laut.de-Kritik

Pfiffige und beeindruckende Enzyklopädie der Offbeat-Stile.

Review von

Ältere Semester kennen die in Deutschland wohnende Marla Glen aus den 90ern. Die Musikerin mit maskuliner, rauchiger Stimme erlebte einen schnellen Hype und baldigen Sturz. Ihr Debütalbum wurde gefeiert. Aber keine Platte reichte an die erste heran. Die Releases wurden seltener, und es ging unterm Strich meist um sie als Person, das Spiel mit Gender-Klischees: Sie sieht recht männlich aus, ist lesbisch und klingt wie ein Sänger. Der zweite Punkt, der 'outstanding' war und Marla ins Gespräch brachte, war das Spiel mit Moderne und Tradition. Sie machte Blues, als er out war. Dann kam beides zusammen: Eine bekannte Frau im Blues gab es nicht, man schrieb das Zeitalter vor Beth Hart.

Nun legt Marla Glen erstmals wieder eine Platte vor, die wegen ihrer Qualität auffällt. Nach dem Hören bleibt vieles im Ohr hängen, "Steppin' Up", "Prove All Your Lovin'" und "Ordinary" zum Beispiel. Andere Tracks, "Hoarderers", "What Time Is It Till Love" und "Who's The Blame", überraschen mit Witz und bislang ungehörter Machart. Wie der Albumtitel es sagt, "Unexpected", so kommt diese Scheibe unerwartet. Fast möchte man von einem Comeback sprechen.

"Unexpected" lässt sich in seiner stilistischen Breite und seiner Produktionstechnik als Wiedergeburt einer alten Musik begreifen und schätzen. Ältere Semester und Freaks kennen die Musikstile auf dieser Platte aus den '70er Jahren. Den Bogen, den Marla Glen schlägt, spannte seit dem Abebben der Disco-Welle in den frühen 80ern kein internationaler Act mehr – zumindest erzielte keiner mehr damit eine durchschlagende Wirkung.

Die Dramaturgie fühlt sich klassisch an: Von schnellen und lebhaften Songs arbeitet sich Glen zu ein paar abrundenden Balladen vor. Wobei als Gesamteindruck des Albums schnell klar wird: Es geht zur Sache, Marla Glen rockt im Funk-Modus. Das altbacken-Bluesige ihrer 90er Jahre-Alben lässt sie beiseite.

"Steppin' Up" lässt sich als schnittige Funk-Nummer mitwippen. Auf bratzelndes Tenorsaxophon, schrille hohe Flötentöne und sportlich durchgetrommelte Snare Drums folgt routinierter, aber eleganter Jazzsoul in der Ästhetik der späten 70er: glatt, dabei aber schillernd, euphorisch. Der mitreißende Song handelt von Musik und vom Tanzen. "Wir heben die Beine / lasst uns den Rhythmus spüren / und mit den Füßen zurück auf den Boden kommen / deine Zeit, dich fallen zu lassen und abzuschalten". Der Aufbau überrascht, ohne Intro, mit B-A-B-A-B-Struktur, zieht den Hörer also mit der Hookline vom ersten Takt an direkt in den Tanz-Modus hinein.

"Smoking Joking Laughing" brilliert als pfiffige Referenz an den Cajun von Louisiana, an Dixieland und den Jazz-Sound von New Orleans. In "Who's The Blame" (Wer ist der Schuldige?) mischen sich afrikanische Elemente. Tribal Drumming und amharische Sprachschnippsel gestalten den Track recht auffallend und als Mischung aus Klangcollage und Lied.

Eine Irish Flute, die aufheult, Mundharmonika, Akkordeon, Knistern aus einer Telefon-Zuspielung und ein Zitat aus dem Gospel-Klassiker "Go Down Moses (When Israel Was In Egypt's Land)" runden den Track ab. So viel Edutainment darf gerne stattfinden, ein bisschen Neues Testament (auch in "Hey", "Forever And Ever"), ein bisschen afroamerikanische Wurzelsuche.

Wie in einem Mixtape steigern sich fünf Songs von der Disco-Nummer "Prove All Your Lovin'" bis einschließlich einem weiteren Disco-Soul, "1 On 1" zu einer tanzbaren Verkettung mehrerer sehr guter Songs. Kehliges Lachen und Joke-Reime wie "Ordinary"/"Harry" zählen zu den Zutaten. Hinzu kommen mal eine Fahrradklingel, Gewitter-Samples, tiefe Pedal-Töne vom Piano und engelsgleiche Background-Chöre, nebst präzisen Saxophon-Linien, die immer auf den Punkt die Luft rausbrettern und dazu anfeuern, mal richtig tief auszuatmen und den Körper mitzuschwingen. "Prove All Your Lovin'" und "1 On 1" stampfen bassgetränkt mit quietschenden Bläserriffs und dezent-spacigen Keyboard-Verzierungen ("Prove All Your Lovin'") oder Violinen-Loops ("1 On 1").

Als Höhepunkte des Albums stechen zwei Nummern gegen Ende heraus. "Hoarderers" ist ein Stück Comedy mit Vaudeville-Charakter. Marla ahmt mit verstellter Stimme Dialoge nach. Es geht um unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung im Haushalt und in der Freizeitgestaltung. Spoken Word, Songformat und Musical mischen sich.

"What Time Is It Till Love" kombiniert düsteres Metal-Gebrodel mit überschwänglichen Funk-Akzenten. Diese Brücke schlugen außer Living Colour nicht gerade viele Bands; mit Marlas trocken-rockiger Stimme bekommt diese Fusion etwas ganz Natürliches.

Marla Glen entwirft so etwas wie eine lexikalische Aufarbeitung all der Stile, die einmal als Fusion zusammenflossen: Damals, als Dr. John, The Crusaders, Chicago, Kool And The Gang, Earth, Wind And Fire oder Luther Vandross manch frische Couleur im Klanguniversum zusammenmischten. Es geht um ein musikalisches Erbe, und das hat seit Elvis Costello auf "The River In Reverse" keiner mehr mit solcher Zeitlosigkeit, neuem Songmaterial, straighter Coolness und tiefer Empathie interpretiert. Dass ausgerechnet Marla Glen jetzt dieser Musik ein Revival zaubert, ist sogar noch etwas genialer als die Platte selbst.

"Unexpected" verblüfft als Personality-Platte. Und doch steht die Stimme der 'Smoky Glen' nicht unnötig im Vordergrund. Sie entertaint ausdrucksstark, aber die Vocals fungieren nur wie ein Instrument unter all den schönen Sounds, die von Banjo und Cello über Saxophone und Trompeten bis Klarinette und Keyboards reichen. Am Arrangement des Albums hat man nicht gegeizt. Trotz dieses Dickichts an Tönen besticht "Unexpected" mit seinem lockeren Fluss.

Trackliste

  1. 1. No Reasons
  2. 2. I Pity The Fool
  3. 3. Steppin' Up
  4. 4. Who's The Blame
  5. 5. Prove All Your Lovin'
  6. 6. Ordinary
  7. 7. Groove That Thang
  8. 8. Hey
  9. 9. 1 On 1
  10. 10. Smoking Joking Laughing
  11. 11. Hoarderers
  12. 12. I Don't Care
  13. 13. What Time Is It Till Love
  14. 14. Forever And Ever

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2 Kommentare

  • Vor 4 Monaten

    großartig, wie "What Time Is It Till Love" erst als afroballade beginnt und sicfh dann alles richtung wacken verlagert. das tango-intro in einem der tracks ist auch groß. top platte.

  • Vor 3 Monaten

    Überraschend, weil kaum wer mit einem neuen Album gerrechnet hatte. Und darüber hinaus ein verdammt gelungenes Comeback von Smoky Marla. Ich hing ihr damals an den Lippen und stelle heute wieder fest; Kaum eine Soullady kann heute noch so funky und verlebt klingend auch mich älterer Herr zum mitswingen bewegen. CU am 29. Mai 2020 in Köln, bewegend. 4/5