laut.de-Kritik

Ironie, Konsumkritik und eine gehörige Portion Wut im Bauch.

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Der ewig Totgesagte erfreut sich bester Gesundheit. Träge fläzt er vor der Shishabar, streichelt zufrieden über das Wohlstandsbäuchlein, dass sich neuerdings recht deutlich unter dem PSG-Trikot abzeichnet und zieht ein weiteres Mal genüsslich an der Pfeife (Geschmacksrichtung "Cherry Cherry Lady"). Noch während er den Rauch wieder auspustet, greift er - nicht zum ersten Mal an diesem Abend - sein Handy aus der Gucci-Bauchtasche, um sich zu vergewissern, dass es wirklich sein eigenes Antlitz ist, dass ihm da vom Cover der "Modus Mio"-Playlist entgegenblickt.

Manchmal möchte man deutschen Hip-Hop am liebsten mit seinen eigenen Premium-Boxen bewerfen. Wenn wieder zahnlos für die Spotify-Listen produziert wird, wenn wieder plumper Markenfetischismus verherrlicht wird, wenn wieder kleine Kinder um Streams angebettelt werden. Doch bevor man am erklärten Lieblingsgenre verzweifelt, lohnt es sich, einmal tief durchzuatmen und das Mantra des Nepumuks vor sich her zu seufzen: "Rap Ist Nicht Tot, Er Riecht Nur Modisch".

Es geht ja schließlich auch anders. Wer sich von Schlager-Rappern und dem drölfzigtausendsten Afrotrap-Aufguss nicht verbittern lässt, den Blick ein wenig schweifen lässt, der wird erkennen: Die Szene ist im Jahr 2019 nicht nur so erfolgreich, sondern wohl auch so vielseitig wie nie. Hinter der satten, ersten Reihe bringt sich eine breite Riege an wachen und hungrigen Künstlern in Stellung, und in allen Ecken Deutschlands lassen sich mittlerweile interessante Labels finden, die Heimat für intelligenten, witzigen und bissigen Rap sind.

Auch die absolute Dominanz der Hochburgen Frankfurt, Berlin und Hamburg scheint gebrochen. Hatte etwa Rheinland-Pfalz bisher in der öffentlichen Wahrnehmung den Status des Hip-Hop-Entwicklungslands, hat sich in der Landeshauptstadt Mainz seit einigen Jahren die Sichtexot-Crew zu einem der interessantesten Label des Landes entwickelt.

Neben Exoten mit Hasenmaske und Kopfnickergaranten hat sich vor allem der Nepumuk (aka. Knowsum) zu einem der Zugpferde des Labels entwickelt. Nachdem er Anfang des Jahres eine sehr hörenswerte EP gemeinsam mit Galv produzierte, holt der Wiesbadener nun zum Rundumschlag aus. Wie auch als Teil des Duos Luk & Fil setzt er dabei vor allem auf die bewährte Kombination von jazzigen Beats und um die Ecke gedachten Texten. Neben Ironie und Konsumkritik bringt er diesmal allerdings eine gehörige Portion Wut im Bauch mit.

Wut auf die Heuchelei im deutschen Rap und Wut auf die Stangenware, mit denen sich viele Fans abspeisen lassen. "So tun als ob ist ein gut bezahlter Job" muss der Nepumuk feststellen, und "Täter spielen Opfer in piekfeiner Kleidung". Von Resignation kann allerdings keine Rede sein. Vielmehr durchzieht seine Anklage des Status quo im Deutschrap die Hoffnung, dass die Zeit alle Hypes heilt und einfallslose Moderapper abstraft: "Wo der Wert sinkt und der Preis steigt, geht die Rechnung auf deine Lacoste-Kappe".

Der durchschimmernde Optimismus ist es auch, der verhindert, dass die spitze, pointierte Gesellschaftskritik von Tracks wie "Kauf" ins Verbitterte abgleitet. Dazu trägt auch die handverlesene, sommerlich entspannte Untermalung bei. Die in letzter Zeit arg beanspruchte Hi-Hat bekommt eine Pause und statt den Migos und Konsorten stehen die Altmeister Madlib und MF Doom Pate.

Auch die Gäste sind sorgsam gewählt. "Halbbruder" Retrogott und Partner in Crime Negroman fügen sich ebenso organisch ins Gesamtbild ein wie Labelpartner eloQuent und der 'Udo Lindenberg des Deutschrap', VW Kafka. Mit dem wagt der Nepumuk den Ausflug in die "Disko". Ein bisschen Eskapismus muss schließlich sein und immerhin ist "Für Ein Breiteres Publikum" immer noch der "Versuch eines Hybrids aus Verstand und Triebe".

Der Track erweist sich als willkommener Ausbruch nach vorne aus den zwar stimmigen, aber musikalisch teils sehr rückwärtsgewandten Jazz-Instrumentals. Am Sound der Zukunft wird hier nicht gerade gefeilt. Dafür werden Freunde jazziger Oldschoolbeats ebenso fündig, wie Liebhaber des um die Ecke gedachten Wortspiels. Um es mit den Worten des Nepumuk zu sagen: "Kauf"! Zusätzlich gibt es statt schlecht verarbeiteter Rucksäcke die "What The Funk EP" mit zehn zusätzlichen Tracks als Dreingabe.

Entspannt zurückgelehnt, setzt der Nepumuk an zu seinen messerscharfen Beobachtungen. So sympathisch und reflektiert wie er sich auf Album und EP präsentiert, wünscht man ihm das angepeilte breitere Publikum in jedem Fall. Selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, weiß er allerdings längst, dass Wert und Wertschätzung von Musik sich nicht in Zahlen messen lassen. Die Gesichter der eingangs erwähnten ersten Reihe mögen zwar die Cover der Spotify-Playlists schmücken, trotzdem haben sie "keine Fans, sondern Kunden".

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Kauf
  3. 3. Deppen
  4. 4. Rap Ist Nicht Tot, Er Riecht Nur Modisch
  5. 5. Stars
  6. 6. Zug
  7. 7. Disko
  8. 8. Cocktailbar
  9. 9. Halluzination
  10. 10. Internet
  11. 11. Fensterrecht
  12. 12. Halbbruder
  13. 13. Hollywood
  14. 14. Wellblechdach
  15. 15. Frequenzen
  16. 16. Outro

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