laut.de-Kritik

Peace, love, unity - and having fun.

Review von

Seltsame Lebenssituation Nummer 57, irgendwann in den Nullerjahren: Du stehst in einem kleinen, aber vollen Club hinter den Plattentellern und spielst "Planet Rock". Von Breakout. Ausgesprochen funky. Da stürzt ein Typ auf dich zu, gestikuliert wild, nur um dir dann ins Ohr zu brüllen: "Endlich legt mal jemand das Original auf!!!"

Äh. Ja. Nein! Bei allem Respekt vor den Herren aus Hannover, die diese schöne Nummer zu verantworten und über Melting Pot Music unters Volk gebracht haben: Im Grunde war das der Moment, in dem man hätte rigoros alle Regler nach unten ziehen, eine flammende Ansprache halten und dann das wahre Original über die Köpfe der Menge hinweg donnern lassen müssen. Aber das fällt einem ja immer erst hinterher ein. Chance vertan.

Der Umstand, dass junge Menschen in einer Funk-Cover-Version von "Planet Rock" die Vorlage des eigentlichen Tracks wittern, unterstreicht, sofern man nicht von einer völlig verblödeten Nachfolgegeneration ausgehen möchte (und wer möchte das schon?), im Grunde nur, wie modern die Nummer aus dem Jahr 1982 trotz der leichten Staubschicht, die sie angesetzt hat, noch Dekaden später klingt.

"Planet Rock" illustriert, was Hip Hop-Musik ausmacht: das beherzte, hemmungslose, von allen Genre-Scheuklappen befreite Hineingreifen in den großen, bunten Plattenschrank, um aus den zutage geförderten Versatzstücken etwas Neues, etwas Bahnbrechendes zu erschaffen. Etwas, das Spuren hinterlässt und sich am Ende als weit größer entpuppt als die Summe seiner Teile.

Bei oberflächlicher Betrachtung derselben springt einen natürlich die Melodie von Kraftwerks "Trans Europa Express" an. Die Düsseldorfer ließen sich die Verwendung im Nachhinein, nachdem "Planet Rock" seinen Siegeszug längst angetreten hatte, natürlich entlohnen. Bambaataa einigte sich mit den Techno-Pionieren später außergerichtlich, betonte jedoch, deren Anteil an der Ästhetik seiner Nummer werde gemeinhin erheblich überschätzt: "Kraftwerk lieferten einen Bestandteil des Songs, gut. Aber auch das Yellow Magic Orchestra und Gary Numan hatten großen Einfluss."

Mensch-Maschinen-Sound aus Deutschland, Elektropop aus Japan, und ein englischer Sänger, Musiker und Komponist: Dass ein ehemaliges (und gar nicht unerfolgreiches) Gangmitglied der Black Spades aus der Bronx das Schaffen all dieser Kollegen überhaupt kennt, spricht schon für sich: Afrika Bambaataa trägt seinen Ehrentitel Master Of Records mit vollem Recht.

Ein wenig darf er sich dafür artig bei seiner Mama bedanken: Es handelte sich um ihre überaus eklektische Plattensammlung, die ihn bereits in zartem Alter auf den Geschmack brachte. Die Bürgerrechtlerin bescherte ihrem Sohn, den sie in den Bronx River Projects aufzog, darüber hinaus ein äußerst waches politisches Bewusstsein.

Trotzdem: Die Möglichkeiten für eine aktive Teilnahme scheinen in den weniger von Glück und Wohlstand geküssten Vierteln New Yorks in den 70ern ohne die Rückendeckung einer Gang kaum möglich, der Aufstieg innerhalb - zum Warlord - dagegen schon. Erst eine Reise ins Mutterland, der Preis für einen gewonnenen Essay-Wettbewerb, eröffnet neue Perspektiven. Afrika Bambaataa, wie er sich fortan nennt, kehrt mit einer Mission in die Heimat zurück: Es gilt, der Gewalt ein Ende zu setzen.

Er gründet die Bronx River Organisation, später die international operierende Zulu Nation als Alternativen zu den kriminellen Gang-Strukturen. Die aufkeimende Hip Hop-Bewegung, zu deren Gestaltung und Verbreitung er einen gar nicht hoch genug einzuschätzenden Beitrag leistete, erkennt er als das perfekte Mittel zum Zweck, um jungen Leuten einen Ausweg zu bieten.

Inspiriert von seinem Kollegen Kool DJ Herc macht sich Afrika Bambaataa gegen Ende der 70er im Rahmen von Block-Partys einen Namen als DJ. Die Geschichte huldigt ihm als Godfather of Hip Hop, dem Amen Ra einer Kultur, die er nicht müde wird zu preisen. Neben den klassischen vier Elementen legt Bambaataa besonderes Augenmerk auf die Vermittlung dessen, das er das fünfte nennt: Wissen. Knowledge is king.

Bambaataa gilt als einer der Erfinder des Breakbeat-DJing, außerdem als Vater des Electro Funk - ein Ruf, zu dem "Planet Rock" maßgeblich beigetragen hat. Die Spuren, die Bambaataa in ungezählten anderen Genres hinterließ: Ihre Zahl ist Legion. Wie sich House und Techno, ob überhaupt sich Electro Boogie oder Miami Bass ohne ihn entwickelt hätten: schwer abzuschätzen. Bambaataa und Produzent Arthur Baker verwendeten im Studio erstmals einen TR-808, verbanden Rap und Turntablism mit Synthesizer- und Vocoder-Klängen.

Die Backgroundgesänge steuerten die Washington Squares bei, die ebenfalls Zeit in den Intergalactic Studios auf der Upper East Side gebucht hatten - nach Baker. Als die Verantwortlichen diesen zur Eile drängten, beschied er lapidar, es würde schneller gehen, würden sie helfen statt zu quengeln - und hievte so eine Folk-Formation über die ohnehin längst eingerissenen Genregrenzen hinweg auf den Track: "Rock it, don't stop it!"

Für die Single "Planet Rock" allein ließe sich eine Aufnahme Bambaataas in die Meilenstein-Kategorie schon rechtfertigen. Doch "Planet Rock - The Album" bietet mehr. Erschienen erst Ende 1986, quasi als Nachtrag, fasst der Longplayer die voraus gegangenen Single-Erfolge zusammen.

Nicht nur Bomb The Bass, der in Großbritannien den Brückenschlag zwischen Hip Hop und House wagte, erkannte (für "Beat Dis") das Potenzial, das in der zweite Single steckt. Auch LL Cool J, DJ Khaled und zahlreiche andere bedienten sich hier, "Looking For The Perfect Beat".

"No matter how hard you try: You can't stop this now", hebt "Renegades Of Funk" prophetisch an, ehe Bambaataa und die Soulsonic Force zum Percussiongewitter ein Statement ablassen, das unter anderem Rage Against The Machine zur Nachahmung verleitete - auf deren Coveralbum, das nicht umsonst den Titel "Renegades" trägt.

Auf dem sieben Tracks starken "Planet Rock - The Album" begrüßen Afrika Bambaataa und Soulsonic Force zudem noch Trouble Funk. Melle Mel lässt die "Frantic Situation" noch ein wenig mehr eskalieren - diese Nummer findet sich auch auf dem Soundtrack zu "Beat Street", dem Film, der zusammen mit der Breakdance-Welle die Hip Hop-Begeisterung diesseits des großen Teichs entfachte. Mel, die Furious Five, Kool DJ Herc und die Treacherous Three traten in dem von Harry Belafonte (ja, von dem Harry Belafonte) produzierten Streifen übrigens genau so auf wie Afrika Bambaataa und die Soulsonic Force.

"Beat Street" hat in der Morgendämmerung eines heute allgegenwärtigen Genres auch hierzulande so viele Jünger angefixt und Grundsteine für (vermutlich lebenslange) Abhängigkeiten gelegt, dass man den Soundtrack eigentlich gesondert würdigen müsste. Heute jedoch nicht. Heute schließen wir mit Bambaataas Worten, die sich, Kopfnicker oder nicht, wirklich ein jeder auf die Fahnen schreiben sollte: "Peace, love, unity - and having fun."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Planet Rock
  2. 2. Looking For The Perfect Beat
  3. 3. Renegades Of Funk
  4. 4. Frantic Situation feat. Melle Mel
  5. 5. Who You Funkin' With?
  6. 6. Go-Go Pop feat. Trouble Funk
  7. 7. They Made A Mistake

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