laut.de-Kritik

Plattenbau, Exzess und Trademark-Sound.

Review von

In keiner anderen Musikrichtung wird so fleißig der Rücktritt vom Rücktritt erklärt wie im Hip-Hop. Curse und JAW verabschiedeten sich dieses Jahr bereits aus der Rap-Rente, Shiml zieht mit seiner dritten Soloplatte "Agora" nach. "Rapp' nicht aus Spaß, ich bin zu klug und erwachsen / sondern einzig und allein ums zur Berufung zu machen", unterstreicht der Bremer im Intro seine angebliche Motivation. Weshalb er dennoch neun Jahre seit seinem letzten Soloalbum verstreichen ließ, ohne den Drang zu verspürt zu haben, seiner Lebensaufgabe nachzugehen, kann er auf "Agora" nicht zufriedenstellend klären.

Mentale Probleme, berufliche Neuorientierungen und Umzüge quer durch Deutschland bestimmten die letzten Jahre des Bremer Urgesteins. Klartext spricht er darüber nur in Interviews. Auf den überschaubaren 31 Minuten von "Agora" nutzt er hingegen schwammige Formulierungen und Metaphern. Küchenpsychologen wissen, dass der eigene Seelenfrieden nicht wiederhergestellt werden kann, wenn nur die jüngere Vergangenheit betrachtet wird. Shiml wagt sich inhaltlich bis in die Schulzeit zurück. Fans des asozialen Bremen-Ost-Shits, der von Plattenbau und Exzess lebt, fühlen sich dadurch an Frühwerke wie "Nach uns der Rest" erinnert.

'Agora' bezeichnet einen zentralen Versammlungsort im antiken Griechenland, an dem sich die Bevölkerung traf und Informationen austauschte. Shiml hat auf seiner Version von "Agora" ein entsprechend großes Mitteilungsbedürfnis. "Chrom" dient als Bestandsaufnahme der aktuellen Rap-Szene und als Rückschau auf die eigene Karriere, in "Winterschlaf" setzt er sich mit den Scherben einer zerbrochenen Beziehung auseinander und "Wenn Der Wind Sich Dreht" tariert den eigenen Wertekompass aus. Viel bleibt davon nicht hängen, da Shimls Musik nicht von zitierwürdigen Zeilen, sondern von einer einmaligen Atmosphäre lebt.

Auf früheren Veröffentlichungen steuerte Shiml selbst Beats bei. Für "Agora" hat er sich komplett auf die Dienste von OH MY verlassen. Dieser fängt den Trademark-Sound des Rappers perfekt ein. Gibt ihm sogar einen zusätzlichen Boost, indem er noch maßgeschneiderter klingt.

Sei es die breite Wand aus Streichern im Titelstück, die Pianospur in "Parabel" oder die dynamischen Veränderungen des Drum-Patterns in "Aus Verbrannter Erde" – die Beats auf "Agora" klingen orchestral und passen damit zur Stimmung, die Shiml in seinen Texten transportiert. Übers Ziel schießt er in "Die Guten Von Uns" dann doch hinaus, wenn er mit seiner zu dünnen Stimme Casper-Momente erzeugen möchte.

"Ein bisschen Nerd und auch ein bisschen Junkie", beschreibt sich Shiml in "Bis Es Bricht". Diesen Kontrast zwischen Bildung und Straße verkörpert das ehemalige Selfmade-Records-Signing in Perfektion. Er nimmt erst das Zeugnis in Empfang und schießt sich dann mit Adelskrone ab. Shiml klingt auf "Agora" wie vor zehn Jahren, hievt seinen Sound mit Hilfe von OH MY dennoch auf die nächste Stufe. Wer sich ein Comeback des stolzen Bremers gewünscht hat, wird nicht enttäuscht. Alle anderen verpassen nix.

Trackliste

  1. 1. Agora
  2. 2. Aus Verbrannter Erde
  3. 3. Atempause
  4. 4. Winterschlaf
  5. 5. Parabel
  6. 6. Wenn Der Wind Sich Dreht
  7. 7. Chrom
  8. 8. Signal
  9. 9. Bis Es Bricht
  10. 10. Die Guten Von Uns

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3 Kommentare mit 15 Antworten

  • Vor 13 Tagen

    fand shiml immer sympathisch aber langweilig. ändert sich auch hier nicht. find diesen beat aufm titeltrack (da oben) zum ende hin ganz komisch. richtig billig gemischt.

  • Vor 11 Tagen

    Bitte für solche Alben wieder Herrn Fromm verpflichten!

  • Vor 6 Tagen

    Da lese ich 15 Jahre Reviews auf laut.de ohne mich zu registrieren und dann kommt so eine Review sowie die zum Timi Hendrix Album, dass man einfach was dazu sagen muss:
    1. Allein bei diesem ersten Abschnitt kann ich vor journalistischer Inkompetenz nur im Strahl kotzen. JAW in einem Atemzug mit Curse zu nennen ist jawohl ne Frechheit. Jotta hat nie irgendeinen Rücktritt erklärt. Über die Jahre hinweg sind unregelmäßig immer neue Songs auf Youtube gekommen und die Albumankündigung stand schon ewig. Ja, er hat lange gebraucht, aber passiert :) Bei Shiml glaube ich auch erst, dass er seinen Rücktritt erklärt hat wenn ich es lese. Mir war eine solche Meldung jedenfalls nicht geläufig, auch wenn ich den Vorwurf hier eher verstehe als bei JAW, zumal von ihm ja wirklich nichts kam außer dem einen Song auf Chronik 3.
    2. Den Punkt mit den Metaphern und schwammigen Formulierungen kann man so auch nicht stehen lassen. Dass Shiml schon immer gerne Metaphern genutzt hat ist kein Geheimnis, aber auf mindestens der Hälfte der Songs finde ich seine Formulierungen alles andere als schwammig, z.B. auf Winterschlaf um nur einen zu nennen.
    3. Dieser Vorwurf mit einer "zu dünnen Stimme" Casper Momente erzeugen zu wollen ist jawohl eine Frechheit. Neben der Tatsache, dass es in Deutschland wenige Rapper mit mehr Volumen in der Stimme gibt als Shiml (und Casper gehört sicherlich nicht dazu), würde mich mal interessieren an welchen Song von Casper der Rezensent hier denkt. Mir würde höchstens Kontrolle / Schlaf einfallen der von der Atmosphäre annähernd vergleichbar wäre, aber der Vergleich hinkt ob der gesamten Thematik komplett.

    Es ist nicht einmal, dass ich die Wertung mit 3 Sternen komplett daneben finde (hätte wahrscheinlich 4 gegeben - Album ist sehr gut produziert, hat 1a Atmosphäre und es sind keine Skipkandidaten drauf), aber irgendwelche Statements rauszuhauen, die einfach komplett an der Sache vorbeigehen ist echt eine Schande für laut.de. Da wünscht man sich Reviews im Wechsel von Gässlein und Fromm zurück