laut.de-Kritik

Die letzte Konstante in diesen beschämenden Zeiten.

Review von

Chemnitz marschiert, sein parlamentarisches Pendant etabliert sich in Umfragen als zweitstärkste Kraft und die CSU startet ihr eigenes Raumfahrtprogramm. Es sind weiß Gott beschämende Zeiten. Während sich die einen wundern, was man überhaupt noch Liebe nennt und andere glauben, alle Probleme verpufften beim Tanzen, stellte zumindest Andreas Bourani vor einigen Jahren die wohl wichtigste Frage überhaupt: "Wer friert uns diesen Moment ein?"

Und das, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, tun Element Of Crime. Sie tun es seit nunmehr 33 Jahren. Und ebendrum ist es so verdammt wichtig, dass mit "Schafe, Monster Und Mäuse" auch im Jahr 2018 wieder ein Studioalbum dieser Band erscheint, die musikalisch wie lyrisch die vielleicht letzte Konstante in unsteten Zeiten bildet. Die uns allen diesen Moment einfriert.

Wer wäre wohl besser geeignet, nach dem Weltuntergang einmal auf Pause zu drücken, und die eigenen Beobachtungen beim Gang über den Kurfürstendamm in all seinen unwichtigen Details festzuhalten? Wohl niemand. Und genau so ein Werk ist "Schafe, Monster Und Mäuse" geworden. Ein gewohnt nüchternes Stillleben, eine Bestandsaufnahme voller Urbanität, Zwischenmenschlichkeit und Currywurst.

Größer denn je fällt der Berlin-Bezug auf "Schafe, Monster Und Mäuse" aus: Sven Regeners Dichtungen spielen wahlweise am Schlesischen Tor, auf dem Kudamm, im Prinzenbad oder einfach nur im Späti. Unstet wie die Millionenstadt selbst schwanken Element Of Crime in nostalgietrunkener Manier zwischen Halbballaden, Lagerfeuerliedern und geselligen Ufftata-Bläsersätzen. Bewusst klamaukig tänzelt sich die Rhythmusfraktion durch "Ein Brot Und Eine Tüte", bluesig wie nie heult sich Jakob Iljas Gitarre durchs verdammt abgedunkelte "Stein, Schere, Papier".

Ganz unzimperlich stellen Element Of Crime in "Karin, Karin" die megalomanische Silvesterfeierei der Hauptstadt auf eine Stufe mit einem Schlag auf den Hinterkopf – tadelnde Worte und erhobene Zeigefinger verwehren sie uns dennoch. Denn wie immer flutet allgegenwärtige Melancholie in die Fronten zwischen Optimismus und Pessimismus. Offenbart sich "Die Party Am Schlesischen Tor" für den Einen als einzige Liebeserklärung an die Berliner Feierwut, spiegelt sie für andere wohl den wahrgewordenen, gerade deshalb so beklemmenden Großstadt-Albtraum wieder.

Ein bisschen Stabilität bedeutet gewiss auch die bekannte Feststellung: Steht Element Of Crime drauf, ist Element Of Crime drin. Es gibt A-Moll und D-Moll, es gibt Gäste an verschiedensten Instrumenten, es gibt Bläser und einen neuerlichen Gastbeitrag von Regeners Tochter Alexandra. Es gibt folkige Klänge, bräsige Kraut-Momente und ein ganz schön progressives Wechselspiel aus Dreiviertel- und Viervierteltakten ("Bevor Ich Dich Traf"). Es gibt diesen Moment, in dem "Nimm Dir, Was Du Willst" anfänglich haargenau wie "Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie" klingt.

Und es gibt das in seiner Spärlichkeit alles überragende "Wenn Es Dunkel Und Kalt Wird In Berlin", das mit Gummibärchen-Metaphorik den Kummer von Steinen aus der Spree besingt und sogleich die allseits beliebte Glühwein-Saison einläutet. Und damit schlussendlich wieder den Bogen zurück in diese eine Stadt spannt, die einzige, in der sich dieses Stück deutscher Musikkultur überhaupt hätte zusammenfinden können.

Ja, es stimmt: Wenn "Vier Stunden Vor Elbe 1" das Klagelied auf die Wurzeln der zurückgelassenen Hansestadt ist, dann ist dies hier die längst überfällige Ode an die Wahlheimat. Dann ist das die Stimme im Wind, die flüstert: Auf diese Steine können wir bauen.

Trackliste

  1. 1. Am Ersten Sonntag Nach Dem Weltuntergang
  2. 2. Schafe, Monster Und Mäuse
  3. 3. Ein Brot Und Eine Tüte
  4. 4. Bevor Ich Dich Traf
  5. 5. Immer Noch Liebe In Mir
  6. 6. Gewitter
  7. 7. Die Party Am Schlesischen Tor
  8. 8. Stein, Schere, Papier
  9. 9. Im Prinzenbad Allein
  10. 10. Karin, Karin
  11. 11. Nimm Dir, Was Du Willst
  12. 12. Wenn Es Dunkel Und Kalt Wird In Berlin

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LAUT.DE-PORTRÄT Element Of Crime

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7 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor einem Jahr

    tolle entschleunigungsplatte!
    für mich als hb-männchen ist es trotz aller berlinismen rgeners wegen auch immer ein stückchen wiedererkannte bremer mentalität. seine texte hätten längst den büchner.preis verdient und geghören benen rio und blixa m.E. zum besten, was die deutsche sprache in den letzten 50 jahren hervorbrachte.

    ich finde es persönlich auch nach jahren immer noch etwas bekümmernd, dass der sven und ich uns im talk auf unserer gleichpoligen teebeutelebene etwas abstießen. aber irdgendein tüdelkram ist ja immer.

    • Vor einem Jahr

      Vielleicht liegt es ja an seiner Genrenische, aber hier kann ich die Kunst von seiner Person nur schlecht trennen. Da es wie bei vielen deutschsprachigen Bands nur in zweiter Linie um die Musik geht und Regener ein chronisches Arschloch zu sein scheint, entgeht mir hier also vielleicht etwas.

    • Vor einem Jahr

      die musik ist eigentlich auf jedem album gut. auf manchen platten sogar sehr gut. vielleicht waren "damals hinterm mond", "weißes papier" oder das tolle englische werk "ballad of jimmy & johnny" noch eine spur intensiver und inspirierter. zumindest empfinde ich das oft so. aber eoc sind definitiv eine der wenigen bands überhaupt, die keinen einzigen ausfall in ihrem katalog haben.

      wie kommst du darauf, dass er eher unsympathisch ist?

  • Vor einem Jahr

    ja, Regener hat eine goldene Vergangenheit. EIne tolle Litheratur Trilogie und sehr gute Alben. Als Konstante kann man ihn auch in den letzten Jahren bezeichnen, konstant bräsig.

  • Vor einem Jahr

    Anders als offenbar manch anderer hier bin ich ein großer Fan auch späterer EoC-Alben. Romantik & Mittelpunkt der Welt sind mbMn sogar ihre besten Alben überhaupt.

    An manchen Stellen ist mir diese hier zwar etwas arg schablonenhaft geraten (Titelstück & Bevor ich dich traf z.B., das hat man von ihnen irgendwie schonmal in spannender gehört), aber gewohnt wunderbare Bilder & Figuren vom Schlesi-Trinker oder lebensfrohen Klappergreis entschädigen dafür. Kein Meisterwerk, aber in jedem Fall ein gutes Album für den Herbst. Schön auch das Interview nebenan.

    P.S.: Die Rezi ist gerade noch nicht übers Künstlerprofil verlinkt, vll. kann man das ja nachbasteln.