laut.de-Kritik

Die Ein-Mann-Boygroup liefert weiter Hits und Irritationen.

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"Scheiß auf die Leute, heut' bist du die Stimme der Straße / Und sie klingt so wunderschön und das zum allerersten Mal." Apache 207 blickt auf eine der beachtlichsten Aufstiegsgeschichten zurück, die der deutsche Rap in den vergangenen Jahren zu bieten hatte. Innerhalb von wenigen Monaten stieg der Ludwigshafener zu einem veritablen Goldkehlchen auf, dessen eingängige Hits sich selbst dem größten Pop-Verächter unmittelbar erschließen. Zugleich umgibt den weitgehend wortkargen Musiker eine mysteriöse Aura, die er durch fortlaufende Irritationen in seinen Songs weiter befeuert.

"Mann, was soll ich dir erzähl'n? War stockbesoffen und das Meiste weiß ich nimmer." Das wohl per Losfahren betitelte "28 Liter" blickt zunächst auf das Leben auf der Überholspur, um das aufgebaute Bild gleich wieder einzureißen: "Derbe mies, ernte Kies, aber Mama klopft abends immer noch an mein Kinderzimmer." Noch merkwürdiger fällt der Gesamteindruck aus, wenn Apache im Refrain plötzlich von der Unterhaltungsmusik ablässt, um sich dem Kampf gegen die Unterdrückung zu widmen: "Nehmt uns nicht ernst, haltet uns klein. Schlagt uns, was ist schon dabei?"

Natürlich singt der TwoSides-Künstler seine Songs derart butterweich, dass er sie ebenso gut in Tanzverbots Fantasiesprache zum Besten geben könnte. Dennoch ergeben diese Widersprüche immer wieder Denkanstöße. "Sie Ruft" setzt auf die Diskrepanz von Text und Ästhetik. Musikalisch schlägt der Song zarte Flötenklänge und eine sanfte Klavierbegleitung an. Zugleich berichtet Apache in aller Seelenruhe von den Vorbereitungen auf einen Banküberfall. "Du brauchst nicht wein' / Nein, das Blut an meinem Shirt ist nicht meins", beschwichtigte er die Liebste nach erfolgreicher Durchführung.

Für eigentümliche Elemente fand auch "Fame" vorab Beachtung. Mit treibendem Synthie-Sound von Lucry und Suena betätigt Apache 207 das Beschleunigungspedal. "Sie zahlen den Benz von ihrem Vorschuss / Ich zahl' den Benz von meinen Einnahmen", steigt er standesgemäß prollig ein, um sich kurz darauf an der putzigen Lyrik des Kinderlieds "Die Reise Der Sonne" zu bedienen: "Wenn die ersten Strahlen morgens durch dein Fenster schießen und deine Nase kitzeln, musst du halb im Schlaf noch niesen." Da fehlen nur noch die Sticker von Marienkäfern und Kleeblättern.

"Bläulich" spielt dagegen mit der Anpassung an Konventionen. Juh-Dee und Mesh liefern herkömmliche Trap-Ware, Apache 207 erhöht den Rap-Anteil und greift auch inhaltlich das Thema auf, wenn er sich widerwillig eine Uhr für 30.000 Euro zulegt: "Anders verschaffst du dir keinen Respekt bei dieser Oberschicht." In Verbindung mit dem spektakulär unangepassten Video mutiert der Song zu einem echten Highlight: Auftritte in Windeln, Kuscheleinlagen für die Staatsgewalt und Koprophagie in hochherrschaftlichen Kreisen wie bei Pier Paolo Pasolinis "120 Tage von Sodom".

Die ebenfalls vorab veröffentlichte Single "Boot" rettet dagegen nicht mal das Video. Glattgebügelt treibt die Produktion von Stickle stromabwärts in Richtung Belanglosigkeit. "Auf Und Ab" folgt der Schlager-Tradition, hormongeladen zu texten, ohne ins Vulgäre abzugleiten und damit die Rundfunkverantwortlichen zu verprellen. Auch die diffuse Kritik von "Nie Verstehen", der Kampf gegen "Hyänen" und "Ratten" von "Nur Noch Einen Schluck" und der klischeegetränkte Weg "durch Feuer und durch Eis" in "Matrix" laden nicht zu einem zweiten Hördurchgang ein.

Wenn sich Apache auf die erste Hälfte beschränkt hätte, ließe sich "Treppenhaus" als hervorragende EP verbuchen. Die inhaltlichen Paradoxa und das wiederholt auftretende Missverhältnis zwischen Musik und Text laden zwar zur Reflektion über Genre-Regeln ein, verweisen allerdings zumeist nicht erkennbar auf einen tieferen Sinn. So bleiben viele Motive der Ein-Mann-Boygroup vorerst im Dunkeln, was auch nicht ganz unbeabsichtigt ist, wie er in einem seiner raren Statements gegenüber hiphop.de formulierte: "Ich bin ein Künstler. Kunst gibt keine Antworten. Kunst stellt Fragen."

Trackliste

  1. 1. 28 Liter
  2. 2. Sie Ruft
  3. 3. Fame
  4. 4. Beifahrersitz
  5. 5. Unterwegs
  6. 6. Bläulich
  7. 7. Stimmen
  8. 8. Boot
  9. 9. Auf Und Ab
  10. 10. Nur Noch Einen Schluck
  11. 11. Nie Verstehen
  12. 12. Matrix

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LAUT.DE-PORTRÄT Apache 207

Man muss sich gar kein großes Image konstruieren, wenn man mit einem Frame schon alles nötige kommuniziert: Da sieht man einen großgewachsenen Typen …

13 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor einem Monat

    Ist der Typ nicht ein Vollklon von einem aus Frankreich?

  • Vor einem Monat

    Schon wieder Treppenhaus? Was haben diese "Musiker" alle mit Treppenhäusern?

    • Vor einem Monat

      Nur Meisterwerke hören ja bekanntlich auf diesen grandiosen Titel.

      LEAs Treppenhaus ist eh schon Album des Jahres.

      Grüße aus Kassel, vor allem aus den Favelas von den Bratans.

    • Vor einem Monat

      Schon wieder ein Hesse? Was haben diese "Hessen" alle mit Laut.de?

      Erklärungsversuch:
      Ich glaube "Treppenhaus" soll spontan nach einer cooler Musik klingen. So nach dem Motto "ich geh mal ins Treppenhaus ne Flup rauchen und Rap dabei die Wand an".

      Also ich wäre ja für eine Umtaufung in "Scheißhaus".

    • Vor einem Monat

      Kurzer Nachtrag:

      Was aber neu ist, wie ich finde, ist, dass es nicht im Indie-Genre Anwendung findet. Normalerweise ist die gedankliche Brücke ja die, dass man sich mit der Flup in der Fresse schnell die Gitarre schnappt, das Treppenhaus entlang schleicht in der Hoffnung auf ein heißes GIRL. Dann sitzt man auf einer Treppenstufe und feuchtet die Stimmung etwas an und dann kommen immer mehr dazu und sagen: "Boah geil ist das witzig, die eigentliche Party findet ja im Treppenhaus statt."

      Hä? Oder war das die Küche? Oder beides? War Treppenhaus einfach nur "durch huschen" und ein GIRL anrempeln und ihm beim Aufstehen helfen?
      Ich checks nicht mehr. Kann MIR jemand helfen?

      Grüße aus Mittelhessen
      Sir

  • Vor einem Monat

    Im Vergleich zu den anderen Kaspern im Mainstream hat der gute Apache zumindest einen eigenen Stil sowie einen Wiedererkennungswert. Obwohl die Singles alle eher langweilig waren in meinen Augen, habe ich dem Album trotzdem einen Versuch gegönnt und ja, es ist kein Meisterwerk, aber sehr stabil und weiß seine kurze Spielzeit zu unterhalten.

    Positiv anzumerken ist, dass er immerhin ein wenig Humor besitzt und nicht auf irgendwelche Nerv-Ohrwürmer setzt wie es jetzt bei einem Summer Cem oder Capital Bra der Fall ist. 3 von 5 hätte ich hier auch gegeben, für 4 von 5 hätte es gereicht, wenn ich nicht ein Drittel der Songs ziemlich vergessenswert gewesen wäre.