14. Juni 2023

"Wir müssen niemandem gefallen"

Interview geführt von

Am Freitag erscheint nach sechs Jahren Pause ein neues QOTSA-Album. Wir sprachen mit Bassist Michael Shuman via Zoom über die Entstehung.

Knapp sechzehn Jahre ist Michael Shuman jetzt schon Bassist von Queens Of The Stone Age und dennoch ist "In Times New Roman..." erst das dritte Album der Band, auf dem er zu hören ist (von Bonustracks für "Era Vulgaris" mal abgesehen). Die interne Rollenverteilung sei klar, erklärt er in unserem Gespräch: Josh Homme ist der Boss, die Band unterstützt seine Ideen und führt diese bestmöglich aus. Dabei, so Shuman, herrsche aber maximale Freiheit. "In Times New Roman..." ist das erste neue Studioalbum der Kalifornier seit "Villains" von 2017.

Michael, Queens Of The Stone Age haben einen sehr charakteristischen Sound, besonders, was die Gitarren-/Bass-Fraktion angeht. Alles ist gewissermaßen sehr spartanisch, aber auch dicht und fuzzlastig. Wie geht ihr die Klangarchitektur bei einem neuen Album an?

Das ist bei jedem Album ein wenig anders. Wenn wir ins Studio gehen, dient alles dem Song. Du musst herausfinden, was die beste Art und Weise ist, um deine Vision via Gitarre und Bass zu transportieren. Bei diesem Album haben wir versucht, ein wenig roher zu sein. Wir wollten, dass es noch lebendiger wirkt und so viel wie möglich live im selben Raum aufnehmen. Klangarchitektur ist aber ein sehr großes Wort dafür. Es gibt einige Geheimwaffen und Tricks, die wir immer benutzen, was Bass und Gitarren angeht. Mittlerweile sind einige davon nicht mehr so geheim.

Wie würdest du den Aufnahmeprozess beschreiben?

Oh, das war durchaus schwierig. Ehrlich gesagt ist es das aber bei jedem Album. Es ist einfach immer sehr heftig. Ich wünschte, wir könnten eine Platte einfach in einem Monat aufnehmen, aber es dauert dann doch immer ziemlich lange. Glücklicherweise waren wir nicht auf Tournee, als die Pandemie begann. Josh produzierte das Album von Nikki Lane, einer großartigen Country-Künstlerin, auf dem ich Bass spielte. Das war sozusagen der Anfang, um wieder in den Rhythmus zu kommen. Wir waren wieder zurück im Pink Duck, unserem Studio, haben angefangen zu spielen und neue Sounds zu finden. Normalerweise fängt es mit einer Idee an, die Josh mitbringt, und dann schaut man, wohin es geht. Es gibt zwei Songs auf dem Album, an denen wir seit "...Like Clockwork" gearbeitet haben und an denen wir schon millionenfach herumgeschraubt haben.

Entsteht bei euch der Großteil des Songschreibens im Studio?

Bei diesem Album ja. Es gab natürlich mehr oder weniger fertige Ideen, und der eine Song war ausgearbeiteter als der andere. Aber bei "In Times New Roman..." haben wir während des Aufnehmens versucht herauszufinden, wohin es gehen soll. Wir haben nicht allzu viel gegrübelt, das war cool an diesem Album. Also, wir haben schon darüber nachgedacht, was wir machen, aber es wurde nicht jedes kleine Detail totgelabert. Es sollte sich anfühlen, als wäre da eine Band in einem Raum, die ein Album aufnimmt. So richtig viel nachgedacht haben wir dann beim Abmischen der Platte.

"Das Ego muss draußen bleiben"

Wird bei euch generell viel diskutiert?

Wir haben das Album ohne Produzenten aufgenommen, also waren es nur wir fünf. Klar gibt es immer viele Meinungen. Josh ist unser Anführer, die meisten Sachen kommen von ihm. Wir anderen müssen sicherstellen, dass wir es alle lieben. Dass es unsere Lieblingsversion des Songs wird. Es wäre ein Fehler gewesen, noch jemanden dazuzunehmen. Jeder muss seinen kleinen Stempel aufdrücken können. Das Tolle an unserer Band ist, dass jeder alles machen kann. Es gibt keine Regeln. Wenn Troy einen Basspart hat, den er spielen möchte - dann los. Wenn ich einen Gitarrenpart oder einen Klavier-Part habe? Nur zu. Ich denke, das ist es, was ich an unserer Band so mag: Alles ist offen.

Ihr gehört zweifellos zu den prägendsten Rockbands der jüngeren Zeit. Spürt ihr einen gewissen Druck, etwas Besonderes abliefern zu müssen? 

Es gibt keinen Druck. Wir denken an nichts außer an das, was wir gerade tun. Unsere Fans liegen uns natürlich am Herzen und wir möchten, dass die Menschen unsere Musik lieben. Wir machen die Alben jedoch in erster Linie so, dass sie uns selbst gefallen und hoffen, dass es sowohl langjährige Fans als auch neue Hörer begeistert. Der einzige Druck, den es gab, war jener, das Ding fertigzustellen. Ein Ende der jahrelangen Warterei. Der Druck, den ich spürte, war: Schaffen wir das? Kommen wir lebendig davon? Das ist das Gefühl, das wir haben, wenn wir Queens-Platten machen. Wir können nicht alles kontrollieren, weder die Kritiken noch die Meinungen der Menschen. Es wäre ein großer Fehler, uns von irgendeinem Typen, der bei seiner Mutter im Keller lebt, beeinflussen zu lassen.

Also kein Bewusstsein über den eigenen Status?

Das fliegt alles aus dem Fenster, wenn wir im Studio sind. Das Ego muss draußen bleiben. Über sowas denke ich nicht nach. Mein einziges Ziel ist es, das bestmögliche Album zu machen. Alles andere ist völlig unwichtig. Wir müssen niemandem gefallen. Wir haben auch unserem Label und unserem Manager nichts vorgespielt, bevor alles fertig war. So sind wir eben.

In der Presseinfo zum Album liest man, dass sich die Band in den letzten Jahren ein wenig verloren gefühlt hat. Kannst du das etwas näher erläutern?

Ich weiß nicht, ob "verloren" das richtige Wort ist. Die Welt war an einem merkwürdigen Ort. Es gab auch persönliche Dinge, mit denen jeder von uns zu kämpfen hatte. Aber wir wussten immer, dass wir wieder zusammenkommen würden, wir hatten immer einen Plan. Ich habe mich nie verloren gefühlt. Es gibt ja sowieso immer eine große Lücke zwischen den Platten, in der Regel an die fünf Jahre. Ich würde das gerne anders machen. Aber so haben wir eben die Möglichkeit, andere Dinge zu tun und andere Erfahrungen zu sammeln, die wir dann alle in unsere Band zurückbringen können. Und das ist das Wichtigste. Dadurch wird unsere Band besser. Nein, ich habe mich nicht verloren gefühlt, ich war nur in einer anderen Gegend.

"Wir schreiben nicht irgendwelche Teenie-Popsongs"

Du bist jetzt seit knapp 16 Jahren in der Band. Wie hat sich die Band seitdem verändert?

Als ich mit 21 Jahren in die Band kam, bestand meine Rolle zunächst darin, die Songs zu spielen und alles zu geben, um sie zum Leben zu erwecken. Aber ich wurde sehr schnell Willkommen geheißen und meine Ideen wurden geschätzt. Es ist kein Zufall, dass wir als Individuen in dieser Band sind. Josh wählt nicht wahllos Menschen von der Straße aus. Wir sind eine Gruppe von talentierten Menschen, die sich umeinander kümmern und hart arbeiten wollen, um Kunst zu schaffen. Deshalb funktioniert unsere Zusammenarbeit so gut und deshalb gibt es auch nicht allzu oft Streit. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich älter bin und wir deshalb anders miteinander umgehen. Jeder von uns kann seine Meinung frei äußern. Wenn wir etwas nicht mögen, sagen wir es einfach. Es ist wichtig, ehrlich zu sein. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass jetzt Jon mit dabei ist, aber er ist ja auch schon seit mittlerweile elf Jahren in der Band. Trotzdem ist es erst unser zweites Album, das wir alle zusammen gemacht haben.

Was ist schwieriger als Band: Studio oder Tour?

Das Studio, keine Frage. Klar gibt es auf Tour manchmal schwierige Dinge: Man vermisst sein Zuhause, man ist müde, hat am Vorabend zu viel getrunken, solche Dinge. Aber mal ehrlich: Wie schwer ist das wirklich? Du musst für Leute spielen, die dich sehen wollen und wirst dafür bezahlt, deine Songs zu spielen und um die Welt zu reisen. Im Studio kann es hart sein. Wir wollen schließlich etwas für die Ewigkeit schaffen. Etwas, das dich repräsentiert, einen Teil von dir. Außerdem bin ich sehr zwanghaft, wenn es ums Abmischen geht. Ich höre die Songs tausend Mal an, bis sie fertig sind. Das Texteschreiben ist auch heftig. Josh schreibt sie, und wir helfen, wo wir können. Aber allein diesen Prozess zu beobachten und dabei zu sein ist schon hart. Wir schreiben ja nicht irgendwelche Teenie-Popsongs. Das ist der echte Shit! Dafür braucht es Mumm, Schmerz und gute Ideen.

Ohne jetzt allzu persönlich werden zu wollen: Glaubst du, dass das Schreiben der Texte für Josh diesmal kathartisch war? Den Eindruck bekommt man zumindest, wenn man "Emotion Sickness" hört.

Das müsstest du ihn fragen. Aber abgesehen von persönlichen Angelegenheiten ist diese Platte auch ein Statement über die Welt, in der wir leben. Diese Welt ist seltsam, besonders hier in den Vereinigten Staaten. Wenn man sieht, wie viel Hass und Spaltung in den letzten Jahren aufgekommen ist. In so einer Welt möchte ich nicht leben. Es geht also um das Hier und Jetzt. Es ist Art Diskurs darüber, wie wir die Welt gestalten möchten. 

Die Platte hat aber auch einen ziemlichen Endzeit-Vibe, oder nicht?

Ja, aber das ist einfach nur realistisch. Bald heißt es wohl: Das war's, Dude! Ich bin eigentlich eher ein Optimist, wir alle in der Band sind das. Es läuft aber eben nicht so gut auf unserer Welt. Ich weiß nicht, wann genau sie enden wird, aber ich schätze mal, das wird nicht mehr allzu lange dauern. Und es ist auch kathartisch, mal darüber zu lachen. Auf unseren Platten soll immer ein gewisses Augenzwinkern dabei sein.

Wie siehst du deine Rolle als Bassist, wo siehst du den Bass im Mix?

Das ist eine gute Frage, denn wir haben drei Gitarristen. Also eine ganze Menge Gitarren. Ich denke, dass die Rolle des Basses darin besteht, zu ergänzen und nicht im Weg zu sein. Ich schreibe gerne musikalische Lines. Ich mag das, was James Jamerson für Motown gemacht hat – er reißt alles nieder, McCartney auch. Aber sie sind nie im Weg. Das war immer das Ziel: Den Song auf eine andere Art und Weise mit den tiefen Tönen zu bewegen und zum Grooven zu bringen. Aber nie auf die Art: "Hey, hör mal her, hier bin ich".

Kannst du ein wenig erzählen, welches Equipment ihr verwendet habt?

Ich glaube, die Katze ist diesbezüglich aus dem Sack und es wurde bereits berichtet, dass wir Peavy Decades benutzt haben. Live spiele ich auch Guild Mavericks, ein alter 115-Combo aus den 1970er-Jahren. In Sachen Bass nehme ich das, was der Song verlangt. Auf "Obscenery” habe ich einen Fender Coronado mit Flatwound-Saiten benutzt, weil er diesen hölzernen Sound hat, den ich mag. Manchmal bin ich auch direkt ins Mischpult reingegangen. 

Liege ich richtig mit der Annahme, dass die Band gerne ein wenig Geheimniskrämerei um ihr Equipment wahren möchte? Ich erinnere mich an ein Interview mit Josh aus den späten 1990er-Jahren in einem Gitarrenmagazin, und da wollte er so gut wie gar nichts über sein Pedalboard und seine Amps verraten.

Ja, auf gewisse Art und Weise wollen wir das. Bei all meinen Lieblingsbands mochte ich das Geheimnisvolle. Ich wollte mich richtig reinfuchsen, um herauszufinden, was genau vor sich ging. Heute ist das aber anders geworden, mittlerweile teilt man seine Erfahrungen. Die meisten Leute werden die Dinger sowieso nicht nutzen. Aber beim Peavey Decade war das schon komisch, plötzlich verkauften alle diesen 50-Dollar-Amp für 2000 Dollar.

Das erinnert mich an die Sache mit dem Bad-Monkey-Pedal, das eigentlich ein kaum beachtetes, sehr günstiges Gitarrenpedal war, das dann aber wegen Josh Scotts YouTube-Show plötzlich immens im Preis raufging.

Ach, ich vermisse die Tage, wo man noch wirklich Schnäppchen finden konnte, weil irgendein Typ nicht wusste, was er da daheim stehen hatte. Das gibt es heute nicht mehr.

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