laut.de-Kritik

Ein bizarres Werk ohne Netz und doppelten Boden.

Review von

An ihrem vierzehnten Album scheiden sich die Geister. Madonna schlüpft in die Rolle der "Madame X", einer "Geheimagentin, die um die Welt reist, die Identitäten wechselt, für die Freiheit kämpft, Licht an dunkle Orte bringt". Das verwirrende Ergebnis eignet sich nur zu gut dafür, die Tradition der Pro-und-Contra-Kritik wieder aufleben zu lassen, wie wir sie etwa bei Daft Punks "Random Access Memories", Prezidents "Extrameile" oder Fauns "Von Den Elben" zelebrierten.

Da mich die Bewertung des Albums eh in zwei Hälften zerreißt, die in mir mit zwei Stimmen gegeneinander kämpfen, mache ich das jetzt einfach mit mir selbst aus. Wenn Madonna je nach Edition dreizehn oder fünfzehn Persönlichkeiten schafft, sollte ich doch wohl mit zweien klar kommen?

Contra:

Es spielt keine Rolle, wie sich Madonna kleidet. Es ist bedeutungslos, welcher Religion sie folgt. Es ist schnuppe, wie oft sie sich das Gesicht oder ihren Hintern operieren lässt. Es ist sogar vollkommen egal, ob Madonna singen kann und ob sie dafür Autotune nutzt. Aber vor allem ist es scheißegal, wie alt Madonna ist! In dem Moment, in dem "Madame X" startet, zählen alleine die Songs und ob diese funktionieren. Nicht mehr, nicht weniger, und diese Songs sind für eine Frau, die dereinst die Pop-Welt beherrschte und sie so formte, wie sie es für richtig hielt, eine Bankrotterklärung. Madonna war nicht die Queen of Pop, sie war der Pop.

Du willst zeitgenössischen Pop mit einem Swae Lee-Feature? Geh' zu Miley Cyrus ("She Is Coming"). Du willst Pop mit spanischen oder südamerikanischen Einflüssen? Geh' zu Rosalía ("El Mal Querer"). Du willst Pop mit starken feministischen Texten? Geh' zu Beyoncé ("Homecoming: The Live Album") oder am besten gleich zu Amanda Palmer ("There Will Be No Intermission"). Du suchst eine gelungene Mischung all dieser Zutaten? Geh' weiter. Du wirst sie hier nicht finden.

Was uns Madonna mit "Madame X" als der Königin neue Kleider verkauft, ist in Wirklichkeit ein großes Nichts. Antilieder, die an Arbeitsverweigerung grenzen. Unmotivierte Melodiebögen, die sich endlos wiederholen und in Langeweile verenden. Features, die sich wie Schmeißfliegen um den "Madame X"-Kadaver versammeln, um sich an der dabei herausspringenden Kohle sattzufressen. Features wie den deutlich in den Vordergrund gemischten Maluma ("Medellín"), der Madonna wie einen Gast auf dem eigenen Album wirken lässt. Mehrfach stellt sich die Frage, warum die Sängerin das Album überhaupt aufgenommen hat, wenn sie spürbar so gar keine Lust darauf hatte.

Pro:

Es ist schnuppe, wie sich Madonna kleidet. Es spielt keine Rolle, wie oft sie sich das Gesicht oder ihren Hintern operieren lässt. Aber vor allem ist es scheißegal, wie alt Madonna ist! In dem Moment, in dem "Madame X" startet, zählen alleine die Songs. Diese formen aus ihrem vierzehnten Longplayer Madonnas Meisterwerk. Nach einem langen Formtief gestaltet die Queen ein weiteres Mal die ihr untergebene Pop-Welt so, wie sie es will.

Der Königin neue Kleider schimmern, wirken ebenso brillant wie befremdlich und gehen einen ganz eigenen Weg. Single-Hits lässt sie dafür hinter sich, über weite Strecken sogar gleich das Songwriting an sich. Die zuletzt den Trends hinterherhechtende Madonna gehört der Vergangenheit an. Nun zeigt sich die Sängerin wieder ihres Titels würdig.

Nachricht für all jene, die sie wegen ihrer Stimme verspotten, um gleich danach Bob Dylan zu hören: Madonna zieht sich zum Glück noch immer nicht mit der akustischen Klampfe ans Lagerfeuer zurück und singt das "Great American Songbook". Sie bleibt hungrig und auf der Suche. Irgendwo zwischen Genie und Größenwahn würfelt sie Latin- und Afropop, Dancehall, Fado, Hip Hop, Disco, Kirchenchöre und Klassik mit Klangexperimenten zu einem herrlich spleenigen Mix zusammen, wechselt dabei zwischen Englisch, Spanisch und Portugiesisch. Faszinierend brüchig und jedem Experiment gegenüber aufgeschlossen. Als Pop getarnt, erschafft sie die Madonna-Version von Radiohead oder dem späten Scott Walker. Sie ist den Forderungen der Hater unheimlich nah, ohne dass diese es überhaupt ahnen. Diesen Hatern, denen sie in "I Rise" wie der Phoenix aus der Asche zuruft: "Died a thousand times, managed to survive ... I rise up above it all."

Contra:

Noch so ein Ding. Was sollen mir all diese Tracks geben, in denen es in erster Linie um Madonna selbst geht? Eine echte Unsitte, sich selbst in den Mittelpunkt der Lieder zu stellen. Früher "Papa Don't Preach", heute "Bitch I'm Madonna". Die meiste Zeit arbeitet sie sich nur noch an sich selbst ab. Wie sollen solche Texte mich ansprechen? Breaking News: Ich bin nicht Madonna.

Wenn es, wie im mit Quavo aufgenommenen Dancehall-Track "Future", dann doch einmal um etwas anderes geht, gibt Madonna atemberaubende Weisheiten wie "We can light up the dark, everyone has a spark / ... / Your future is bright, just don't turn off the light" von sich. Noch ein Tipp: Für Dancehall braucht es Bass. Jede Menge Bass. Dazu kommt dieses unangenehme, anmaßende Aneignen fremder Kulturen, die Madonna offenbar nur als Schmuckstück sieht. Um "Batuka" auszuschmücken, greift sie zu dem aus Cabo Verde stammenden Frauenchor Orquestra de Batukadeiras und deren tief in der afrikanischen Kultur verankerten Gesängen. Darüber singt sie wie eine Missionarin: "Sing hallelujah, say amen!" Kolonialismus, ick hör' dir trapsen.

Pro:

Sag mal gehts noch? Das Bravurstück ...

Contra:

"Bravurstück." Jesses. Hast du dir eigentlich schon mal selbst zugehört?

Pro:

... der wohl beste Song "Killers Who Are Partying" ist eine einzige Kampfansage an all die Homophoben, Sexisten und Rassisten dieser Welt. Ein Aufruf zur Solidarität. "I will be gay, if the gay are burned / I'll be Africa, if Africa is shut down / … / I'll be Islam, if Islam is hated / I'll be Israel, if they're incarcerated / … / I'll be a woman, if she's raped and her heart is breaking."

Contra:

Das lässt sich aus ihrer Position als wohlhabende weiße Frau auch herrlich einfach abfertigen.

Pro:

Dazu kommt ihr vor Selbstbewusstsein strotzender Feminismus, der das ganze Album durchzieht. Selbstbewusstsein, das sie in durchgehend der Sonne zugewandte Lieder verpackt, die weg vom überfrachteten Sound von "Hard Candy" und "Rebel Heart" gehen. Sie lässt den Tracks Raum, bricht sie bis auf den Beat herunter, um von dort aus Neues zu erschaffen. Diese Skizzen füllt sie dann mit Ideen. Durch "Dark Ballet", eine Hommage an Joan of Arc, lässt sie Tschaikowskis "Der Nussknacker: Tanz der Rohrflöten" schwofen: ebenso drüber wie großartig. Mit "God Control" und "I Don't Seach I Find" geht es dann zurück zur Madonna der frühen Neunziger. Zum House und Disco der "Erotica"-Phase. Ein unterschätztes Album, das bei Release ähnlich gescholten wurde wie "Madame X". Überhaupt steckt der verspielte Longplayer voller mal besser, mal schlechter versteckten Hinweisen auf ihre lange Karriere.

Contra:

Mit dem Abfrühstücken alter Versatzstücke versucht Madonna doch nur, die Ideenarmut des Albums und das fehlende Songwriting zu kaschieren. Überhaupt, eine wirkliche Erklärung, was es mit dieser "Madame X" nun auf sich hat, findet sich nirgends. Vielmehr wirkt der Titel wie ein Konzept, das man diesem Songwirrwarr im Nachhinein überstülpte, um dem ganzen mehr Bedeutung zukommen zu lassen, als in ihm steckt. Madame mit X, das war wohl nix.

Pro:

Mit dir kann man einfach nicht diskutieren.

Contra:

Wie passend, du kämpfst wie eine Kuh!

Fazit:

Jetzt is' aber mal gut, ihr zwei! Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. "Madame X" ist ein bizarres Werk ohne Netz und doppelten Boden. Es fordert heraus, lässt nicht zur Ruhe kommen. Etwas Besseres lässt sich über Musik doch eigentlich nicht sagen.

Trackliste

  1. 1. Medellín
  2. 2. Dark Ballet
  3. 3. God Control
  4. 4. Future
  5. 5. Batuka
  6. 6. Killers Who Are Partying
  7. 7. Crave
  8. 8. Crazy
  9. 9. Come Alive
  10. 10. Extreme Occident
  11. 11. Faz Gostoso
  12. 12. Bitch I'm Loca
  13. 13. I Don't Search I Find
  14. 14. Looking For Mercy
  15. 15. I Rise

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11 Kommentare mit 23 Antworten

  • Vor einem Tag

    Mich fordert da leider gar nix heraus. Ich empfinde es schlicht als absolut belanglos. Wie leider alle modernen Madonna-Platten :/

    • Vor einem Tag

      Hast recht, "Confessions on a Dance Floor" war das letzte hervorzuhebende Werk in ihrer Karriere. Manche wissen einfach nicht wann Schluss ist.

    • Vor einem Tag

      Dieser Kommentar wurde vor einem Tag durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Tag

      Dieser Kommentar wurde vor einem Tag durch den Autor entfernt.

    • Vor 23 Stunden

      Aber dieses Album ist alles andere als belanglos. Es ist das experimentellste Werk seit Ray of Light. Kritiker sowie Fans lieben es. Ich frage mich, ob wir das gleiche Album gehört haben?

    • Vor 2 Sekunden

      Ok vielleicht müssen manche das Album auch mehrmals hören, von manchen Alben erkennt man die Qualität erst nach mehrmaligen anhören. Vielleicht hast du recht und es ist ein gutes Spätwerk.

  • Vor einem Tag

    "Du willst Pop mit starken feministischen Texten? Geh' zu Beyoncé oder am besten gleich zu Amanda Palmer."

    Mag ein Redaktionsmitglied den Herrn Tafelspitz für diesen Satz einmal stellvertretend ganz herzlich drücken? Danke.

  • Vor einem Tag

    mein senf:

    ich sehe die platte in kontinuität mit "rebel heart": hie wie dort gilt, alles was furchtbar ist, ist richtig furchtbar. die lichtblicke hingegen sind überraschend gut.

    "medellin" hätte aus der grundmelodie richtig viel machen können. aber schon allein diese unsympathischen mamacita-vocals aus der hinterletzten latino-macho-ecke zerstören den song komplett.

    auch übel: das gräßliche "bitch I'm local" taucht als part II des 2015 schon prolligen "bitch, I'm madonna" auf und man hasst es binnen sekunden genauso inbrünstig ob der würdelos ordinären masche.

    aber drei tracks sind vorzüglich:

    "extreme occident" glänzt mit gutem text, sehr schönem, zurückgenommenen arrangement und starker melodie.

    "dark ballet" wartet mit einem überraschenderweise wirklich großartigen piano-arrangement auf, dass die niedergeschlagenheit des textes illustriert. wie sie den balletösen mittelteil einbauen, ist ebenfalls nicht schlecht; etwa musicalhaft, klar, aber gut gemacht. und der ausklang ist dann fast schon requiemhaft trauernd.

    mein liebling ist "killers who are partying". höchst gelungenes saiteninstrument-arrangement samt ebenso sparsam wie effektiv eingesetztzem bandoneon. eines ihrer intensivsten lieder überhaupt, finde ich.

    der text ist auch gut. ich mag dieses zusammenführende. "I'll be islam, if islam is hated. I'll be israel, if they're incarcerated...."

    ob solche worte authentisch sind? keine ahnung. aber das ist primär auch nicht wichtig. hauptsache, jemand spricht sie aus und sie finden verbreitung beim publikum. gute symbolik allemal.

    würde man die guten momente von "rebel heart" mit diesen zusammenschneiden, ergäbe sich ein tolles - wenn auch nicht gerade langes - album.

  • Vor 9 Stunden

    Quenn of Pop hat eigentlich nie gepasst, höchstens Princess of Pop. Als Queen wäre sie auf einer Stufe mit Michael Jackson und sorry, weder musikalisch noch tänzerisch kann sie hier auch nur ansatzweise mithalten. MJ spielt in einer völlig anderen Liga. Und er ist auch der einzige Popstars älterer Gattung dem ich heute noch zugetraut hätte, alle anderen links liegen zu lassen.

    • Vor 6 Stunden

      @Puschel:
      Wenn Michael Jackson als King of Pop musikalisch gnadenlos überbewertet ist, paßt doch Madonna als Queen of Pop wie Arsch auf Eimer. Sie verstehen beide, sich in Szene zu setzen und liefer(te)n vielleicht auch gute Shows ab, aber musikalisch so wirklich etwas reißen konnten sie nur, wenn die richtigen Leute ihren Input gaben. Ob Quincy Jones auf der einen Seite oder meinetwegen ein William Orbit auf der anderen - den Sprung auf ein nächsthöheres Level trägt in beiden Fällen nicht die Handschrift des Interpreten, sondern die des Kollaborateurs. Und von denen ist auch abhängig, ob es Madonna noch einmal schafft, einen Treffer zu landen, ebenso wie es Michael Jackson nicht mehr geschafft hat, einen passenden Partner zu finden. Die bislang veröffentlichten Ideen von der Resterampe waren doch eher ... peinlich? bemüht? überflüssig?
      Gruß
      Skywise

  • Vor 9 Stunden

    Das scheußlichste an diesem Album ist für mich diese Stimme! Klingt durchgehend kühl, roboterhaft, computergeneriert. Vielleicht wird das schon seit geraumer Zeit so bei Madonna, mir ist es evtl nur nicht aufgefallen: In der Kombi mit z.B. Mirwais hat das damals zu "Music" und "American Life" ja auch wunderbar gepasst, auch zu ihrer Disco-Ära später.. Wenn man allerdings, wie hier, zu - teilweise ganz passabeln - Latino-Arrangements einen seelenlosen Cyborg singen lässt, ist halt alles für die Katz..

  • Vor 9 Stunden

    Ha, diese Anspielung auf Secret of Monkey Island wäre das letzte was ich hier erwartet hätte. Toll.