Porträt

laut.de-Biographie

Jah9

Der Name Jah9 setzt sich als Wortspiel aus Jah (dem Gott der Rastafari) und der Zahl 9 = "nine" zusammen. Die Neun steckt im tatsächlichen Vornamen der Sängerin, Janine, und im englischen Wort "feminine". Zudem stehe die Zahl als höchste einzelne Ziffer zwischen 0 und 9 für das Vollständige, das Vollendete und die "Essenz" von allem, so die spirituelle Künstlerin.

Die Feministin, die sich als bedeutendste weibliche Kraft im Reggae der 2010er Jahre etabliert, kommt als Janine Elizabeth Cunningham am 23. Mai 1983 in Montego Bay, Jamaika, zur Welt und wächst im kleinen Ort Falmouth auf. Der zählt etwa 7.000 Einwohner. Ihr Vater ragt da als Prediger der Baptist Church etwas heraus. Jah9 repräsentiert fortan auch die obere Bildungsschicht Jamaikas in der Musikszene und dem sich formenden Roots Revival. Dieser Bewegung drückt sie ihren Stempel auf.

Als Schlüsselfiguren ragen in den ersten Jahren dort sonst nur Männer heraus, was sie aber ändern möchte. Denn männlich gepragt war ja bereits das Reggae-Business der '80er, '90er und 2000er Jahre. Einer dieser Herren, mit denen sie auch Duette aufnimmt, ist Protoje. Mit dessen Mentor Don Corleon, einem Hip Hop-Produzenten, entstehen 2010 ihre Debütsingle "Keep On Holding On" sowie 2011 die Featuring Tracks "After I'm Gone" und "Legitimate" mit Protoje.

An letzterem Tune wirkt auch der Dub-Mixmaster Rorystonelove mit. Er wird Jahre später als Produzent für Samory-I recht bekannt, fördert aber wie auch Protoje regelmäßig weibliche Talente.

Jah9 macht ihre Karriere nicht von schnellem Erfolg abhängig, sondern von ihrer Mission, "conscious content" zu vermitteln. Andere Standbeine hat sie gleich mehrere: Zum einen hat sie neben Philosophie auch Kriminalwissenschaft, Psychologie und Personalwesen studiert. Zum anderen outet sie sich gerne als Yoga-Lehrerin. In einer Zeit, in der es bereits die ersten Yoga-Reggae-Festivals gibt und morgendliche Yoga-Sitzungen auf den Programmen auch deutscher Reggae-Festivals nahezu Pflicht sind, ein spannender Punkt. Durchaus angereichert mit Yoga-Mentalität und gleichmütiger Gelassenheit gestaltet sich auch ihr erster Longplayer "New Name".

Als Roots Reggae-Album (in Instrumentierung und Rhythmik) ist der Musikstil zwar klar identifizierbar. Jedoch zeigt Jah9 hier bereits ihren opernhaften Gesangsstil - im Rasta-Business ungewöhnlich und ein Alleinstellungsmerkmal. Bis auf die Single "Avocado" übertreten alle Songs die 4-Minuten-Marke und deuten an, was auch bei ihren Live-Konzerten passiert: Sie nimmt sich stoisch Zeit, große Textmengen zu dozieren. Meist mit Handbewegungen, die man aus Politikerreden kennt, unterstreicht sie ihre Gesänge. Jah9 zeigt sich bei jeder Gelegenheit, ob auf der Bühne, im Pressetermin oder in Videoclips als unanfechtbare Herrin im Ring. Ihr Wille geschehe.

"Preacher Man" heißt einer der eingängigsten Songs des Albums. Darin bringt sie ihre eigene Erfahrung als Pfarrtochter ein. Ihre Mutter arbeitet als Sozialarbeiterin/Street Worker und als Lehrerin. Jah9 lässt sich also auch wirtschaftlich der oberen Mittelschicht Jamaikas zuordnen. Diese wird immer schmaler, bei zugleich wachsender Arm-Reich-Kluft, einem vom Roots Revival immer wieder thematisierten Problem.

Wer formal so gebildet ist wie Jah9, wandert sonst meistens aus, am häufigsten in die USA. Das Phänomen 'Brain Drain' gehört zu den wichtigsten Faktoren, warum 200.000 Menschen Jamaika zugunsten der USA im Zeitraum von 2007 bis 2016 verlassen oder in Amerika arbeiten, auch viele Musiker (Kranium, die Marley-Brüder Ziggy, Stephen und Jr Gong, Agent Sasco, Popcaan) - es ist eine bewegte Zeit, und für die neuen Themen positioniert sich eine neue Generation von Artists, oft lebenserfahren und nicht im klassischen Newcomer-Alter. Jah9 bringt ihr Debüt mit 30 heraus, und auch Protoje und Kabaka Pyramid, Jesse Royal und Dre Island, Amlak Redsquare und Kazam Davis und all die vielen anderen erweisen sich als "Spätzünder". Mit den meisten kooperiert sie früher oder später, live oder im Studio.

Mit Chronixx teilt sie sich 2013 die Single "Smile Jamaica" und nimmt auf seiner Vinyl-B-Seite mit ihrem Song "Brothers" Platz. Zu ihren eigenen Singles werden "Gratitude", "Avocado" und der Titelsong "New Name", die in den Streaming-Portalen alle gut ankommen. Als hilfreich gerade in Zeiten ohne physischen Tonträgen-Vertrieb erweisen sich ihre charismatischen Videoclips. Das Avocado-Lied wird zur Hymne auf Jamaika im Sommer 2013, und die Sängerin setzt im Zuge dessen auch nach Europa über. Das Reggae Jam in Bersenbrück bucht die europaweit noch unbekannte Sängerin und holt sie nach Niedersachsen.

Mit "Steamers A Bubble" schiebt sie einen ihrer lockersten Songs hinterher. Sie lässt sich darin über ihre bevorzugten Kiff-Techniken aus. Die B-Seite "Steamers Dub" nimmt ihren Kurs Richtung Dub vorweg. Spirituelle Inhalte ziehen sich durch die meisten ihrer Texte, so auch in ihren folgenden Singles "Divine Government" ("Göttliche Regierung") und "Fire". Gerne verfolgt sie auch das Genre Ganja-Songs weiter, auf der Single "Marijuana" und dem elegischen, angejazzten Sampler-Beitrag "Feeling Irie" (Label-Sampler "The Biggest Reggae One Drop Anthems 2015", VP Records). Während einer Tour durch Südeuropa im Sommer 2015 macht sie sich vor Ort in Italien und Malta ein Bild von der Migration aus Afrika, bekannt als "Flüchtlingskrise". Weniger Syrien ist ihr Thema, sondern das Erbe Afrikas, für das sie sich wie viele jamaikanische Reggae-Acts verantwortlich erklärt.

Später fließen ihre Eindrücke in Songs ein, so erläutert sie es. Doch nur einer der Texte auf dem medial recht gut beleuchteten Album "9" geht über höchste Abstraktion hinaus. "Greatest Threat To The Status Quo" handelt jedoch nicht von Refugees, sondern von patriarchalen Systemen und wie Jah9 sich als "spiritual woman" dagegen in Stellung bringt und diese Systeme einstürzen lässt. Dabei hat sie als männlichen Duettpartner Vaughn Benjamin von der Gruppe Midnite.

Mit einer Feministin der sanfteren Wortwahl, Nattali Rize, tut sie sich für deren Album "Rebel Frequency" zusammen, das Anfang 2017 erscheint. Darauf findet sich das Feature "Evolutionary".

Nattali verkörpert punktuelle Rebellion und stetige Evolution, Jah9 die Revolution. Und so finden beide Frauen einen Weg, mit diesen Alben Reggae umzudefinieren: Nattali bringt die Industrial-Gitarre mit, während Jah9 "Jazz on Dub" entwickelt. Um letzteres zu unterstreichen, holt sie sich Hilfe bei einem altgedienten Echo-Effekt-Produzenten, dem Mad Professor. Neben seinen über hundert Auftragswerken in vierzig Jahren Dub-Geschichte hatte er auch ein eigenes Album unter dem sprechenden Titel "Techno Dub". Fast so instrumental wie Techno gerät auch das Produkt mit Jah9. Aus den neun Songs von "9" machen der verrückte Prof und die Yoga-Lehrerin die neun Songs von "Mad Professor Meets Jah9 In The Midst Of The Storm".

Das Ergebnis kann man als Unterwasser-Jazz mit Vokalfetzen und Snare Drum und als Avantgarde bezeichnen. Die ursprünglichen Songs zerlegen die beiden so lange, bis fast nichts wieder zu erkennen ist. Aus "Humble Mi", einem Track mit Wortgewalt (und einem ebenso poetischen Video), wird der vor Samples fast platzende "More And More Dub" - die Stimme von Jah9 hört man auf diesem Track nirgends mehr. Ein Album, das den Zuhörern Toleranz abverlangt. Aber eines, welches das Genre auch gegenüber wachen Ohren öffnet, die mit den üblichen Schemata von Rasta-Musik wenig anfangen können.

Auf Tour nennt sich ihre Gruppe inzwischen The Dub Treatment. Nach Konzerten beim Paléo-Festival in der Schweiz und beim Summerjam in Köln (2014, 2017) taucht sie 2018 beim Ruhr Reggae Summer, erneut beim Reggae Jam und in der Roten Fabrik in Zürich auf. Während das Summerjam mit ihr als Headliner explizit wirbt, hält das Ruhr Reggae sie bis zehn Tage vor dem Event geheim. Ein wichtiger, zugkräftiger Act ist sie geworden, aber auch ein spezieller, für Hip Hop-Kids (neue Target Group von Reggae-Festivals) sperriger - und unter Presseleuten eilt ihr und ihrem Manager der Ruf voraus, schwierig oder gar hochnäsig zu sein, wie berechtigt das auch sein mag.

Im persönlichen Gespräch ist sie sachlich, neutral freundlich und konzentriert, doch auch extrem distanziert und kurz angebunden - auf große Worte scheint sie wenig Lust zu haben, für Radio-Statements keine gute Ausbeute. Kritische oder private Fragen kommen bei Interviews meist gar nicht auf, wohl weil ihre Aura schon im Vorfeld dagegen hält. Mit ihrem Kleidungsstil deckt sie ein breites Spektrum von Business Style, Yoga-inspirierten Textilien, warmen Gelb- und Brauntönen und Army-Warrior-Tarnmustern ab. Somit erweist sie sich in der Instagram-Ära als wandelbares Fotomotiv und posiert stets geduldig, eine Sache, die ihr wohl mehr liegt als O-Töne.

Nachdem sie die Symbolik der Zahl Neun nun oft behandelte, gehört 2018 dem "F" eine Schlüsselrolle bei Jah9: "Feel Good", "Field Trip" und "(Love Has )Found I" heißen die Songs ihrer "Feelings"-EP. Ganz klassisch enthält sie instrumentale Bonus-Dub-Versionen, wie in den '80ern üblich.

Während sie an ihrem Album für 2019 arbeitet, lässt sich ein neuer Trend beobachten, den sie wohl maßgeblich triggerte: Immer mehr junge, talentierte Frauen agieren im jamaikanischen, aber auch im Reggae- und Dub-Underground anderer Länder. Jede zeichnet sich durch eine eigene Couleur aus, alle sind sie startklar für Europa-Tourneen. Da wären denn Hempress Sativa, Kelissa, Naomi Cowan, Keida, Diane Rutherford, Sevana, Lila Iké, Koffee, Tuff Like Iron, Leilani Wolfgramm, Keishera, Ammoye, Reemah, Tasha-T, Kristine Alicia, Racquel Jones, aus Europa auch Treesha, Mo'Kalamity, Marina P, Saralène, Leah Rosier, LMK, Soom T, Black Omolo und Alam.

Die Trendsetterin Jah9 hat darauf aufmerksam gemacht, dass Reggae & Dub auch mit schweren Beats & Bässen weiblich sein können und eine Frau nicht automatisch in die süße Lovers Rock-Nische gehört.

Alben

9 (2016)

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