laut.de-Kritik

Der Alk-Märtyrer in Bestform unter'm Säufermond.

Review von

Udo Lindenberg gelingt 2008 mit seinem Album "Stark Wie Zwei" das Comeback des Jahres. Zugetraut hatten es ihm wohl nur wenige. Der nun veröffentlichte Live-Mitschnitt zeigt, dass Lindenberg nicht nur auf dem Studioalbum eine gute Figur macht.

Das vorliegende Konzert wurde im Oktober 2008 in der prall gefüllten Hamburger Color Line-Arena mitgeschnitten. Auf der großen, aufwändig ausgestatteten Bühne steht eine Saturn-Rakete zum Abflug bereit. Rauchschwaden, ein Knall, ein Lichtblitz - und von der Decke schwebt Lindenberg im Astronauten-Anzug umjubelt auf die Bühne. Mit "Woody Wodka" eröffnet er den Abend. Als zweite Nummer greift sich Lindenberg seinen Klassiker "Boogie Woogie Mädchen" und macht mächtig Dampf.

Neben den neuen Songs machen die älteren Titel stets eine gute Figur und kommen frisch und unverbraucht daher. Die Begleitband rekrutiert sich zu einem großen Teil aus jahrzehntelang erprobten Panik-Mitstreitern wie Bassist Steffi Stephan, Drummer Bertram Engel und Jean-Jaques Kravetz am Piano. Ihnen ist aalglatte Routine fremd. Stattdessen jagen sie ordentlich Power ins Publikum.

Für jede Menge Abwechslung sorgen auch die Gaststars. Silbermonds Steffi Kloß hat sicht- und hörbar Spaß an ihrer Lindenberg-Kollaboration mit "Der Deal". In der Live-Version kommt der Song noch ein ganzes Stück kräftiger und dynamischer rüber als in der ursprünglichen Studio-Version. Mit Chef-Nöhler Jan Delay und Lindenberg sind dann Deutschlands wohl beste Nichtsänger in "Ganz Anders" gemeinsam am Start. Der später auftauchende Helge Schneider hat in Zusammenarbeit mit Lindi während der "Chubby Checker"-Nummer die Lacher auf seiner Seite. Klasse: Helges jazzige Saxophon-Arbeit. Als zusätzlicher Überraschungsgast gibt sich Alt-Blödler Otto Waalkes in "Der Greis Ist Heiß" gewohnt zappelig die Ehre.

Oldies wie "Honky Tonky Show" oder "Daumen Im Wind" haben die Zeit ohne Patina überstanden. Mit Dampf und Druck führt der Rock'n'Roll das Kommando an diesem Abend. Doch stets bleibt genügend Zeit für die gefühlvollen Nummern wie "Horizont", "Stark Wie Zwei" oder "Was Hat Die Zeit Mit Uns Gemacht". Lindi selbst wirkt über die gesamte Konzertlänge gelöst wie schon lange nicht mehr und verzichtet öfter auf seine dunkle Brille. Nur der Hut, er bleibt wie seit Jahrzehnten schon gewohnt, stets an seinem Platz - ein bisschen Geheimnis muss schließlich sein.

Das Kokettieren mit dem Alkohol nimmt ebenfalls einen gewissen Raum ein - doch politisch korrekt warnt Udo seine Fans: "Nicht so viel saufen, und nicht so viel Alkohol!" Es folgen allerlei Storys aus seinem Säuferleben, denn: "Einer muss den Märtyrer ja machen!" Und so fehlt dann später natürlich nicht "Unter'm Säufermond".

Lindenberg bietet mit der Doppel-DVD eine Menge fürs Geld. Da ist zunächst das eigentliche Konzert mit satten 28 Titeln. Die zweite Scheibe hält ebenfalls reichlich Zusatzmaterial bereit. Neben sieben aktuellen Song-Videos gibt es Background-Informationen zu Tour und Lindi-History in verschiedenen Dokumentationen. Prall und satt! Unfreiwillig amüsant dabei das "Beckmann-Spezial Aus Der Panikzentrale". Hier besucht TV-Dampfplauderer Beckmann Lindenberg in seinem Atlantic-Domizil - und schmiert gegen einen lässigen Panik-Rocker nach allen Regeln der Kunst ab. "Du wolltest mir deine Panik-Zentrale mal zeigen", gibt sich der Fernsehmann aufgesetzt schnoddrig.

Beckmann bemüht sich sichtlich, smart und rockig rüberzukommen, ist damit aber komplett überfordert. Seine Beiträge beschränken sich auf irritiert verstörtes Augenflackern. Zu einem redseligen Lindenberg fällt ihm meist nichts anderes ein als hektische "Ja, Ja"-Entgegnungen. Kurz bevor es an den Eierlikör geht, versucht Beckmann trotzdem noch die weltpolitische Schiene: "Du hast ja eine Menge Steine eingerissen in der Mauer". Unbedingt empfehlenswert!

Konzert, Künstler, Songauswahl, Umsetzung, Bild und Ton in wahlweise Dolby Digital oder DTS 5.1 lassen keine Sound-Wünsche offen, reichlich Extras – es gibt nichts zu Meckern.

Trackliste

DVD 1

  1. 1. Woody Wodka
  2. 2. Boogie Woogie Mädchen
  3. 3. Mein Ding
  4. 4. Cello
  5. 5. Ganz Anders - Feat. Jan Delay
  6. 6. Seemann
  7. 7. Daumen Im Wind
  8. 8. Ich Lieb Dich Überhaupt Nicht Mehr
  9. 9. Wenn Du Durchhängst
  10. 10. Der Deal - Feat. Stefanie Kloß (Silbermond)
  11. 11. Was Hat Die Zeit Mit Uns gemacht
  12. 12. Ende Der Welt
  13. 13. Honky Tonky Show
  14. 14. Der Greis Ist Heiß - Feat. Otto Waalkes
  15. 15. Säufermond
  16. 16. Zieh Mein Hut
  17. 17. Strassenfieber
  18. 18. Stark Wie Zwei
  19. 19. Horizont
  20. 20. Interview Mit Gott
  21. 21. Rock'n'Roller
  22. 22. Chubby Checker - Feat. Helge Schneider
  23. 23. Mädchen Aus Ostberlin
  24. 24. Sonderzug
  25. 25. Andrea Doria
  26. 26. Candy Jane
  27. 27. Johnny B. Goode
  28. 28. Astronaut

DVD 2

  1. 1. Bonusmaterial

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4 Kommentare

  • Vor 5 Jahren

    Ich war in den 70ern und 80ern viel und gern beim Panik Orchester aber irgendwann wurde ich die immer wieder selben Sprüche leid. Ein so gutes Comeback hätte ich den Panikern und dem Udo beim besten willen nicht zugetraut und aus einer Mischung aus Respekt und Nostalgie habe ich mir 2008 einige Konzerte noch mal angetan und war begeistert.

    Trotz einiger mir schon bekannten typischen Lindenberg Sprüchen (ich hab sie ja jetzt schon lange nicht mehr gehört) hat der Mann und die Band es noch voll drauf. Auch habe ich mich darüber gefreut, das es mal wieder eine Veranstaltung (deutlich) über 75 Minuten gibt (Davon bekomme ich die Krätze).
    Alles in allem - Vorherragend, 5 Sterne.
    Da geb ich gern Geld für CD, DVD und Konzertkarten aus.

    An dem Beispiel kann man lernen: Solange die Qualität stimmt,
    muss sich eine MI auch keine Sorgen machen ;-).

  • Vor 5 Jahren

    Ist eine schöne DVD. Für Altfans sowieso, und die "Frischlinge" dürfen sich herzlich positiv überraschen lassen. Sogar Jan Delay gefällt mir saugut, was ich eigentlich hier nicht schreiben darf.

    Aber deren Duett ist einfach nur rattenscharf!

  • Vor 5 Jahren

    @Herr Andrack (« Sogar Jan Delay gefällt mir saugut, was ich eigentlich hier nicht schreiben darf. »):

    Wieso darfst Du das hier eigentlich nicht schreiben?