laut.de-Kritik

Visionärer Aufbruch zur perfekten Melange aus Jazz, Afrofunk, Reggae und Neo-Soul

Review von

Jah9 trägt ihr Wissen als Kriminalwissenschaftlerin und Yogalehrerin mit Verve in die Welt hinaus. Sie singt Reggae und Dub mit opernhaften Bögen in der Stimmführung. Nun schwingt sich Jah9 kurzerhand zu einem Jazz-, Neo-Soul- und Spoken Word-Album auf: Ihr neues Album "Note To Self" beschreitet neue Pfade.

Der Titel wirkt introvertiert, "Nachricht an mich selbst". Die Umsetzung hört sich expressionistisch an; eine Kombination, die gefährlich sein kann. Doch die Wagnis rentiert sich - und "Note To Self" übertrifft nicht nur ihre jamaikanischen Zeitgenossen. Nur mit sehr guter Musik alleine kann das Unterfangen 2020 kaum glücken. Jah9 schickt sich in ihrem Perfektionismus an, das Reggae-Establishment, eine Männerwelt, auf den Kopf zu stellen und das Album aller Alben zu liefern. Das vielleicht größte Ding seit Buju Bantons "'Til Shiloh" und Bob Marleys "Catch A Fire". Eine Platte, die nicht nur die Grenzen des Reggae-Genres neu vermisst.

Schon stimmlich fällt sie auf: Jah9 kann singen, sie hat sich seit 2017 deutlich weiterentwickelt, klingt nicht mehr so schrill wie damals, weniger pathetisch, aber in natürlichem Flow. Sie steht wie von selbst im Mittelpunkt. Dabei durchwandert sie verschiedenste Tonhöhen, immer absolut sicher. Ein Höhepunkt ist ihr Duett mit dem exzellenten Pressure Busspipe, der zuletzt bei Third World mit einer genauso flammenden Gast-Strophe auffiel.

Gegen die Trends zur Ver-Pop-pung wehrt sie sich, obwohl sie den Pop auf dem Feature mit Chronixx selbst einmal bedient. Hier demonstriert sie, dass sie den Weg Richtung Mainstream/Soft-R'n'B kennt. Aber dieser eine Beleg reicht ihr. Danach folgen Kunst und Experiment.

Diese Scheibe fordert die bisherigen Definitionen von Reggae und die breiig gewordenen Darbietungen der Roots Culture auf mehreren Ebenen heraus. Die neuen Texte liegen auf einem ungehörten Level von Spiritualität. Positives Denken wird von der verbreiteten Wortformel zum neu bewusst gemachten Thema. Sie singt darüber gleich am Anfang in "Heaven (Ready Fi Di Feeling)" mit der Inbrunst, um einer Anrufung des Himmels gerecht zu werden. Das Übersteigerte kann nerven, es kann aber auch faszinieren. Wenn man es expressiv, exaltiert und ein bisschen crazy mag, haut sie förmlich um.

Es zeigt Ehrgeiz, wie sie den Gleichklang, Kardinalfehler der letzten zwanzig Jahre karibischer Produktionen umschifft - und jede Anspielstation mit neuen Ideen und Sounds begeht. Sie referiert dabei auf Jazz-Rap mit afrofunkigen Bläsersatz-Figuren aus den Baukästen von Femi Kuti und Akua Naru, etwa in "Ma'at (Each Man)".

Die ebenso dramatische Single "Field Trip" erschien als Vorbote schon im letzten Frühjahr. Eine Klang-Tinktur aus feinem, hellen Glockenspiel, Hörnern, Klarinette und Orgel zeichnet die Suche nach Freiheit, auf die sich Jah9 hier begibt. Weg von Sorgen, weg von dem, was man mit den Augen sehen kann, hinein in eine transzendentale Welt strebt sie, "to find your self inside, (…) reactivating what's been still in me". Sie möchte fliegen, Meditation soll ihr das ermöglichen.

Produzent Clive Hunt steht für das soul-jazzige Fusion-Arrangement gerade und verleiht dem Song durch sein elastisches Percussion-Spiel karibisches Flair und ein Gefühl meditativer Trance. Was Clive hier ausspielt, hat er lange im Hintergrund erprobt. Nach seiner Arbeit mit den Legenden und Klassikern wie Stevie Wonder, Grace Jones und Max Romeo tut ihm die verjüngende Zusammenarbeit mit Jah9 jedoch gut. Musikalischer, schwungvoller, weniger anklagend, weniger monoton als auf ihrem vorigen Album "9" klingt sie hier. Die Harmonieseligkeit beeindruckt schon beim ersten Hördurchlauf.

Gemeinsam arbeitet sich das Team, mit Robbie Shakespeare am Bass, durch die Reggae- und Dub-Geschichte und kommen dort wieder heraus, wo es einmal anfing: Im Inkorporieren von Soul aus den USA. Im Aufschnappen der Energie aus dem amerikanischen Black Power-Movement. Im freien Arrangieren von Tracks, wie man das Mitte der 70er bei Fela Kuti & Co. in Ghana und Nigeria im Highlife und Afrojazz abschauen konnte oder bei Fusion-Acts wie Weather Report, wo sich aus einem Takt der nächste herausschält und immer wieder neue Ideen aus den Songs herausperlen.

Im Album-Kontext fügt sich Jah9s Vorhaben in eine spannende Klimax. Song für Song entfernt sich Jah9 immer mehr vom karibischen One Drop-Rhythmus des Reggae. Dort stoppt sie nur einmal bei "Feel Good - 'The Pinch'", verwendet aber zugleich typische Figuren aus der Musik alter Soul-Vokal-Gruppen; konkret erkennt man da The Manhattans "Kiss And Say Goodbye". Star-Saxophonist Dean Fraser bläst hier verführerisch ins Horn.

Trip Hop-Töne umrahmen den charismatischen Gastauftritt des Rappers Akala, des – by the way – jüngeren Bruders von Ms Dynamite. Ob Vintage-Soul auf Daptones-Spuren in "Could It Be" an der gestretchten Soundpalette noch weiter zerrt, oder ob die Platte mit einem kurzen Sprachvortrag abrupt endet, "Note To Self" ist für einige Überraschungen gut. Jah9 richtet sich ans Ausland und vor allem an Menschen, die in sich hineinhorchen wollen. Moden, auch musikalische, sind da komplett nachrangig. Darin wurzelt die 'Timelessness' der Platte. Jeder Song, absolut jeder hier, gerät zum Volltreffer.

Trackliste

  1. 1. Heaven (Ready Fi Di Feeling)
  2. 2. Ma'at (Each Man)
  3. 3. Mindstorm
  4. 4. Note To Self (Okay) ft. Chronixx
  5. 5. Field Trip
  6. 6. New Race (A Way) ft. Akala
  7. 7. Hey You
  8. 8. Highly (Get To Me) (Shane & Errol Brown Mix)
  9. 9. Feel Good - 'The Pinch'
  10. 10. Love Has Found I
  11. 11. You And I ft. Pressure Busspipe
  12. 12. Ready To Play ft. Tarrus Riley
  13. 13. Reflection
  14. 14. Could It Be
  15. 15. In The Beginning

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