock 'N' Roll (Live, 1977)
  4. 4. When The Time Comes (Alt. Version, 1978)
  5. 5. You're Gonna Get It (Alt. Version, 1978)
  6. 6. Radio Promotion Spot (1977)
  7. 7. Rockin' Around (With You)
  8. 8. Fooled Again (I Don't Like It) (Alt. Version, 1976)
  9. 9. Breakdown (Live, 1977)
  10. 10. The Wild One, Forever
  11. 11. No Second Thoughts
  12. 12. Here Comes My Girl (Alt. Version, 1979)
  13. 13. What Are You Doing In My Life (Alt. Version, 1979)
  14. 14. Louisiana Rain (Alt. Version, 1979)
  15. 15. Lost In Your Eyes

1980er

  1. 1. Keep A Little Soul
  2. 2. Even The Losers (Live, 1988)
  3. 3. Keeping Me Alive
  4. 4. Don't Treat Me Like A Stranger (B-Side, 1989)
  5. 5. The Apartment Song (Demo, 1984)
  6. 6. Concert Intro (Live, 1981)
  7. 7. Kings Road (Live, 1981)
  8. 8. Clear The Aisles (Live, 1981)
  9. 9. A Woman In Love (It's Not Me) (Live, 1981)
  10. 10. Straight Into Darkness (Alt. Version, 1982)
  11. 11. You Can Still Change Your Mind
  12. 12. Rebels (Alt. Version, 1985)
  13. 13. Deliver Me (Alt. Version, 1982)
  14. 14. Alright For Now
  15. 15. The Damage You've Done (Alt. Version, 1987)
  16. 16. The Best Of Everything (Alt. Version, 1985)
  17. 17. Walkin' From The Fire
  18. 18. King Of The Hill (Early Take, 1987)

1990er

  1. 1. I Won't Back Down (Live, 1997)
  2. 2. Gainesville
  3. 3. You And I Will Meet Again
  4. 4. Into The Great Wide Open (Live, 1991)
  5. 5. Two Gunslingers (Live, 2013)
  6. 6. Lonesome Dave
  7. 7. To Find A Friend
  8. 8. Crawling Back To You
  9. 9. Wake Up Time (Alt. Take, 1992)
  10. 10. Grew Up Fast
  11. 11. I Don't Belong
  12. 12. Accused Of Love
  13. 13. Lonesome Sundown
  14. 14. Don't Fade On Me (Alt. Take, 1994)

2000er

  1. 1. You And Me (Clubhouse Version, 2007)
  2. 2. Have Love Will Travel
  3. 3. Money Becomes King
  4. 4. Bus To Tampa Bay
  5. 5. Saving Grace (Live, 2008)
  6. 6. Down South
  7. 7. Southern Accents (Live, 2006)
  8. 8. Insider (Live, 2006)
  9. 9. Two Men Talking
  10. 10. Fault Lines
  11. 11. Sins Of My Youth (Early Take, 2012)
  12. 12. Good Enough (Alt. Version, 2012)
  13. 13. Something Good Coming
  14. 14. Save Your Water
  15. 15. Like A Diamond (Alt. Version, 2002)
  16. 16. Hungry No More (Live, 2016)

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