laut.de-Kritik

Füllt den Hohlraum hinter deiner Stirn.

Review von

Als Meister Mascis beim Bizarre-Festival im Butzweiler Hof 1997 während des Fischmob-Sets bei "David" die Bühne enterte, wären die meisten laut.de-Nasen wohl wild wichsend durch den Mosh-Pit gelaufen. Ausnahme: Meister Schuh. Er lag sicheren Quellen zufolge betrunken in Reihe acht. Mir hing dagegen noch der El Arenal-Urlaub in den Knochen. Außerdem transformierte ich gerade vom Edelpunk zum Wutang-Jünger und wollte auf dem Open Air mit Rykers, Rollins Band und CIV das Ende der Hardcore-Ära abpogen.

Ich blieb also beim Song des 98er Fischmob-Albums "Power" stehen. Aber nicht lange. Als Stachy, Koze, Cosmic und der Schreckliche Sven den "Hasch un Rock" auspackten, sprangen wir dann doch. Und mit uns all die Paradise Lost-Gothics, die Rammstein-Prolls und Foo Fighters-Mädels. Genre-Grenzen spielten keine Rolle mehr. Crossover in R(h)einkultur, weit vor der mauen Mutation zum Nu Metal. Zwar brettert auch "Hasch un Rock" im Refrain mit einfachen Gitarrenwänden und Mitgröhlcharakter, doch die Drum'n'Bass-Sounds zu Beginn und die Soul-Sequenzen am Ende überraschen auch heute noch positiv und wischen jeden Gedanken an Limp Bizkit beiseite.

Vor knapp 20 Jahren fehlte das Fischmob-Debüt "Männer Können Seine Gefühle Nicht Zeigen" weder beim Sit-In-Saufen, noch beim Schule schwänzen und schon gar nicht bei Hauspartys. Es ist die Zeit, als in den alternativen Jugendzentren die Hip Hop-Kultur die Macht übernimmt. Punk is dead, because Wu-Tang is forever. Oder so.

1995 rotieren Raekwon, Gza, Nas, Tupac und Biggie auf güldenem Niveau, während in Big D die Rapper noch zur Schule gehen. Themen in Rap-Geschichte: Public Enemy, Beastie Boys und De La Soul. So sampelt DJ Koze für seine "Bonanzarad"-Klassenarbeit Letztgenannte. Die gepfiffene Melodie, ein treibender Old School-Beat, überraschende Film-Samples und diverse Gitarren in Strophe wie Refrain verdienen sich eine Eins Plus mit Sternchen.

Die vielen Skeptiker und Jungspunde werfen jetzt ein: Watt? Warum ist denn ein Song, der vier Jahre der Zeit hinterher hinkt und auch noch schamlos kopiert, so legendär? Nun, Koze gelingt hier das Crossover-Kunststück, alle Facetten des urbanen Lebens und der diversen Subkulturen in einem schmissigen Song unterzubringen. Mit dem "Bonanzarad" erobert er als hanseatische Lowrider-Ausgabe die Straßen von Kapitalisten, Spießbürgern und Bullen zurück ("...die Fußgängerzone ist mein Revier...") - typisch deutsches Rebellentum inklusive ("...auf Tempo 30 scheiß ich..."). Das hat in einer Zeile mehr Tiefgang und Inhalt als Caspers letzte beiden Alben zusammen. Der Pop-Appeal läuft hier zusätzlich noch aus Ohren, Mund und Nase.

Selten hat eine Band mit so vordergründig smarten Tracks so unpeinlich und undogmatisch Position bezogen. That's what you get when Hip Hop, Hafenstraße and Hamburger Schule all together raised you. Wenn auf "4'55" die bedrückende Story einer Vergewaltigung über einen relaxten, melancholischen Beat erzählt wird, nur um dann am vermeintlichen Happy End in befreiender Selbstjustiz zu enden, bleibt einem das Schwarzbrot im Halse stecken. Und von diesen trojanisches Pferden spulen Fischmob einige ab. Egal, ob die Polizeisatire in "Vater Will Uns Sehn", das Proleten bloßstellende "Ey Aller" oder die Sozialkritik mit Cypress Hill-Sample in "Du Nennst Mich Penner", Fischmob erzählen Geschichten über partycrashende Beats und halten allen mitten im Sprung den Spiegel vor.

Vollkommen zurecht setzt das Visions Magazin "Männer Können Seine Gefühle Nicht Zeigen" auf Platz 45 der hundert wichtigsten Platten der Neunziger. Noch vor Daft Punk, Wu-Tang Clan, Nick Cave, den Fantas oder Sepultura. Immerhin verkaufte sich das Ding ohne große Marketingstrategie in rap-losen Chart-Zeiten mehr als 50.000 Mal.

Auf dem Bizarre Open Air tobt der Schuh derweil aus dem Suff erwacht zu den nächsten Jump Jump Around-Tunes "Tut Mit Leid" und "Fick Mein Gehirn". Deutsche Rap-Puristen wenden sich vielleicht ob der nicht Tone oder Savas mäßigen Flows enttäuscht ab, Fischmobs energetische Reimwechsel und Doppelungen aber stehen Run DMC oder den Beastie Boys in nichts nach. Ähnlich wie Letztere bricht auch das folgende Album "Power" und die Solokarriere der einzelnen Mitglieder später mit Elektro, Indie Rock und anderen Beat-Zaubereien die eingangs erwähnten Grenzen immer weiter auf. Im State Of Mind also eher Afrika Bambaata als Absolute Beginner. Nachzuhören in den eher live-untauglichen Stücken "Jazzmusik & Alkohol" oder dem triphoppigen "Blindflug". Ein Meilenstein des Crossovers eben, der daher bei jedem Durchlauf für immer eins macht: Den Hohlraum ausfüllen - hinter deiner Stirn.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Hasch Un Rock
  2. 2. Bonanzarad
  3. 3. Ey, Aller
  4. 4. Atari
  5. 5. Jazzmusik & Alkohol
  6. 6. Du Nennst Mich Penner
  7. 7. 4'55''
  8. 8. Fick Mein Gehirn
  9. 9. Vater Will Uns Sehen
  10. 10. Fickpisse
  11. 11. Habt Ihr Schon Gehört?
  12. 12. Tut Mir Leid
  13. 13. Blindflug

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4 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 4 Jahren

    Ein wirklich cooles Album, obwohl mir 'Power' um Längen besser gefallen hat. 'Bonanzarad' und 'Fick mein Gehirn' sind allerdings zeitlose Klassiker die man immer abfeiern kann!

  • Vor 4 Jahren

    unterschreibe jedes wort, inkl des casper-diss. bestes album vom hamburgern in den 90ern. nicht schlecht für jungs aus der falschen hansestadt :smoke:

  • Vor 4 Jahren

    Okay, ich gestehe: ich besitze den Nachfolger selber. Nicht, dass ich das damals tatsaechlich auch angehoert haette oder jetzt noch wuesste, wie das klingt. Nur eines ist klar: es ist ueberwack.

    Trotzdem muss ich mich von der Scham reinwaschen. In naechster Zeit gilt es also, noch mehr Nutten zu ficken, noch mehr Muetter zu beleidigen und noch mehr Koks zu ziehen.

    Super Einleitung aber mit dem betrunkenen Schuh auf Bizarre. :D

  • Vor 4 Jahren

    Die Bizarre-Festivals im Butzweiler Hof fand ich persönlich sogar die Besten! Einzige Festivals, wo ich mich ebenfalls über Jahre an keine einzige Band mehr erinnern kann, aber unendlich viel dämliche Zeltplatzgeschichten :D
    Danach wurd das ja noch paar mal örtlich verlegt, umbenannt, eingestampft... aber die Jahre im Butzweiler Hof waren legendär!