laut.de-Kritik

Auch ohne Kim fast schon the real Deal.

Review von

"Ihre Fans träumen seit Jahren davon und jetzt liefern die Pixies". Kaum zu glauben, wie einen nach all den Jahren noch Sätze aus Presse-Infos plätten können. Ein mit brutalstmöglichem Understatement verfasster Satz im euphorischen Ton eines Vollstreckungsbeamten und dem Odeur einer Pizzabestellung. Hallo? It's the Pixies, stupid! Helden von Kurt Cobain und nicht nur deshalb Gralshüter der reinen Indie Rock-Lehre a.D.

Naja nicht ganz, im Dienst eigentlich schon wieder seit 2004, aber eben nur auf der Bühne, im finanziell massiv einträglichen Live-Sektor, wo das Pixies-Publikum sicher zur Hälfte aus Menschen besteht, die um 1991 geboren wurden, als ihr letztes Album "Trompe Le Monde" erschienen ist. Cobain war da noch am Leben.

Seither ist viel Wasser den Wishkah hinuntergeflossen. So viel gar, dass selbst Involvierte wie Drummer David Lovering heute ungeniert behaupten, schon 2009 habe die Band ernsthaft in Erwägung gezogen, wieder neue Songs aufzunehmen. Im selben Jahr interviewte ich zufällig Sänger Frank Black, der mir jedoch recht glaubhaft versicherte, sich kaum etwas Schöneres vorstellen zu können, als ein Ende der ewigen Pixies-Album-Rufe, "cause it's not going to happen". Stattdessen nahm der etablierte Solokünstler sogar lieber ein Album mit seiner Ehefrau auf.

Es herrscht generell viel Dunkel in diesem an sich erfreulichen Comeback. Sicher ist: 2012 trafen sich alle Beteiligten in einem Proberaum in Wales mit dem alten Ton-Lehrmeister Gil Norton, um zu schauen, ob man die gute Bühnenchemie vielleicht auch in neue Pixies-Stücke kanalisieren könnte. Scheinbar nicht ganz: Schon nach wenigen Wochen verließ Bassistin Kim Deal, einst Antipode des Ego-Königs Black, die gerade wieder ambitionierte Band, bis heute sind keine Gründe bekannt.

So wird es wohl bleiben. "Indie Cindy", das erste Pixies-Album seit 23 Jahren, ist ein epochales Ereignis und soll daher nicht den Malus tragen, dass Kim Deal nicht oder kaum involviert war. Stattdessen soll alles wie früher sein: Produzent Norton ist wieder an Bord und Stamm-Grafiker Vaughan Oliver gab sich redlich Mühe mit dem fünffach klappbaren CD-Cover. Wer die Songs geschrieben hat oder wer in der Band Pixies derzeit spielt: Das Booklet liefert keine Antworten. Für das Bassspiel wird einem gewissen Ding gedankt, ein Pseudonym von Simon Archer, der schon bei PJ Harvey und The Fall spielte. Es heißt, alle von Deal bereits eingespielten Bassspuren wurden gelöscht und von ihm neu eingespielt.

Hat Kim die Band wegen der Qualität der neuen Songs verlassen? Wegen Songwriting-Credits? Oder weil Black wieder alle Ruder an sich gerissen hat? Fragen, die der Opener "What Goes Boom" noch vor dem ersten Refrain zerstäubt, sobald sich Joey Santiagos Gitarrenakkorde mit längst vergessener Klarheit die Hirnwände hinauf fräsen. Ein sperriger und sogleich mit extrem eingängigem Refrain ausgestatteter Rocker, der hohe Erwartungen weckt, die zumindest an Härte im Laufe des Albums nicht ganz erfüllt werden.

Denn, natürlich, die Pixies sind nicht mehr die jungen Kaputtniks, die "Surfer Rosa" eingeholzt haben. Da kann Black noch so erstaunlich juvenil kreischen und Texte nach altem Bewusstseinsstrommuster anfertigen ("Fattie had it made like a blade in the sun like a push in the bush when you got none / ping pong bingo fills a la ringo analog bong but it ring wrong").

Doch selbst die größten Reunionverächter der hier vorstelligen Legende müssten bei den Zeilen des folgenden "Greens And Blues" in die Knie gehen: "And if I ever feel a little strange / would you excuse me please?" - scheißegal, wie alt diese Typen sind, wenn die ehemaligen Außenseiter heute bessere Foo Fighters-Stadionhymnen komponieren, klingen sie immer noch besser als die tausend Bands, die sie schlecht kopieren.

Nun sind auf diesem Album ja keine Songs wirklich neu, da sie alle auf insgesamt drei Online-EPs seit Herbst 2013 erschienen sind, was den Überraschungseffekt bei den Netz-Afficionados schmälert. Alle anderen dürften allerdings überrascht sein, dass der Folk'n'Country-Buddy Black tatsächlich noch richtig grantig klingen kann, was man ja immer als Hauptargument gegen ein neues Pixies-Album ins Feld führte. Etwa auf "Bagboy", einem knorrigen, Dancebeat-infizierten Album-Highlight mit mutmaßlicher Vokal-Beteiligung Kim Deals. Die vermeintliche Disharmonie des Refrains mit süßlichen Frauenvocals und bellendem Black-Gezeter findet sich sonst leider nirgends mehr auf dem Album.

"Indie Cindy" ist voll gängiger Rockschemata und für Pixies-Verhältnisse extrem maskulin. Auf die Spitze getrieben in Songs wie "Blue Eyed Hexe", wo noch offensichtlicher als früher in "U Mass" AC/DC-Riffs verbraten werden. Gleichwohl kommt die Band auch dem gängigen Rezept der dynamischen Gegensätze immer wieder nach, etwa wenn Black in den Strophen von "Indie Cindy" Klassikerlines faucht ("I'm the burgermeister of purgatory ... you put the cock in cocktail, man"), um danach in einen samtweich-kitschigen Refrain umuschwenken.

Etwas zu saturiert geraten sind "Magdalena 318" oder das dahinplätschernde "Ring The Bell", richtig grauenhaft ist aber nur das vor synthetischem Pomp triefende Balladen-Inferno "Andro Queen". Und wie großartig "Jaime Bravo", sowas wie ein Pixies-Cover eines unveröffentlichten Pixies-Songs, mit Kim Deals Beteiligung hätte werden können, erfahren wir wohl leider nie. "Another Toe In The Ocean" verdeutlicht wohl am ehesten, wo die Pixies 2014 stehen: Ein unheimlich eingängiger Rocksong, dem zwar die Düsternis ähnlich melodieverliebter Stücke wie "Motorway To Roswell" abgeht, der aber einfach nicht mehr aus dem Kopf will (genau wie das Bild, das ich beim Lesen des Songtitels sofort im Kopf hatte: Black, der in Badehose seinen Zeh in den Pazifik hält).

"Indie Cindy" schlägt kein neues Kapitel im Alternative Rock-Lexikon auf, aber da stehen die Pixies ja eh schon im Vorwort drin. Wie 2003 bei Blur, die ohne Graham Coxon das beachtliche "Think Tank"-Album vorlegten, fügen die Pixies mit "Indie Cindy" auch ohne Kim Deal ihrem Klassiker-Katalog ein hochwertiges und facettenreiches Werk hinzu. Selbst wenn man auch in zehn Jahren zuerst von "Surfer Rosa" reden wird.

Trackliste

  1. 1. What Goes Boom
  2. 2. Greens And Blues
  3. 3. Indie Cindy
  4. 4. Bagboy
  5. 5. Magdalena 318
  6. 6. Silver Snail
  7. 7. Blue Eyed Hexe
  8. 8. Ring The Bell
  9. 9. Another Toe In The Ocean
  10. 10. Andro Queen
  11. 11. Snakes
  12. 12. Jaime Bravo

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