laut.de-Kritik

Dass jeder jeden covern kann, hat er wohl bei VOX gelernt ...

Review von

Während Gentleman im Song "Fight For No Reason" Hennessy, also Marken-Cognac, empfiehlt und wie Schleichwerbung klingt, verwandelt Jesus eine Zeile später Wasser in Wein. Ähnlich wie Rum ist das schleichbeworbene Getränk beliebt in der Karibik. Der Kölner Künstler inszeniert sich auf "Mad World" wie gewohnt als jemand, der Jamaika wie seine Westentasche kennt. Doch die Textkonstruktionen, um solchen Lokalkolorit in die Stücke zu quetschen, wirken auf dem neuen Album künstlich.

Es gibt vier sedierende Pop-Nummern ohne allzu viel musikalischen Reggae-Bezug, fünf Midtempo-Roots-Stücke, die wie ein Ei dem anderen gleichen, einen schnelleren Bubble-Dancehall-Tune ("Can't Lock The Dance"), einen Elektronik-Stepper ("They Don't Know") und ein Raggamuffin-Standard-Stück ("Stick To The Topic"). Auf lyrischer Ebene nennt Tilmann in all den Liedern genau die Schlagwörter aus seinem Wissensschatz, die wieder die Stereotypen befriedigt, welche bei den oberflächlichsten Reggae-Fans irgendwann mal in den Hinterkopf sickerten. Also bei den Musikhörer*innen, die Roots oder Dancehall genau einmal im Jahr hören: Wenn das Wetter schön ist und sie Urlaub haben.

Für Fortgeschrittene stecken recht viele solcher Erkennungswörter und -sätze gleichzeitig im Song "Things Will Be Greater": I and I, blessings, "keep ya head up high", "reach the gate". Willkürlich kombiniert der Sänger mit dem spirituellen Image seine Kritik an der Macht der Algorithmen ("greatest mind leader") mit einem Elefanten, der ein Maisfeld platt walzt. Ratlos wirft der Bärtige sein Publikum durch Gedankenverläufe, Metaphern-Ansätze und Reime, die sich so smooth wie Autoscooter-Fahren anfühlen. All die Lyrics hier erwecken den Eindruck, als habe ein algorithmischer Scrabble-Computer sie ziemlich random erzeugt.

Am wenigsten kann der Jubilar mit Patois verkehrt machen. Da fallen die sinnentleerten Textsprünge nicht sonderlich auf. In "What Them A Go Do" ist es soweit, dass Sprachfragmente wie "hatta clap", "buss a lotta shot", "heart attack", "quench dem desire" usw. herab prasseln. Was man heraus hört, ist diffuse Kritik an denen, die uns regieren, mit der verbalen Schrotflinte auf "die" ("dem") verteilt. Außerdem merkt keiner, der extrem konzentriert hinhört, dass hinter dem belanglosen Musikgewackel ein ernster Text stecken könnte. Die halbe Minute Saxophon-Solo, die auf den plötzlichen Schluss des Tunes zuleitet, ist mit Abstand das Beste an der kompletten Platte.

Bei VOX hat Gentleman gelernt, dass jeder alles von jedem jederzeit covern kann. Beim Albumtitel "Mad World" verhebt er sich doch tatsächlich an Tears For Fears. Im ersten Moment hat die Version warmen Charme, die Nummer ist auch ganz gut produziert, technisch gesehen eine der besten des mitunter dürftigen Albums. Doch man glaubt es nicht, wenn man es nicht selbst hört: Der Rheinländer verbricht eine Cover-Version, die aus dieser behutsamen Ballade einen plumpen, hart getrommelten Trash-Dub-Ska-Pop in einer monotonen Stimmbruch-Tonlage ableitet. Im Suff mag man das mal lustig finden.

Nüchtern versinkt man spätestens bei den aufgesetzten Echo-Reverbs auf "beginning beginning beginning" in Fremdscham. Erst recht bei den eingeflochtenen Zeilen über den "Plan des Teufels" und den omnipräsenten "the tower of Babylon about to fall", die nicht mal ins Versmaß passen. Ich bin kein Tears For Fears-Fan. Aber es überrascht mich, weshalb der Rasta-Barde sich aus Millionen potenzieller Songs zum Covern ausgerechnet diesen rauspicken musste - eine der sowieso sehr wenigen unbestritten tollen '80er-Balladen. Und es macht ein bisschen fassungslos, wie abgehoben solche Artists werden können, dass ihnen niemand in den Arm fällt. Man stelle sich vor, Tears for Fears würden seinen heiligen Bob Marley so schief und würdelos covern - was dann wohl los wäre ...

Ab dieser Stelle rauscht das Album dann für den Rest der Spielzeit zielstrebig ins seichte Milieu ab. Über das ganze Spektakel anbiedernder guter Laune ließe sich 'Aneignung' schreiben. Der 48-Jährige wirkt wie ein Kreuzfahrt-Animateur. Unter Dauerstrom, da er vom Schiff nicht runter kann und fieberhaft nach Programm sucht, krallt er sich auf Teufel komm raus an jeden einzelnen Hauch von Idee, der ihm einfällt. Auf gar keinen Fall kann er mal kurz stoppen, innehalten und reflektieren, ob seine dürren Songs hier wirklich mit der Welt geteilt gehören. Heraus kommt ein lang gezogener Sermon an scheinbaren Freestyle-Ergüssen, die weder poetisch sind, noch eine Story erzählen, noch Emotionen mitteilen. Sie füllen lediglich die Zeit.

Der "Tauschkonzert"-Veteran kleidet sie in eine Stimmlage, die möglichst Energie spart, indem sie immer auf der gleichen Höhe, meist in der gleichen Attitude und nahezu generisch kräht. Damit wirkt er wie einer dieser einstudierten Politikkarrieristen, die mit zwei bis drei Gesichtsausdrücken sämtliche Auftritte durchziehen. Armin Laschet beherrschte vier Mienen, war ähnlich konsensorientiert, aber mit dem vierten Gesichtsausdruck wenigstens eine Zeitlang Gesprächsthema.

Die Musik dieses Longplayers perlt zwar angenehm konturlos vor sich hin und stört nicht weiter. Allerdings hört sich alles gleich an, nämlich 08/15, zweckmäßig, wiederum auf Pop-Konsens ausgerichtet. Lediglich "They Don't Know" schert mit Dubstep-Vibe und Resonanz-satten Bässen kurz aus und erinnert daran, dass man Rasta-Musik auch den Bass-Genres zuordnet. Davon hat man nur nicht viel, weil das Lied gerade abbricht, als es sich warm groovt.

"Stick To The Topic" wirkt so, als habe man Melodie und Riddim-Struktur schon hunderte Male von ZJ Chrome, Adde, Stingray und anderen internationalen Riddim-Beatmakers in 'besser' gehört, durchaus anhörbar, sei aber hiermit nur als das gelungenste Beispiel einer Serie generischer, technischer Unterleger Marke Jugglerz genannt. Das anno 2022 noch gut finden zu müssen, nur weil es made in Germany ist, überlasse ich in Köln ansässigen Medien, die vielleicht einen persönlichen Draht zu Herrn Otto haben oder die Pflicht zu Protektionismus verspüren.

"Mad World" ist ein so brutal poppig-populistisch durchkalkuliertes Album und so überzogen auf Roots-credible hin gezwirbelt, dass sich Pop-, Dancehall- und Reggae-Freaks gleichermaßen auf den Arm genommen fühlen dürften. Es giert danach, ein Lob der Sorte "voll fett fresh" zu bekommen - aber angepasst an die Sprachvergewaltigung dieser Platte und ans gefallsüchtige Auftreten gegenüber einem möglichst jungen Publikum müsste man es "voll phat fräsh" schreiben. Die Zielgruppe dieses Albums sind Leute, die auf den lauesten Kompromiss abfahren, ihre CDs nebenbei mal an der Tanke kaufen, Adel Tawil für Soul halten, Rea Garvey für Rock und Tim Bendzko für ehrliches Songwriting.

Trackliste

  1. 1. Defining Love
  2. 2. Over The Hills
  3. 3. Fight For No Reason
  4. 4. Can't Lock The Dance
  5. 5. Things Will Be Greater
  6. 6. What Them A Go Do
  7. 7. They Don't Know
  8. 8. Mad World
  9. 9. Far From The Rage
  10. 10. Stick To The Topic
  11. 11. Island Breeze
  12. 12. Jah Only

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8 Kommentare mit 14 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Ja, muss leider zustimmen.
    Mochte Gentleman immer sehr, aber dieses Album (und der Vorgänger) sind wirklich extrem langweilig und kraftlos. Schade. Vielleicht wachsen ein paar Songs noch in den Live Versionen, wenn er wieder auf Tour ist.

  • Vor 2 Monaten

    Schön, daß sich in den letzten Jahren mal herumgesprochen hat, was seit Album 1 eigentlich offensichtlich war - Patrick ist der James Corden von Jamaika. Super penetrant und fake, so glücklich er auch sei, ab und zu mal bei den coolen Jungs auf die Fahrräder aufpassen zu dürfen. Zu ihnen gehören wird er aber immer weniger, je mehr er es versucht.

    • Vor 2 Monaten

      "Patrick"? Aber hier geht es doch gar nicht um Fler...

    • Vor 2 Monaten

      Ach, stimmt. Tillmann heißt er. Warum hab ich den bloß als Patrick im Kopf? Tillmann Otto ist ja noch viel deutscher!

    • Vor 2 Monaten

      Wahrscheinlich mit Patrick Lindner verwechselt.

    • Vor 2 Monaten

      Ragi
      DU bist ja auch voll der Hardcore Reggae-Superspezialist und setzt höchste Maßstäbe an. Für eine weiße Kartoffel ist er schon überdope. Außerdem ein feiner sehr netter Kerl und meiner Meinung nach halt völlig autenthisch und unpeinlich, was sich auch in seiner Akzeptanz auf Jamaica und seinen Künstler niederschlägt.

    • Vor einem Monat

      Ich verachte vor allem, wofür er steht und wovon er lebt. Und das sind halt so chronisch aggressive 20-30jährige, die ihre unermessliche Wut und Privilegierung mit "Niceness" und "One Love" überdecken wollen. So n bissl weltoffen und so sein, aber bloß nicht echten Kontakt zu Fremden haben, weil das die romantischen, postkolonialen Bilder von ihnen gefährden könnte. Da ist Gentleman der perfekte Stoßdämpfer für diese Art von Kiffern. Weiß, harmlos, in seiner naiven Ignoranz ähnlich vereinnahmend wie sie selbst.

    • Vor einem Monat

      Bitte ragisimus, argemongo ist ein fake.

  • Vor 2 Monaten

    Als "behutsame" Ballade hätte ich Mad World bis jetzt nicht eingeordnet :)

    • Vor einem Monat

      Der gute Revier hat leider das 80er Elektro-Pop-Original von TfF mit der Balledenversion Gary Jules verwechselt- dürfte nicht passieren

    • Vor einem Monat

      Gentleman hält sich ein paar Takte lang ans Klavier-Intro von Gary Jules. Dann macht er aus dem sehr schönen Originaltext, der tieftraurig ist und behutsam formuliert, einen neuen Text. Mit populistischen Holzhammer- Formulierungen. Das Bienensterben nennt er in einem Rutsch mit Kriegen und dem Bau von Hochhäusern. Letzteres hält er für einen Plan des Teufels. Unterm Strich ist alles ganz mies und schlecht, wenn man ihm glaubt.
      Dein guter Revier wünscht beste Unterhaltung.

    • Vor einem Monat

      Ja, ziemlich schlimmer Irrtum. Der Rezensent kennt sich nicht aus, wie man hier sehr schön erkennen kann. Die Tears For Fears sollte man musikhistorisch schon auf dem Zettel haben. Neuerdings gibt's die sogar wieder, auch wenn es kaum jemand bemerkt hat.

    • Vor einem Monat

      Dieser Kommentar wurde vor einem Monat durch den Autor entfernt.

  • Vor einem Monat

    Bei allem teils gerechtfertigten Wokismus ist der Aspekt der kulturellen Aneignung tatsächlich der lächerlichste und am wenigsten ernstzunehmende Teil dieser Welle. Ich finde die Mucke von Gentleman auch maximal egal und die "Ich wäre so gerne einer von euch"-Attitude höre ich auch stark durch, trotzdem sollte es kein Problem sein, dass er diese Musik macht. Was will man denn stattdessen lieber haben? Weiße dürfen nur Dinge tun, die "typisch weiß" sind (was auch immer das genau jetzt sein soll)? Die ganze Einstellung dazu ist wirklich nicht weit weg vom von Neurechten propagierten Ethnopluralismus.

    • Vor einem Monat

      Word! Zustimmung in allen Punkten.

    • Vor einem Monat

      Das mit der kulturellen Aneignung ist mir herzlich schnuppe. Nur kann man sich dabei auch lächerlich machen, wie Gentleman eben.

    • Vor einem Monat

      In meiner Wahrnehmung schlägt das schon hmrecht häufig über die Stränge und viel der unter diesem Label geäußerten Kritik ist mMn großer Quatsch. Wie etwa das ausladen dieser Dreadlock-Sängerin von einer FFF-Veranstaltung. Aber im Kern steckt da schon was hinter. Rockmusik wurde beispielsweise von Weißen quasi geklaut. Wobei ich da nicht unbedingt denjenigen die Schuld geben, die es als Weiße repliziert haben, sondern eher denjenigen, die das als "weiße" Musik verkauft und daran verdient haben und nicht zuletzt die Gesellschaft (meint die weiße Mehrheitsgesellschaft). Aktuelle Vorwürfe finde ich meist fragwürdig bis hanebüchen, insbesondere wenn sich Künstler explizit auf ihre Inspiration beziehen.

    • Vor einem Monat

      +1 Copslack

  • Vor einem Monat

    1. Sie sollen gute Musik machen statt durchschaubare Plastikware, an die sich in 2 Wochen keiner mehr erinnert, 2. sie sollen sich nicht an einer Karibikinsel mit einer extrem krassen Arm-Reich-Spaltung bereichern, 3. sie sollen sich selbst in den Songtexten frei machen von neurechtem Pauschal-Schimpfen auf "das" System und "die" da oben. Von politischer Differenzierung war Gentleman auch früher weit entfernt, schon als er auf dem Chiemsee Summer vor 20 Jahren Edmund Stoiber einen "Wichser" genannt hat.

  • Vor einem Monat

    Sehr passende Kritik.
    Richtig normale Pop Musik. Kein bisschen Reggae. Hat garnichts mehr von journey to jah, confidence oder another intensity. Hört sich an wie ein Album komplett mit Garageland erstellt. Und dann diese Kirmes-Schreihälse von Jugglerz. Wo hat er die denn aufgetrieben???? Ein paar angesoffene Spinner die auf der Bühne mit Glas in der Hand rumspringen und ununterbrochen Müll quatschen. Hört sich an wie aufm Autoscooter. Die muss gentleman gaaaaanz schnell wieder los werden.
    Mad World, ein 33 Minuten Album. Eine Frechheit für die Fans, die schon seit 20 Jahren zu seinen Konzerten pilgern. So wenig Material war noch nie auf einem Album. Damit kommen zu den nächsten Konzerten die ganzen Bravo Hits und DSDS Freaks. Was kommt noch??? Eine Nicht-Reggae Nummer mit Gil Ofarim featuring Pietro Lombardi?
    Blaue Stunde war ja schon ein Witz, aber das kann den Besten passieren. Mad World und Jugglerz allerdings grenzt an Körperverletzung. Selbst die Stimme klingt irgendwie wehleidig.Wir haben sehnsüchtig, wie bei allen seinen Alben, auf die Veröffentlichung gewartet. Diese 33 Minuten kann man auch live wahrscheinlich nicht verbessern. Bei manchen Vorgängen hat es ja geklappt. Das Publikum auf den nächsten Konzerten wird wahrscheinlich dem eines Düsseldorfer Clubs ähneln. Richtig schade.
    Also, bitte back to the roots, the Evolution einpacken, irgendwo einschließen und ein richtig geiles Reggae Album produzieren. Mit Johanna on the saxophone geht das schon. Dann kommen wir auch noch die nächsten 20 Jahre.