laut.de-Kritik

EBM-Pionierarbeit der belgischen Swat-Einheit.

Review von

"Punish Your Machine" nannten sie nicht nur einen ihrer bekanntesten Remixes, es ist gleichzeitig auch die Definition für den eigenen Sound: Kampf mit der Maschine. Auf der einen Seite vier Menschen ohne jegliche musikalische Ausbildung, auf der anderen hochkomplizierte technische Gerätschaften, deren Fachtermini nicht weniger außerirdisch anmuten als die Sounds: MIDI-Interface, DX-7-Library, 8-Bit-Mono-Sampling, Z-80-Prozessor. Da muss man schon mal ein wenig Zeit einplanen, aber das ist das geringste Problem, denn die Heimat von Front 242 ist Belgien.

Ihr Konzept, der bereits erfolgten Mensch-Maschinen-Vermählung mit Aggression und Härte zu begegnen, bringt dem Quartett ab Mitte der 1980er Jahre internationalen Ruhm ein. Oberste Handlungsanweisung: Knüppel aus dem Sack, oder schlicht Electronic Body Music. Ein knackiger Begriff, der den Vorkämpfern der digitalen Revolution 1984 sogar selbst eingefallen ist, quasi die zu einem Genre-Topos geronnene Formel ihres '81er Songs "Body To Body". Gleichberechtigt zum Sound ist bei der an Grafikdesign und Kunst interessierten Gruppe von Beginn an eine von der Öffentlichkeit als martialisch empfundene Optik.

Keine gänzlich unbekannte Methodik, doch anstelle des homoerotischen Körperkults der Düsseldorfer Pioniere DAF gehen die Belgier mittels Schutzkleidung auf Distanz (Technik-Freak Daniel B. besteigt gar nicht erst die Bühne, sondern verwaltet den Live-Mix). Die bei DAF wie eine offene Wunde klaffenden Rhythmusmaschinen-Beats überdecken Front mit minimalistischen Sounds aus dem Analogsynthie, empfindlichen Störgeräuschen und Sprachsamples. So begeistern sie in den ersten Jahren als Missing Link zwischen Cabaret Voltaire und Throbbing Gristle vorwiegend den Underground.

Ihr erfolgreichster und wahrscheinlich idiosynkratischster Moment wird 1988 "Headhunter", ein Song mit dem zärtlichen Effet eines Sandstrahlers. Das dazugehörige Album "Front By Front" gilt weithin als Großtat ihres tanzbaren Industrial-Sounds, die Saat hierfür legt jedoch bereits 1987 "Official Version". Die auf neun Songs peitschenden Maschinenbeats und erstaunlich dem Pop zugewandten Synthesizer-Flächen, der mürrische Knurrgesang von Jean-Luc De Meyer in Kombination mit den wirren Drill-Sergeant-Shoutings von Tänzer und Teilzeit-Percussionist Richard 23 glänzen hier über die gesamte Albumdistanz in beklemmender Perfektion.

Interessanterweise ist die Platte rückblickend besser gealtert als "Front By Front", was der dort etwas überambitionierten Verwendung von Sprachsamples geschuldet ist. Auf "Official Version" gelingt Keyboarder Patrick Codenys eine konsistentere Atmosphäre, die mit dem Adjektiv bedrückend noch euphemistisch umschrieben ist. Der knapp achtminütige Opener "W.Y.H.I.W.Y.G." ist eine angsteinflößende BPM-Sirene ohne erkennbaren Gesang, dafür gespickt verfremdetem Menschengeschrei und einer Art Wolfsgeheul aus dem Emulator II (jenes Gerät, das Ferris Bueller in "Ferris Macht Blau" zum Vortäuschen eines Hustenanfalls bekannt macht). Der Songtitel eine Verklausulierung des zentralen 242-Kampfbegriffs "What You Hear Is What You Get", nämlich Beats für ein Gefangenenstraflager, punish your machine.

Es fällt schwer, die Geschichte der Band zu erzählen, ohne Depeche Mode zu erwähnen. "Official Version" ist das Album, das neben dem pausbäckigen US-Teenie Trent Reznor auch DM-Songwriter Martin Gore auf die Belgier aufmerksam macht. Ende 1987 dürfen sie deshalb deren Teeniepublikum europaweit in riesigen Stadthallen erschrecken, ein zentraler Karriereschub. Zudem beinhaltet "Official Version" mit "Master Hit (Part 1 & 2)" einen von jeglichen Disharmonien befreiten EBM-Klassiker, der nahtlos an Depeches Loner-Tunes andockt und deren Zielgruppe somit absolut vermittelbar ist (mit einem Sample aus David Cronenbergs "Videodrome").

Zum darauf folgenden "Front By Front" verhält sich "Official Version" interessanterweise kongruent zum Schritt, den Depeche Mode von "Black Celebration" zu "Music For The Masses" vollziehen. Beide Nachfolgewerke formulieren 'nur' die bekannten Errungenschaften im Sounddesign weiter aus und münden dabei in weit weniger düstere, dafür umso kommerziellere Hits ("Headhunter" und "Until Death Us Do Part"). Der kreativere Impetus geht hier wie dort vom Vorgänger aus.

Das Phänomen Front 242 lässt sich dennoch nicht ohne ihre Live-Auftritte erklären. Die Weigerung der Band, sich politisch zu äußern, dafür aber in schusssicheren Westen, mit Schweißerbrillen und Armbinden auf mit Tarnnetzen verhangene Bühnen zu steigen, um dort in infernalischer Lautstärke zum Beispiel Sprachsamples vom libyschen Diktator Gaddafi abzufeuern, rückt sie in faschistoides Licht. Für die Band nichts weiter als eine unschöne Folge ihrer selbstgesteckten Vision: Als paramilitärische Swat-Einheit Sprache und Look des Kalten-Krieg-Zeitalters aus den allabendlichen TV-Nachrichten collagenhaft in den Unterhaltungssektor zu überführen. Je ausdrucksstärker die Präsentation, umso besser. Das Bild ist wichtiger als die Message. Daher wird die "Official Version"-LP in separater, schwarzer Plastikhülle mit weißem Logoaufdruck ausgeliefert, als befände sich ein biologischer Kampfstoff darin. Die '87er Tournee heißt "Official Warfare".

Den wahrnehmbaren Noise-Terrorismus füttert der Prä-Techno-EBM von "Agressiva Due" und "Red Team", "Quite Unusual" überstrahlt als zweiter großer Pop-Moment die Platte, während "Rerun Time" die vokale Power des Doppelpacks De Meyer und Richard 23 vorführt. Der Sample-Fetischismus der Gruppe zeigt sich zum Abschluss in "Angst", einer aus heutiger Sicht nostalgischen Spielerei und ebenso amüsant wie Daniel B.s Aussage aus unserem Interview 1999: "Das Internet ist eine zu exklusive Sache. Erst wenn in jedem Haushalt ein PC steht, kann das Internet zum Medium des nächsten Jahrhunderts werden."

Seit das Internet diese schwere Hürde genommen hat, verwalten Front 242 vorwiegend live ihr Erbe. Schon nach dem sehr guten 1991er Album "Tyranny For You" verlor sich die Band im elektronischen Feld der Epigonen von Derrick May bis The Prodigy, das parallel zum Hype alternativer Gitarrenmusik entstand. Auftritte beim amerikanischen Lollapalooza 1993 zwischen Tool und Rage Against The Machine sollte den Stellenwert ihrer Pionierarbeit einem großen Publikum präsentieren. Stattdessen rieb sich die Gruppe zwischen den Fraktionen Techno und Metal auf. Wie weit weg ihre große Zeit und die Erschütterung einer Platte wie "Official Version" von unserem Ableton-Zeitalter entfernt ist, belegt ein Blick ins Booklet: Zwei verpixelte Fotografien erinnern an den legendären Amiga-Bildschirm.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. W.Y.H.I.W.Y.G.
  2. 2. Rerun Time
  3. 3. Television Station
  4. 4. Agressiva Due
  5. 5. Master Hit (Part 1 & 2)
  6. 6. Slaughter
  7. 7. Quite Unusual
  8. 8. Red Team
  9. 9. Angst

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LAUT.DE-PORTRÄT Front 242

Sie zählen zu den Vorreitern der aggressiven, elektronischen Tanzmusik und prägten den inzwischen gefestigten Spartenbegriff "Electronic Body Music" …

5 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor einem Monat

    Endlich. Neben "Caustic Grip" von Front Line Assembly das EBM-Album schlechthin.

  • Vor einem Monat

    Hier mal eine Liste von Interpreten/Alben, bei denen ein Stein m. E. nach längst überfällig ist:

    Smashing Pumpkins - Siamese Dream/Mellon Collie...
    Terry Reid - Seed Of Memory
    Mudhoney - Superfuzz Bigmuff
    Blind Melon - Blind Melon
    Eagles - Hotel California
    Lynyrd Skynyrd - Pronounced Leh-nerd Skin-nerd
    Tiamat - Wildhoney
    Stone Temple Pilots - Purple
    Jackson Browne - Late For The Sky
    Jane`s Addiction - Nothing`s Shocking/Ritual de lo Habitual

    usw

    • Vor einem Monat

      Dieser Kommentar wurde vor einem Monat durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Monat

      Frag einen HipHop-, Reggae-, Jazz-, Funk-, Soul- oder Country-Hörer und die werden dir auch Dutzende Alben aufzählen, die hier dringend auftauchen sollten. Man kann es nie allen recht machen, auch wenn Laut.de schon eine Verweigerungshaltung an den Tag legt, was die Auswahl mancher Alben betrifft. Eagles und Lynyrd Skynyrd sind überfällig, Smashing Pumpkins wurden mit den Reviews der Boxsets quasi abgefrühstückt.

    • Vor einem Monat

      In den letzten Jahren versucht laut.de auch bewusst, Alben aus eher abseitigeren Genres zu würdigen. Finde ich ehrenwert, wenngleich es den Begriff "Meilenstein" etwas verwässert. Wobei der Wochenturnus da sowieso dafür sorgt, dass die Alben mit der Zeit immer irrelevanter / spezieller werden. Alben, die wirklich weltweiten kulturellen Impact hatten, gibt es nämlich erstaunlich wenige.

    • Vor einem Monat

      Es stand doch, bzw. steht doch in der Info das es hier auch um "Persönliche" Meilensteine handelt. Hat nix mit Weltweitem Impact zu tun

  • Vor einem Monat

    Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet, ganz große Klasse! Bester Track auf dieser Platte (und vielleicht der Diskographie von Front insgesamt) ist mMn nach Master Hit. Gleichzeitig poppig und brachial, absoluter Killer-Groove. Was den Zeitlosigkeits-Vergleich mit Front By Front angeht bin ich ganz einer Meinung mit dem Rezensenten. Finde das Debüt Geography und Official Version die besten Front 242 Alben.

  • Vor einem Monat

    WOW !!!
    Hätte nie gedacht das meine Helden(von damals) hier in dieser rubrik geadelt werden !!!
    Hab sie damals('87) in Köln als vorgruppe von dM gesehen und war geflashed.
    Hab sie auch Live erleben dürfen ('89,'91).
    Das waren noch zeiten...Nach der Schule kommen und 242 und NEP reinziehen und natürlich dM !!!

    • Vor einem Monat

      Neid! Habe sie 1991 in Straßburg zum ersten Mal gesehen. War natürlich auch ne fette Tour. Danach noch Autogramme geholt, haha. Krasse Band zu dieser Zeit, deren Stern in der Techno-Ära leider arg schnell verglühte. Diese Doppelalbum-Aktion 93 hat aber auch niemand verstanden, kam rüber als wollten sie zu Ministry bzw. den harten Gitarrensound der Zeit andocken, war sicher ein Einfluss des Majorlabels. Ging leider nach hinten los, wenngleich Moby als Vorband schon witzig war rückblickend.

  • Vor einem Monat

    super genre-platte.
    wären noch ihre killer "headhunter" und der zugegeben zweifelhafte gaddafi-track "funkhadafi" drauf, wäre sie perfekt.

    ich mag ja auch deren seitenprojekte. etwa de meyer mit cobalt 60 und cybertecs "let your body die" fast lieber als die späten frontscheiben. auch richard 23 hat als holy gang mit §free tyson free" ordentlich zugelangt. schade nur, dass es so wenige wirklich durchgehend gute 242-alben gibt.