laut.de-Kritik

Das spannendste Album seit dem weißen.

Review von

Tocotronic schlüpfen auf ihrem neuen Album gewissermaßen in die Rolle von Astronauten. Sie verlassen ihre ursprüngliche Sphäre, katapultieren sich im Spannungsfeld zwischen Unendlichkeit und Begrenztheit ins All.

Aus erhabener Ferne schauen sie zu, wie sich das Leben ihres Sängers Dirk von Lowtzow als leuchtender, kleiner Planet noch einmal an ihnen vorbeidreht: Das zwölfte Album der Hamburger stellt seine musikalische Autobiografie dar, in der er uns von der Jugend in der "Schwarzwaldhölle", seinem Umzug nach Hamburg und seiner Ankunft in Berlin erzählt.

Dazu vollziehen die vier Musiker den totalen Bruch, der eigentlich gar keiner ist, da er sich bereits auf dem letzten Album ankündigte. Dort wich von Lowtzows kryptische Art zu erzählen bereits einer, die klar seine Perspektive einnimmt, beispielsweise in "Jungfernfahrt" oder "Date Mit Dirk".

"Die Unendlichkeit" klingt zudem deutlich anders als das meiste, das die Band bislang hervorgebracht hat. Das ist gut, gewinnen Tocotronic damit doch überraschende Kraft zurück: Hatte man sich nicht an allem, das ihre Songs seit 2002 bestimmte, langsam aber sicher sattgehört?

Moses Schneider, der seit 2005 jedes Album der Band produziert hat, inspirierte diese vor dem roten Album dazu, ihre Musik nicht mehr live einzuspielen. Dieses Verfahren habe man jetzt erneut angewendet, sagt Bassist Jan Müller, was den mannigfaltigen Sound von "Die Unendlichkeit" erklärt.

Mit dem Titeltrack baut sich erst einmal eine fünfminütige Mauer in Form einer durchdringenden Dub-Bassline auf. Flirrende Drone-Sounds gewittern dann hier und da durch das Stück, das nach einigen Malen des Aufbäumens in ruhiger Krautrock-Manier weitertrippelt.

Hier wird die neu gewonnene Vielschichtigkeit von Tocotronic ersichtlich: Einerseits tobt sich Rick McPhail daran aus, Schicht um Schicht an Fuzz- und Delay-Effekten präzise aufzutürmen. Andererseits offenbart schon die reine Form des Songs eine von den Hamburgern ungewohnte Komplexität.

Noch verspielter und experimentierfreudiger zeigt sich später "Unwiederbringlich", das mit einem anderthalbminütigen Xylophon-Intro beginnt, bevor allerhand Schlagwerk, Streicher und Blasinstrumente einsteigen. Das finale Klarinettensolo formuliert es schließlich nachdrücklich: Einen solchen Song kann nur eine absolut selbstbewusste Band machen.

"Bis in die Unendlichkeit und noch viel weiter", zitiert Lowtzow den Space Ranger Buzz Lightyear aus "Toy Story" im angesprochenen Titeltrack. Schlägt hier ein gesundes Selbstbewusstsein in Selbstüberschätzung um, weil die Band für sich selbst Unendlichkeit fordert? Warum denn eigentlich die eigene Biografie auf die Metaphern Unendlichkeit und Weltraum beziehen? Geht es hier um Sternzeichen, Himmelfahrt, Unsterblichkeit? Weder noch.

Derart eindrucksvolle Begriffen zeigen, dass eine menschliche Biografie endlich ist und verschwindet, während die künstlerische bleibt. Im grandiosen Schlussstück "Alles Was Ich Immer Wollte War Alles", das auch musikalisch an Pink Floyd erinnert, reklamiert von Lowtzow wie einst Waters das Recht auf den final cut, in diesem Fall die endgültige Verfügung über seine Kunst: "Was ich geschrieben habe wird jetzt ausradiert / als hätt' es niemals wirklich existiert."

So drastisch gibt sich "Die Unendlichkeit" nicht immer. Vor dem Hintergrund der Vergänglichkeit verfällt die Band hier und da in etwas Milde, wobei die Songs die geschilderten Ereignisse niemals romantisieren. Die Rückschau wirkt deshalb nicht verklärend, da die musikalischen Mittel oft in eine widersprüchliche Beziehung mit dem Inhalt treten.

Beispielsweise singt von Lowtzow in "Hey Du" vom Angestarrtwerden während seiner Dorfjugend. So weit, so profan. Allerdings macht er dies mit einem so jugendlich-affigen Timbre, das seine eigene Glaubwürdigkeit infrage stellt und eher preisgibt: Ich war Exzentriker und frönte gerne pubertärer Überheblichkeit.

Diese Momente machen Tocotronic im Jahr 2018 einladend wie nie. Ein gemeinsames Erinnern und Feststellen: So war das damals. Sich wiedererkennen wollen. Der Drang, sich in einer Welt zu spüren, die sich immer schneller fortbewegt. Deshalb sind Tocotronic wir, weil es die Band auf "Die Unendlichkeit" bereitwillig zulässt, sich mit ihr zu identifizieren. Und zwar direkt, ohne sich zuerst mit französischem Poststrukturalismus befassen zu müssen.

Der Drang zur Distinktion durch gesunden Punker-Hass ist nun endgültig gewichen, einem Willen zur Offenheit und entsprechend reflektierten, klischeelosen Pop. Wer noch immer im Jahr 1995 festhängt, der darf dieses Angebot getrost ausschlagen. Für alle anderen ist "Die Unendlichkeit" schlicht das spannendste Tocotronic-Album seit dem weißen.

Trackliste

  1. 1. Die Unendlichkeit
  2. 2. Tapfer Und Grausam
  3. 3. Electric Guitar
  4. 4. Hey Du
  5. 5. Ich Lebe In Einem Wilden Wirbel
  6. 6. 1993
  7. 7. Unwiederbringlich
  8. 8. Bis Uns Das Licht Vertreibt
  9. 9. Ausgerechnet Du Hast Mich Gerettet
  10. 10. Ich Würd's Dir Sagen
  11. 11. Mein Morgen
  12. 12. Alles Was Ich Immer Wollte War Alles

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