laut.de-Kritik

Ausschweifende Veröffentlichungs-Orgie.

Review von

Metallica vollendeten 1991 mit ihrem selbstbetitelten Album ihre Transformation vom Thrashmetal-Act zur größten Metalband des Planeten. Mit dem sogenannten "Black Album", das sich mehr als 30 Millionen Mal verkaufte, stießen Metallica endgültig die Tür zum Mainstream auf. James Hetfield und Co. bedienten nicht nur Kutten-, sondern auch Bank-Angestellte sowie Anzugträger. Das 30-jährige Jubiläum dieses epochalen Werkes feiert die Band mit einer fast schon ausschweifenden Veröffentlichungs-Orgie. Da wäre zunächst die remasterte Neuauflage auf allen gängigen Tonträgerformaten.

Wie schon bei den vier Vorgängeralben werden Hardcore-Fans zudem mit einem prall gefüllten Deluxe-Box-Set angelockt. Herauszuheben ist freilich "The Metallica Blacklist"-Coveralbum. Auf diesem haben sich 53 Künstler aus den unterschiedlichsten Genres versammelt, um Stücke des Black Albums auf ihre Art zu interpretieren. Dass sich darauf Stars aus der Popwelt wie Miley Cyrus oder Elton John befinden, zeigt einmal mehr, welchen Stellenwert Metallica über die Metal-Grenzen hinaus besitzen.

Mit dem Black Album verabschiedete sich die Band endgültig vom Thrash. Dennoch ließ sich damals ein Gros der Metalszene darauf ein. Eine gewisse Wut und Aggressivität ist immer noch in der Musik zu spüren. Das liegt an hart zuschlagenden Stücken wie "The Struggle Within", "Through The Never" oder "Don't Tread On Me". Gitarrist Kirk Hammett serviert immer noch schneidende Riffs, und Sänger Hetfield grölt und röhrt in bester Headbangerart bei den Stadionrockern "Sad But True" und "Holier Than Thou". Produzent Bob Rock veredelte seinerzeit den Longplayer mit einem herausragend druckvollen Sound (vor allem beim Schlagzeug), der selbst die hartgesottenen Fans der ersten Stunde zu überzeugen wusste. Auch die remasterte Version gefällt mit ihrem satten Klang.

Die größte stilistische Innovation vollbrachten Metallica mit den majestätischen Powerballaden "The Unforgiven" und den Überhits "Enter Sandman" und "Nothing Else Matters". Bei Letzterem kommt Hetfields sensible Seite zum Vorschein.

Auf dem opulenten Coveralbum "The Metallica Blacklist" befinden sich nur eine handvoll Songs, die als Metal oder harter Rock durchgehen würden. Ghost versuchen sich wie auch Weezer an "Enter Sandman". Beide Versionen kommen etwas schlapp daher. Was vor allem am dünnen Gesang liegt. Royal Blood mit "Sad Bad True" und "Holier Than Thou" von Slipknot-Sänger Corey Taylor klingen schon knackiger, bewegen sich aber nah am Original. Punkig geht es bei Pup und Off! zu, der Band um den Circle Jerks-Sänger Keith Morris. Die Emo-Punker Idles interpretieren "The God That Failed" krachig und monoton – das Original ist kaum zu erkennen.

Ansonsten spannt sich das musikalische Spektrum von Country über Jazz und Hip Hop und Folk bis hin zu Electronica. Diese genrefremden Versionen verpassen den Metallica-Songs eine ganz neue und frische Note. Einige Hörer werden eher von dekonstruierten Liedern sprechen. Wie auch immer: Die meisten Metalfans werden wenig damit anfangen können.

St. Vincents "Sad But True" lässt sich als Glam-Funk-Disco-Song beschreiben. Moses Sumney verpasst "The Unforgiven" eine luftige Soul-Pop-Note. Miley Cyrus' Allstar-Ensemble um Elton John, Red Hot Chili Peppers-Drummer Chad Smith und anderen ergibt da schon mehr Sinn. Deren "Nothing Else Matters" erzeugt gar den einen oder anderen Gänsehaut-Moment. Die französische Sängerin Izïa vermag dies mit ihrer Umwandlung von "My Friend Of Misery" jedoch nicht.

Richtig cool geraten ist dagegen der Beitrag des US-amerikanischer Tenorsaxophonist Kamasi Washington zum selben Stück. Wer auf Jazz steht, kommt hier voll auf seine Kosten. Der Reggaeton-Hitmaker J. Balvin agiert bei seiner Version von "Wherever I May Roam" so halbherzig, dass man glauben könnte, es handelt sich lediglich um eine Demoversion. Flatbush Zombies elektronische Rap-Variante von "The Unforgiven" ist da von einem ganz anderen Kaliber.

Und so geht es fröhlich weiter mit dem musikalischen Gemischtwarenladen. Dem Hörer wird einiges abverlangt. Ob es eine gute Idee war, zwölfmal hintereinander "Nothing Else Matters" oder sieben Mal "Sad But True" auf das Album zu packen, sei mal dahingestellt. Die Meinungen zu diesem ungewöhnlichen Coveralbum werden genauso auseinander gehen wie einst bei Metallicas Kollaboration mit Lou Reed bei "Lulu" von 2011.

Die Sammler-Box ist dagegen über jeden Zweifel erhaben und lässt mal wieder keine Wünsche offen. In dieser Schatztruhe befinden sich ein Doppelvinyl des Black Albums, eine "Sad But True"-Picture-Disc, drei Live-Vinyls, schlappe vierzehn CDs, sechs DVDs mit unveröffentlichtem Material, vier Tourpässe, ein Schlüsselband, drei Plektren, ein Textordner und ein 120-seitiges Buch. Lobend zu erwähnen ist, dass die Einnahmen aus sämtlichen Albumverkäufen, Downloads und Streams an die 2017 von der Band selbst gegründete "All Within My Hands"-Stiftung sowie über 50 weitere Wohltätigkeitsorganisationen gehen.

Trackliste

  1. 1. Enter Sandman – Alessia Cara & The Warning
  2. 2. Enter Sandman – Mac DeMarco
  3. 3. Enter Sandman – Ghost
  4. 4. Enter Sandman – Juanes
  5. 5. Enter Sandman – Rina Sawayama
  6. 6. Enter Sandman – Weezer
  7. 7. Sad But True (Live) – Sam Fender
  8. 8. Sad But True – Jason Isbell and the 400 Unit
  9. 9. Sad But True – Mexican Institute of Sound feat. La Perla & Gera MX
  10. 10. Sad But True – Royal Blood
  11. 11. Sad But True – St. Vincent
  12. 12. Sad But True – White Reaper
  13. 13. Sad But True – YB
  14. 14. Holier Than Thou – Biffy Clyro
  15. 15. Holier Than Thou – The Chats
  16. 16. Holier Than Thou – OFF!
  17. 17. Holier Than Thou – PUP
  18. 18. Holier Than Thou – Corey Taylor
  19. 19. The Unforgiven – Cage The Elephant
  20. 20. The Unforgiven – Vishal Dadlani, DIVINE, Shor Police
  21. 21. The Unforgiven – Diet Cig
  22. 22. The Unforgiven – Flatbush Zombies feat. DJ Scratch
  23. 23. The Unforgiven – Ha*Ash
  24. 24. The Unforgiven - José Madero
  25. 25. The Unforgiven – Moses Sumney
  26. 26. Wherever I May Roam – J Balvin
  27. 27. Wherever I May Roam – Chase & Status feat. BackRoad Gee
  28. 28. Wherever I May Roam – The Neptunes
  29. 29. Wherever I May Roam – Jon Pardi
  30. 30. Don’t Tread on Else Matters - SebastiAn
  31. 31. Don’t Tread on Me – Portugal. The Man
  32. 32. Don’t Tread on Me – Volbeat
  33. 33. Through the Never – The HU
  34. 34. Through the Never - Tomi Owó
  35. 35. Nothing Else Matters – Phoebe Bridgers
  36. 36. Nothing Else Matters – Miley Cyrus feat WATT, Elton John, Yo-Yo Ma, Robert Trujillo, Chad Smith
  37. 37. Nothing Else Matters - Dave Gahan
  38. 38. Nothing Else Matters – Mickey Guyton
  39. 39. Nothing Else Matters – Dermot Kennedy
  40. 40. Nothing Else Matters – Mon Laferte
  41. 41. Nothing Else Matters – Igor Levit
  42. 42. Nothing Else Matters – My Morning Jacket
  43. 43. Nothing Else Matters – PG Roxette
  44. 44. Nothing Else Matters – Darius Rucker
  45. 45. Nothing Else Matters – Chris Stapleton
  46. 46. Nothing Else Matters – TRESOR Of Wolf and Man – Goodnight, Texas
  47. 47. The God That Failed – IDLES
  48. 48. The God That Failed – Imelda May
  49. 49. My Friend of Misery – Cherry Glazerr
  50. 50. My Friend of Misery – Izïa
  51. 51. My Friend of Misery – Kamasi Washington
  52. 52. The Struggle Within – Rodrigo y Gabriela

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7 Kommentare mit 24 Antworten

  • Vor 3 Tagen

    Wie einige schon erwähnten, der Anfang vom Ende Metallicas und wer braucht eigentlich solche Remasters ? Das ganze dann zu einem Mondpreis und natürlich in streng limitierter super Sammlerausgabe. Der Sound des Originals war damals schon top, werde mir das Coveralbum downloaden und bei gefallen im November als Vinyl kaufen ,alles andere braucht eigentlich niemand.

    • Vor 3 Tagen

      Hast recht, ist reichlich übertrieben, diese Sache mit diesen Megaboxen mit 75 Tonträgern, 35 Postkarten, 12 Lanyards mit 23 Backstagepässen, einer Krawattennadel, 24 Kühlschrankmagneten, 6 Shotgläsern, einem Paar Socken, einem Geodreieck und fünf Postern und 10 DVDs bzw. BluRays...

      Für so was habe ich weder die Kohle noch den Platz.

    • Vor 3 Tagen

      Diese Fan-Packs sind vor allem für die Platzierung in den Charts relevant, weil die Zahlen seit der unumgehbaren Popularität des Streamings nicht mehr auf die Anzahl verkaufter Tonträger gerichtet sind, sondern auch den Gesamtumsatz der Platten irgendwie mit einbeziehen. Der ist nunmal höher, wenn man lauter unnützen Scheiß dazupackt und es dann für einen ungleich höheren Preis weiterverhökert. Diese Taktik haben bis vor ein paar Jahren Deutschrapper massiv gehabt und sind wegen dem schlechten Merchandising in den Boxen zurecht als Idioten angeprangert worden.
      Die Remasterplatten sind übrigens manchmal sinnvoll - vor einer Weile kam ein Remaster von REMs "Monster" raus, auf dem man viele Songs das erste mal richtig verstanden hat, weil das Mastering damals ziemlich beschissen war. Ich glaube, Metallica hatte dieses Problem aber nie.

    • Vor 2 Tagen

      "Ich glaube, Metallica hatte dieses Problem aber nie."
      ...and Justice for All....

    • Vor einem Tag

      Ja gut, ich überspitze das mal ein wenig und sage, dass Du halt nur mastern kannst, was Du vorher auch aufgenommen hast. Wenn das saiteninstrumental bassivste dabei die beiden tiefen E-Saiten der Gitarristen waren dann klingt das eben so. :)

      Wahrscheinlich haben James und Lars ohne es zu wissen mit Robert jemanden im Boot, der im Falle eines AJFA-Remasterplans mit unglaublicher Begeisterung nochmal Note für Note am Bass neu (ähm, erstmals meinte ich) aufnehmen oder gar vorher frisch dazu komponieren würde, wenn sie ihn ließen.

    • Vor 18 Stunden

      Death magnetic ist doch das Musterbeispiel für schlechtes Mastering.

  • Vor 2 Tagen

    Soviel Zeit hab ich gar nicht, das alles komplett zu hören. Das Black Album steht hier auch seit >20 Jahren ungeliebt und ungehört im Schrank. Da bleibt es auch.

    Ich warte weiter auf ne Bass-Version der AJFA auf Vinyl. Kommt vermutlich zeitgleich mit Tool-Vinyl-Reissues.

    • Vor 2 Tagen

      Um dir die Enttäuschung zu ersparen - es wird niemals ein offizielles Remaster von AJFA geben auf welchem Newsteds Bass hörbar sein wird. Niemals. Nicht morgen, nicht nächstes Jahr auch nicht am nächsten Jubiläum der Platte und auch nicht in 100 Jahren - denn das würde bedeuten, dass Ulrich zugeben müsste, dass seine Anweisung beim finalen Mixing den Bass runterzudrehen möglicherweise doch nicht ganz richtig war und eher wird die Hölle zufrieren bevor das passiert. Von daher gib es auf. Kleiner Trost: Die Fan Remixes der Platte (auf Youtube) sind gar nicht mal so schlecht.

    • Vor einem Tag

      Das weiß ich doch alles, deswegen auch der Vergleich mit Tool, die ihre Alben vermutlich auch aus Trotz niemals nicht auf Vinyl veröffentlichen werden ;).

    • Vor einem Tag

      "Tool-Vinyl-Reissues"

      Diesbezüglich fehlt aktuell nur noch die Ænima, die in 2 Wochen 25. Geburtstag hat. In der EU gibt's auch paar neuere Vinyl-Bootlegs von ihr, aber die US-amerikanische Originalauflage in Vinyl von Zoo Records 1996 bleibt das Maß der Dinge.

      Alles andere von TOOL (mal abzüglich Specials wie "Salival") bekommst du inzwischen högschd offiziell als lizensierten Vinyl-Reissue mit etwas Glück sogar im Elektronik- und Medienmarkenfachmarkt deiner Stadt. Mich hat's vor ca. 3 Jahren auch ordentlich aus den Schuhen geknockt, als ich wegen was anderem kurzfristig zu Blödiamarkt musste und in deren revitalisiertem Vinylabteil standen in einem eigenen Fach für Tool(!) mehrere Exemplare der Undertow und der Opiate EP-Reissues(!!).

  • Vor 2 Tagen

    Ganz genau And Justice For All ist das Metallica Album das eigentlich dringend ein Remaster brauchen würde, Jason Newstet ist zwar auf dem Cover abgebildet nur nur zu hören ist er nicht einfach gruselig.