19. September 2013

"Das geht tiefer rein"

Interview geführt von

In der nationalen Liga-der-außergewöhnlichen-Gentlemen-Liste steht ein Name ganz weit oben: Wolfgang Niedecken. Der Urvater des Kölschrock ist ein wahrer Tausendsassa. Neben seiner Tätigkeit als Sänger, Gitarrist und Komponist einer der erfolgreichsten deutschen Rockbands der letzten dreißig Jahre, schwingt Wolfgang Niedecken auch gerne mal den Pinsel, schreibt Bücher oder engagiert sich im großen Rahmen für diverse nationale und internationale Hilfsprojekte.

Am 2. November 2011 mündete ein hartnäckiger Hustenreiz in einen Schlaganfall, der den beliebten Sänger praktisch über Nacht auf den Türabtreter der Himmelspforte katapultierte. Tagelang zitterte die Republik um einen ihrer größten Musikschaffenden, ehe die Ärzte der "Lebensgefahr aus heiterem Himmel" ein Ende setzen konnten.

Auf dem Wege der Genesung zog sich Wolfgang Niedecken an den Schultern seiner Familie wieder zurück ins Leben. Vor allem seine Frau Tina erwies sich in dieser Zeit als starker Rückhalt. Knapp zwei Jahre später folgt nun der Dank dafür. Mit dem Album "Zosamme Alt" sinkt Niedecken vor seiner Gemahlin auf die Knie. Wir sprachen mit dem BAP-Mastermind über sein neues Album, die emotionalsten Momente seines Lebens und unbequeme Rollen.

Hallo Wolfgang, hallo Herr Niedecken. Was ist Ihnen lieber? Du oder Sie?

Wolfgang Niedecken: Oh, mach mich nicht älter als ich bin. Natürlich du.

Sehr schön. Eis gebrochen.

So soll es sein. Leg los.

Dein neues Soloalbum "Zosamme Alt" ist eine akustische Pralinenschachtel für deine Frau Tina ...

(lautes Gelächter)

Wie geil. Das ist die mit Abstand schönste Beschreibung für das Album, die ich bisher gehört habe. Herrlich. Das solltest du unbedingt als Überschrift verwenden. Sorry, ich habe dich unterbrochen. Aber das musste jetzt sein.

Kein Problem. Ich bin auch noch nie so sympathisch unterbrochen worden.

Wunderbar. Dann nochmal alle zurück auf Start. Du bist dran.

War deine Frau von Beginn an eingeweiht? Oder bist du irgendwann vor ihr gestanden und hast gesagt: Schatz, guck mal. Ich hab hier was für dich.

Nein. Ich habe meiner Frau schon beizeiten reinen Wein eingeschenkt. So ein Projekt kann man ja nur schwer im stillen Kämmerlein bewerkstelligen.

Und? Wie hat sie reagiert?

Ihre erste Reaktion war: Bist du dir sicher?

Also gerührt?

Absolut.

"Ich wollte unbedingt eine Geschichte erzählen"

Ist das Album "nur" ein Dankeschön? Oder ist es vielleicht auch eine Form der Entschuldigung?

Es ist definitiv beides. Das, was ich die letzten 30 Jahre gemacht habe, kann man nur schwer als familienkompatibel bezeichnen. Als Musiker ist man ständig auf Achse. Die Familie muss eigentlich immer hinten anstehen. Das ist bitter – vor allem für die Menschen, die die meiste Zeit des Jahres zuhause hocken und das normale Leben bewältigen. Das kann man nur gemeinsam durchstehen, wenn ein hohes Maß an Vertrauen präsent ist. Da braucht man viel Kraft und Liebe für.

Meine erste Ehe ist genau daran gescheitert. Wobei ich meiner ersten Frau gar keinen Vorwurf machen kann. Da prallten einfach komplett verschieden Lebenspläne aufeinander. Irgendwann wurde es aber unerträglich, so dass ich manchmal nach einer Tour schon gar keine Lust mehr auf Zuhause hatte, weil ich wusste, dass es wieder Vorwürfe hageln wird. Also habe ich irgendwann meine Sachen gepackt und bin gegangen.

Und bei deiner jetzigen Frau, Tina gelandet.

Genau. Zum Glück wusste sie aber schon damals, als wir uns kennenlernten, auf was für einen Typen sie sich da einlässt (lacht).

Wer sich die Mühe macht und ein bisschen im Archiv buddelt, der stellt fest, dass es durchaus auch ein Dankeschön-Doppelalbum hätte werden können. Nach welchen Kriterien hast du die Songs ausgewählt?

Ich wollte unbedingt eine Geschichte erzählen. Das war mir wichtig. Ich wollte kein rosarotes Paket schnüren, das von vorne bis hinten nach Friede, Freude, Eierkuchen klingt. Das wäre auch nicht ehrlich gewesen. Es ging mir darum, einen Bogen zu spannen. In guten wie in schlechten Zeiten. Das sollte der Kern des Albums sein. Ich hätte es mir auch einfach machen und nur Lobpreisungen vom Stapel lassen können. Das wäre mir aber zu kitschig gewesen.

Außerdem gehören viele der traurigen Lieber auf dem Album zu meinen persönlichen Lieblingstracks. Nimm zum Beispiel "Jedanke Em Treibsand". Ich liebe diesen Song, obwohl er mich immer wieder an Zeiten erinnert, in denen es alles andere als rund lief. Na und? Das gehört zum Leben dazu. Wenn man ein Vierteljahrhundert mit jemandem zusammen ist, dann hat man nicht nur rosarote Märchen zu erzählen.

Keine lauten Gitarren, keine drückenden Drums - neben dem Inhalt präsentierst du dich auch musikalisch von einer komprimierten Seite. Wie wichtig war es dir, die Songs so nackt und rein wie möglich aufzunehmen?

Ich denke, dass es anders gar nicht funktioniert hätte. Nach meinen beiden Big Band-Ausflügen habe ich mir überlegt, welches Projekt ich denn als nächstes in Angriff nehmen könnte. Dann kam der Schlaganfall und mir wurde klar, dass das Thema Liebe eine große Rolle spielen wird. Da kann man aber keine pompösen Bläser und röhrenden Gitarren auffahren. Das hätte nicht gepasst. Also habe ich mich für ein Akustikalbum entschieden. Da kann man nichts falsch machen.

"Man ist total hilflos und voll von Angst"

Du hast gerade deinen Schlaganfall angesprochen. Ich habe mich lange gefragt, welche für dich wohl die beiden emotionalsten und krassesten Momente während dieser Zeit waren, während du zwischen Himmel und Erde hin und her gependelt bist. Heute früh dachte ich mir dann: Was geht einem in so einer Situation direkt vor und direkt nach der Narkose durch den Kopf? Erinnerst du dich?

Und wie ich mich daran erinnere. Und ich muss dir Recht geben. Das waren definitiv die emotionalsten Momente. Da war zum einen der Augenblick kurz vor dem Einschlafen, in dem ich nur noch dachte: Hoffentlich werde ich nochmal wach. Das war ein ganz furchtbares Gefühl. Man ist total hilflos und voll von Angst – wirklich schrecklich.

Und umso schöner war der Moment, als ich wieder aufgewacht bin. Und das erste, was mir durch den Kopf schoss war: Wie schön. Es gibt noch eine Zugabe. Das waren wirklich zwei Momente, die in punkto Gefühl nicht unterschiedlicher hätten sein können. Das war schon ziemlich heftig. All meine Damen standen wie angewurzelt an meinem Bett – ganz intensive Erinnerungen.

Als bekannt wurde, dass du wieder auf den Damm kommst, wurdest du mit Genesungswünschen und Adelungen nur so überschüttet. Hat dich die enorme Anteilnahme seitens der Bevölkerung überrascht?

Und wie. Damit hätte ich nie gerechnet. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn mich Leute auf der Straße ansprechen und mich nach meinem Befinden fragen. Das hat schon eine andere Intensität, als die Sympathie, die einem entgegenschwappt, wenn man irgendwo in einem Stadion auf der Bühne steht. Das geht tiefer rein. Man merkt, dass sich die Menschen nicht nur ausschließlich mit dem Künstler beschäftigen, sondern auch mit dem Menschen der dahinter steckt.

Du sprachst vorhin von deinen Frauen. Die sind es ja gewohnt, dass du im Rampenlicht stehst und sich die Medien auf dich stürzen, wenn ein neues Projekt am Start ist. Wie war es aber, als deine Frau und deine Töchter plötzlich von neugierigen Pressevertretern flankiert wurden, während du auf der Intensivstation um dein Leben gekämpft hast?

Das war natürlich furchtbar für die Mädels. Aber ich muss auch sagen, dass sich der Großteil der Presse sehr sensibel verhalten hat. Bis auf die Bild-Zeitung haben sich alle sehr zurückgehalten. Aber gut, über die Bild müssen wir uns nicht unterhalten. Den Leuten da geht es nur um Auflage. Da wird auch gerne mal übers Ziel hinausgeschossen. Da stand dann drin, dass mich meine Frau bewusstlos aufgefunden hätte und ich gleich zwei Schlaganfälle gehabt hätte. Lauter son Blödsinn halt.

Meine Töchter wurden im Krankenhaus sogar von Fotografen verfolgt und als ich mal am Rhein spazieren ging, hüpfte auf einmal ein Bild-Knipser aus einem Busch heraus und wollte gar nicht mehr aufhören zu fotografieren. Da muss man schon ganz schön mit sich kämpfen, um ruhig zu bleiben.

Während der langen Reha-Phase standen dir nicht nur deine Frauen, sondern auch zahlreiche Ärzte und Therapeuten zur Seite. Plötzlich warst du - als Kopf einer der größten deutschen Bands der letzten dreißig Jahre - auf die Hilfe anderer angewiesen. Wie war das für dich?

Das war überhaupt nicht schwer für mich. Ich bin ein Teamplayer. Das habe ich so gelernt. Ich bin weder beratungsresistent, noch bewege ich mich gerne in der Chefrolle. In Bezug auf die Musik habe ich in den Jahren allerdings gelernt, dass es am Ende halt immer jemanden braucht, der die Entscheidungen trifft. Und wenn es dann um meine künstlerischen Belange geht, dann bin ich schon ganz gerne der, der am Ende sein Kreuzchen setzt.

Dennoch höre ich mir alles an. Bei uns gibt es keine Diktatur. Ich arbeite ja auch nicht mit irgendwelchen Greenhorns zusammen, sondern mit Leuten, die schon genauso lange Musik machen wie ich selbst. Da braucht es offene Ohren, sonst funktioniert es nicht.

Ergo: Ein Chef mit Herz, bei dem die Türen jederzeit offen stehen?

Exakt (lacht). Ich meine, wir müssen uns nichts vormachen. Natürlich bin ich das Aushängeschild von BAP. Wer sich freiwillig als Galionsfigur ans Schiff nageln lässt, der muss auch dazu stehen. Das ist halt so.

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