laut.de-Kritik

Ganz nah dran an A Tribe Called Quest-Vollwertkost.

Review von

Der Treppenwitz mit der A Tribe Called Quest-Reunion sollte mittlerweile selbst denjenigen auf den Sack gehen, die den Namen Jarobi noch nie gehört haben. Wieso kann die beste (Rap-)Band der Welt nicht einfach ein neues Album aufnehmen? Und wieso, Herr im Himmel, müssen die dreisten Drei die flehenden Fans auch noch so quälen?

Seit geraumer Zeit betouren sie gemeinsam den nordamerikanischen Kontinent, doch von einer neuen Platte will man nichts wissen. Und jetzt veröffentlicht nach fast zehnjähriger VÖ-Abstinenz Q-Tip auch noch ein Soloalbum, das schrecklich an "Midnight Marauders" erinnert.

Manchmal schmerzen die schönsten Dinge eben am meisten. Und manchmal versetzen einen 43 Minuten Musik in eine andere Zeit, in eine andere Welt. Manchmal braucht man nichts mehr als einen Rapper mit MPC, Nasal-Organ und einem Namen wie ein Hygiene-Artikel. Manchmal ist einfach alles einfach gut. Willkommen bei "The Renaissance".

Zwei Jahrzehnte nach Karrierebeginn und ein Jahrzehnt nach dem ersten Alleingang präsentiert sich The Abstract plattitüdenfrei und konventionslos wie am ersten Tag. Mindestens ein Dutzend Labelwechsel und mindestens ein unveröffentlichtes Album hielten den mittlerweile 38-Jährigen nicht davon ab, einen Longplayer zu produzieren und schreiben, der in jeglicher Hinsicht Freiheit proklamiert: "The Renaissance" ist frei von Klischees, frei von Stress und frei von jeglichen Anzeichen, dass in diesen zwölf Tracks auch nur ein Hauch von Zwang steckt.

Es beschleicht einen genau das Gefühl, mit dem A Tribe Called Quest jahrelang ihre positiven und immer wieder kritischen Botschaften vermittelten und somit den Grundstein für die Künstlergeneration der Commons, Talib Kwelis und Lupe Fiascos legten. "The Renaissance" ist fast das lang erwartete ATCQ-Album geworden. Basslines hüpfen, Kicks tänzeln mit Snares, Samples tauchen auf wie beste Freunde und Q-Tips Raps legen sich wohligwarm um jedes neue Stück dieser herrlich simplen MPC-Magie.

Während "Johnny Is Dead" zu Beginn noch recht poprockig die Hook groovt, liefert bereits "Won't Trade" einen patentierten Native Tongue-Drumlauf und den Beweis, dass diese Rap-Spielart auch 17 Jahre nach "Check The Rhime" absolut nichts von ihrer Faszination verloren hat.

Mit der ersten Single-Auskopplung "Gettin' Up" hat Tip sowieso den Titel des eingängigsten Songs des Quartals sicher: Würde es Neo-Soul noch geben, hätte das Genre mit dieser Mischung aus Wohlfühl-Basslauf, Black Ivory-Sample und Tips Charme-Offensive jetzt nicht nur im Schlafzimmer, sondern auch auf jeder Tanzfläche seine Berechtigung.

Doch nicht erst seit "Kamaal The Abstract" wissen wir: Q-Tip kein Garant für dauerhaft leichte Kost. "You" macht sich in Folge mit traurigster Dreiklang-Schleife und Herz/Schmerz-Thema am unteren emotionalen Ende zu schaffen. In Zusammenarbeit mit Raphael Saadiq, dem musikalischen Bruder im Geiste, setzt es auf Funkbässe eine textlich eindrucksvolle Antikriegs-Nummer ("We Fight/We Love").

Mit der betörenden New Yorker Soul-Hoffnung Amanda Diva wildert man im tiefsten Siebziger-Soul mit Stotter-HiHat. Dabei lässt sich der Protagonist von seinen Gästen niemals die Show stehlen: Norah Jones säuselt im warmen Frühlings-Keyboard-Regen ("Life Is Better") und D'Angelo groovt bei SWV-Drumpattern mit Funk-Einschlag ("Believe"). Immer wieder fordert eine Bassline nach Aufmerksamkeit.

Was aus der angekündigten Kollaboration mit Barack Obama geworden ist, liegt zwar im Dunkeln, aber das BoomBap-Lehrstück "Shaka" begeistert auch ohne den President-Elect Hunderttausende zwischen Chicago und Berlin. Sowieso hat Q-Tip mit "Move" eine weitaus interessantere Kollaboration auf die Beine gestellt: Der Beat stammt von J Dilla und geht für den verstorbenen Produzenten ungewöhnlich nach vorne.

Trotzdem fliegen die Gedanken beim Hören in der Zeit zurück zu "The Love Movement", als Tip und Dilla ihre Arbeit als wegweisendes Produzententeam The Ummah starteten; zurück zu den guten alten Zeiten, als A Tribe Called Quest noch Alben aufnahmen. Nostalgie pur.

Trackliste

  1. 1. Johnny Is Dead
  2. 2. Won't Trade
  3. 3. Gettin Up
  4. 4. Official
  5. 5. You
  6. 6. WeFight/WeLove (feat. Raphael Saadiy)
  7. 7. ManWomanBoogie (feat. Amanda Diva)
  8. 8. Move
  9. 9. Dance On Glass
  10. 10. Life Is Better (feat. Norah Jones)
  11. 11. Believe (feat. D'Angelo)
  12. 12. Shaka

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12 Kommentare

  • Vor 9 Jahren

    ich liebe atcq wahrscheinlich mehr als alles andere.

    auch the renaissance gefällt mir sehr gut, keine frage.

    trotzdem möchte ich auch für diejenigen, die es noch nicht gehört haben, anmerken, dass es mich nicht wirklich an alte klassiker erinnert, was an der produktion liegt. das einzig nostalgische ist q-tips stimme. klar, er war nie der überrapper, aber hier ist er über weite strecken einfach zu wässrig... und seehr soft, nicht leave-it-all-behind-soft, aber universal-soft.

    trotzdem eins der besseren alben dieses jahr, herrlicher sound!

  • Vor 9 Jahren

    Wow, es scheint wirklich so zu sein, dass die jungen Q und ATCQ nicht mehr kennen und die alten Heads in Rente sind. I'm so ooooold! ;-)