laut.de-Kritik

Hat jeder Progressive-Fan schon tausend Mal gehört.

Review von

Langeweile definiert Wikipedia als "das unwohle, unangenehme Gefühl, das durch erzwungenes Nichtstun hervorgerufen wird oder bei einer als monoton oder unterfordernd empfundenen Tätigkeit aufkommen kann". Davon haben Musiker des Progressive Rock und -Metal offensichtlich zu viel, bilden sie doch immer wieder neue Seitenprojekte. Oder Zweit-, Dritt- und Zwölftbands mit den üblichen Verdächtigen. Vielleicht kann man irgendwann nicht mehr stillsitzen, wenn man ständig vier Millionen Töne pro Nanosekunde abfeuert. Leider kreieren sie in diesen Zusammensetzungen oft einen Sound, der sich nur marginal von dem ihrer Hauptbands unterscheidet oder in derselben Suppe resultiert, die sie vorher schon zwanzig Mal gekocht haben. Kann man da überhaupt noch von Progressive sprechen?

Folgen wir der musikalischen Definition, dann ja. Demnach wird unter Progression "eine belieblige Abfolge von Akkorden" verstanden. Nehmen wir die landläufige Bedeutung, nach der progressiv aber fortschrittlich bedeutet, fallen die meisten Progressive-Bands gnadenlos durch. So auch Sons Of Apollo, ein weiteres Projekt unter Beteiligung von Schlagzeug-Tausendsassa Mike Portnoy. Es stellt seine erste Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Dream-Theater-Keyboarder Derek Sherinian dar. Und weil sich die beiden nicht lumpen lassen wollten, holten sie auch Billy Sheehan (Mr. Big, The Winery Dogs), Ron 'Bumblefoot' Thal (Ex-Guns N' Roses) sowie Sänger Jeff Scott Soto (unter anderem Ex-Journey) an Bord.

Progressiv bedeutet für diese Musiker schon seit langer Zeit nur noch, sich selbst einen auf die eigenen technischen Fähigkeiten zu hobeln und dabei denselben Acker zu bearbeiten, den Dream Theater in den 90er Jahren vollständig erschlossen haben. Sherinian benutzt gleich zu Beginn von "God Of The Sun" identische Keyboardsounds wie seinerzeit auf "Falling Into Infinity". Wer die Ausrichtung jenes Albums mochte, dürfte sich bei Sons Of Apollo gleich zuhause fühlen.

Die Melodieführung einiger Songs erinnert an Symphony X, vor allem in den Refrains. Passenderweise verfügt Jeff Scott Soto über eine ähnliche Stimmfarbe wie Russel Allen und singt leicht angerauht. Immerhin darf er am Anfang von "Coming Home" mal schreien und zeichnet für alle Texte auf dieser Platte verantwortlich. Soto drückt den Songs durchaus seinen Stempel auf. Das abschließende Lang-Instrumental "Opus Maximus" ohne seine Beteiligung wirkt etwas leer.

Unsere fünf lustigen Gesellen schreiben beileibe keine schlechten Songs. Nur hat das jeder Progressive-Fan alles schon ungefähr tausend Mal gehört, vor allem von diesen Beteiligten. Skalengenudel rauf und runter, alle dürfen mal in Ruhe rumsolieren. Dazu garnieren sie das ganze mit den üblichen Breaks und unrunden Rhythmen plus den Refrains aus der AOR-Ecke. Technisch versiert sind diese Musiker natürlich alle. Atmosphäre beherrschen sie aus dem Effeff. Thal spielt schöne und oft flitzeflinke Soli. Nur wo bleibt die Originalität, das Neue? Die in "Labyrinth" benutzten Keyboard-Flächen aus der Saga-Altakkordsammlung können es nicht sein. Haken probierten letztes Jahr auf "Affinity" mit denselben Klängen herum. Dort handelte es sich allerdings um klare Zitate, die mit einer Prise Ironie gewürzt waren (und von mir erst im Nachhinein geschätzt wurden).

Derek Sherinians Anteil an Dream Theater damals war, deren Sound stärker in Richtung Deep Purple zu verschieben. Das merkt man auch diesem Album wieder stark an. "Divine Addiction" beispielsweise könnte sich auf einer Purple-Platte der 80er Jahre oder gar der vielgehassten "Slaves And Masters" befunden haben.

Und wie kommen Sie jetzt trotzdem zu drei Sternen, Herr Schmidt? Nun, das Album läuft angenehm durch, stört nicht beim Bügeln und langweilt nicht ganz so sehr wie die letzten paar Dream-Theater-Platten. Und Portnoy singt nur Harmonie, herzlichen Dank dafür.

Trackliste

  1. 1. God Of The Sun
  2. 2. Coming Home
  3. 3. Signs Of The Time
  4. 4. Labyrinth
  5. 5. Alive
  6. 6. Lost In Oblivion
  7. 7. Figaro's Whore
  8. 8. Divine Addiction
  9. 9. Opus Maximus

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4 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Purlitzer-Preis für Herrn Schmidt

  • Vor einem Jahr

    Ich muss sagen, dass mir die Rezension aus dem Herzen spricht. Insbesondere Mike Portnoy setzt in einer Art Selbsttherapie in den letzten Jahren verstärkt auf Masse denn Klasse und dieses Album ist ein guter Beleg dafür.
    Die Referenzen zu DTs FII beim Titeltrack ließen mich noch schmunzeln. Allerdings kommt mir das Album (insbesondere in Verbindung mit den Promo-Videos auf YouTube) wie ein großer Egotrip von Sherinian und Portnoy vor, die augenscheinlich ihren Ausschluss aus dem DT Kollektiv nicht verkraften konnten. Für DT Fans ist es sicherlich trotz allem immer wieder schön, das selbe Gedudel zwischen 7/8 und und 5/4 neu interpretiert zu hören. Dennoch dürften die Refrains etwas kreativer ausfallen, als die bemüht hingeworfenen Versatzstücke der meisten SOA Songs. Nach dem Motto: "Leute, wir habe 4:58 an Riffs, Soli und Unisonopassagen auf vier Gitarrenhälsen zusammen. Hätte jemand noch einen Chorus, den wir in Eb-Moll einpassen könnten?".
    Um es kurz zu machen: Okay aber wenig kreativ.

  • Vor einem Jahr

    Seltsam, dass die Platte bei vielen anderen, teils überkritischen Seiten (z.B. babyblaue Seiten) richtig starke Kritiken abräumt.
    Ich persönlich kann einige Kritikpunkte nach 15-20 maligem Höhren nachvollziehen, aber 3/5 (mit Hang zur 2/5) ist meiner Meinung nach total überzogen.
    4/5 mit leichter Tendenz nach oben!