laut.de-Kritik

'Hey, wir haben nichts verlernt.' Aber auch nichts dazugelernt.

Review von

Die musikalische Leistung der Kinderzimmer Productions besteht auf "Todesverachtung To Go" aus missbräuchlich übersteigertem Einsatz selten wohlklingender und meist ziemlich stumpfer Samples. Nachdem sich die Crew darin schon in den 90ern bis zum Umfallen erging, hätten sie sich das Comeback sparen können. Neue Einfälle bringt das MC-DJ-Gespann nicht ins Spiel. Steigerungen lassen die Schwaben vermissen. Eher wirkt die Platte als defensiver Behauptungsversuch: 'Hey, wir haben nichts verlernt.' Aber auch nichts dazugelernt.

Das textliche Konzept der beiden Tüftler aus Ulm a.k.a. "U-Stadt" umfasst nur mehr schiefe Metaphern: "trink direkt aus dem Hahn an der Shell-Tankstelle", "Du kannst im Glashaus sitzen und mit dem Stein der Weisen werfen", "kriegen wir die Hölle gebacken". Und diese übers Knie gebrochenen Worte kreuzen die Jazz-Funk-Liebhaber mit versuchtem Storytelling. Damit sie einen Anlass haben, ihre Lieblingsplatten unter die Reime zu sampeln und zu zerpflücken. Wenn mal mehrere Lines zusammen passen, laufen sie so: "(...) einfach da wie Graffiti an der Wand / dein geschriebener Name / das Wissen, dass es dich gibt / eine Überzeugung so tief, dass man den Boden nicht sieht / ein Blick aus dir raus / und selbstverliebt / das Ego ist einfach nur ein Krisengebiet"

Unter Freestyling versteht Microphone-Mann Textor zudem hanebüchene Kalauer und breit ausgesäte Willkür. In manchen Lobeshymnen auf die Band heißt das "assoziativ". Dieser "Style" des MC hat jetzt nichts mehr mit absurdem Humor zu tun, er ist nicht mal 'Trash' – eher Realsatire. Denn schon die unterlegte Musik flowt meistens nicht, sondern scheppert, ist falsch abgemischt und hört sich dumpf wie unter einer Wolldecke an. Was für ein Kinderzimmer okay ist, aber da habt ihr vor 25 Jahren schon gewohnt. Wie stellt ihr euch eine künstlerische Weiterentwicklung vor?

Falsche Frage. In "Watch Me" steckt ein Teil der Antwort. Sie klingt verheerend: "Ich bin ein Meister meines Faches, das macht den Mic-Check obsolet, ich weiß dass dieses Mikro geht." Ihr irrt, großer Meister! Professionalität und Virtuosität zeichnen sich nicht durch Schlampigkeit aus. Auch Meister sollten Basics so ernst nehmen wie ein Anfänger am ersten Tag. Groove, Bass, Soundfülle und Raumklang können wir also getrost knicken. Das Album leiert staubtrocken, wie direkt aus einer Gruft geholt.

"Guck dir den Dreck an / Und lass die Reinigungskraft entscheiden / ob das Kunst ist oder weg kann". Boah, sind das radikale Worte! "Vegan oder blutiges Steak / ich bin die Spannung, die dazwischen entsteht / (...) ich zahl mit Nazigold und einem Hundert-Schweizer-Franken-Schein / (...) ich hasse alle, denn ich kenne jeden", auf diesem Level bewegt sich Professor Textor in "Attacke". Will heißen: In zwölf Jahren Band-Pause hat er den Veganismus-Trend mitbekommen, und ein bisschen Nazi-Provokation geht wohl immer. Die ohnehin sehr wenigen Zeitgeist-Anspielungen misslingen gründlich und tragen zu keinerlei Weiterentwicklung bei: "Alle sollten wissen, dass ich eigentlich ein Einhorn bin / Kannst du das einordnen auf einer Autobahn bei Dortmund steh ich im Fernlicht / ein unsterbliches Wesen der Zweiten Ordnung?"

Ebenfalls in "Attacke", setzt Textor schon früh einen der Tiefpunkte der CD, bevor sie später auf der Platte über Ficken, Stierkacke und den ersten Hengst, der Rapper ist, berichten. Alles Ironie natürlich: "Deine Art dich zu bewegen ist nicht schön / sie gibt mir das Gefühl / 'nem Hund beim Kacken zuzusehen / zuzüglich zu dem: Dein Auftritt ist Panne / man sagt, dein Schwanz sei kürzer als meine Aufmerksamkeitsspanne / (...) ich lasse dich ausreden, bis alle deine Ausreden alle sind / ich reagiere dann, wenn alles stimmt / steck dir ein richtiges Leben in dein falsches."

Die Instrumental-Unterleger stammen laut Credit-Angaben aus dem eigenen Stall. Allzu glaubwürdig wirkt das nicht, hört man etwa Minute 3:06 bis 3:20 des Songs "Es Kommt In Wellen (feat. Fettes Brot, Flo Mega, Fantasma Goria)", aber manche Schnippsel lassen sich schwer identifizieren. Eine Flöten-Akkordfolge aus "Hocus Pocus" der holländischen ProgRock-Band Focus fließt frech mit ein; eine Band, die immerhin selbst ihren Song für den Werbespot eines Turnschuh-Herstellers verramschte. Das Gefühl, die Quelle benennen zu müssen, scheint die Truppe von Fettes Brot bis Flo Mega dabei nicht zu haben.

Bei etlichen Jazz- und Breakbeat-Imitaten wie im Intro zu "Watch Me" fühlt man sich als Musikliebhaber um die Referenzen betrogen: Welche alte Musik stand denn hier Pate? "Come On, Sign Up" klaut und baut im Wesentlichen auf "These Foolish Things" von Theaterkomponist Jack Strachey in einer Version von Billie Holiday auf. Mag schon sein, dass nach 70 Jahren das geistige Eigentum nicht mehr geschützt ist. Aber wenn man diese Musik wirklich mag, dann sollte man den Mumm haben, ihr Credits zu geben. Dann sollte man sogar im Songtext auf Billie Holiday verweisen, die hier zum unfreiwilligen Feature-Gast wird. Mit einer Version von 1952, die also noch nicht ganz 70 Jahre auf dem Buckel hat. Solche Aktionen wie dieses Sampling konterkarieren völlig den Ansatz der Ulmer, den "wahren" und oldschooligen Hip Hop für sich zu pachten.

Eine wirkliche Melodie weist bei alldem gerade mal der erste Track auf. Die Monotonie der restlichen repetitiven Musik lenkt die Ohren noch mehr auf die Texte. Auch da zitiert man mal frei ohne Quellenangabe: Die Zeile "Hit Me With Your Rhythm Stick" in "Oh Yeah" stammt immer noch von Ian Dury.

"Der Zeitpunkt ist T minus Null", shoutet Textor recht ausdruckslos in "Baeng". "T minus Null", haha, solche Wortspiele sollen wohl witzig wirken. Null ist ein gutes Stichwort. Die Sprechgeschwindigkeit auf der Platte variiert null. Das ständige Jojo zwischen Fremdwörtern, Neologismen, beliebigen Städtenamen und viel Vulgärsprache überzeugt null. "Null" erscheint auf der Seite des Internetradios ByteFM als Fehlermeldung, wo die CD zwar einiges Lob als "Album der Woche" einsackt, dann aber das zugehörige YouTube-Video gesperrt ist. "Todesverachtung To Go" bringt absolut keinen überraschenden Moment, lebt keine Leidenschaft und hat einen Klang wie Wellpappe.

Trackliste

  1. 1. Baeng
  2. 2. Attacke
  3. 3. Lecker Bleiben
  4. 4. Boogie Down
  5. 5. Watch Me
  6. 6. I Don't Mind
  7. 7. Es Kommt In Wellen (feat. Fettes Brot, Flo Mega, Fantasma Goria)
  8. 8. O-Oh Double Trouble
  9. 9. Todesverachtung To Go
  10. 10. Oh Yeah
  11. 11. Come On, Sign Up

Preisvergleich

Shop Titel Preis Porto Gesamt
Titel bei http://www.amazon.de kaufen Kinderzimmer Productions - Todesverachtung to Go €14,99 €3,00 €17,98

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

20 Kommentare mit 17 Antworten

  • Vor 30 Tagen

    ...aber das Cover sieht chic aus!

  • Vor 30 Tagen

    Ok, den Punkt mit der mangelden Weiterentwicklung lass ich gelten, aber der rest...? Sorry.
    Mir hat der "Style und die Metaphern" damals schon gut getaugt und tun es immer noch.Ich Freu mich das Sie wieder da sind

  • Vor 30 Tagen

    Klugscheißattacke:
    Urheberrechte enden nicht 70 Jahre nach Werkschöpfung sondern 70 Jahre nach Tot des Urhebers. Zumindest nach deutschem Recht, wie das international aussieht bin ich überfragt.
    Ändert aber ja trotzdem nichts an der Argumentation aus der Rezi.

    • Vor 30 Tagen

      Klugscheißerkonter: Es muss natürlich "Tod" heißen.

    • Vor 30 Tagen

      vielleicht weiß derboeseanwalt mehr?

    • Vor 30 Tagen

      @HiPhi:
      Der Anwalt würde auch "Tod" mit D am Ende schreiben.

      Gruß
      Skywise

      P. S.: International gibt es keine einheitlichen Regeln zum Urheberrecht/Copyright. Das sind alles Rechte, die mehr oder weniger mit der jeweiligen landeseigenen Kunstszene entstanden und groß geworden sind. Es gibt höchstens Gegenseitigkeitsverträge der jeweiligen Verwertungsgesellschaft(en), in denen geschrieben steht, daß das Werk eines Künstlers aus dem Land A im Land B gemäß den Regeln des Landes B behandelt werden soll, kann und darf.

    • Vor 30 Tagen

      Wer Tod mit d schreibt nutzt achtet wahrscheinlich auch auf Kommasetzung. Typisch für den Regelfetisch der obrigkeitshörigen Deutschen. Deshalb ist Deutschland ja auch ein Land der Mieter.

    • Vor 27 Tagen

      "Deshalb ist Deutschland ja auch ein Land der Mieter."
      Auch mal zuende gedacht? JEDE Familie EIN Haus. Na, verstehste?

  • Vor 23 Tagen

    Haha Laut.de! Schon vor 15 Jahren das RTL II unter den Musikmagazinen. War lange nicht hier; man ist sich offenbar treu geblieben :) .."Nichts dazugelernt".
    Sowas kann man nicht stehen lassen. Was der MC da sprachlich abliefert ist absolut einzigartig im deutschen HipHop und echt meisterhaft. Dieser MF DOOM Style - Sprache wie eine Art Musikinstrument zu verwenden und dabei ein Assoziationsfeuerwerk zu zünden. Einfach nur fett. Habe sowas auf Deutsch noch nie gehört. Dazu die perkussiven Beats. Die Geschmacksnerven des Verfassers sind anscheinend zu jungfräulich für solche Kost. Die Kritik wirkt wie ein trotziges Dagegenanschreiben gegen diese Überforderungserfahrung mit entsprechend hilflos unsachlicher Sprache. Kleinkind trinkt zum ersten mal bitteren Kaffee und sagt Iihhh... Rauf ins Kinderzimmer und zwar ohne Abendessen! Dazu der Totalausfall "Musikliebhaber fühlen sich um Referenzen betrogen" und "fehlende Quellenangaben" are you fckin kiddin me?

  • Vor 23 Tagen

    Ein Kollege hat mir KiZi empfohlen. Das Album ist echt speziell. Mir gefällts aber bei jedem Hören besser. Ich glaube ich bin hooked... Aber was ist das bitte für ne würdelose Kritik? Engagiert bitte keine 18jährigen Bachelorstudenten auf 450 Basis fürs Texten mehr. Wie kann man sowas peinliches rausschicken oder als Redakation durchwinken? Unabhängig davon 4/5 schon für Uniqueness und die Flows.

  • Vor 20 Tagen

    Aye, Rezension disqualifiziert sich selbst. Habe so einen Murks hier selten gelesen. Album finde ich interessant, auch wenns ein bisschen auf der aktuellen Lo-Fi Welle surft. Jedenfalls aber gut bestückt mit Lines.
    "Glaub, alle stehn im Wald und du alleine auf der Lichtung, klappt doch schon ganz gut! Mach doch was in der Richtung"
    geht raus aus an den Schreiberling.