Porträt

laut.de-Biographie

Madlib

Dass es ein Produzent aus dem Schatten des MCs schafft, ist im Hip Hop auch heute noch eine Seltenheit. Einer der ganz wenigen Superstars der Beatszene ist Otis Jackson Jr, besser bekannt als Madlib.

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Ausnahmekünstler, "Beatmaster" oder Plattenmagier. Dem Kalifornier könnte man viele Labels anheften. Man kann aber auch einfach die Musik für sich sprechen lassen. Vermutlich wäre das auch Madlib selbst am liebsten. Denn der Mann ist ein bescheidener und ziemlich öffentlichkeitsscheuer Zeitgenosse. Wer sich eines der seltenen Interviews mit Madlib anguckt, der sieht, wie unwohl er sich in solchen Momenten fühlt. Schüchtern sitzt der Starproduzent dann da und bekommt die Zähne kaum auseinander. Das Rampenlicht ist nicht seine Welt und die Starallüren eines Kanye West liegen dem 1973 in Oxnard geborenen Madlib gänzlich fern. Was die beiden verbindet ist, neben einem gemeinsamen Track, lediglich der Status als zwei der größten Produzenten des 21. Jahrhunderts.

Dass sich Otis Jackson Jr. der Musik zuwenden würde, war bei der Familie eigentlich kaum zu vermeiden. Beide Eltern sind als Berufsmusiker aktiv; die Mutter ist Pianistin, der Vater Soul-Sänger. Onkel John Faddis wiederum spielt Trompete für Jazz-Größen wie Dizzy Gillespie und Charles Mingus. Die musikalische Familie komplettiert Madlibs jüngerer Bruder Oh No. Dieser tritt, als eine Hälfte des Duos Gangrene, ebenfalls als Produzent und Rapper in Erscheinung.

Papa Jackson nimmt den kleinen Otis dann auch gerne mal ins Studio mit, wo dieser bereits dadurch auffällt, dass er mit Vorliebe an den Reglern spielt. Macht die Techniker im Studio wahnsinnig, zeigt aber schon deutlich wohin die Reise gehen wird. Großen Einfluss hat auch die heimische Jazz-Plattensammlung. Dem Genre bleibt er bis heute verbunden, trotzdem tendiert er lieber erstmal in Richtung Hip Hop. Als Teil der Gruppe Lootpack macht er das erste Mal von sich reden. Für das neue Jahrtausend kündigt er 2000 dann die "Madlib Invazion" an.

Und die lässt sich kaum leugnen. Für das legendäre Jazz-Label Blue Note veröffentlicht er 2003 das Album Shades of Blue. So smooth klingt es, wenn man Madlib in die eigenen Studios einlädt, um sich einmal durch die reich gefüllte Vorratskammer zu samplen. Wenn er sich nicht durch alte Klassiker wühlt, ist Madlib gerne auch mal seine eigene Jazzband. Unter Namen wie "Yesterdays New Quintet" veröffentlicht er dann Alben, auf denen er alle Instrumente selbst einspielt. "Angles Without Edges", 2001 erschienen, ist das vielleicht bekannteste Beispiel.

Madlib ist jedoch nicht nur Produzent und Multiinstrumentalist, sondern tritt auch als Rapper in Erscheinung. Seine von Natur aus sehr tiefe Stimme bringt ihm bei Freunden den Spitznamen „Hip Hop's Barry White“ ein. Ihm selbst klingt sie jedoch zu gewöhnlich. Deshalb beginnt Madlib seine Stimme hochzupitchen und erschafft so bereits Ende der 90er das dauer-bekiffte Alter Ego Quasimoto. Unter diesem Künstlernamen veröffentlicht der Kalifornier drei Alben, zuletzt das großartige Yessir Whatever. Immer wieder hat Quasimoto seit Lootpack-Zeiten auch 'Gastauftritte' auf anderen Alben des Künstlers. Was als Gimmick beginnt, findet nicht nur Fans, sondern sogar Nachahmer. Hierzulande adaptiert der Rostocker Rapper Marteria Madlibs Idee für seine Zwecke und erschafft, zunächst nur als Hommage, die Kunstfigur Marsimoto.

Meist noch besser als solo ist Madlib als Teamplayer auf seinen Kollaborationen. Mit dem ebenfalls legendären, viel zu früh verstorbenen Jay Dilla schließt sich Madlib 2003 zum Produzenten-Superduo Jaylib zusammen. Und wenn das Ergebnis so klingt, dann kann man das gemeinsame Album auch Champion Sound nennen, ohne besonders vermessen zu klingen. Größtenteils kommt das Duo auf dem Album ohne Gastrapper aus - können sie schließlich beide auch selbst.

Im folgenden Jahr veröffentlicht Madlib zusammen mit Superschurke MF Doom einen weiteren - vermutlich noch größeren - Klassiker. Das so geniale wie verschickte Madvillainy gilt vielen Hip-Hop Fans als eines der besten Alben der 2000er. Wenn man Madlib Glauben schenken darf, besteht der Produktionsprozess vor allem daraus, gemeinsam abzuhängen, Shrooms zu konsumieren und in rauhen Mengen zu kiffen. In einem Anfall spontaner Kreativität entsteht ein Großteil der Beats in einem Hotelzimmer in São Paolo. Es versteht sich von selbst, dass Quasimoto auf einem derart trippigen Album nicht fehlen darf.

Freddie Gibbs & Madlib - Piñata
Freddie Gibbs & Madlib Piñata
Das rauste und beste Rap-Album des noch jungen Jahres.
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Auch in der Szene selbst besitzt "Madvillainy" Legendenstatus. Die Liste der Rapper, die das Album zu ihren Lieblingsplatten zählen ist lang. Earl Sweatshirt vergleicht es, was den Einfluss angeht, mit dem, was "Enter the Wu-Tang", für die vorherige Generation war. Auf einen Nachfolger warten Fans bis heute. Und nicht nur die. 2008 bringt Madlib mit "Madvillainy 2" ein Remix-Album auf den Markt. Nach eigenen Angaben sein Versuch Doom einen echten Nachfolger schmackhaft zu werden. Aber der bleibt hart.

Die Zusammenarbeit mit Straßenrapper Freddie Gibbs stellt ein weiteres Highlight seiner Karriere dar. Das 2014 erschienene Piñata bündelt die Stärken der so unterschiedlichen Charaktere und stellt das vielleicht beste Hip-Hop Album des Jahres dar. Zusammen mit Blu und M.E.D., mit dem er seit Lootpack Zeiten immer wieder zusammenarbeitet, veröffentlicht er im kommenden Jahr "Bad Neighbor". Auch mit Mac Miller, der auf dem letzten Track auf Piñata vorbeischaut, arbeitet Madlib zusammen. Zu einem gemeinsamen Album kommt es leider nicht mehr.

Was Madlib auszeichnet ist auch seine Offenheit für Einflüsse verschiedenster Art. Die Beat-Kondukta Reihe zeigt deutlich Madlibs4 Vielschichtigkeit und seine nie versiegende Kreativität, was die Beschaffung von Samples angeht. Beat Kondukta Vol 1 & 2 nimmt sich Soul auf der einen Seite an, zitiert jedoch auch zahlreiche Hollywoodfilme. Mit Vol 3 & 4 bereist Madlib den fernen Osten und samplet sich einmal quer durch Bollywood. Auf Vol 5 & 6 wiederum erinnert er sich einmal mehr an die musikalische Früherziehung und lässt sich hauptsächlich von Jazz inspirieren.

Feststeht: Wo Madlib draufsteht - oder eben auch nicht - da kann man zumindest erwartungsvoll sein. Seit den Beginnen Ende der 90er hat sich der Name fast schon zu einem Gütesiegel entwickelt. Der Mann ist und bleibt ein jazzaffiner Nerd, ein Tüftler, ein unermüdlicher Schatzsucher. Was die Kreativität seiner Samples betrifft, kann ihm so schnell keiner das Wasser reichen. Der Produzent denkt außerhalb der Box und wagt den Blick dabei auch aus den Vereinigten Staaten heraus. Welcher andere amerikanische Produzent kennt sich wohl ähnlich gut mit brasilanischer oder indischer Musik aus?

Auch die deutsche HipHop Szene würde ohne Madlib um einiges ärmer klingen. Nicht nur, dass es den dauerbekifften grünen Indianer nicht gäbe. Für Musiker wie Dexter ist Madlib schlicht der bedeutendste Hip Hop Produzent, den es je gab. Und das große Vorbild sowieso: „Es gibt ja durchaus Leute, die sagen, ich hätte eine gewisse Zeit lang nur Madlib kopiert. Ganz so drastisch würde ich es jetzt nicht sehen, aber er ist sicherlich eine der Hauptinspirationsquellen gewesen.“ Gerade was Selbstverständnis und Sound der Produzenten angeht, müsste man dem Kalifornier hierzulande eigentlich ein Denkmal errichten.

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Freddie Gibbs & Madlib - Piñata: Album-Cover
  • Leserwertung: 5 Punkt
  • Redaktionswertung: 5 Punkte

2014 Piñata

Kritik von David Maurer

Das rauste und beste Rap-Album des noch jungen Jahres. (0 Kommentare)

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    Daheim präsentiert es sich immer noch am besten.

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