laut.de-Kritik

Future Hendrix zaubert zwischen Magic City und dem Pluto.

Review von

"Future macht die negativste inspirierende Musik überhaupt". Das sagte neulich Outkasts André 3000 über den Rapper, der die Musik seiner Heimatstadt in diesem Jahrzehnt so grundlegend transformiert hat. Dass Three Stacks mit seinem ikonischen Satz, dass der Süden da etwas zu sagen hätte, schlussendlich den Weg für zynischen Trap-Hedonismus und selbstzerstörerische Lean-Hymnen ebnet, hätte wohl niemand erwartet; noch nicht einmal eben dieser Future selbst, der im Vorfeld seines siebten Albums untypisch unsichere Töne anklingen ließ.

"The Wizrd" soll das Ende einer Ära bezeichnen. Der Zauberer markiert sein letztes Alter Ego in einer langen Reihe von Charakteren, die er in seiner Musik installierte, gleichsam neben Future Hendrix, Pluto oder Astronaut Kid. Die Platte siedelt sich nahtlos zwischen "FUTURE" und "HNDRXX" an, die 2017 binnen einer Woche erschienen und bis heute sein vielleicht kohärentestes musikalisches Werk nach "Dirty Sprite 2" darstellen.

Dieses Mal balanciert er den rücksichtslosen Straßenrapper und den verbitterten Autocrooner mit unscharfer Trennlinie. Im Rahmen des Kollabo-Tapes "WRLD On Drugs" habe ihm Juice WRLD erzählt, dass der über eineinhalb Dekaden jüngere Newcomer aufgrund von Futures Mixtapes schon im Mittelstufenalter Lean probiert habe. Eine Aussage, die Future tief erschüttert haben muss, denn sie scheint der Tropfen Schwermut zu sein, der die beiden Facette seiner Person auf "The Wizrd" in eine Realität zwingt.

Das spiegelt sich schon im Opener "Never Stop" wider, der sich auf fast kirchlich klingender Produktion zuerst wie ein typischer Future-Stomper anfühlt, das Leben von Trappern und Rap-Superstars im selben Atemzug mit Zeilen wie "I'm living my second life, it's so amazing" glorifziert. Doch dann bricht der Song nach drei Minuten geradlinigen Rappens in einen Chorus aus, der nur aus einem verschwindenden "bringing tears to my eyes" besteht.

Dennoch löst "The Wizrd" den versprochenen Reflexionsprozess nur bedingt ein. Die Spielzeit von 20 Tracks fühlt sich monumentaler an, als viele Titel im Laufe des Projekts es einhalten können. Nicht, dass Nummern wie "Crushed Up" oder "Jumpin On A Jet" nicht für sich betrachtet formidable Trap-Banger wären, es fehlt ihnen jedoch der Eigenwert, um in einem so konzeptionell angelegten Rahmen nicht ein bisschen wie Filler zu wirken.

Denn wenn er auf der Suche nach seiner Balance doch einmal wirklich in den ruchlosen Banger-Modus umschlägt, dann auch richtig: "Baptiize" und "Faceshot" sind Musik, zu der die Gosse bebt. Die 808-Pattern klingen hier so dreckig und kompromisslos, Futures Hooks drehen die Eindringlichkeit bis kurz vor die Hysterie auf.

Highlights, die im Kontrast zu den Momenten der Introspektion noch radikaler erscheinen. Mit Nachdruck gespielt, entstehen auch hier wieder beeindruckende Momente. "Temptations" und das ungewöhnlich poppige "Krazy But True" glänzen damit, mit wenigen Worten und simplen Sentiments bestechende Bilder zu zeichnen.

Generell wird auf "The Wizrd" wieder einmal deutlich, dass Future mehr Album-Artist ist, als man es einem der Zugpferde der Pop-Trap-Ära zutraut. Selbst wenn eine gute Hälfte der Platte ohne besonders eigentümliche Merkmale ins Land streichen, fühlt sich das Gesamtbild so dicht und kohärent an, dass es im Hördurchgang kaum stört. Es ist eine Erfahrung, sich durch Futures pechschwarze Trap-Landschaft zu bewegen. Nichtsdestotrotz: Die Länge wird gerade bei wiederholtem Hören doch gewissermaßen zur Krux.

"Promise U That", "Ain't Coming Back" oder "F&N" stehen symptomatisch für eine Platte, die mit zwanzig Minuten weniger eindringlicher geraten wäre. Denn auch wenn ihn der Versuch, "FUTURE" und "HNDRXX" auf einem Album als einen Charakter zu spielen, ehren mag, bleibt in der Summe der Teile der wirkliche Mehrwert doch aus.

Es wird eben nicht härter als "FUTURE" und nicht psychedelischer als "HNDRXX". Und wenn es einfach nur um geballten Future-Vibe gehen soll, müsste sich "The Wizrd" eben an "Dirty Sprite 2" messen lassen. In diesem Sinne macht das Projekt zwar wenig falsch, aber ragt nicht genug heraus, um sich langfristig eine Sonderposition in seinem Katalog zu erarbeiten. Selbst wenn man mit der Aktualität argumentieren wollte, wäre man mit dem knackigeren "Beastmode 2" aus dem letzten Jahr wohl genauso gut beraten.

Trackliste

  1. 1. Never Stop
  2. 2. Jumpin On A Jet
  3. 3. Rocket Ship
  4. 4. Temptation
  5. 5. Crushed Up
  6. 6. F&N
  7. 7. Call The Coroner
  8. 8. Talk Shit Like A Preacher
  9. 9. Promise U That
  10. 10. Stick To The Models
  11. 11. Overdose
  12. 12. Krazy But True
  13. 13. Servin Killa Kam
  14. 14. Baptiize
  15. 15. Unicorn Purp (feat. Young Thug & Gunna)
  16. 16. Goin Dummi
  17. 17. First Off (feat. Travis Scott)
  18. 18. Faceshot
  19. 19. Ain't Coming Back
  20. 20. Tricks On Me

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10 Kommentare mit 37 Antworten

  • Vor 9 Monaten

    Klare 5/5.

    Faceshot ist wirklich ein abnormaler Banger und auch sonst überzeugt die Platte auf ganzer Linie. Future beweist einfach mal wieder, dass er ein Vorreiter im Biz ist, egal was dieser Yannik sagt. ;)

    • Vor 9 Monaten

      Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.

    • Vor 9 Monaten

      Ich fordere eine Erklärung zu dieser Zensur. Ich bin mir absolut nicht bewusst, warum dieser Kommentar gelöscht wurde :???: Wie soll da eine Einsicht erfolgen, wenn man mir mein Fehlverhalten nicht aufzeigt. Einfach nur löschen ist digitaler Totalitarismus. :(

    • Vor 9 Monaten

      @krisbow

      Dieses Privileg obliegt nur den obszönen Lautusern, die hier ständig ihren Müll absondern. Wenn jemanden wie dir und mir, die Musik nicht gefällt, auf die sie so abfahren, wird jede sachliche Kritik mit Beschimpfungen, die oft weit unter der Gürtelline sind, bedacht. Das trifft nicht auf alle zu, aber auf viele. Sie können die Kritik nicht widerlegen, also greifen sie zu primitiven Mitteln.

      Warum dein Beitrag gelöscht wurde, kann ich nicht sagen, ich habe ihn nicht gelesen. Aber wenn man bedenkt, dass manch einer hier so weit geht und auch Familienmitglieder beschimpft, weil mir Trap nicht gefällt und die Redaktion von selbst nicht reagiert, dann ist klar aus welcher Richtung der Wind weht.

    • Vor 9 Monaten

      :lol: faceshot soll ein abnormaler banger sein? dann will ich ehrlich gesagt nicht die wacken tracks hören. richtige scheisse ist das

    • Vor 9 Monaten

      Liefert "Faceshot" (lel) etwa nicht "derbe krass" ab? ;)

    • Vor 9 Monaten

      Geht ihr zwei Tiefflieger bitte weiter Samra und Laas hören, ok? ;)

  • Vor 9 Monaten

    3/5 ist wirklich ein KOLOSSALER Fail, da gibt es auch keine zwei Meinungen oder subjektive Sichtweise.

    • Vor 9 Monaten

      Ja, ist wirklich eine bodenlose Frechheit. Übertracks wie "Call the Coroner" werden nichtmal erwähnt...Herr Gölz erwähnt halt auch, dass die Platte sehr vielseitig ist und überragende Momente sowohl im Bereich "Musik, zu der die Gosse bebt" (lel), als auch Tracks die "mit wenigen Worten und simplen Sentiments bestechende Bilder [...] zeichnen" hat. Trotzdem bekommt das Albung 2 Punkte weniger als die vertonte Langeweile/Wackness von Döll...IRRE. :lol:

  • Vor 9 Monaten

    4/5 nach dem ersten Durchlauf.

    ATL releases die 808 vorzuwerfen ist ähnlich wie Pete Rock sampling oder Quik Funk anzukreiden. Das ganze mit Capital und Co. in Verbindung zu bringen ist schon etwas peinlich. Future ist in der Dungeon Family groß geworden und der Neffe von Luther Vandross, was schon genug aussagen sollte.

    Man muss es nicht mögen, aber es mit NY Stuff zu vergleichen und ihm deswegen die Qualität abzussprechen, zeigt nur dass man festgefahren ist und nicht wirklich versteht, was die Sozialisierung für den Sound eines Künstlers bedeutet.

  • Vor 8 Monaten

    Gefällt mir eigentlich ganz gut, aber ich glaube, den Vorwurf, dass 80% so klingt als hätte er das gleiche Instrumental genutzt, muss er sich gefallen lassen... Warum nicht mal eine Melodie oder ein Sample mit ein wenig mehr Wiedererkennungswert einbauen. Immer nur das gleiche Synthie-Gewaber über die Drums zu legen sorgt halt nicht gerade für Abwechslung. Trotzdem hör ich das Album irgendwie gern... verstehe ich selber nicht! ;-)

    • Vor 8 Monaten

      Keine Ahnung, höre wohl zu viel Trap, aber in Nordkorea könnte ich die Leute auch nicht auseinanderhalten. Oder Reggae für meine ungeübten Ohren.

    • Vor 8 Monaten

      Ja gut, da hast du Recht, vielleicht ist es ein Stück weit "Übung"! Höre jetzt auch nicht übermäßig viel Trap. Aber Future, Young Thug und 21 Savage liefen doch des öfteren in letzter Zeit!

  • Vor 8 Monaten

    Hallo, ich bin Monarch, auch genannt "Herrscher des Hochmoors"

    Heute höre ich diese bangerreiche (Farid?) Scheibe auch mal. Freu mich drauf

    Btw ist "Beastmode" nicht von Animus? ;) wohl alles Kopierer wie Büroeinrichtung