laut.de-Kritik

Betörender Neofolk zwischen Fiebertraum und Weisheit.

Review von

Der Vorhang hebt sich: "The Birds are sweetly singing" deklamiert die Stimme des Schriftstellers Thomas Ligotti. Doch schon in den ersten Sekunden signalisieren die Instrumente: Alle Idylle täuscht. Alle verborgenen Befürchtungen werden Gewissheit, alles Licht wird dem Menschen entgleiten. Die Vögel sagen es voraus, während ein Verlorener im Hintergrund seine letzte Arie singt. "The Light Is Leaving Us All"!

"Here they come!" knurrt David Tibet, umhüllt von grollendem Donner und flatternden Schwingen. Ein perfekter Spannungsaufbau. Natürlich erwartet der Lauschende nun die wuchtig hereinbrechende Apokalypse. Doch so einfach ist Mr. Current 93 nicht auszurechnen. Stattdessen ertönt ein zartes, binnen weniger Sekunden verführendes Thema aus jenem Grenzgebiet, wo Folk und Klassik einander die Hand reichen.

Der Briefträger und das Milchmädchen singen noch immer ahnungslos vor sich hin. Das fahle Licht eines trunkenen Mondes beleuchtet die kleine Kapelle kaum noch, alle Sicherheit zerbricht. Der Arzt, die Nachtschwester, der Polizist - alle am Ende oder tot. Während Tibet in "The Policeman Is Dead" mit eindringlicher Stimme durch das Szenario führt, lockt Alasdair Roberts' Akustikgitarre weiterhin mit stoischer Lieblichkeit. "The light is leaving you now."

Viele doppelte Böden kommen im Verlauf der folgenden Lieder zusammen. Der Albumtitel und die singenden Botenvögel bleiben die einzigen Konstanten. Tibet beeindruckt einmal mehr mit seinen umfangreichen Kenntnissen über Christentum, Hinduismus, Buddhismus und nicht zuletzt Okkultismus. So ist es kein Wunder, dass sich der apokalyptische Anteil hier rasch seiner christlichen Deutung entzieht und gemeinsam mit Buddha, Vishnu und Crowley am selben Tisch sitzt. Denn alles fließt und sogar die von Tibet postulierte Finsternis bleibt letztendlich nur Durchgangsstadium zum Neuanfang.

Seine (scha)manischen Symbolismen begleiten konventionelle Spielzeuge wie Gitarre, Flöte, Geige oder Piano, die sich mit exotischen Klängen von Theremin, Duduk und diversen Glöckchen verweben. Daraus entspinnt sich ein betörender, sanftmütiger Teppich. Gelegentlich packen Current 93 zum Kontrast den Hammer aus. "The Postman Is Singing" etwa klingt, als würde ein Kammerensemble Industrial machen, während in "The Kettle's On" der absolute Veitstanz ausbricht.

Tibets Blutsbruder Michael Cashmore ist zwar erneut nicht mit von der Partie, Andrew Liles füllt diese Lücke jedoch souverän aus. Seine E-Gitarre, das Talent für packende Arrangements und die lässige Produktion lassen nichts zu wünschen übrig. Andere liebgewonnene Gefährten - wenn auch keine menschlichen - tauchen zuverlässig auf. Die Pferde aus der "All The Pretty Little Horses"-Ära sitzen ebenso im Boot wie die weichen, dunklen Sterne der Marke "Soft Black Stars". Geschickt baut er sämtliche Attribute dergestalt ein, dass man auch ohne Vorkenntnisse in sein Universum eintaucht.

Tibets Sprechgesang pendelt zwischen in sich ruhendem Chronisten und entflammtem Seher. Die Platte funktioniert daher entweder als reine Schauergeschichte oder als Sinnbild der Gegenwart. Wenn stolze Könige im Angesicht sinistrer Kräfte der Verzweiflung anheimfallen, erinnert die Metapher nicht von ungefähr an die Ratlosigkeit etlicher Staatsoberhäupter in der Trump-/Putin-Ära.

Ein wenig Humor lockert die Story auf. So ist Tibet selbstredend per Du mit allen tragende Nebenrollen spielenden Hexen. In "A Thousand Witches" zählt er sie auf und verpasst ihnen anscheinend die recht irdischen Vornamen eigener Freundinnen wie "Christy-Anne", "Peggy" oder "Christiane". Hier kann man ein Schmunzeln kaum unterdrücken. Als Krönung zum Meisterwerk flicht der Mann, der einst Antony Hegarty/Anohni entdeckte und von Nick Cave Bewunderung erfährt, philosophische Thesen ein. In "30 Red Houses" verkündet er inmitten freundlichen Geklöppels und harmloser Akustikgitarren: "And between the books and the words: There is something at war with nothing / There is someone at war with no one / And everything at war with you!"

Entsprechend deutlich nimmt das 26. Studioalbum lässig einen der vorderen Ränge im ohnehin beeindruckenden Katalog der Briten ein. Unbedingte Kaufempfehlung, bevor es zappenduster wird, denn "the light is leaving us all!"

Trackliste

  1. 1. The Birds Are Sweetly Singing
  2. 2. The Policeman Is Dead
  3. 3. Bright Dead Star
  4. 4. 30 Red Houses
  5. 5. A Thousand Witches
  6. 6. Your Future Cartoon
  7. 7. The Postman Is Singing
  8. 8. The Bench And The Fetch
  9. 9. The Kettle's On
  10. 10. Fair Weather
  11. 11. The Milkmaid Sings

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