laut.de-Kritik

Das Killerkommando der EBM-Bewegung.

Review von

Fragt Sven Väth, Derrick May, Trent Reznor oder Helena Hauff nach progressiver Tanzmusik aus den 80er Jahren und ihr werdet eher früher als später die Antwort bekommen: Nitzer Ebb. Die Band, schon phonetisch eine Art Killerkommando, rasierte vom verschlafenen Nest Chelmsford in der britischen Grafschaft Essex aus zwischen 1986 und 1990 die Dancefloors mit rüde ballernden Sequencer-Beats, Live-Drumming und militärisch anmutendem Imperativ-Gebrüll.

Ein Rezept, mit dem Douglas McCarthy und Bon Harris musikalisch sicher nicht die ersten waren, das die Pionierarbeit von DAF und Front 242 aber so simpel wie schlau weiterführte: Mehr Krawall, mehr Bass, mehr Shoutings, mehr Schellen. 1987 erblühte dieser Sound im Debütalbum "That Total Age" (5/5) in spektakulärer Form, das einem sprichwörtlich Hören und Sehen verging. Eine Leistung des damaligen Produzenten Phil Harding, der seine Mixing-Meriten schon 1984 im Dead Or Alive-Klassiker "You Spin Me Round (Like a Record)" sowie auf 12"es von Depeche Mode und Erasure andeutete. Wie wichtig Harding für den Drum-Sound von "That Total Age" war, merkte man spätestens, wenn man sich "Basic Pain Procedure" zu Gemüte führte, das Nitzer Ebb-Demo, das vor einigen Jahren erschienen ist (auch sein Burn Mix von "Join In The Chant" kickt heute noch).

Womit wir beim Thema sind: "1982-2010: The Box Set" versammelt erstmals alle fünf Nitzer Ebb-Studioalben, die auf Mute Records erschienen sind, auf Vinyl in einer superedlen Leder-Kartonbox. Selbstverständlich streng limitiert, Heißfolienprägung, Booklet mit O-Tönen der Protagonisten und pipapo. Wir sprechen von "That Total Age" (1987), "Belief" (1989), "Showtime" (1990), "Ebbhead" (1991) und "Big Hit" (1995), was eigentlich kaum der Rede wert ist, denn diese Box wurde sowieso ausschließlich angefertigt für Menschen, die auswendig wissen, bei welcher Pop-Legende Nitzer Ebb 1988 und 1990 im Vorprogramm abhusten durften. Ähnlich wie Johnny Cashs "Unearthed"-Box ist auch dieses Vinylpaket sündhaft teuer und eine Art Vermächtnis und zwar von jener Band, ohne die Techno heute womöglich ein Rechtschreibfehler wäre.

In der Box lagern fünf Doppelvinyls, denn jedem Studioalbum wurden auf einer zweiten Scheibe noch die stilprägenden 12"-Remixes der entsprechenden Ära beigelegt. Die im Titel angegebenen Jahrgänge 1982 und 2010 beziehen sich darauf, dass "Basic Pain Prodecure" sowie das 2010er Comeback "Industrial Complex" im Gegensatz zum Rest heute noch auf Vinyl erhältlich sind und daher separat gekauft werden müssen. Ein Detail, das man spitzfindig nennen kann, aber ganz ehrlich, die Box ist teuer genug und die wichtigsten NE-Alben sowieso dabei.

Außerdem machte "Basic Pain Procedure" 2013 schnell klar, warum Nitzer Ebb es in den 80ern nicht veröffentlichten. Es zeigt eine Band auf holpriger Identitätssuche, und allein der Track "Crane" schaffte es später auf "So Bright, So Strong". Mehr braucht man dazu weder wissen noch hören. 2019 steht der Name Nitzer Ebb plötzlich wieder auf Festivalplakaten und was soll ich sagen: Natürlich gönnt man den Mit-Erfindern des Genres EBM jede Sekunde späten Ruhm, quasi als Entschädigung für das Ende 1995, als sich die Band desillusioniert trennte. Aber der Reihe nach.

1987 war noch alles perfekt: "That Total Age", der Meilenstein der Electronic Body Music-Bewegung, beinhaltet die Szene-Hits "Murderous", "Let Your Body Learn" und "Join In The Chant". Die drei Aggro-Bretter dienen auch als Paradebeispiele für den von DAF übernommenen Körperkult, den man ins Extreme steigert: McCarthy verwendete nicht nur in jedem zweiten Songtext das Wort "body", auf der Bühne fabrizierte er praktisch einen Workout vor Publikum. Mit der Grafik entfernten sich Nitzer Ebb von Vorbildern und wählten eine reduzierte Ästhetik mit den Coverfarben Schwarz, Grau und Rot, die den kompromisslosen Sound symbolisierten und totalitäre Regime herauf beschwörten. Hinzu kamen Anklänge an den Konstruktivismus.

Das zweite Album "Belief" (5/5) fuhr Anfang 1989 schon einen Gang zurück, das Songwriting wirkte ausgereifter und mit Flood saß ein junger Produzent im Boot, der die rohe Energie der Band zugänglicher machte. Ein Jahr später gelang ihm auf Depeche Modes "Violator" sein Meisterstück. Auf deren "Music For The Masses"-Tour durften Nitzer Ebb 1988 erstmals den Support geben, ein ungeheurer Popularitätsboost. Mit Remixes von "Shame" und "Captivate" tobte sich der damals noch unbekannte Madonna-Produzent William Orbit aus.

1990 holten Nitzer Ebb zum großen Schlag aus: Mit "Lightning Man", "Getting Closer" und "Fun To Be Had" hatten sie drei exzellente Singles von "Showtime" (4/5) am Start, George Clinton ließ sich als Remixer für "Fun To Be Had" breitschlagen und die plötzlich zur Stadionband mutierten Depeche Mode holten sie nach Amerika auf Bühnen vor bis zu 50.000 Menschen, kurz: die Sterne standen verdammt gut. Doch 1990/91 begann eine Zeitenwende: Während Gitarrenbands von Seattle einfach links überholt wurden, mussten Elektro-Acts damit klarkommen, dass Chicago House und Detroit Techno eventuell doch keine vorübergehenden Modeerscheinungen gewesen sind. Oder wie es Session-Keyboarder Jean-Marc Lederman (Fad Gadget, The The) formulierte: "Als "Pretty Hate Machine" von Nine Inch Nails erschien, war das Ende von EBM besiegelt."

Vielleicht hatten Nitzer Ebb den Braten schon gerochen, denn auch sie wollten 1991 weg von ihrer EBM-Posterboy-Rolle. Doch die Art und Weise misslang zumindest kommerziell. Das vierte Album "Ebbhead" (3/5) hatte nicht nur das hässlichste Cover ihrer Bandgeschichte, Nitzer Ebb versuchten sich plötzlich auch an einem Crossover mit Gitarren, ein radikaler Bruch mit der Selbstdefinition ihrer Band. Dass sie mit Depeche Mode-Keyboarder Alan Wilder einen Melodien- und Sound-Fachmann als Produzent an ihrer Seite hatten, merkte man am atmosphärischen Standout-Track "Come Alive", der allerdings auf einer Maxi verramscht wurde ("As Is", ebenfalls enthalten).

"Ebbhead" selbst hatte den ein oder anderen Höhepunkt wie die mit Streichern aufgenommene Ballade "I Give To You", die die Zielgruppe aber so derart mit Ansage verfehlte wie das pissgelbe Cover. Jaz Coleman von den NE-Idolen Killing Joke mixte "Family Man", das offensichtlichste Zugeständnis an die Freunde alter Nitzer-Shoutalongs.

Ob "Big Hit" (2/5) im Jahr 1995 als Titel schon ironisch gemeint war, wissen wohl nur Harris und McCarthy. Noch songorientierter, noch alternativerockiger, noch gesichtsloser - niemand erkannte Nitzer Ebb mehr und längst machte sich auch niemand mehr die Mühe. Trent Reznor hatte sein "Downward Spiral"-Netz bereits ausgeworfen und darin zappelten alle von Teenage Angst und Frustration getriebenen Electronic-/Industrial-Fans. Auch Front 242 hatten Mitte der 90er Jahre nichts mehr zu sagen, EBM war nicht mehr der härteste Sound around.

Von Essex bis Los Angeles, wo Bon Harris sesshaft wurde und u.a. die Smashing Pumpkins produzierte, war es ein langer Weg, den "1982-2010 - The Box" schön nachzeichnet. Für die nötigen Nostalgia-Flashs sorgen Anekdoten im Booklet: "Highlights der Tour mit Depeche Mode 1990: Soundpanne im Giants Stadium vor 75.000 Zuschauern und U2 in der VIP-Loge."

Trackliste

  1. 1. That Total Age (Album + Remixes)
  2. 2. Belief (Album + Remixes)
  3. 3. Showtime (Album + Remixes)
  4. 4. Ebbhead (Album + Remixes)
  5. 5. Big Hit (Album + Remixes)

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3 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 2 Jahren

    schöner text. empfinde ich fast genauso. besonders die mute-achen sind natürlich essentieller stoff. aber den begriff des killerkommandos kann ich für sie nicht über die lippen bringen. der titel gebührt auf ewig bressanutti, de meyer und dem rest der front.

    die ebbs waren aus meiner sicht nie so eisig wie the klinik, so tough wie front 242, so kaputt wie die frühen tommi stumpff-sachen oder so rockend wie die kruppssche weiterentwicklung. aber sie haben diesen gewissen unverkennbaren kniff, der sie zur britischen speerspitze dieser richtung macht.

  • Vor 2 Jahren

    Hab sie live gesehen im Kaufleuten Zürich und die haben alles weggeblasen. Eine Tanzorgie sondergleichen, Front 242 war lahm dagegen.

  • Vor 2 Jahren

    Der Begriff "Killerkommando" passt bei keiner EBM-Band besser als bei Nitzer ebb. Niemand hatte einen derart energiegeladenen und aggressiven Sound. Hab mir gestern gleich mal die Total age gegeben. Was für ein Brett!!!