Porträt

laut.de-Biographie

Badly Drawn Boy

Stell dir vor, du stehst im Konzert, bist gerade dabei dir genüsslich eine Kippe zu drehen und plötzlich steht der Typ von der Bühne vor deinem Mädchen und reicht ihr eine Rose. Wahrscheinlich grinst er auch noch dabei. Doch könnte man ihm dafür böse sein, dem schlecht gezeichneten Mann, der so wundervolle Musik aus seinem Hut hervorzaubert? Besser gesagt aus seiner Wollmütze, die bereits in den 70ern existierte, sein Markenzeichen wurde und unter der angeblich immer ein Päckchen Marlboro Lights lagert?

Damon Gough ist eben ein lustiger Vogel und nebenbei mittlerweile so bekannt, dass sich Denver Clan-Oma Joan Collins für einen Videoclip ("Spitting In The Wind") engagieren lässt. Vorbei die Zeiten da sich Damon, Jahrgang '69, nach Schulabschluss im elterlichen Druckergewerbe herumdrückte. Denn anschließend lässt ihn das Schicksal im heimischen Manchester den Weg von Grafik-Designer und DJ Andy Votel kreuzen, mit dem er das Label "Twisted Nerve" gründen sollte, nur um endlich seine Home Recordings veröffentlichen zu können. Die ersten beiden EPs sind, da auf 500 Stück limitiert, heute vergriffen und heiß umworben.

Richtig interessant wird es, als der ausgewiesene Springsteen-Fan Gough eines Abends den The Fall-Sänger Mark E. Smith nach Hause fährt, der seinen Wagen für ein Taxi vor einem Club hält. Smith verspricht Gough, als Gegenleistung den Song "Tumbleweed" von ihm aufzunehmen. Durch diese Bekanntschaft kommt Gough zu der großen Ehre, auf dem später umjubelten Debut-Album Psyence Fiction des Projekts UNKLE (DJ Shadow, James Lavelle) mit seinem Song "Nursery Rhyme" zu glänzen.

Die dritte EP, "EP 3" betitelt (noch erhältlich), erscheint in Deutschland im Oktober 1998 und die vom Frickelmeister selbst ernannten "Future Folk"-Tracks werden von hiesigen Gazetten als Kreuzung beatleesker Songwriter-Traditionen und verschrobener Electronic-Geräusche umschrieben. Die Verschwörung scheinbar unvereinbarer Stilrichtungen wie Blues, Folk, Soul, TripHop und Drum'n Bass erinnert von der respektlosen Herangehensweise an Beck, ein Vergleich, der Gough bald auf die Nerven gehen sollte. Musikalische Respektlosigkeit gäbe es doch schon seit Zappa und Captain Beefheart.

Im Gegensatz zu "Loser" Beck hat Gough keine Probleme mit dem Underdog-Thema, es ist sogar elementarer Bestandteil seiner Weltsicht. Angefangen mit dem Bandnamen, der aus der TV-Cartoon-Sendung "Sam And His Magic Ball" entlehnt ist. Die Hauptfigur, der Badly Drawn Boy, ist ständig wütend, dass er nur eine Zeichnung ist und noch dazu eine so schlechte. Natürlich muss er alleine gegen diesen Missstand ankämpfen. Gough liebt solche Geschichten.

Das Wort "Bewilderbeast" (to bewilder = verwirren) im Titel des Debut-Albums geht zurück auf seine Idee des Songwritings: "Ich habe diese Theorie, dass ich beim Prozess des Songschreibens an einen Baum komme, der verschiedene Türen hat. Jede Tür spielt eine bestimmte Melodie und hinter ihr wohnt ein Pixie. Der entscheidet dann, ob er dich hereinbittet und dir eine Art Songnukleus mitgibt, eine Melodie, ein Textfragment, was auch immer. Ist der Pixie ungeduldiger Natur und gibt dir wenig, wird daraus ein schneller Song, triffst du auf einen ausgeglichenen Pixie, gibt der dir eher eine Idee für eine Ballade. Diese Pixies sind sehr humorvoll und ich denke, sie nennen uns Menschen 'Bewilderbeast'."

Mit der Veröffentlichung des wundervollen Albums schlägt 2000 dann tatsächlich die Stunde des Bewilderbeasts Damon Gough: er gewinnt den renommierten britischen Mercury Music Prize, der jährlich an "new artists" vergeben wird. Sein Meisterstück trägt er nun mit befreundeter Band auch auf Club-Bühnen. Und sollte er dann plötzlich vor einem stehen, um der Liebsten eine Rose in die Hand zu drücken, kann man ihm eigentlich auch gleich seine Kippe anbieten.

Teil Zwei der Geschichte um den 'schlecht gezeichneten Jungen' spielt nicht mehr in Club-Bühnen, sondern in Kinos. Gough zieht es ins Filmgewerbe. Seinen ersten Soundtrack komponiert er für die Komödie "About A Boy", in Deutschland unter "Der Tag der toten Ente" im Kino. Zugrunde liegt ein Roman des Pop-Schriftstellers Nick Hornby. Handlung des Films ist das Aufkeimen einer Freundschaft zwischen einem pubertierenden Jungen, dessen Mutter suizidgefährdet ist, und einem 36-jährigen Junggesellen (Hugh Grant), der eben jene alleinerziehende Mutter in einer Selbsthilfegruppe kennenlernt. Die Story kreist immer wieder um den Suizid Kurt Cobains. Neben der eigens für den Soundtrack komponierten Filmmusik von Badly Drawn Boy hört man relativ viel Hip Hop, weil der pubertierende Junge, der 'Boy' in der Filmhandlung auf Hip Hop steht. "Something To Talk About" wird Badly Drawn Boys amtlicher Radio-Hit aus dem Film-Soundtrack.

Nach dem "Tag der toten Ente" stehen hungernde Fische auf Damon Goughs Programm. Seine Neigung zu plastischen Plattentiteln zieht sich nach dem Debüt "The Hour Of Bewilderbeast" auch durch folgende Werke: "Have You Fed The Fish?" (2002); "One Plus One Is One" (2004), übrigens wieder mit Tieren im Titel der Single "Year Of The Rat"; "Born In The U.K." in Anspielung auf "Born In The U.S.A." vom Boss; "Photographing Snowflakes" (2010) und "Banana Skin Shoes" (2020).

Trotz seiner Affinität zu Filmen gibt es von Badly Drawn Boy nahezu keine Musikvideos. Die wenigen vorhandenen sind recht einfach gehalten. Im YouTube-Zeitalter geht der Künstler dann bald unter. Kann er zumindest in Großbritannien mit "Born In The U.K." 2006 noch die Top 20 charten, schafft es sein Album 2009 nirgends mehr unter die ersten 100, und der Nachfolger 2010 landet abgeschlagen auf Rang 63. Zur Erinnerung: Dieser Musiker galt zehn Jahre zuvor als das 'Next Big Thing' der britischen Musikpresse, und an der Qualität seiner Musik hatte sich nichts geändert.

Der Song "Year Of The Rat" geht mit einem Zeichentrick-Clip auf den Markt. Voller feinsinniger Beobachtungen und Ironie skizziert Gough die schlechte Laune der Menschen im Alltag der Industrienation Großbritannien. "All Possibilities" (2003) stellt den Badly Drawn Boy in der Rolle eines Straßenmusikers dar. Der Clip zu "You Were Right" (2007) erscheint in der Optik eines Computerspiels. Erst im Laufe der 2010er Jahre bringt XL Recordings einen Teil der alten MTV-Clips auf YouTube.

Im Jahr 2012 kommt der Film "Being Flynn" ins Kino, für den Badly Drawn Boy wieder den kompletten Soundtrack schreibt. Danach herrscht lange Funkstille, obwohl zwei Mal englische Filmemacher eine Dokumentation über den Musiker drehen. Lediglich ein Trailer erscheint (siehe Links unten). 2017 spielt Gough in der Schlussfolge der siebten Staffel einer Comedy, "Cold Feet", mit und findet sich dort in der Rolle eines Straßenmusikers.

Der Banjospieler, Gitarrist, Keyboarder, Mundharmonika-Künstler, Drummer, Bassist und Pianist Damon Gough sprüht erst 2020 wieder sichtbar vor Kreativität, als das Label AWAL mit ihm einen Deal macht. AWAL steht ironisch für 'Artists Without A Label' und kooperiert zu dieser Zeit mit Acts wie De La Soul und Little Simz, fungiert aber auch als Vertrieb für Acts zwischen Power-Pop und Punkrock wie die Cold War Kids oder Frank Carter & The Rattlesnakes - eine Genres übergreifende Anlaufstelle für Bands und Solokünstler*innen, die anspruchsvolle Musik machen und sich möglichst wenig hineinreden lassen wollen.

In diesem Umfeld entstehen mit "Is This A Dream?" und "Banana Skin Shoes" viel versprechende Vorab-Singles zum Comeback-Album, das Gough für Mitte 2020 ankündigt. Dieses Mal auch mit Musikvideos! Seine alten Songs wie "Something To Talk About", "Once Around The Block", "Fall In A River", "Disillusion" oder "Everybody's Stalking" bleiben auch zwei Dekaden nach dem Release Ohrwürmer, die beim Wiederhören nach wenigen Millisekunden wieder präsent sind. Welcome back!

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