Porträt

laut.de-Biographie

Terje Rypdal

Der britische Kritiker und Poesieprofesser Michael Tucker hat einmal Terje Rypdals Stil als eine "Mixtur aus Rock- und Jazz-Phrasierungen mit einem Rubato-Interesse für Tonfarben und Dynamik, das häufig nach der klassischen Welt duftet" zusammengefasst. Auf jeden Fall folgt der am 23. August 1947 in Oslo geborene Gitarrist und Komponist, dessen magisches Spiel an der Fender Stratocaster noch heute zahlreiche Musiker beeinflusst, seit jeher seinen eigenen Instinkten. Dabei bildet die Verbindung scheinbar unvereinbarer Elemente aus allen möglichen Genres die Triebfeder seines Schaffens.

Der Sohn eines Militärkapellmeisters und Klarinettisten entwickelt jedenfalls schon von Kleinauf ein Interesse an Musik. Mit gerade einmal sechs bekommt er Klavierunterricht. Mit zwölf spielt er auch Saxofon, Flöte und für vier bis fünf Jahre während seiner Schulzeit Trompete. Für ihn war das "wirklich hilfreich als Komponist", hatte er in einem Gespräch zusammengefasst. "Das ist, wer ich bin".

Mit dreizehn bringt Rypdal sich autodidaktisch das Gitarrenspiel bei. Noch als Teenager steigt er bei der Instrumental-Rock-Band The Vanguards ein. Ihre an The Shadows angelehnte Musik erreicht lokal die Pop-Charts. Sogar bekannte Reggae- und Ska-Musiker wie Jimmy Cliff und Millie Small begleitet die Formation bei ihren Tourneen. Dementsprechend handelt man den Osloer damals in gewissen Kreisen als jungen Pop-Star.

Im Anschluss entdeckt er Jimi Hendrix für sich, der neben Cliff als Inspirationsquelle für seine eigene Psychedelik-Gruppe The Dream dient. Die hebt er zusammen mit Organist Tom Karlsen, Drummer Christian Reim und Bassist Hans Marius Stormoen 1967 aus der Taufe. "Get Dreamy", das einzige Album der Band, bietet eine abwechslungsreiche Mischung aus allen möglichen Stilen. Beeinflusst von den seriellen Klangflächen György Ligetis schlägt Rypdal danach eine Karriere als Jazz-Musiker und Komponist ein. Noch während seines Musikstudiums an der Universität Oslo und am Konservatorium, unter anderem bei dem Avantgarde-Komponisten Finn Mortensen, übernimmt er die Leitung des Orchesters bei der norwegischen Inszenierung des Musicals Hair.

Mit "Bleak House" veröffentlicht er 1968 sein erstes Solo-Album. Auf dem hört man wieder einmal Karlsen und Reim, aber auch unter anderem Saxofonist Jan Garbarek und Drummer Jon Christensen, die noch kurz vor der Bandauflösung zu The Dream gestoßen sind. Zudem zeichnet sich der Saxofonist Knut Riisnæs für einige großartige Brass-Arrangements auf der Platte verantwortlich, die oftmals an Gil Evans erinnern. Weiterhin zollt Rypdal auf dem Werk mit dem Stück "Wes" dem Jazz-Gitarristen Wes Montgomery seinen Tribut.

Ansonsten verbindet er Einflüsse aus Jazz, Blues, Rock, Pop und Klassik zu einem vielschichtigen Gebräu, ohne seine Herkunft zu leugnen. So lässt sich sein unverwechselbarer Gitarrensound mit den bemerkenswerten Obertönen und sein melodisches Gespür bereits erahnen. Des Weiteren überzeugt er auf dem Album ebenso als Sänger und Flötist. Garbarek und Christensen steigen in den späten Sechzigern auch außerhalb ihrer skandinavischen Heimat zur festen Jazzgröße auf, so wie auch Rypdal, der 1969 für eine von Lester Bowie geleitete Band beim Free Jazz Meeting Baden-Baden eigene Stücke beisteuert und dadurch den internationalen Durchbruch schafft.

Im gleichen Jahr heiratet der Osloer außerdem seine erste Frau Inger Lise Andersen/Rypdal. Ab 1970 gehört er schließlich zum festen Bestandteil des Münchener Labels ECM, dem er bis heute die Treue hält. Damals ist er fester Bestandteil des Quartetts von Jan Garbarek, der noch im selben Jahr mit "Afric Pepperbird" seinen Einstand auf dieser Plattenfirma gibt. Wieder mit von der Partie: Jon Christensen. Arild Andersen, der sich schon 1968 als Bassist für Don Cherry auf "Eternal Rhythms" außerhalb seiner norwegischen Heimat als Jazz-Musiker durchsetzen konnte, komplettiert das Line-Up.

Für den Nachfolger "Sart" von 1971, für den Garbarek unter Hinzunahme des schwedischen Pianisten Bobo Stenson sein Quartett zum Quintett erweitert, schreibt Rypdal sogar eigene Stücke. Diese finden bis auf "Lontano" jedoch keine Verwendung. Deswegen schlägt Labelchef Manfred Eicher, der des Weiteren die Alben auf ECM produziert, dem Gitarristen vor, ein eigenes Werk für die Plattenfirma einzuspielen. Trotzdem vernimmt man auf seinem selbstbetitelten ECM-Debüt die selbe Besetzung wie auf "Sart", nur ergänzt um seine Ehefrau am Mikro und Ekkehard Fintl an der Oboe.

Musikalisch entwickelt der Osloer schon auf den Garbarek-Alben ein schwingendes Gitarren-Spiel, das ebenso karg wie auch zärtlich sein kann und das man mit einer typischen nordischen Stimmung assoziiert. Ohne seine amerikanischen und europäischen Vorbilder wäre dies allerdings nicht möglich gewesen. Auf seinen eigenen Veröffentlichungen schlägt er zu Beginn der 70er mehr jazzrockige Töne in Anlehnung an John McLaughlin an als auf "Afric Pepperbird" und "Sart". Die schielen nämlich noch deutlich in Richtung Free Jazz. Zudem klingen Rypdals Saitensounds oftmals wie ein brodelnder Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Trotzdem vernachlässigt er keineswegs klassische Versatzstücke nach dem Vorbild Ligetis.

Ganz im Gegenteil. Das Spiel des Norwegers wird immer mehr selbst zum reinen Klang. Weiterhin kommen auf seinem zweiten ECM-Album "What Comes After" von 1974 mit der Oboe und dem Horn von Erik Nord Larsen nicht nur mehr Anklänge an die norwegische Natur, sondern mit dem E-Bassisten Sveinung Hovensjø mehr tighte Komponenten hinzu. Des Weiteren sorgt ein weiterer Bassist für zusätzliche rhythmische und lyrische Akzente, nämlich der Amerikaner Barre Phillips. Dafür bleibt vom Line-Up zuvor nur noch Christensen übrig.

Mehr sinfonische Elemente im Stile Gustav Mahlers stehen dann im Titelstück von "Whenever I Seem To Be Far Away" auf dem Programm, das zusammen mit dem Stuttgarter Südfunk-Sinfonieorchester im gleichen Jahr entsteht. Außerdem veredelt Rypdal das Stück mit einer gehörigen Prise Rock-Pathos. Dadurch treibt er sein Spiel auf eine neue melodische Spitze. Seine Flöten-Sounds haben dafür erstmalig ausgedient. Weiterhin kommt das gesamte Album ohne die fantasiereichen Bassklänge Phillips' aus. Er und der Osloer bleiben aber trotzdem musikalisch eng miteinander verbunden. So beteiligt sich Terje vier Jahre später auf Phillips' "Three Day Moon" als Sideman.

"Odyssey", Rypdals bahnbrechendes und bekanntestes Werk, kommt schließlich 1975 auf den Markt. Für das tauscht er bis auf Sveinung Hovensjø das komplette Line-Up aus. Statt auf etablierte Namen schwört er auf eine recht ungewöhnliche Besetzung aus unbekannten norwegischen Musikern, die teils einen Rock-Background aufweisen.

Aber auch muskalisch geht der Norweger, der sich auf der Platte erstmalig am Synthesizer und am Sopran-Saxofon versucht, neue Wege. So setzt Posaunist Torbjørn Sunde immer wieder schöne solistische Akzente und stellt somit das Bindeglied zwischen Rypdals sowohl kraftvoller als auch sphärischer Gitarre und der Orgel von Brynjulf Blix dar, der einzelne Noten manchmal über einen längeren Zeitraum stehen lässt. Genauso verhalten agieren ebenfalls Hovensjø und der Schlagzeuger Svein Christiansen.

Das fast 24-minütige "Rolling Stone", das der Gitarrist mit seinen wohl majestätischsten Soli überhaupt veredelt, besteht sogar nur aus einem einzigen Bassmotiv. Das Stück hat es bis 2012 nie auf eine offizielle CD-Version des Albums geschafft, da es schlichtweg das CD-Format gesprengt hätte.

Zum Glück begeht Rypdal nicht den Fehler, dieses Mammutwerk, für das er den deutschen Schallplattenpreis bekommt, ein weiteres Mal zu reproduzieren. Lieber zieht er sich zurück und nimmt zusammen mit seiner Frau mit "After The Rain" 1976 ein deutlich impressionistischeres Werk auf, auf dem er nicht nur wieder zur Flöte, sondern auch gelegentlich zur Akustischen greift.

Anschließend besinnt er sich größtenteils auf seine atmosphärischen Qualitäten, was in den beiden Zusammenarbeiten mit dem tschechischen Bassisten und Pianisten Miroslav Vitous und der amerikanischen Schlagzeug-Legende Jack DeJohnette ("Terje Rypdal/Miroslav Vitous/Jack DeJohnette" (1978), "To Be Continued" (1981)) seinen Höhepunkt findet. Daneben tritt er zunehmend als Filmmusiker in Erscheinung und gastiert auf Alben von Michael Mantler ("The Hapless Child") oder Edward Vesala ("Satu").

Der Jazzwelt sollte er auch wieder neue Impulse verleihen, nämlich mit "Chaser" von 1985, für das er sich mit Bassist Bjørn Kjellemyr und Drummer Audun Kleive zum Trio The Chasers zusammentut. Auf die sich energetisch in die Höhe schraubenden Gitarrensounds und klassisch inspirierten Klangflächen des Osloers muss man dennoch nicht verzichten, nur klingt sein Spiel um Einiges verzerrter und ruppiger, aber auch in den Balladen betörender. Ein höchst facettenreiches Werk, das noch bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt im Jazz nachwirkt.

Privat sieht es dagegen weniger gut für den Skandinavier aus. Seine Ehe mit Inger Lise geht noch im gleichen Jahr in die Brüche. Aus der gehen zwei Söhne hervor, etwa der Elektronik-Musiker Marius Rypdal. Mit The Chasers spielt der Osloer dann 1986 noch das Album "Blue" ein. 1988 heiratet er dann Erlin Kristin Bergei, mit der er anschließend zwei weitere Kinder bekommt. Eines davon, nämlich Jakob Rypdal, verfolgt später eine Karriere als Elektroniker und Gitarrist.

Terje macht indes ab den 90ern größtenteils als Sideman für unter anderem Ketil Bjørnstad, der mit "Bleak House" zum Jazz gefunden hatte, und Markus Stockhausen sowie als Komponist klassischer Musik von sich reden. Vor allem "Lux Aeterna" von 2002, eine intime und intensive Huldigung der Natur, des Lichts und der Berge von seiner Kindheit, sticht besonders heraus. Thom Jurek von Allmusic schreibt sogar von der größten "Musik seines Lebens". Insgesamt umfasst der Katalog des Norwegers neben sechs Symphonien einige chorale und kammermusikalische Werke sowie Stücke für gemischte Ensembles aus klassischen und Improvisationsmusikern.

Erwähnenswert ist noch der Nachfolger "Vossabrygg" von 2006, der beim Vossa Jazz Festival 2003 unter Live-Bedingungen entsteht. Nicht nur alte Bekannte wie Bjørn Kjellemyr und Jon Christensen hört man auf diesem Werk, sondern auch die beiden Keyboarder Bugge Wesseltoft und Ståle Storløkken. Dabei lässt Rypdal den Fusion-Jazz von Miles Davis aus den 70ern ("Ghostdancing" besitzt das gleiche Ausgangsmotiv wie "Pharaoh's Dance" auf Davis' Meilenstein "Bitches Brew") mit Trip Hop- und Drum'n'Bass-Sounds aufeinanderprallen und wagt sich dadurch in eine noch unbekannte Richtung.

Auch weiterhin verlagert er seine Aktivitäten in den folgenden Jahren mehr auf die Bühne. Seine Live-Auftritte bestreitet er zwar irgendwann nur noch sitzend, aber seine Kraft scheint nach wie vor ungebrochen. 2017 gründet er mit Ståle Storløkken das Quartett Conspiracy, mit dem er sich wieder vermehrt auf seine rockigen Wurzeln besinnt.

Wie weit sein Einfluss auf Jazz-Gitarristen und Gitarristinnen verschiedener Generationen reicht, untermauern die beiden "Sky Music: A Tribute To Terje Rypdal"-Compilations, die das norwegische Label Rune Grammofon noch im selben Jahr als opulentes Box-Set zusammenfasst. Die enthalten Neueinspielungen einige seiner besten Stücke von so unterschiedlichen Größen des Genres wie Bill Frisell, Nels Cline, David Torn, Raoul Björkenheim, Reine Fiske oder Hedvig Mollestad Thomassen.

Alben

Surftipps

  • Labelseite

    Künstlerprofil auf ECM Records.

    https://www.ecmrecords.com/artists/1435045733/terje-rypdal

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