laut.de-Kritik

So gut wie hier sollten Rainbow nie wieder werden.

Review von

Als das Rockpalast-Fernsehteam am 18. Oktober 1977 alles für den Münchener Rainbow-Gig fertig gebastelt hat, fehlt nur noch eins: die Band. Sie wird nicht erscheinen. Denn Richard Hugh Blackmore sitzt in Wien im Knast und wartet - zumindest an diesem Abend - vergebens, dass "The Reich" ihn aus dem Polizeigewahrsam entlässt. Beim Vienna-Konzert hatte er sich mit einem Ordner, der Fans rüde anging, eine zünftige Keilerei samt Bierdusche geliefert und landete in einer österreichischen Zelle. Schon bei Deep Purple war er nicht als Freund übertrieben sanftmütiger Artikulation bekannt und seine Zornesausbrüche gefürchtet.

Bei Entlassung tags drauf teilte man ihm ein Ausreiseverbot mit. So musste die Band ihren hitzköpfigen Häuptling waghalsig im Auto über die Grenze nach Bayern schmuggeln. Long live Rock And Roll! Zum Glück und dank der Flexibilität aller fand die Show dann mit nur einem Tag Verspätung statt. Und dieser Rainbow-Auftritt hat es wahrlich in sich. Es ist die einzige komplette Aufzeichnung des legendären Line Ups Blackmore/Dio/Cozy Powell. Ihr womöglich bester Gig überhaupt. Aggressive Energie mit sanften Tupfern in bestechender künstlerischer Form.

Härte und Ruppigkeit der Musik sind außerordentlich. Extremere Spielarten à la Speed, Thrash oder Death waren noch unbekannt. Selbst die legendäre New Wave Of British Heavy Metal war noch ungeboren. Wie die Regenbogentruppe hier spielerische Ästhetik als Mischung aus Aggression und totaler Könnerschaft zelebriert, sucht seinesgleichen. Alles getragen vom neuen, noch weitgehend unbekannten stimmlichen Zeremonienmeister des Genres: Ronnie James Dio.

Bereits der erste - bis dato noch unveröffentlichte - Song "Kill The King" ("Long Live Rock And Roll", 1978) entlädt die aufgestaute, wütende Energie in einer Klangwolke, die das Publikum komplett hypnotisiert. Das nachfolgende "Mistreated" ist ein kurioser Klassiker. Durch das ewige Besetzungskuddelmuddel bei Deep Purple und allen Satellitencombos steht das Lied bei Ian Gillan (Deep Purple, Black Sabbath, Jesus Christ Superstar), David Coverdale (DP, Whitesnake) und Dio (Rainbow, Black Sabbath) gleichermaßen auf dem Sangeszettel. Das herunterfahrende, neoklassische Gitarrensolo Blackmores schießt hier jedoch den Vogel ab. Meisterhafter Spannungsbogen, herausragende Improvisation des charismatischen Saitenhexers.

Ähnlich vereinnahmend gerät das Intro von "16th Century Greensleeves". Wie der Gitarrist sich dem blaubärtigen Henry VII-Song nähert, lässt jeden Musikfreund ein weiteres Mal den Kopf darüber schütteln, was für unsäglich kitschigen Folkschmand er seit gefühlten Jahrhunderten selbst mit Blackmore's Night vom Stapel lässt. Der nicht minder brillante Cozy Powell spielt sein Schlagzeug so präzise wie ein schweizer Uhrwerk. Der ebenso kontrastierende wie ergänzende Dialog zwischen seinen straighten Drums und Dios gern pathetischem Gesang machen einen nicht unbeträchtlichen Teil des zeitlosen Reizes ihrer Musik aus.

Eine nahezu perfekte Setlist dokumentiert ebenso das bärenstarke Songwriting dieser Könner. Die ohnehin wundervolle Ballade "Catch The Rainbow" ("Ritchie Blackmore's Rainbow", 1975) erweitern die Pioniere zu einem knapp 20-minütigen Monolithen voller Drama und ohne jede genretypische, selbstverliebte Gniedelei. Eine gnadenlos hypnotische Rockmesse, wie es kaum besser geht. "So bless me come the dawn / Come the dawn!"

Besonderer Anspieltipp: Die fette Viertelstundenversion ihres elegantesten Liedes, "Man On The Silver Mountain" ("Ritchie Blackmore's Rainbow", 1975). Ronnie James geht ganz in seiner Elbenkönigsrolle auf. Powell forciert stellenweise das Tempo zu einer Art prähistorischen Speed Metals. Blackmore zerschlägt die eingängige Hook mit einer Schneise aus Krach, die in einem schön improvisierten Bluesthema mündet. Nach einem intensiven - und nicht gelisteten - "Lady Starstruck"/"Night People"-Moment bringt Dio den Karren nahezu A-Capella zum Grande Finale wieder in Spur. Unglaublich intensiv reichen Handwerkskunst und künstlerische Inspiration einander die Hand. Beste Version ever!

Die schönen Bonus Features glänzen hernach noch mit zwei Interviews, drei Promoclips und Material über den US-Teil der Tournee. Die Anschaffung sollte jeden Rockfan glücklich machen. Ein wichtiges zeithistorisches Dokument ohne eitlen Hang zum Rockismus ist "Live In Munich" allemal. So gut sollten Rainbow leider nie wieder werden.

Trackliste

  1. 1. Introduction
  2. 2. Kill The King
  3. 3. Mistreated
  4. 4. Sixteenth Century Greensleeves
  5. 5. Catch The Rainbow
  6. 6. Long Live Rock 'n' Roll
  7. 7. Man On The Silver Mountain
  8. 8. Still I'm Sad
  9. 9. Do You Close Your Eyes

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