laut.de-Kritik
Mit dem besten Prince-Song, den er nie geschrieben hat.
Review von Philipp KauseGraue Wolken und Stürme kann es in allen Jahreszeiten geben. "This Music May Contain Hope" schlängelt sich an Herbst, Winter, Frühling entlang zum Sommer, den man quasi als Ziellinie der Platte verstehen darf. Jede Saison erhält je vier Stücke. Mehrere Nummern enthalten wiederum Monate in anderen Jahreszeiten als Zeitangaben, weil es auch um Rückblicke, Vorschau, Hoffnung und Entwicklung in Liebesdramen geht. Die neuen Songs sind durchweg kein R'n'B, sondern großenteils Experimente und manchmal Jazz oder Dance-Pop oder alles zusammen, wie "Skin And Bones" - also Jazz-Dance-Pop-Art-Experimental.
Für das Segment 'Winter' tritt Mister Soundtrack Hans Zimmer als Gast an, für den Frühling Al Green. Beim Sommer gesellen sich Rayes Schwestern Absolutely und Amma hinzu. Raye geht mit ihrer vertonten Pizza Vier Jahreszeiten recht eurozentrisch vor und wird am Äquator wohl kaum ein Publikum finden, das dieses Konzept aus eigener Anschauung nachempfinden kann. Aber es ist als strukturierender Aufhänger zu verstehen, um die Texte einzuordnen, allerdings weit weniger gut erkennbar als etwa bei Lily Allens Story von den Etappen des Aufdeckens einer Affäre letztes Jahr. Los geht's bei Rachel Agata Keen im November mit einem orchestralen und recht frei gehaltenen Song, "I Will Overcome". Anspieltipp Nummer Eins.
Das Setting umfasst Donner und Regen. Die Komponistin stellt sich dazu einen Hollywood-Film vor, mit dem Versprechen auf ein Happy End, dass "gebrochene Menschen im Chaos" wie die Protagonistin "heilt". Die Person im Mittelpunkt heißt "Girl Under The Grey Cloud". In "I Will Overcome" verweist die Londonerin Sängerin auf Edith Piaf, ahmt kongenial deren Gesang nach und durchläuft verschiedene Gefühlszustände mit mal der vollen Wucht eines Sinfonieorchesters, mal mit Klavier, durchaus auch mit Dance-Ansätzen und Effekten auf der Stimme. Sie legt also mehrere ihrer Pfunde übereinander, mit denen sie bisher schon wucherte.
Der Herbst kann ganz schön aus sich heraus gehen. Das Skiffle-Ska-Punk-Jive-Spoken-Word-Swing-Gemisch "Beware... The South London Lover Boy" drückt auf die Tube und brilliert mit einem sympathisch unkonventionellen Schleudergang für die Ohren. Der zweite Anspieltipp.
Shakespeare steht für eine Epoche, in der die Geige das führende Instrument war. Wenn ein Liebhaber WhatsApp-Nachrichten von literarischer Güteklasse, aber mit dem Risiko von "sieben Monaten Traurigkeit" versendet, nennt Raye ihn "The Whatsapp Shakespeare" und unterlegt das mit dramatisierenden Streichern. Auch hier geht die Post ab, und der Text hat Witz - eine weitere Empfehlung wert! Drum'n'Bass und Trip Hop finden im Stelldichein mit Orchester ihre Zitat-Nischen, aber anders als bei Trickys behutsamer Cello-Grundierung, nämlich wild, laut, crazy, durcheinander, spontan und mit den Temposprüngen von Improvisationstheater und Free-Jazz.
Trip Hop mit Cello erfährt im vierten Anspieltipp "Winter Woman" mit gesprochenen und gesungenen Anteilen und hochgepitcht in Zeitraffer abgespielter Sprache eine weitere Abwandlung. In der "Click Clack Symphony" kommt eine eigentümliche Mischung aus maximal schnellem Sprechen mit Sopran-Gesang an den Satz-Enden hinzu. Das Video stellt eine quirlige Tanz-Choreographie dar, spielt mit Wind.
Stürmisch ist bis einschließlich hierhin alles. Eher geordnet dynamisch hat es die 28-Jährige auch drauf. Die lange Ballade "I Know You're Hurting" sollte man ebenfalls gehört haben. Sie steigert sich in Kate Bush-Manier und Stil zum ganz großen bunten Kino, setzt auf große majestätische Schritte, wie sie etwa Prince in "Gold" mit der NPG vollzog. Ach ja, apropos New Power Generation - "Nightingale Lane" ist der beste Prince-Song, den der Meister nie geschrieben hat. Wahnsinn. Also noch ein Anspieltipp!
Kollegin Jorja Smith sagte kürzlich über ihre eigene aktuelle Single, sie habe schon immer mal einen Song wie ein James Bond-Theme schreiben wollen. Raye hält da gleich mehrere Kandidaten bereit, wobei "Winter Woman" am konsequentesten diesen Vibe versprüht. Ein Bruch ergibt sich dann, als Raye, die schon mehrmals mit David Guetta und anderen Vier-Viertel-Takt-Dance-Producern gearbeitet hat, mit "Life Boat" einen hypnotischen Floor-Filler auffährt. Wie das so ist, lauten erste Fan-Reaktionen darauf "Lieblingsstück auf dem Album" und Heilmittel gegen Depression. Dabei hat das Lied überhaupt nichts Besonderes an sich, als einziges. Es ist einfach die Mainstream-Insel in einem waghalsigen Kuddelmuddel von Stilbrüchen rundherum.
"I Hate The Way I Look Today" und mein siebter Anspiel-Vorschlag "Goodbye Henry ft. Al Green" exerzieren verschiedene Spielarten von Easy Listening-Jazz durch, andere Tracks mischen davon etwas hinein, und "Fields ft. Grandad Michael" umfasst zudem Acapella-Abschnitte. Al Green tritt unverkennbar, eine kurze Strophe lang, mit seinem Original-Timbre an, wie man es von "Tired Of Being Alone" wohl noch im Ohr hat. Auch eine Sprachnachricht steuert er bei.
Die Platte macht den Eindruck einer Selbstverwirklichung und eines Statements für freien Ausdruck. Greifbare Mitsumm-Lieder erhält man derweil nur sporadisch. Phasenweise perlt Rayes exaltierte Stimmakrobatik an der kunstvollen Verpackung ab. Dennoch übererfüllen beide Disziplinen, Arrangements und Vocals, für sich betrachtet ihr jeweiliges Soll bei weitem. Beides, das Symphonische, Vertrackte in der Architektur mehrerer Songs, wie auch die schiere körperliche Leistung von Rayes Vortragstechnik(en) beeindrucken sehr. Die dahinter schlummernde Liebesgeschichte und Reise von der Dunkelheit ins Licht erschließen sich dagegen eher wenig.
Ein Konzeptalbum mag die heutigen Aufmerksamkeitsspannen herausfordern und sich nur solchen Hörer:innen erschließen, die sich eine Scheibe von Anfang bis Ende zu Gemüte führen. Einzeln separiert, würden manche Tracks hier wohl auch nur verwirren. Es geht ums kathartische Gesamtergebnis, und das ist enorm. So drängt es sich auf, dass die Künstlerin ihr Werk mal als Musical aufführt. Interessant, schrill und voller Leben schüttelt einen "This Music May Contain Hope" ordentlich durch.


6 Kommentare mit 6 Antworten
"Hope is pouting in advance. Hope is faith's richer, bitchier sister. Hope is the deformed, attic-bound, incest-monster offspring of entitlement and fear."
Frankie Dart - Community
#sixseasonsandamovie
"Mit dem besten Prince-Song ...", echt jetzt? Da würde jemand gerne wie Prince klingen (und mit ein wenig Fantasie ist das schon ähnlich) aber zu den unzähligen besten Songs von Prince fehlt doch noch sehr viel. Bevor sich da jetzt wieder wer beschwert, hört Euch bitte den Songkatalog von Prince an und entscheidet selbst.
Dieser Kommentar wurde vor 7 Tagen durch den Autor entfernt.
Ich finde sie ja super sympathisch, mag auch die Songs, aber auf Albumlänge wird mir das alles etwas zu viel.
Nightinggale Lane? Bester Song, den Prince nicht geschrieben hat? Ernsthaft?
Ist ja recht vielfältig, die ganze Platte. Aber auf die Dauer recht bemüht. Und wenn Autotune einsetzt, bin ich weg.
Der Video Song ist ja maximal 08/15 langweilig. Sollte das ganze Album so klingen, soviel Schmalz lässt sich doch kaum ertragen
Ich finde, er hätte mal ein paar Gitarren-Sounds einbauen sollen. Das hätte das ganze etwas abgerundet und ein bisschen Metal tut der Sache schon ganz gut.
Puh, meterdick mit Schmalz zugekleisterte Stimmübungen. Wer's mag, okay, kein Problem, aber jeder Vergleich mit Prince hinkt hier doch gewaltig.
Tja, wär das auf Deutsch, gäb's hier dafür sicherlich keine vier Sterne.
Na sicher gäb‘s die, wenn‘s eine vergleichbare deutsche Sängerin gäbe. Nur wird das Genre leider in Deutschland nicht so gefördert und angenommen, von Joy Denalane mal abgesehen.
Prince höre ich hier auch nirgendwo, eher Alicia Keys oder Christina Aguilera zu ihren „Back to Basics“-Zeiten.
Insgesamt eine coole, abwechslungsreiche Platte. Der Einstieg gerät etwas zu verkopft und gewollt, aber spätestens ab der Mitte macht sie richtig Spaß.
Das hört sich doch alles gleich an.