laut.de-Kritik

Die ganze Herrlichkeit des Schwarzen Lochs.

Review von

Musiker definieren keine Begriffe. Sie orientieren sich an Idolen, Antihelden, Moden und Gegentrends. Als die Musikkritik Mitte der 90er Jahre den Begriff "Trip Hop" inflationär gebrauchte, um Portisheads "Dummy" als vorläufige Krönung dieses Genres zu bezeichnen, konnte der bescheidene Geoff Barrow nur klein beigeben: "Die größte Kunst im Popgeschäft besteht darin, einen Hype zu überleben."

Den "Sound Of Bristol", der sich aus der Mixtur der dort ansässigen Massive Attack, dem Sprechgesang Trickys und eben Portishead ergab, münzte man in der Folge schnell in den Allgemeinplatz Trip Hop um. Freilich war jeder dieser Akteure ein Wegbereiter für den anderen.

Doch es gelang Portishead (benannt nach ihrem Heimatstädtchen), die Apartheid von Electronica und Hip Hop, von Breakbeat, Soul, von Dub und Jazz so weit aufzuheben, dass die Globalisierung der populären Musik eine neue Dimension annahm.

Aus einem Flickenteppich eine sinnstiftende Einheit zu formen war bei den Zuckungen und Verstörungen, die Barrows Programmiertechnik heraufbeschwor, bereits ein kleines Kunststück. In Beth Gibbons fand er seine kongeniale Mitspielerin, die sich federleicht wie einst Joni Mitchell gebärdete, aber schon mit 29 Jahren so vollgesogen war von Schwermut, dass sie auch mit einer Mitchell und ihrem Konzeptwerk "Both Sides Now" aus dem Jahr 2000 verwandt war. Ihre stimmliche Einzigartigkeit lässt sich mit "It Could Be Sweet" belegen, wenn sie sich von den mechanischen Drum-Schablonen absondert und engelsgleich über ihnen schwebt.

Niemals wog sich die Sängerin in Sicherheit, sie schrie sogar den Weltschmerz heraus – doch niemand hörte sie: "Can't make myself heard / No matter how hard I scream", tritt es in "Biscuit", das mit dem Sample "I'll Never Fall In Love Again" von Johnny Ray aufgeladen ist, niederschmetternd aus ihr hervor. Die liebenswürdige Melancholikerin hatte man deswegen so gern, weil sie jedweder Sentimentalität so schnell entkam.

Auch Adrian Utley ist nicht zu vergessen. Sein lautmalerisches Gitarrenspiel, die oft nur minimalen Prägungen und Einstreuungen, prägte "Dummy" vom ersten bis zum letzten Atemzug. "Mysterons" mutet mit dem von Utley bedienten Theremin so außerweltlich wie sein Titel an, der in der britischen Science-Fiction bei "Captain Scarlet and the Mysterons" und "Gerry Anderson's New Captain Scarlet" fiktionale Außerirdische meinte, die den Planeten Mars bewohnen. Das eigentliche Kuriosum dieser LP war jedenfalls, sie zunächst sterben zu 'hören', bevor sie alsbald wieder künstlich zum Leben erweckt werden konnte.

Ein Grund für die unerträgliche Leichtigkeit des Seins sind die ersten Schwingungen des Fender Rhodes Piano am Anbeginn von "Roads", einem der prominentesten Prototypen für musisches Trauerspiel. Das Bittersüße wird dann ganz deutlich, wenn Beth "How can it feel this wrong?" wimmert und ein Satz Streicher sich dazu erhebt. Eine unglaubliche Wallung, die ihresgleichen sucht, jedoch selten findet.

"Glory Box" schleicht sich langsam ein, knistert wie Papas abgenutzte Lieblingsplatte und verschenkt Gedanken, die die französische Intellektuelle Simone de Beauvoir ihrerzeit verstreut haben könnte: "So don't you stop being a man / Just take a little look from our side when you can / Sow a little tenderness / No matter if you cry / Give me a reason to love you / Give me a reason to be here / A woman / It's all I wanna be is all woman."

Portishead zeigten die ganze Herrlichkeit des Schwarzen Lochs. Sie fühlten sich dem Unbekannten und Dunklen so angezogen, dass sie nicht anders konnten, als zu lernen, wie man damit umgehen musste. In dieser Black Box entstanden dann, völlig unpathetisch, die hellsten Momente der Neunziger.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Mysterons
  2. 2. Sour Times
  3. 3. Strangers
  4. 4. It Could Be Sweet
  5. 5. Wandering Star
  6. 6. It's A Fire
  7. 7. Numb
  8. 8. Roads
  9. 9. Pedestal
  10. 10. Biscuit
  11. 11. Glory Box

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34 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    @stummerzeuge

    Ich weiß nicht, ich halte die Spex eigentlich für ein passables Heft. Etwas versnobt, aber gut.

  • Vor 2 Jahren

    @stummerzeuge: du scheinst da was zu verwechseln. niemand behauptet hier, dass Kritiker "Götter" wären. Ausgangspunkt der Diskussion: soulburn fordert einen Meilenstein für Mezzanine statt Blue Lines und will das quasi musikhistorisch beweisen. Sein Argument, das Album "wurde von Kritikern und Konsumenten gleichermaßen als musikalische Offenbarung empfangen!" ist allerdings relativierbar, weil die Kritiken damals gemischt waren(z.B ein - für mich nicht nachvollziehbarer - Verriss in der Spex). Das ist auch schon alles.

  • Vor 2 Jahren

    @stummerzeuge: du scheinst da was zu verwechseln. niemand behauptet hier, dass Kritiker "Götter" wären. Ausgangspunkt der Diskussion: soulburn fordert einen Meilenstein für Mezzanine statt Blue Lines und will das quasi musikhistorisch beweisen. Sein Argument, das Album "wurde von Kritikern und Konsumenten gleichermaßen als musikalische Offenbarung empfangen!" ist allerdings relativierbar, weil die Kritiken damals gemischt waren(z.B ein - für mich nicht nachvollziehbarer - Verriss in der Spex). Das ist auch schon alles.