laut.de-Kritik

Stell' dir vor, du bist frei: verrückte Idee!

Review von

"Am Anfang wollten wir einfach nur malen." Bloß gut, dass sich Mach One und Konsorten besonnen haben. Die Welt wäre anderenfalls zwar bunter, aber dafür auch um das eine oder andere Rap-Brett ärmer geblieben.

"Warum hab' ich wohl sieben Jahre für ein Album gebraucht?" "Hier!" beantwortet die tausendfach gestellte Frage umgehend: "Mann! Ich war deprimiert!". Leiden gebiert Kunst, das hat "Meisterstück 2" gezeigt. "M.A.C.H." tritt nun den Beweis an: Mach One hat Qualen gar nicht so dringend nötig. Geerdeter, mehr im Einklang mit sich und seinen Lebensumständen kam mir der Mann noch nie vor. "Es ist vielleicht nicht perfekt, aber es ist auch nicht schlecht." Die Grundhaltung, die "Neue Sonne" in explizite Worte fasst, schimmert auch an vielen anderen Stellen durch. Mach gehts gut, zumindest besser als früher auch schon. Das freut mich von Herzen.

Es freut mich um so mehr, weil er - im Gegensatz zu manch anderem Kollegen - sein Seelenheil offenbar nicht mit den eigenen Zähnen bezahlen musste. Vielen, viel zu vielen einstigen Super-Bad-Boys habe ich in den vergangenen Jahren beim Die-Eine-Finden, Sesshaft-Werden, Nachwuchs-in-die-Welt-Setzen zugeschaut und dabei beobachten müssen, wie sie auf dem Altar der Zufriedenheit ihren Biss opfern. Am Ende stand oft gefällige, durch und durch harmlose und entsprechend langweilige Familienunterhaltung.

An Mach One ging die Zeit ebenfalls nicht spurlos vorüber. "Auch ich bin älter geworden, wir sind Eltern geworden. Wir haben eine kleine Tochter und wir sterben vor Sorge", kündet sein "Bekennerschreiben" von einer Lebenssituation, in der sich manch einer plötzlich unausweichlich mit der eigenen Verantwortung konfrontiert sieht. Mach empfindet genauso, nur interpretiert er diesen Umstand nicht als Aufforderung zur Kehrtwende. "Nur wenn die Kleine später weiß, dass Papa Rapper war, soll sie nicht sagen müssen, dass Rap früher mal besser war."

Statt seine Brut in Watte zu packen, von allem abzuschirmen und sich selbst fortan als geläutert zu präsentieren, mutet er der Tochter etwas zu, traut ihr auch etwas zu: "Wenn sie nach mir kommt, mag sie Hardcore-Beats und will 'nen Text über den Scheiß, den sie am Tag auch sieht, und keine weichgespülte eierlose Kackmusik." Die steht zum Glück dann auch nicht zu befürchten.

Lässt sich das "Intro" noch an wie der Auftakt zu einem "Star Trek"-Film, ehe er in düster grummelnde Gefilde kippt, schrappt "Hier!" mit einem derart finsteren Dub-Vibe um die Ecke, dass Kool Herc damit seine Behauptung, Hip Hops komplette Chemie stamme von Jamaica, mühelos untermauern könnte. Zusammen mit Mach One selbst schiebt hier, wie an vielen anderen Stellen, Mike Martn die Regler. Etwa im Titeltrack, der aus berstendem Glas, schrägem Klaviergeklimper, Unterbrechungen, Zwischenrufen und allerlei anderen Soundeffekten eine Collage bastelt, die dir eins über die Rübe zieht und dich in einer leicht befremdlichen Manege wieder zu dir kommen lässt.

Machs rotzige Haltung passt da bestens hinein: "Ich mach', was ich mach': Jeder nimmts mir ab. Ich mach', was du machst: Jeder nimmts mir ab. Du machst, was du machst: Keiner nimmts dir ab. Du machst, was ich mach': ..." Auf eine freundliche Replik würde ich in diesem Fall besser nicht hoffen. Mach dagegen macht, was er will, weil er es will - und, weil er es kann, und bleibt dabei so echt, unverbogen und aufrecht wie eh und je.

"Ich weiß, wo ich herkomm', und ich weiß, wer ich bin. Wäre das anders, wär' mein Rap ohne Sinn." So aber fügt sich alles zu einem stimmigen Bild: Mach One repräsentiert Kreuzberg mit Leib und Seele und besitzt einen entsprechend feinen Radar für Veränderungen in seinem Kiez, aber auch für die Dinge, die sich dort wohl niemals ändern werden ("Meine Jungs"). Er selbst sich ja auch nicht: "Scheiß auf den Club, wir sind Straße, du Arschloch. Ich kann nicht aus meiner Haut."

"Wolltest du nicht Rap retten?" "Pfft. Ich scheiß' auf Rap!" Was natürlich nicht stimmt: Mach One blickt auf die Entwicklung von Deutschrap genau so wie auf die eigene Entwicklung und auf getroffene Entscheidungen zurück. Ohne jede Reue: "Wir genießen, wie weit wir es getrieben haben." Wer sich in den Momenten, in denen Zweifel aufkommen, die Frage "Was Würde Ich Tun" stellt, entfernt sich jedenfalls nicht allzu weit von den eigenen Überzeugungen. Den allüberall lauernden Beurteilungen lässt sich so leichten Herzens, geradezu "Schwerelos" entgegen setzen: "Es juckt mich nicht mehr. Ich bin frei. Ich verzeih' euch."

Freiheit: überhaupt das zentrale Thema auf "M.A.C.H.". Vollkommen unbeeindruckt von allem und jedem machen Mach One und seine Geistesbrüder, darunter K.I.Z.s Nico, die Trailerpark-Buben, Isar und der alte Weggefährte Akte One, was ihnen gerade in den Sinn kommt. "Warum folgen wir nicht einfach dem ersten Impuls und fackeln alles ab?" Ja, warum eigentlich nicht? Anschließend stimmen wir ein wahrhaft gespenstisches "Schlaflied" an, trimmen eine Nummer auf Snoop Dogg und die nächste auf "Kill Bill", ehe wir Cros bösen Zwilling zum Speeddating mit "Anni" schicken. Falls jemand fragen sollte, wer das alles war (Ganz bestimmt Mach One!): Das "Bekennerschreiben" haben die Verantwortlichen längst aufgesetzt.

Um vor Mach Ones Hemmungslosigkeit, seiner direkten Art und seinem tiefschwarzen, garstigen Humor auf die Knie zu sinken, muss man noch nicht einmal alles gleichermaßen cool, witzig oder ansprechend finden. "Die Entscheidung, ob du mir folgst oder bleibst, bleibt einfach deine Entscheidung", lässt "Hier!" lapidar wissen. "Stell' dir vor: Du bist frei." Verrückte Idee. "Wir machen einfach unser Ding, wie wir wollen - und das rollt." Hölle, ja, das tut es.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Hier!
  3. 3. M.A.C.H.
  4. 4. Schwerelos
  5. 5. Meine Jungs feat. Isar
  6. 6. Kleiner Dicker Bruder feat. Nico, Kev, Kser & Brkn
  7. 7. Bekennerschreiben
  8. 8. Schlaflied
  9. 9. Brenn Brenn feat. Alligatoah, Sudden, DNP, Timi Hendrix
  10. 10. Was Würde Ich Tun
  11. 11. Klapp Klapp
  12. 12. Anni
  13. 13. Neue Sonne
  14. 14. So Vergeht Die Zeit feat. Akte One

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8 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 7 Jahren

    Finds dann unterm Strich doch ne Ecke schwächer als das 2. Meisterstück...
    Auf der Habenseite unbedingt das großartige Schlaflied, stark außerdem die Tracks 2, 5, 7, 10, 11, 13, 14 sowie der erste Part vom Titeltrack, bei dem der Rest dann allerdings zu den (leider) gar nicht mal so wenigen mauen Minuten beiträgt. "Kleiner Dicker Bruder" z.B., da hilft alle Ironie dann auch nix mehr, das ist einfach Mist. "Schwerelos" wird im Prinzip auch nur durch die bemerkenswerte Selbstwahrnehmung als "Schwanz im All" vor der Unerträglichkeit gerettet, "Brenn, Brenn" und "Anni" sind so lala.

    Nicht falsch verstehen, das Album bringt schon gut Spaß, man merkt ihm eben nur an, dass da mehr drin gewesen wäre.
    Für mich unterm Strich 3/5 mit Tendenz zu 4.

    P.S.: Highlight ist auf jeden Fall auch der PI-Diss auf "So Vergeht Die Zeit":
    "Manch einer bitet einfach alle 2 Jahre/den Style der grade in is/inklusive Kleidung und Haare/um dann in Interviews den Typ den er bitet zu haten/PI - Du bist schon immer ein Stück Scheiße gewesen."
    Fein beobachtet, auch wenn ich das so nicht unterschreiben würde. :saint:

  • Vor 7 Jahren

    // Eine Frage, wie kann man seine e-Mail Adresse hier ändern? Weil meine ist nicht mehr aktuell, würde gerne eine neue angeben. //

    Zum Album:

    Ich finde es etwas schwächer als das Voralbum.. Aber es ist MACH. Die Art wie er Texte schreibt ist sehr, sehr ehrlich. Auch wenn ich manche Beats etwas merkwürdig finde ist es einer meiner Favoriten in Deutschland. Aber ihm liegt wohl LEIDER nicht viel daran viele Alben raus zu bringen, ich verstehe es nicht so ganz. Potenzial hat er, und er kann viel Geld damit verdienen. Ich würde ihn gerne mal ein ganzes Jahr, jeden Tag im Studio sehen ....

  • Vor 7 Jahren

    Ist es nicht komplett egal, mit welcher Emailadresse man hier angemeldet ist?