laut.de-Kritik

Eine musikalische Kreuzigung.

Review von

"Karma is a bitch", heißt es immer. Wer Schlechtes tut, kassiert vom Universum einen kräftigen Tritt in die Eier. So einfach sind die Regeln. Manchmal kann unsere Welt wirklich herrlich gerecht sein: Der Porsche, der dich eben noch von der linken Spur gedrängt hat, rast in die Leitplanke. Der Nachbar, der wegen "zu lauter Musik" immer die Polizei ruft, hat einen Wasserrohrbruch. Der schmierige Typ, der sich eben noch in der Club-Schlange vorgedrängelt hat, scheitert am Türsteher.

Manchmal hat das Universum aber auch einfach einen schlechten Tag. Da erklärt man sich voll guter Absichten bereit, Kollegin Fromm zu entlasten, die dank Praktikantenmangel im wöchentlichen Plattenwust zu versinken droht, und was bekommt man statt Punkten auf dem Karma-Konto? Eine einstündige Gehörgangs-Vergewaltigung namens "Messias".

Schon während der Vorrecherche schrillen die Alarmglocken: VBT, JBB und RBA heißen Rapidos Referenzen. Die längst abgenutzten Internet-Battleturniere dienten zwar schon häufig halbwegs talentierten Rappern als Sprungbrett in die Szene. Genauso oft bewiesen dort aber auch andere, im Nichtschwimmerbecken doch besser aufgehoben zu sein.

Rapido macht hier keine Ausnahme. Ein Klick auf das Video zur Singleauskopplung reicht, um die bösen Vorahnungen zu bestätigen: Ein wandelndes Rap-Klischee mit zu großer Sonnenbrille posiert vor dicken Autos, während Blondinen mit Bandana über Mund und Nase verführerisch in die Kamera zwinkern. Finster dreinblickend, stellt Rapido seine schlecht verständlichen Doubletime-Flows zur Schau. So weit, so langweilig.

Die einzige Überraschung beim ersten Durchlauf von "Messias": Der 22-Jährige unterbietet selbst einen solch schlechten ersten Eindruck noch und latscht dabei breitbeinig in alle Fettnäpfchen, die das erste Album eines Internetbattle-Rappers so bereithält.

"Messias" paart inhaltslosen Battlerap mit unbeholfenen Storytelling-Versuchen, die der Platte wohl eine tiefgründige Note verleihen sollten. Wenn der Darmstädter aber von seiner Identität als "Halbfranzose" erzählt, erzeugt das mehr Fremdscham denn Mitgefühl: "Mehr Deutscher als Franzose, weil mein Vater nie da war / Tickte Dope und klaute überall, im Kaufhaus sehr häufig / Denn Mama hatte nicht genügend Cash für Staubsaugerbeutel."

Noch tölpelhafter geht es auf "Fossil" zu. Rapido wirft so lange mit bedeutungsschwangeren Worthülsen um sich, bis man ihn tröstend in den Arm nehmen will, um ihm schonend beizubringen, dass aus ihm wohl kein Casper mehr wird: "Zu viel erlebt, auf dem Weg in das Ziel. Und bin immer noch dort, wo die Sanduhr stagniert. Wir Kinder des Zorns, im ewigen Winter geboren. Mir zieht der Wind um die Ohren."

Das Gros der 20 Tracks macht aber ein unmöglich differenzierbares Gewirr aus Battlerap-Ansagen aus. Rapidos durchaus versierte Technik geht in der viel zu langen Spielzeit zwangsläufig unter. Da helfen auch noch so viele in Doubletime gerappte Reimketten nichts: Keine einzige Line findet den Weg ins Langzeitgedächtnis.

Das dürfte auch hauptsächlich damit beschäftigt sein, die Instrumentals so schnell wie möglich wieder von der Festplatte zu löschen. YouTube Beatz Productions, Russian King Beatz, oder Klick Boom Beatz heißen die Jünger, die der Messias um sich schart, um ihm auf dem Weg in die Musik-Hölle noch den rechten Weg zu weisen. Wer bei YouTube nach "Beatz" sucht und die drei Top-Ergebnisse als Produzenten engagiert, den bestraft zurecht eine unerträgliche Mischung aus überladenen Streichern und brummenden 808s.

Der selbsternannte Hook-King zeigt auf seinem Debüt nichts, das ihn diesen Titel auch nur ansatzweise verdienen ließe. Die dahingerotzte Hook von Hessen-Homeboy Olexesh reiht sich mühelos in die Reihe musikalischer Tiefpunkte ein, die Rapido als Refrain gut genug zu sein scheinen.

"Wir haben mit dem Album 'Messias' eine Etappe auf unserem Weg Richtung Ziel gemeistert", heißt es im Booklet. Wenn das ausgeschriebene Ziel sich darauf beschränkt, den kurzlebigen Hype zu nutzen, um pubertären JuliensBlog-Abonnenten das Geld aus der Tasche zu ziehen: Herzlichen Glückwunsch, Ziel erreicht. Sollte dahinter aber tatsächlich so etwas wie künstlerische Ambition stecken, vielleicht sogar der Wunsch, mit "Messias" eine Rap-Karriere zu begründen, kommt die Platte einer musikalischen Kreuzigung gleich.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Ansprache (Skit)
  3. 3. Vollautomatisch
  4. 4. Winchester feat. Skeez
  5. 5. Rolle Meine Büdelz
  6. 6. Rah Rah
  7. 7. Muskelfaserriss
  8. 8. Dick Interessiert feat. Schmidt & Tonino
  9. 9. GDB
  10. 10. Schnell, Schneller, Rapido
  11. 11. Fossil
  12. 12. Der Messias Ist Da vs. Timatic
  13. 13. Halleluja
  14. 14. Backsteine feat. Alfa
  15. 15. Wir Sind Die Götter
  16. 16. Voll Auf Die 9 feat. Twin
  17. 17. Rucksackgesicht feat. Olexesh
  18. 18. Der Halbfranzose
  19. 19. Schlusswort (Skit)
  20. 20. Outro

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