laut.de-Kritik

Hier legten U2 die Saat zum "Joshua Tree"-Welterfolg.

Review von

"Bei U2 ging es immer um Energie und Atmosphäre. Mit Brian Eno haben wir auf diesem Album versucht, den zweiten Punkt etwas stärker heraus zu arbeiten", so Bono im Herbst 1984 zur Veröffentlichung von "The Unforgettable Fire".

Bis dahin hatten U2 drei Alben veröffentlicht, mit dem letzten, sehr aggressiven "War" schaffte man es sogar auf Platz eins in Großbritannien. Trotzdem sind die Iren zu diesem Zeitpunkt noch eine von vielen aufstrebenden Gitarrenbands und Konkurrenten von Echo & The Bunnymen und den Simple Minds.

Anstatt den logischen Schritt zu vollziehen, nämlich die Stärke ihrer vergangenen Hitsingles "Sunday Bloody Sunday" und "New Year's Day" weiter auszuarbeiten, machten U2 eine komplette Kehrtwende, die ihnen kommerziell leicht den Kopf hätte kosten können.

Vielleicht gründet dieser Mut zu steter Veränderung, der ihre Karriere fortan prägte, dass U2 nicht aufs Abstellgleis, sondern auf die Live Aid-Bühne hievte. Nach "Boy", "October", "War", "Under A Blood Red Sky" und "The Joshua Tree" legen die Iren nun pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum ihr viertes Album in digital runderneuerter Form vor.

Kosten und Mühen wurden da keine gescheut, so viel ist beim Blick in die Super-Deluxe-Box schon mal klar: Die Original-CD in remasterter Form, eine Bonus-CD mit unveröffentlichten Tracks, B-Seiten und Live-Aufnahmen, eine DVD und ein schmuckes, in weinrot gewandtes, gebundenes Buch mit allen Infos rund um die Platte sowie Liner Notes von The Edge, dazu noch ein paar Fotos der Band.

Als U2-Fan kann einen dieser ausführlich-intime Rückblick eigentlich nicht unberührt lassen, wenngleich "The Unforgettable Fire" insgesamt gesehen sicher eines der U2-Alben darstellt, das die wenigsten als ihr Lieblingsalbum anführen. Es steht eben für eine Übergangsphase: Weg vom schroffen, punkinfizierten Rock'n'Roll der letzten Alben, hin zu einem großflächigeren Gesamtsound, der Platz für neue Hymnen bietet.

Aus kommerzieller Sicht gab es davon dann eigentlich nur einen, nämlich "Pride (In the Name Of Love)", der dementsprechend auch als Single ausgekoppelt wurde. Rückblickend ist es jedoch eine unbestrittene Tatsache, dass der mit Ambient-Produzent Brian Eno gewagte stilistische Neuanfang erst den Nährboden für die Cinemascope-Welthits auf dem Nachfolger "The Joshua Tree" bildete.

"The Unforgettable Fire" ist zwar nicht durchgehend großartig, bietet aber doch einige Highlights. Zuvorderst sicher der spätere Live-Klassiker "Bad", der sich von einem ruhigen Beginn in ein von The Edge angeführtes, furioses Finale hinein steigert.

Der in sich ruhende Opener "A Sort Of Homecoming" deutet zwar auch schon auf musikalisches Neuland hin, verbindet die alten mit den neuen U2 aber spätestens im Refrain, wenn Bono wieder diese inbrünstig hohen Tonlagen erklimmt, die die 80er Jahre so nachhaltig prägten.

Es sind nämlich bereits jene Schreie, die drei Jahre später auch "Where The Streets Have No Name" und "I Still Haven't Found ..." tragen werden. Auch der Titeltrack ist ein gelungener Spagat zwischen den alten, den stürmisch lauten und den neuen, die Weiträumigkeit des Sounds auslotenden U2.

Viele dieser Songs bildeten dennoch erst im Live-Kontext einen eigenen Charakter heraus, dazu gehört sicher auch das auf einer simplen Folk-Melodie basierende "MLK", das wie geschaffen war für die bereits an den Toren großer Stadien rüttelnden Iren-Rocker.

In Sachen Stadionrock liefert die beiliegende DVD dann erstklassiges Anschauungsmaterial: Der '86er Auftritt beim Conspiracy Of Hope-Konzert im Giants Stadium New Jersey oder natürlich Live Aid ein Jahr zuvor, U2s Polit-Songs waren wie geschaffen für große Arenen.

Wie wichtig "The Unforgettable Fire" der Band bis heute ist, beweist schließlich der 'neue' Song "Disappearing Act". 1983 unter dem Titel "White City" mit Daniel Lanois geschrieben, stellten Bono und Co. den Song im Sommer 2009 fertig. Trotz moderner Produktion lodert das Feuer der 80er in diesen vier Minuten noch immer.

Trackliste

Original Album Remastered

  1. 1. A Sort Of Homecoming
  2. 2. Pride (In The Name Of Love)
  3. 3. Wire
  4. 4. The Unforgettable Fire
  5. 5. Promenade
  6. 6. 4th Of July
  7. 7. Bad
  8. 8. Indian Summer Sky
  9. 9. Elvis Presley And America
  10. 10. MLK

Bonus Disc

  1. 1. Disappearing Act
  2. 2. A Sort Of Homecoming (Live)
  3. 3. Bad (Live)
  4. 4. Love Comes Tumbling
  5. 5. The Three Sunrises
  6. 6. Yoshino Blossom
  7. 7. Wire (Kervorkian Remix)
  8. 8. Boomerang I
  9. 9. Pride (In The Name Of Love)
  10. 10. A Sort Of Homecoming (Daniel Lanois Remix)
  11. 11. 11 O'Clock Tick Tock
  12. 12. Wire (Celtic Dub Mix)
  13. 13. Bass Trap
  14. 14. Boomerang II
  15. 15. 4th Of July
  16. 16. Sixty Seconds In Kingdom Come

DVD

  1. 1. The Unforgettable Fire (Directed by Meiert Avis)
  2. 2. Bad (Directed by Barry Devlin)
  3. 3. Pride (In The Name Of Love) (Directed by Donald Cammell)
  4. 4. A Sort Of Homecoming (Directed by Barry Devlin)

Documentary

U2 at A Conspiracy Of Hope Concert, 15.6.1986

  1. 5. U2 at Live Aid, 13.7.1985

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Die 80er und 90er Jahre sind aus musikalischer Sicht ohne sie undenkbar, ebenso Live Aid 1985 oder der Begriff Stadionrock. Sie kollaborierten mit B.B.

18 Kommentare

  • Vor 8 Jahren

    @DerKleineMusicFreund (« @Michael Schuh (« Als U2-Fan kann einen dieser ausführlich-intime Rückblick eigentlich nicht unberührt lassen, wenngleich "The Unforgettable Fire" insgesamt gesehen sicher eines der U2-Alben darstellt, das die wenigsten als ihr Lieblingsalbum anführen. »):
    na in dieser frage scheint der rezensent ja deutlisch daneben zu liegen ... wir sind hier nämlich schon zu dritt. »):

    zu viert. Ich frage mich auch, wie kommt der Rezensent darauf?

  • Vor 8 Jahren

    Gutes Album, ich fand nur dass TUF immer so einen schlechten obertönigen pappigen Sound hatte, kann das jemand bestätigen? (Beziehe mich dabei aber noch auf die Vinyl-Version, die CD hab ich zu selten gehört um es zu vergleichen.)
    Mit dem Elvis&America Song bin ich allerdings bis heute nie warm geworden.

  • Vor 8 Jahren

    Man fragt sich, wie auch schon bei der neu abgemischten "The Joshua Tree", ob sich da wirklich jemand die Mühe gemacht hat, den Klang zu verbessern. Wenn ja, hat derjenige seinen Job verfehlt.
    Ein bisschen mehr Tiefen, hier und da ein paar Höhen, insgesamt klingt das alles aber immer noch viel zu breiig und mittenbetont, bar jeglicher Dynamik. Ich kriege Kopfschmerzen, wenn ich so was länger höre.

    Da kann man ebenso gut an den Klangreglern seiner Anlage rumspielen.

    Oder anders gesagt: Wer die Originale hat und keinen Wert auf das (Achtung, Baby, Wortspiel ;-) Bonosmaterial legt, spart sich das Geld für lohnenswerte Neuaufnahmen.