laut.de-Kritik

Zurück zu den blutigen Wurzeln.

Review von

And now for something completely different: ein Ungetüm, das in seiner Brachialgewalt und alles verschlingenden Macht seinesgleichen sucht. Ein Biest, wie es nur alle Jubeljahre das Schattenreich verlässt. Ein Kulturen-Clash, der zentnerschweren Metal mit den Rhythmen und dem Gesang brasilianischer Ur-Einwohner vereint. Dies sind die Wurzeln, dies ist die exzessive Inbrunst, dies sind die "Roots" von Sepultura.

Der kongeniale Vorgänger "Chaos A.D." stellte bereits die Weichen, doch erst auf ihrem sechsten Longplayer geht die Saat auf. Sepultura treten zugunsten der Intensität auf die Bremse. Statt, wie vorher, dreißig Ideen in einen einzigen Track zu packen, konzentrieren sie sich auf das Wesentliche. Ein verstörendes, hässliches Chaos aus lärmenden Hardcore-Elementen, atemberaubenden Percussion-Explosionen und bitterbösen Noise-Orgien. Ein Voodookind, das mit seiner überbrodelnder Wucht Genre-Grenzen niederreißt.

Aggressor Max Cavalera zeigt sich in Bestform. Andreas Kisser verzichtet fast komplett auf Soli, stimmt seine Gitarre in grobschlächtige Tiefen und lässt die Saiten sadistisch schlackern. Doch seine wahre Stärke zeigt das von Ross Robinson produzierte Album erst, sobald Bassist Paulo Xisto Pinto Jr. und Schlagzeuger Igor Cavalera mit Hilfe von Gast-Perkussionist Carlinhos Brown und Korns David Silveria dem Fieberwahn verfallen. Dann verschmilzt "Roots" zu einem einzigen hochgefährlichen, um sich wütenden Rhythmus.

Um näher an die Quelle zu gelangen, treffen sich Sepultura im brasilianischen Urwald mit dem Xavante-Stamm. Drei Tage lang nehmen sie ihre gemeinsamen Jams mit einem an ihre Autos angeschlossenem Aufnahmegerät auf. "Die Idee zu 'Roots' verdanke ich einem verschwommenen Traum, in dem ich in den Regenwald ging. Wein könnte ebenso eine Rolle gespielt haben", erklärt Cavalera. "Als wir am Ende wirklich im Wald aufnahmen, war das eine unglaubliche Erfahrung. Das ganze Album war für mich eine riesige persönliche Reise. Einige Tracks klingen wie Mantras, sie haben etwas Hypnotisches. Unsere brasilianischen Wurzeln sind erkennbarer denn je."

"Roots Bloody Roots", grölt, spukt und ätzt uns Cavalera im perfekten Opener mit einem kaum enden wollenden Brunftschrei entgegen. Sepultura springen uns wie eine Raubkatze aus dem Dickicht des Dschungels mitten ins Gesicht und treiben ihre Krallen tief in unser Fleisch. Innerhalb weniger Sekunden erklären sie in diesem schwerfälligen Hulk von einem Song ihr neu entdecktes Konzept. Kissers infernalische Gitarren treffen auf grollende Bässe und Tribal-Drumming.

Mit der manischen Raserei "Ratamahatta" begeben sich die Brasilianer endgültig in unbekanntes Territorium. Ein Teufelswerk, in dem sich die unterschiedlichen Einflüsse des Albums im Wahnwitz verbinden. Ein Track, der wild um sich schlägt und völlig aus seinem Rahmen ausbricht. Hektisch, verdreht und unerhört. Jede Sekunde des teilweise auf Portugiesisch randalierenden Songs kommt einer Eruption gleich. Korns Groovesocke David Silveria und der brünstige Carlinhos Brown unterstützen das Tohuwabohu.

"Attitude" schlägt hart und aggressiv eine Brücke zu früheren Platten. Ein Teil des Textes stammt von Max' Stiefsohn Dana Wells, der kurz nach der Veröffentlichung von "Roots" bei einem Autounfall ums Leben kam. Sein Tod lieferte einen der Gründe für die bald folgenden Auseinandersetzungen zwischen Band und Sänger. Das mitleidlose "Breed Apart" mündet mit seinem kompromisslosen Text in einem weiterem Perkussion-Inferno. "Straight old thoughts / To force you down / Raping rape / Breed apart."

Die beiden Instrumentals "Jasco" und "Itsari" wirken in der lärmenden World Music-Metal Umgebung zuerst fehlplatziert und wie der endgültige Angriff auf alte, eingerostete Hörgewohnheiten. Dabei schließen sie den Kreis um "Roots" und vervollständigen dessen stimmige Atmosphäre. Gerade in "Itsari" und dem Hidden Track "Canyon Jam" stehen nicht mehr Sepultura, sondern der Xavante-Stamm im Mittelpunkt. Mit Kissers akustischer Gitarre, meditativen Percussions und traditionellen Stammesgesängen blicken sie von der anderen Seite des Spektrums auf die eingegangene Verbindung.

Im düster brutalen "Lookaway" kreuzt sich der von Cavalera geschriene Refrain mit Jonathan Davis psychopathischem Flüstern, während Mike Patton im Hintergrund summt, gackert, verrückt spielt und seinen Hals zerschreddert. House Of Pains DJ Lethal unterstützt dieses beängstigende Gebilde mit bedrohlichen Scratches. Im aggresiven Hardcore-Thrash-Punk-Song "Dictatorshit" rechnen Sepultura mit vor Wut geballter Faust mit der von 1964 bis 1985 dauernden brasilianische Militärdiktatur ab. "Endangered Species" ruft die Apokalypse aus. "Are we going to see another day? / Are we going to make it all the way? / Are we going to see the light of day? / Are we going to make it till the end?"

Nicht in dieser Besetzung. Noch 1996 trennen sich Band und Sänger im Streit. Weder die mit dem neuem Frontmann Derrick Green ausgestatteten Sepultura noch die von Cavalera ins Leben gerufenen Soulfly können, trotz manchem Zwischenhoch, an ihre Glanzzeit anknüpfen, in der sie mit "Arise", "Chaos A.D." und dem finalen "Roots" einen Meilenstein nach dem nächsten veröffentlichten. In "Born Stubborn" fasst Cavalera diese Ära prophetisch zusammen: "Sepultura in our hearts / Can't take it away / These roots will always remain."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Roots Bloody Roots
  2. 2. Attitude
  3. 3. Cut-Throat
  4. 4. Ratamahatta
  5. 5. Breed Apart
  6. 6. Straighthate
  7. 7. Spit
  8. 8. Lookaway
  9. 9. Dusted
  10. 10. Born Stubborn
  11. 11. Jasco
  12. 12. Itsári
  13. 13. Ambush
  14. 14. Endangered Species
  15. 15. Dictatorshit

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12 Kommentare mit 13 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    Ich gehöre auch zu der Fraktion die mit Sepultura nie wirklich warm geworden sind. Einzelne Tracks fand ich ganz gut (Under Siege (Regnum Irae) z.B.) aber auf Albumlänge waren die mir immer zu chaotisch. Ich komm mit deren Stil einfach nicht klar.

    Wenn ich noch einen Exoten als Meilenstein vorschlagen dürfte: Manilla Road - Crystal Logic.

  • Vor 4 Jahren

    ähnlich wie den Vorrednern geht es mir auch: ich finde Arise und Chaos A.D. besser. Roots hat zwar, wie beschrieben, eine gewaltige Power, aber vom Songwriting her überzeugen die beiden Vorgänger mehr.
    Warum es dennoch ein korrekter Meilenstein ist? Weil er (auch das haben andere schon geschrieben) in der Szene, und eben auch darüber hinaus!, seine Kreise gezogen hat. Auch Leute, die sonst maximal Metallica kannten, hörten jetzt auch Sepultura und grölten "Roots, Bloody Roots". Daher: Top Meilenstein!
    In der Doku "Metal Evolution - Teil 11: Nu-Metal" bezeichnet Sam Dunn dieses Album als jenes, das Nu-Metal in den Rang eines eigenständigen Genres erhob.
    https://www.youtube.com/watch?v=35Klzydmlh0 (ab 16:50)

  • Vor 2 Jahren

    Bin mit der Platte nie wirklich warm geworden. Arise und Beneath the remains bleiben unerreicht. Der Opener ist aber dennoch ein geiler Song.