laut.de-Kritik

Mama, ich hab' Angst!

Review von

Horrorfilme sind aus gesellschaftspolitischer Perspektive wohl das interessanteste aller Film-Genres. Bereits seit den ersten bewegten Bildern, begannen Menschen, ihre Ängste auf Zelluloid zu bannen. Die oft verkannten Schmuddelfilme sind deshalb auch heute noch Zeitzeugen politischer und kultureller Veränderungen und damit weitaus relevanter, als viele es für möglich halten. Es ist dementsprechend kein Wunder, dass Clipping., seit jeher ein politisches Projekt, sich dazu entschlossen haben, diese Gruppe von Filmen als Vorbild für ihr neuestes Album zu benutzen. Das gebiert ein musikalisches Biest, das - im positiven Sinne - schockiert, abstößt und fasziniert.

Schon das "Intro" macht deutlich, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Eine Tape wird ins Kassettendeck geschoben, ein kurzes Knistern, dann beginnt augenscheinlich das gewohnte Prozedere: Ja, Daveed Diggs rappt sich bereits hier die Seele aus dem Leib, aber der blecherne Effekt auf seinen Vocals wirkt ungewohnt. Wie eine schlechte VHS-Kopie der spät nachts übertragenen cheesy Horrorstreifen der 80er tönt die Aufnahme. Nur ist daran absolut gar nichts cheesy.

Hintergründig klappen Kofferräume zu, Schaufeln schleifen über den Boden und schnelle Schritte nähern sich, ehe ein verzerrter Schrei dem Ganzen ein Ende setzt. Es ist gerade einmal eine Minute von "There Existed An Addiction To Blood" vergangen, und man fühlt sich bereits jetzt genötigt, Blicke zurück über die eigene Schulter zu werfen, um sicher zu gehen, dass sich niemand anderes im Raum befindet.

"Nothing Is Safe" öffnet anschließend mit schrillen Keys, die an John Carpenters ikonischen "Halloween"-Soundtrack erinnern. Eben diesem Altmeister ist der Song in gewissem Sinne auch gewidmet. Es handelt sich um Clipping.s Interpretation seines Thriller-Klassikers "Assault On Precint 13", nur sind dieses Mal die Polizisten nicht die Opfer, sondern selbst diejenigen, die Angst und Schrecken verbreiten: "Nothing is safe, nothing is sacred." Das Echo der letzten Worte gleicht einer apokalyptischen Prophezeiung.

Nachdem uns Clipping. mit ihrem letzten Album "Splendor & Misery", eine fiktionale Sci-Fi-Sklaven-Odyssee ausmalten, tauchen sie mit ihrem jüngsten Unterfangen in die Tiefen der menschlichen Psyche. Inspiriert von Horrorcore und Memphis-Rap- Acts wie Three 6 Mafia oder 8Ball verrücken sie reale Alptraum-Szenarien in die Welten von "Texas Chainsaw Masacre", "Saw" oder "Shining": Polizisten mutieren zu Werwölfen, Mafiosi zu Metzgern und Rassisten zu Vampiren. Dabei zeigt sich das Trio vor allem instrumental harsch wie selten. Kollaborationen mit großen Namen der Noise-Community (The Rita, Pedestrian Deposit, Counterfeit Madison) und Eigenproduktionen, die sich irgendwo zwischen unheimlich und verstörend bewegen, erzeugen einen Klangteppich, der sogar ihr chaotisches Debüt "Midcity" alt aussehen lässt.

Mit "La Mala Ordina" lässt das Trio in Kooperation mit ElCamino und Benny The Butcher eine ganze Generation von Rappern gegen die Wand fahren. Auf "The Italian Connection" Bezug nehmend, entlarven sie auf entsetzlichste Art, dass Möchtegern-Gangster in der echten Unterwelt kompromisslos als Hundefutter enden würden: "The bags on the table ain't for weight, they for body parts." Im letzten Verse steigert sich Diggs in snuffartige Gewaltphantasien: "Cutouts from a magazine, make letters for your mom / Laid out on the floor without a tongue trying to ask why", ehe ihn eine immer lauter werdende Wand aus Noise verschluckt. Zwei Minuten lang torpediert diese den Gehörgang. Als endlich Ruhe einkehrt, fühlt man sich selbst wie der Gefolterte, dem ein kurzer Moment des Durchschnaufens gewährt wurde.

"Kurz" heißt in diesem Fall: knappe zwei Sekunden. Mit "Club Down" lassen Clipping. nämlich nur wenig später erneut die Höllenhunde von der Leine. "Turn the lights off", heißt es. Folgt man diesem Rat, findet man sich inmitten verkommener Hausruinen wieder, in denen sich die Leichen, Produkte zahlreicher Straßenkämpfe, bis an die Decke stapeln. Immer wieder zerschneiden gellende Schreie das ohnehin schon düstere Tongerüst, Daveed rappt jedoch unbeirrt weiter. Zynisch grinsend spuckt er dem Hörer in den Gehörgang: "Remember that it all begun with that gangsta shit / The whole world lovin' that gangsta shit."

Einer der genialsten Einfälle der LP findet sich auf "All In Your Head". Nachdem zuvor "Possession (Interlude)" eine dämonische Besitzergreifung schilderte, findet sich Daveed in der Rolle eines Priesters wieder, der mithilfe von Deep-South-Pimp-Talk einen Exorzismus verübt. Das klingt genau so verrückt, wie es sich anhört: "Say it out loud: Pimps up, hoes down. Fuck bitches get money. Hallelujah. Amen." Alles natürlich wieder bespielt von Noise-Pedals und verzerrten Bass-Drops. Erst nachdem der Dämon ausgetrieben wurde, entwickelt sich der Alptraum zu seiner wunderschönen Danksagung, die jedoch letzten Endes wieder die alles schwärzende Krach-Wolke verschlingt.

"There Existed An Addiction To Blood", so lautet nicht nur der Name des Albums, sondern auch die eröffnenden Worte von "Blood Of The Fang", dem wohl besten Beispiel für Clipping.s Fähigkeit, reale Konflikte mit absurden Allegorien darzustellen. Im Musik-Video inszeniert sich Daveed Diggs als Vampir, der eine AK-47 wortwörtlich operiert, um sie im Anschluss zu verspeisen. Dabei treibt ihn nicht der Appetit auf Blut an, es gelüstet ihn nur nach Gewalt. Ein Gelüst, das er als allgegenwärtig porträtiert: "Look back, blood on the ground. Look straight, they still shootin', jump back, still here." Viel mehr als um Gewalt im allgemeinen Sinn geht es dabei ihm um die rassistische Unterdrückung seiner Community, sprich: um rassistisch motivierte Gewalt. Als er mit den Worten "Prince Stokely done told y'all: Have no fear. So how come every time they be like 'Gyah Gyah Gyah' y'all look scared?" schließt, steht das Gefühl einer bevorstehenden Revolution im Raum.

Kurz vor dem Ende feuert "Attunement" ein letztes Mal aus allen Kanonen. Ein neruronenbetäubender Feuerstrahl des Lärms, eine "Meditation" über Suizid. Es ist das konsequente Ende eines Kurztrips in die Hölle, dessen hoffnungsvolle Momente die Worte "Your are not a body, you're a metal shell and you can see the rust" ersticken. Es bleiben die Schwärze und die Angst. Der Closer "Piano Burning", das 17-minütige Field Recording eines brennenden Pianos (Duh!), liefert anschließend endlich wohlverdiente Ruhe.

"There Existed An Addiction To Blood" ist ein atmosphärisches Monster von einem Album, das dem Hörer in seiner Laufzeit fast die gesamte Bandbreite des menschlichen Empfindungsvermögens abverlangt. Vergleichbar mit Nine Inch Nails "The Fragile", oder Suicides Self-Titled, erzeugt es eine unheimliche Anspannung, die sich über die komplette Laufzeit immer wieder explosionsartig entlädt. Es ist deshalb sicherlich kein Album, das man nebenbei auf dem Weg zur Arbeit hört. Lässt man sich aber auf die Erfahrung ein, belohnt einen das meiner Meinung nach beste Album des Jahres: nicht nur das beste, das Clipping. in ihrer kurzen Karriere produziert haben, sondern, sowohl aus musikalischer wie auch aus lyrischer Perspektive, nicht weniger als das Opus Magnum eines gesamten Subgenres.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Nothing Is Safe
  3. 3. He Dead
  4. 4. Haunting (Interlude)
  5. 5. La Mala Ordina
  6. 6. Club Down
  7. 7. Prophecy (Interlude)
  8. 8. Run For Your Life
  9. 9. The Show
  10. 10. Possession (Interlude)
  11. 11. All In Your Head
  12. 12. Blood Of The Fang
  13. 13. Story 7
  14. 14. Attunement
  15. 15. Piano Burning

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4 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 28 Tagen

    Die Review weckt auf jeden Fall Lust, mir das Mal anzuhören. Kannte die bis jetzt nicht.

    • Vor 28 Tagen

      mach mal. kann mir vorstellen, dass dir das voll reinläuft.

    • Vor 27 Tagen

      Recht hast du. Hatte nicht so richtig Zeit heute und hab es nur halb gehört mit Unterbrechungen, aber freue mich schon sehr darauf es in Ruhe am Stück zu hören. Und mir dann evtl andere Sachen von denen anzuhören. Erinnert mich an Aesop Rock, aber mit einem spannenderen musikalischen Unterbau.

  • Vor 27 Tagen

    Heute früh auf dem Weg in die Arbeit gehört. Bin sehr angetan. Bin aber auch Fan seit "CLPPNG".

  • Vor 26 Tagen

    Ich find's cool als Genrefremder, das muss bedeuten dass es in Wahrheit wirklich überirdisch geil ist.

  • Vor 22 Tagen

    5/5 AOTY Kanidat. Sehr, sehr spannend. Ist denke ich auch was für die Oldskool-Fraktion, da Mic-Skills, storytelling, atmosphere auf einem sehr hohen Niveau sind. Die Noise/Experimental-Komponente kann teilweise schon sehr "fordernd" sein, bspw das Ende von 'la mala ordina', was ich nach dem ersten Durchlauf jedes Mal geskipt hab. Aber allein sowas auf einem Album zu machen ist so sehr keinen fick geben, wie andere höchstens behaupten zu sein. Und el Camino und Benny funktionieren ziemlich gut auf den Instrumentals, die mir auch ziemlich gut reingehen. Ist halt ein eigener Style.