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"Sonnendeck" ist im Sommer 2000 ein gefeiertes Stück. "Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf'm Sonnendeck oder im Solarium", bohrte es sich in die Gehörgänge. Damals noch als Meinrad Jungblut, ein Jahr später findet sein herrlich verschwirbeltes Elektro-Pop-Projekt nun endlich seine Fortsetzung - jetzt als Peter Licht.
Um seinen Namen macht er gerne einen größeren Hokuspokus. Interviews gibt er eigentlich nicht, seine Namen wechselt er ständig und abbilden lässt er sich schon gar nicht. Peter Licht stammt aus schwäbischen Landen und wohnt in Köln. "Ich mache Töne, wie das alles zu verstehen ist, da will ich eigentlich gar nichts sagen", meint er zu seiner Musik.
"6 Lieder", hieß die EP, die beim feinen, kleinen Label Betrug herauskam und die Welt veränderte. Zu großer Berühmtheit gelangte "Sonnendeck" auch, weil es damals auf der Spex-Beilagen-CD war. Irgendwie erinnerten die Stücke an Andreas Dorau, doch so richtig beschreiben lassen sich die aberwitzigen Deutschpop-Songs ohnehin nicht. Wer braucht Sinn, wenn der "Parkplatz am Fuße der’n Gong Berge" besungen wird?
Auf seiner Maxi-CD "Lieder" firmiert das Ganze nun als Jungblutpeterlicht – weil sein Promoteam "viel mit Trendforschung" macht, wie der Künstler, welchen bürgerlichen Namens auch immer, verrät. "Meide die Popkultur, dann geht es dir besser", trägt man uns da auf. Die Platte ist eine Zusammenstellung ohne erkennbare Grundlogik, einfach der Ausdruck von Peter Lichts ganz persönlicher Popwelt.
LoFi ist für seine Sachen auch bereits viel zu abgegriffen, dass es noch etwas beschreiben könnte. Schon gar nicht Songs, wie eben beispielsweise das "Lied gegen die Schwerkraft" – mit einem Diktiergerät etwas älteren Datums eingesungen. Im Video zu "Sonnendeck" dürfen wir einen fliegenden Bürostuhl auf großer Reise bewundern, der zeitweilig von einer Topfpflanze verfolgt wird. Aber keine Angst, es passiert ihm nichts.
Im Jahr 2003 erscheint das Album "Stratosphärenlieder". Der Kölner Künstler verfeinert hier seinen Stil, der in den 2006 veröffentlichten "Lieder Vom Ende Des Kapitalismus" neue Höhepunkte erreicht. Bissig-nachdenklich, aber von den bekannt-leichthändigen Melodien unterlegt, skizziert er treffend die Situation Deutschlands in einer Ära des Umbruchs.
Mit "Wir Werden Siegen! Buch Vom Ende Des Kapitalismus" stellt PeterLicht als Begleitung zur aktuellen CD in gebundener Form ergänzende Texte und Materialien vor. Der gepflegten Öffentlichkeitsscheu fügt Licht bei einem im Mai absolvierten Auftritt in der "Harald Schmidt Show" ein weiteres Kapitel hinzu: Die Kamera zeigt nie das Gesicht des Sängers.
2007 erntet PeterLicht auch Anerkennung von seiten der offiziellen Hochkultur: Beim Klagenfurter Ingeborg Bachmann-Wettbewerb erreicht er einen dritten Platz, außerdem gewinnt sein überaus unterhaltsamer Text "Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends" den Publikumspreis.
Peter Licht über die genetische Grundsuppe und das reale Ende der Beschwerde.
Müde ist Peter Licht. Kein Wunder, es ist halb eins und er hat soeben die Bühne des Konstanzer Kulturladens verlassen. Zwei Zugaben verlangte das Publikum von ihm und hatte immer noch nicht genug.
Immerhin sind Liveauftritte noch nicht lange Standard bei dem medienscheuen Pop-Poeten. Seit fünf Jahren erst stellt er sich ins Scheinwerferlicht. Berücksichtigt man, dass sein größter Erfolg "Sonnendeck" zehn Jahre her ist, ist er quasi erst nach seinem kommerziellen Zenit ins Livegeschäft eingetreten. Seine Fans lieben seine Auftritte. Man merkt das an der Stimmung im Saal. Andächtig lauschen rund 500 Twens den Worten, die Licht in Form von Songs und Poesie weitergibt.
Durchaus euphorisiert von einem vielseitigen Konzertabend begebe ich mich also nach zahlreichen Zugaben in den Backstage-Bereich, um mit Licht über den Kontext seines neuen Albums "Das Ende Der Beschwerde" zu plaudern. Dass er das Gespräch einleitet mit den Worten "Zwanzig Minuten höchstens, ich bin kaputt und müde" gibt meinem Schwung einen kleinen Dämpfer.
Wie ist es für dich, auf der Bühne zu stehen? Fühlst du dich zum Fraße vorgeworfen?
Peter Licht: Zum Fraße? Nö. (Pause) Nö. Ist ja immer die Frage bei einem Konzert, wer wen frisst. Das ist ja irgendwie ein beiderseitiges Fressen.
Du sagtest einst, du willst auf der Bühne nicht verfügbar sein, nicht fotografiert werden. Aber nun hat es ja doch ein paar Mal geblitzt im Publikum.
Ja, stimmt. Das passiert immer mal wieder, grundsätzlich wird das aber ganz gut respektiert. Aber das hat es immer schon gegeben. Ist ja klar, wenn man sich auf die Bühne stellt, muss man damit rechnen, auch mal fotografiert zu werden.
Es ist aber irgendwie dein Markenzeichen geworden, oder? Dieses Meiden der Öffentlichkeit, das Unterlassen der Selbstdarstellung, wie es ja sonst allzu gerne betrieben wird.
Naja, ich denke, jeder macht das so, wie er das mag und wie das für ihn passt und gut ist. Ich mache ja viel öffentlich. Das heute Abend war ja sehr öffentlich. Ich finde, das hat dann auch so einen Kern, so eine Wahrheit. Hier bin ich und ich singe meine Lieder, da sind die Leute. Das ist eine sehr direkte, gute Sache.
Wenn Peter Licht um Worte ringt, um seine Gedanken zu verpacken, reibt er sich immer wieder die müden Augen. Er lässt sich viel Zeit beim Antworten, verwirft Ansätze und beginnt von neuem und macht lange Pausen. Ganz so, als wolle er auf keinen Fall missverstanden werden. Vielleicht wurde er das zu oft in der Vergangenheit, denn als ich ihn nach seinem Hit "Sonnendeck" frage und ins Gedächtnis rufe, dass er sich im vergangenen Interview mit laut.de als One Hit Wonder bezeichnete, unterbricht er mich.
Ich hab mich nie als One Hit Wonder bezeichnet. Manchmal ist das ja so, wenn du bei dem Wort "kein" ein "k" weglässt, dann ist es auf einmal "ein", das geht relativ schnell, dass sich die Bedeutung verdreht. Ich hab das nie so gesehen.
One Hit Wonder hin oder her, ist ja auch am Ende bloß ein Etikett. Dennoch drängt sich eine weitere Frage auf.
War "Sonnendeck" ein Fluch oder Segen?
Es ist ein Segen. Ich mag das Lied immer noch und es ist auch gar nicht so, dass sich das irgendwie überwölbt oder so, überhaupt nicht. Ich hab da überhaupt kein Problem mit.
(Überlegt) Ja, das ist interessant, nicht? Wenn man da ganz genau hinschaut, wird sich das so auffächern, das Modell von Authentiziät. Das ist interessant, was das soll und warum es diese Konstruktion überhaupt gibt. Ich finde, das ist wie so ein Lichtbogen, der hin und her springt zwischen zwei Polen, die elektrisch aufgeladen sind. Ich glaube, kein Mensch kann authentisch sein, aber jeder Mensch hat auch einen Kern. Wir sind alle Teil des Schwarms, diese Vorstellung, dass man sich in einem Schwarm bewegt, dass eine genetische Grundsuppe da ist, das ist eben Gesellschaft. Das ist eben so eine Konstruktion, wo es gar nicht so sehr ums Authentische geht, sondern das hat natürlich eine gewisse Funktion, warum Authentizität ein attraktives Modell ist.
Vorhin habe ich dein Album gehört und mich dabei erwischt, wie mein Fuß mitwippte. Da fand ich fast, ich tue dir unrecht, weil du sehr textlastig bist und es nicht wirkt, als wolltest du ein Album zum Spaß haben machen. Darf man zu deinem Album tanzen?
Klar darfst du. Musik ist passiert doch auf vielen Ebenen und das ist ja auch eine. Wenn das die Ebene ist, auf der meine Musik dich berührt, dann ist das doch völlig in Ordnung.
Wenn du ein Theaterstück inszenierst und wenn du einen Song schreibst, gibt es da Unterschiede? Man ist ja beides Mal ein Stück weit Herr über eine Sache. Unterscheidet sich das oder ist das im Prinzip ähnlich?
(Überlegt) Ja, das ... Also von der Grundanlage ist das wahrscheinlich ähnlich. Es geht darum, eine Welt aufzubauen und zu gucken, ob die sich behaupten kann oder ob sie zusammenfällt wie ein aufgeblähter Pfannekuchen. Und dann gibt es ja unterschiedliche Längen und Formate, ein Song ist eingedampft und fokussierter. Eine Inszenierung muss zwar auch fokussiert sein, aber in der Länge ... Naja ... Jein. Ein klares Jein! (Schmunzelt)
Hast du insofern bei einem Theaterstück mehr Freiheiten, weil du in der Länge einfach mehr machen kannst, als wenn du einen Song auf drei Minuten dampfen musst?
Nö. Also, ich bin ja frei, zu wählen, ob ich ein Lied machen will. Also ich möchte ja gern diese Form. Ich bin da ja frei. Das ist die gleiche Freiheit. Alles ist ein Genre, das Theater ist ja auch ein Genre, da kann ich ja auch nicht einfach machen, was ich will. Ich kann mich da ja auch nicht hinsetzen und einfach drei Stunden häkeln, Quittungen ordnen oder Ablagen zu machen. Das ist ja kein Theaterstück.
In einem anderen Interview hast du gesagt: "Auf 'Das Ende der Beschwerde' werden einfach verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, wie die Beschwerde enden kann und nicht eine dieser Möglichkeiten funktioniert." Und nun? Müssen wir uns ewig beschweren?
(Lacht) Ich hab das bestimmt nicht so gesagt!
Ich krame die Ausgabe aus meiner Tasche, schlage die Seite auf und halte ihm sein mit neongelbem Textmarker hervorgehobenes Zitat unter die Nase. Wenigstens lacht er.
Ähm ... Ja dann hab ich wahrscheinlich im nächsten Absatz das genaue Gegenteil behauptet. Klar können Beschwerden enden! Ich finde das eine interessante Auseinandersetzung mit dem Phänomen 'Beschwerde': Ein fiktives Gegenüber und mich selbst als Gegenüber. Das ist so ein allmächtiges Thema und es geht eigentlich um die Sehnsucht, aus diesem Beschwerde-Tran herauszukommen. Da kann man natürlich rauskommen. Das wäre das Ende der Beschwerde. Allein die Kraft der Formulierung zeigt doch, dass die Beschwerde enden kann, weil sie es eben verbal tut.
Was passiert, wenn man aus diesem Tran herauskommt? Lebt man dann in einer Utopie? Wenn es nichts mehr zu beschweren gibt, wäre es ja quasi ideal.
Ja, das ist natürlich schon gut, wenn es keine Beschwerden gibt. Das ist super, das wünsche ich mir.
Aber wäre das nicht irgendwann auch langweilig?
Nee, dann hat man ja sehr viel mehr Zeit und muss sich nicht mehr mit Beschwerden rumschlagen. Ich empfinde das nicht als langweilig, ich finde das ist ein absolut erstrebenswertes Ziel. Dann kann man ja irgendwas anfangen.
Was würdest du denn anfangen?
Wenn ich keine Beschwerden mehr hätte ... (überlegt lange). Ich würde wahrscheinlich einen Apfel essen oder eine Wand anstreichen. Weiß ich nicht.
Du besingt den neuen Menschen. Wie muss dieser Mensch aussehen?
Ich singe ein Lied, in dem die Behauptung aufgestellt wird, der neue Mensch wird kommen. Das ist ein Vorstellungsraum, so ein Assoziationsfeld, das ich auswerfe.
Was assoziierst du denn damit?
Ganz verschiedenes. Ich denke, dass das eine Vorstellung ist, die in den Köpfen ist, eine kollektive Sehnsucht nach dem neuen Menschen. Das ist nicht nur seit heute so, sondern seit vielen Zeiten eine Sehnsuchtsvorstellung. Ich denke, dass es auch eine Perversion von Menschenbild ist, weil es ja auch eine Wertung ist, so ein Sortiervorgang - der neue Mensch und der alte Mensch. Das ist auch irgendwie dann ein Klassifizierungsmechanismus. Das ist ein Gesang über die Möglichkeit einer Vorstellung, was das soll, dass es einen neuen Menschen gibt, dass neue Menschen kommen, die die Welt tragen können, die die Räume besetzen und damit zurecht kommen.
Heißt das, dass der neue Mensch sich anpassen muss oder die Welt an sich anpassen muss?
Der hat das schon automatisch im Programm, das ist ja die Vorstellung, dass er ein Teil der neuen Welt ist und dann ist das eben auch der neue Mensch und der hat dann eben auch die Matrix, um die neue Welt geregelt zu kriegen.
Brauchen wir das denn? Eine neue Welt?
(Überlegt) Ja, ich denke schon.
Wie soll die denn aussehen?
Ja, das ist natürlich eine Wahnsinnsfrage. Die Welt verändert sich permanent und ich denke, dass sich die neue Weltordnung auch in gewisser Weise selber findet. Das ist momentan ja auch absolut zu sehen. Es ändert sich die Welt und das ist einfach auch ein hoffnungsvolles Zeichen, es ändert sich viel und passiert viel und ich betrachte das als hoffnungsvoll.
Also ist Veränderung prinzipiell erst mal gut?
Ja. Aber es muss auch ganz viel bleiben. Das sind so wahnsinnige Fragen, deswegen ist es das sinnvollste, ein Lied zu machen, das ist dann die Betrachtung und that's it. Deshalb mache ich ja Lieder, anders kann ich das gar nicht beschreiben. Das ist meine Beschreibung davon, gar nicht meine eigene Meinung. Da kann sich dann jeder sein eigenes Bild machen. Ich weiß gar nicht, ob das jetzt eine richtige Theorie ist. Stelle anheim.
PeterLicht über das Image von James Blunt, Kartoffelmännchen und skurrile Angebote.
Der Inszenierungskünstler wandelt sich ständig, zur eigenen Person verrät er jedoch nie viel – das Mysterium um PeterLicht und den Mann dahinter soll scheinbar nicht gelüftet werden. Versteckspiel und Namens-Wirrwarr haben ihm den Titel des "großen Unbekannten der deutschen Musikszene" eingebracht. Nun gibt sich Verwandlungskünstler Licht erstmals ungewöhnlich offen, geht auf Konzert- sowie Lesetour und gewährt neuerdings sogar konservative Interviews, von Angesicht zu Angesicht.
Dass PeterLicht öffentliche Präsenz und Medien scheut, ist längst bekannt! Drei Alben hat er bereits auf den Markt gebracht, dennoch existieren nur wenige Fotos von ihm, die zudem unscharf belichtet, schlecht beleuchtet und nur ausschnitthaft arrangiert sind. Auch die biografischen Details zur Person PeterLicht sind spärlich gesät. Interviews gab der Elektro-Pop-Musiker bisher nur selten, vermied sie zunächst ganz – anstelle selbst beim Interviewtermin zu erscheinen, verschickte Herr Licht lieber "Kartoffelmännchen", mit denen sich die verdutzten Redakteure unterhalten sollten. Nach jahrelanger TV-Abstinenz gastierte er im Mai 2006 erstmals bei Harald Schmidt, enthüllte aber auch hier nicht das Geheimnis um sein Aussehen und ließ sich nur vom Hals abwärts filmen. PeterLicht ein Phantom?
Als ich den rätselhaften Herren zum Interview im Konstanzer Kulturladen treffe, bin ich überrascht von seiner ruhigen, gelassenen Art. Zurückhaltend erscheint er, fast schon introvertiert. Während unseres Gesprächs schaut er meist auf den Boden und wirkt ebenso angespannt und aufgeregt wie ich. PeterLicht ist kein cooler, kalkulierender Musiker, der sein Künstlerimage eiskalt einstudiert und seine Rolle als reservierter Musiker im Sinne eines cleveren Marketingkonzeptes souverän vorspielt, er ist tatsächlich dieser zurückgezogene, nach innen gewandte Typ (auch wenn er sich auf der Bühne in einen scherzenden Entertainer verwandelt). Fragen zu seiner Person umgeht er. "Es soll bitteschön einfach um meine Musik gehen und um meine Texte", so der Künstler entschieden. Der Mensch hinter PeterLicht steht nicht zur Debatte entgegnet er und sagt: "Ich bin total uninteressant". Dabei wirkt er ruhig und selbstsicher. PeterLicht will keinen Medienrummel um seine Person – warum auch immer mit den gängigen Verfahren konform gehen?
Warum wurde Meinrad Jungblut zu Jungblutpeterlicht bzw. zu PeterLicht?
PeterLicht: Namen, Namen, Namen. Immer was Neues. Ich fand PeterLicht ist der richtige Name.
Was hatte es mit den vorherigen Namen auf sich? Hattest du einfach Lust auf einen neuen Namen oder ging mit dem Namenswechsel auch ein Imagewechsel einher?
PeterLicht: Es geht um eine Definitionsgeschichte. Was das überhaupt soll? Was mach ich da? Und in sofern ist PeterLicht, ja, PeterLicht ist die Wahrheit.
Meinrad Jungblut und Jungblutpeterlicht waren nicht wahr?
PeterLicht: Ja doch, aber die Wahrheiten ändern sich ja immer. Und dann ist die Wahrheit mal so, mal so und man weiß nicht, was noch kommt.
Beim Künstlername PeterLicht muss es also nicht bleiben?
PeterLicht: Man weiß nie, aber derzeit bin ich zufrieden. PeterLicht ist eine gute Arbeitsplattform.
Dass du die Öffentlichkeit und Medien scheust, ist nicht neu!
PeterLicht unterbricht. Energisch entgegnet er, dass dies gar nicht stimme – er scheue die Medien nicht! Vielleicht ist "scheut" einfach das falsche Wort. Wir einigen uns auf "meiden".
PeterLicht: (lacht) Ich meide eben bestimmte Verfahrensgänge, die so üblich sind. Aber ich gebe jetzt schon seit Monaten Konzerte, Interviews auch. Und in den Zeiten, in denen ich meine Telefoninterviews gemacht habe, habe ich viel kommuniziert. Das ist einfach eine eigene Form von Kommunikation. Auch die Sache, dass PeterLicht ein Kartoffelmännchen ist, ist schon ein Statement zum Thema Künstler. Was ist ein Künstler? Ein Künstler besteht aus Zuschreibungen und Dingen, die angeheftet werden, aber eigentlich gar nicht zutreffen. Und das ist irgendwie so eine seltsame Blase. Darum geht es.
PeterLicht: Weil das ganze Projekt ständig im Fluss ist und sich verändert. Und weil z.B. auch die Musik sich sehr verändert. Für mich hat auch die aktuelle Platte etwas sehr Konkretes, etwas sehr Direktes, eine direkte Ansprache. Es zielt auf konkrete Themen, wie z.B. Gesellschaft, Kapitalismus, Al-Qaida etc., diese ganzen Dinge. Und da war es für mich folgerichtig, dass ich auch da ganz direkt stehe. Also die Platte ist direkt und wie ich jetzt damit umgehe und sie präsentiere, ist auch ganz direkt - das live Spielen ist sehr direkt.
Dann hat sich deine Haltung bzgl. der Medien im Laufe der verschiedenen Alben gewandelt?
PeterLicht: (überlegt und antwortet bestimmt) Ich mache andere Sachen, aber meine Haltung bzgl. der Medien hat sich überhaupt nicht gewandelt. Ich verfolge den gleichen Ansatz, für mich ist das alles ein Fluss, ein Ding.
Weshalb öffnest du dich den Medien nur teilweise? Einerseits gibst du Live-Interviews und gehst auch erstmals auf Tour, andererseits lehnst du es weiterhin ab, fotografiert zu werden. Warum?
PeterLicht: Es gibt so viele Bilder und es ist einfach üblich, dass man sofort ein Bild macht, dass man Sachverhalte herunterbricht auf Bilder. Und ich finde, es gibt einfach so viele Bilder, es gibt zu viele Bilder. Es muss nicht von mir noch so viele Bilder geben. Genau da geht es um Grenzen von Verfügbarkeit. Leute stellen sich einfach vor einen hin, hauen einem das Handy vors Gesicht und schießen Handyfotos. Das sehe ich gar nicht ein. Da bin ich nicht verfügbar. Auch wenn ich mich auf die Bühne stelle, singe, lese und Musik mache, dann bin ich trotzdem nicht freigegeben. Und außerdem finde ich, dass Musik und Sprache aus so einem undefinierten Bereich kommt, der auch vielleicht nur bestimmte Bilder verträgt. Da möchte ich meine eigene Sprache sprechen und mich nicht ausleuchten lassen, von irgendwem, der da herkommt.
Befürchtest du also, dass die Medien ein "falsches Licht" auf dich werfen? Verstehe ich das richtig, dass du Angst hast, die Leute könnten sich ein falsches Bild von dir machen?
PeterLicht: Angst würde ich das nicht nennen. Ich möchte meinen eigenen Weg gehen. Ich verfolge auch in den Texten und in der Art, wie ich etwas mache, mein Ding.
PeterLicht will sich von den Medien nicht entmündigen lassen, das äußert er während des Interviews mehrfach. Ein Musiker soll seiner Musik wegen Beachtung finden, nicht aufgrund seiner Biografie. Presse und Medien dichten Geschichten, verdrehen Tatsachen, so PeterLicht. Beispiele hierfür gibt es reichlich. Über bizarre Angebote sowie dubiose PR-Storys berichtet er ausführlich:
PeterLicht: Es kommen Leute zu dir, die sagen: "Wir machen da eine Fotostrecke. Wir haben im Heft gerade das und das Thema und jetzt dachte ich mir, ich leg dich auf einen Obduktionstisch. Alles in Stahl. Und du legst dich hin und wir legen Skalpelle daneben." Und dann denkst du dir, das ist völlig absurd! Damit habe ich nichts zu tun, mit solchen Fantasien und Vorstellungen und auch Zuschreibungen. Das bin ich nicht und das mache ich dann auch nicht. Ich habe in solchen Fällen auch keine Angst, dass ein falsches Bild von mir gezeichnet wird. Ich möchte einfach nicht auf einer Obduktionstischstahlplatte liegen und jemand macht sich ein Bild davon.
Ich finde es eher lustig, wenn ich diese abstrusen Mediengeschichten höre. Da gibt es z.B. in England diesen Musiker, der Offizier gewesen ist und im Kosovokrieg oder sonst wo unterwegs war und den Krieg erlebt hat. Er hatte immer seine Gitarre im Panzer dabei, hat dann Lieder geschrieben, ist irgendwann zurückgefahren, als der geläuterte Soldat und hat ein Album aufgenommen. Wie heißt der denn? Ach ja, James Blunt. Und du liest dir das durch und denkst dir, es gibt keine perfektere PR-Geschichte als diese hier! Runtergebrochen: Das ist der Offizier, der Gutaussehende, der Musik macht. Das finde ich total albern. Ich sterbe, wenn ich das höre. Das ist eine PR-Strategie, und vielleicht stimmt sie ja auch so halb, aber ich finde das absurd. Und das sind die Geschichten, die erzählt werden. Es gibt einige, wenige Geschichten zum Thema Popmusiker: 1.) Der Aufstieg und Fall des Musikers 2.) Der überraschende Aufstieg und 3.) Der gnadenlose Abstieg und das Comeback. Es gibt also diese Geschichten, die durcherzählt werden. Bei mir es die Geschichte vom "One-Hit-Wonder". Es ist natürlich toll, wenn ein Song wie "Sonnendeck" zum Hit wird, aber das passiert einfach, und ich mache meine Sache trotzdem weiter. Bei mir ist es die Geschichte vom "One-Hit-Wonder" und bei James Blunt die vom stolzen Offizier, der seine Gitarre mit im Panzer hat und Kinder sterben sieht, davon ergriffen ist und Musik macht. Ich finde das albern. Es soll bitteschön einfach um meine Musik gehen und um meine Texte, und das ist auch das einzige, was interessant ist und warum Leute sich eine CD holen. Ich bin total uninteressant, und ich finde da auch nicht statt. Es geht auch nicht um meine Biografie, die ist vollkommen uninteressant.
Mitunter dienen Medien aber auch zur Richtigstellung verdrehter Tatsachen. Man kann doch auch die Meinungsbildung bewusst lenken und ist nicht immer der hilflose, Künstler, der den Medien schutzlos ausgeliefert ist?
PeterLicht: Meinungsbildung betreibe ich auch ganz bewusst. Es gibt ja auch eine Menge Bilder, die wir zur Platte herausgegeben haben. Und das sind auch alles Bilder, die ich selbst entwickelt habe, auf denen man einerseits nichts Richtiges sieht, andererseits aber auch eine Menge darauf erkennt. Das mache ich ganz bewusst.
Auf deiner Homepage heißt es: "Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formaten ist PeterLicht wichtig." Das Fernsehformat scheint nicht dazuzugehören?! TV-Auftritte waren bis vor kurzem vollkommen tabu, bis du plötzlich in der Harald Schmidt Show auftauchtest. Hast du für den großen Schmidt eine "Ausnahme von der Regel" gemacht oder wird man dich ab sofort regelmäßiger im TV sehen?
PeterLicht: Ich war auch noch im österreichischen Fernsehen, bei "gotv".
Hast du dich bei "gotv" auch nur Hals abwärts filmen lassen?
PeterLicht: Ja, genau.
Wie hat Harald Schmitt darauf reagiert, dass dein Gesicht nicht gefilmt werden sollte?
PeterLicht : Das war gar nicht meine Idee, sondern die von Manuel Andrack. Als Harald Schmidt angerufen hat und fragte, ob ich bei iIhm in der Show auftrete und spiele, habe ich gesagt, dass ich das gerne mache. Ich habe aber auch gefragt, wie sie sich den Auftritt vorstellen. Was sie für Ideen haben.
Sonst hättest du dich auch komplett abfilmen lassen?
PeterLicht: Nein, hätte ich nicht. Ich habe es zur Bedingung gemacht, dass der Auftritt meinen Vorstellungen entspricht.
Wie waren die ersten Fernsehauftritte? Welche Erfahrungen hast du gesammelt?
PeterLicht: Wenn ich das Fernsehen anschalte, dann bestätigt es mich, meinen eigenen Weg zu gehen. Wenn ich so durchzappe, dann finde ich, dass man es dem Fernsehen nicht überlassen kann, wie man in diesem Medium stattfindet. Du bist dann Teil dieser ganzen Gerölllawine im Fernsehen. Und wir sind dann eben "Die Band ohne Kopf". Wir spielen auch demnächst bei der Bavarian Open, einem Festival in München, das auch aufgezeichnet wird, und auch da sind wir dann "Die Band ohne Kopf"!
Deine Fans können dich seit geraumer Zeit, im Zuge der Tour, auch live erleben und einen persönlichen Eindruck vom Künstler PeterLicht gewinnen. Inwiefern ist dir der persönliche Kontakt zu den Fans wichtig?
PeterLicht: Ja, der ist sehr wichtig. Jeder Abend ist anders, und auch das Publikum, und auch wir reagieren auf jedes Publikum anders. Wir haben auch bestimmte "Mitmach-Aktionen" (lacht) im Programm. Und da hängt es natürlich sehr von dem jeweiligen Publikum ab, wie es drauf ist und was passiert. Da geht es natürlich vollkommen um konkreten Kontakt. Ich habe festgestellt, dass es überall immer anders ist. Und das finde ich auch gut so!
Warum hast du den persönlichen Kontakt zu deinen Fans nicht auch bei den vorherigen Alben gesucht? Warum bist du nicht schon vorher auf Tour gegangen?
PeterLicht: Für mich war "Stratosphärenlieder" ein Album, das auch mehr in der Stratosphäre unterwegs war und geflogen ist. Das hatte diese Konkretheit nicht. Wir haben zu diesem Album ein "Hörseminar" gemacht – hatten also auch ein Live-Projekt. Da gab es 200 Funkkopfhörer und einen Moderator bzw. einen Spielleiter, und dann wurde an verschiedenen Plätzen, die auch alle sehr erhöht waren – ein Fernsehturm oder eine über den Dächern der Berlins gelegene Wohnung am Frankfurter Tor – ein Hörseminar veranstaltet. Das Publikum wurde auch einbezogen und hat agiert.
Versteckspiel hin, Namens-Wirrwarr her – handelt es sich hierbei um ein vorab feststehendes, geplantes Marketing-Konzept?
PeterLicht: Klar kann man das als Konzept bezeichnen. Aber im Prinzip ist das ganze Leben ein Konzept. Und dann kann man mein Verhalten auch als Marketing-Konzept sehen. Du kannst ja alles als Marketing-Konzept sehen. Du kannst beispielsweise Jesus Christus als ein Brand nehmen – die Marke Jesus und das Kreuz als Icon.
Sicher, aber meine Frage zielt darauf ab, ob du selbst PeterLicht bist oder ob PeterLicht bloß eine mediale Maske ein Konzept ist?
PeterLicht: Ich bin hier auf Arbeit und ich bin PeterLicht.
PeterLicht ist also deine Künstlerpersönlichkeit?
PeterLicht: (mit breitem Grinsen) Ich bin PeterLicht. Sonst nichts. Es geht mir nicht darum, mein Gesicht zu vertun oder meine Biografie zu vertun, das ist irrelevant. Was ich persönliche erlebe, darum geht es nicht. Es geht darum, Lieder zu schreiben und diese nach außen zu tragen, aber das handelt nicht von mir und es gibt keine Privatperson. Ich finde dieses Herunterbrechen auf eine persönliche Biografie überflüssig. Wenn James Blunt das macht, finde ich das super und gucke es mir auch an, aber ich bin froh um alles, was ich nicht weiß. Man wird zugeschüttet mit Informationen und Inhalten, und dann finde ich es gut, wenn sich leere Räume ergeben und Unklarheiten bilden. Ich bin mir ja selber unklar, wie es jetzt weitergeht, was ich hier mache. Es ist mir vor jedem Abend unklar, wie der Abend wird, was die Leute machen und ob ich mich nun 20 Mal versinge oder kein Mal und wie ich mich danach fühle, das ist mir alles unklar.
Im Song "Das Absolute Glück" heißt es: "Das absolute Glück als das allerletzte Männchen durch die Städte zu gehen, die leer und offen sind." Verstehst du Alleinsein als Heil?
PeterLicht: Ja, manchmal ist es das, ein Heil, das stimmt. Bei dem Song geht es aber auch nicht um meine persönliche Ansicht, sondern es geht um dieses Gefühl. Das Gefühl absoluter Einsamkeit, Verlorenheit, Verlorensein in Verbindung mit dem absolutem Glück. Was ja eigentlich ein Widerspruch ist. Absolutes Glück als der Allerletzte ist eigentlich das maximal trostlose Bild, das man sich vorstellen kann. Und trotzdem gibt es das, dass man damit Glück assoziiert und davon handelt der Song. Und auch hier wieder: Was das alles soll, das weiß ich nicht, ich stelle einfach nur fest. Das Alleinsein macht glücklich und auch das Gemeinsamsein macht glücklich. Und davon handelt der Song, dass man eben die eine Behauptung aufstellt und die dann aber so hinten runterfällt, dass es schon wieder gar nicht wahr sein kann. Und wo jetzt die Wahrheit liegt, das ist völlig unklar. Es gibt gar keine allgemeingültige Wahrheit zum Thema Alleinsein.
Es geht dir also darum, in deinen Songs möglichst viel Interpretationsspielraum zu liefern? Oder ist es dir wichtig, dass deine Fans selbst deuten können?
PeterLicht: Ja, das ist mir wichtig, dass jeder die Interpretation aufgreift, die ihm passt.
Arbeitgeberverbandspräsident Dieter Hundt fordert Benimm-Unterricht an deutschen Schulen, so auch der Text eines deiner Songs. Wer hat deiner Meinung nach noch dringenden Nachholbedarf in punkto Anstand und Moral? Und warum?
PeterLicht: Herr Hundt hätte genau den Unterricht nötig, den er fordert. (lacht) Dieser Text zu dem Lied stammt ja gar nicht von mir, das ist eine Pressemeldung von der dpa. Das ist eine originale Pressemitteilung von Dieter Hundt. Man liest sie erst mal und denkt, das ist ja das Übliche, wenn man dann noch mal darüber nachdenkt und sich die Pressemitteilung auf der Zunge zergehen lässt, dann versteht man, was für eine gigantische Zumutung solch ein Ansatz ist. Dass sich jemand hinstellt und sagt, die Arbeitergeber sind diejenigen, die die jungen Menschen, in vielerlei Fällen, zum ersten Mal im Leben mit Regeln und Anstand, Benimm, Moral und Werten in Verbindung bringen. Ich empfinde das als wahnsinnige Zumutung, so etwas zu sagen und zu denken. Gerade, wenn man für eine Vereinigung steht, die gerade mit ihren Werten und Moralvorstellungen an vielen Stellen ganz ins Leere läuft.
Haben auch bestimmte Politiker Nachhilfe in Sachen "Gutes Benehmen", Ehrlichkeit bzw. Political Correctness nötig?
PeterLicht: Das hast du jetzt gesagt. Ich habe nur etwas zu Herrn Hundt gesagt, den Rest kann man sich denken.
Warum ist der Kapitalismus deiner Meinung nach am Ende? Und wenn er tot ist, was kommt danach?
PeterLicht: Wenn ich das wüsste, dann (lacht) wüsste ich das. Natürlich ist der Kapitalismus nicht am Ende, sondern er fängt gerade erst an. Und auf der anderen Seite, kann man spüren, dass irgendetwas zu Ende geht und das auch der Kapitalismus irgendwie zu Ende geht. Man kann nicht einordnen, wo man gerade steht. Auf der einen Seite finde ich wirklich, dass man spürt, es geht etwas zu Ende und es geht eben auch der Kapitalismus zu Ende, in seiner jetzigen Form vielleicht, und dann stellt man fest, es geht etwas anderes weiter, etwas vielleicht noch viel kapitalistischeres. Mir ging es mit diesem Songtitel eher darum, sich damit zu beschäftigen, dass der Kapitalismus zu Ende ist. Das einfach zu behaupten, schlicht einfach die Behauptung – ich finde das reicht schon, für die drei Minuten zwanzig, die der Song lang ist, einfach diese Behauptung aufzustellen und zu sagen: "Es ist vorbei".
Also doch keine Kapitalismuskritik?
PeterLicht: Es ist eine ganz offene Kapitalismuskritik. Aber ein Wort wie Kapitalismus oder den Kapitalismus zu kritisieren, ist, finde ich, wie das Lied gegen die Schwerkraft. Man kann sagen: "Ich finde, die Schwerkraft ist überbewertet." Doch das geht nicht. Wo sollst du da ansetzten? Wo soll der archimedische Punkt da sein? Das gibt es nicht. Das ist einfach ein System. Jeder ist drin. Ich finde es schwierig, zu sagen: "Ich finde den Kapitalismus scheiße". Natürlich finde ich den Kapitalismus scheiße, wenn ich aber auf Tour gehe, dann mache ich einen Verkaufsstand auf und in dem Moment bin ich ein Kapitalist.
Hast du konkrete Forderungen im Sinn? Worauf willst du mit dem Songtext hinaus? Reform des Kapitalismus oder dessen Abschaffung? Oder verstehst du den Song als Zustandsdiagnose?
PeterLicht: Ich finde es schwierig, eine Rangordnung aufzustellen. Auf der einen Seite steht eine Kapitalismuskritik, bei der man auch noch produktiv ein Gegenmodell entwirft. Das ist so wie bei der Kriegsdienstverweigerung, wo man dich fragt: "Wenn du nicht bereit bist mit der Waffe andere Leute zu töten, dann entwirf mir doch mal ein Weltmodell, in dem es keine Gewalt gibt, in dem Gewalt nicht funktioniert?!" Und wenn du das machst, dann kannst du dich hinstellen und sagen, ich nehme keine Waffe in die Hand, ich bin gewaltfrei. Das ist natürlich ein unmögliches Unterfangen, eine unmögliche Sache. Du kannst dir keine Welt ohne Gewalt vorstellen.
Man kann doch aber auch direkt Stellung beziehen, indem man bestimmte Reformvorschläge äußert.
PeterLicht: Ich beziehe total Stellung damit. Klar, der Song ist eine Kritik. Er handelt aber auch davon, dass du auch dem überlassen bist. Einen Reformvorschlag zum Thema Kapitalismus zu machen, ist eigentlich mehr ein Gesellschaftsspiel. Eigentlich eine Logelei. So, wie du abends zusammen sitzt und ein Spiel spielst, so kannst du auch sagen, ich mach Kapitalismuskritik und überlege mir ein paar Reformen. Da sind ja Tausende, Heerscharen dabei, alle Lager, alle politischen Parteien, alle sind dabei, sich zu überlegen, was könnte man für Reformvorschläge zum Thema Kapitalismus machen. Das ist aber alles systemimmanent. Das ist eigentlich nur ein intellektuelles Spiel. Letztendlich funktioniert es sowieso nicht bzw. es läuft alles weiter. Es ist ein Gedankenspiel und Gedankenspiele sind Sandkastenspiele. Du kannst dich natürlich hinstellen und das Sandkastenspiel mitspielen, doch am Ende ist nichts klar. Und der Dampfer fährt weiter.
Das hört sich nach Ohnmacht an.
PeterLicht: Nein, ich finde das überhaupt nicht ohnmächtig. Ich stelle mich ja hin und singe darüber, dass der Kapitalismus zu Ende ist und wenigstens für diesen Moment löst sich die Ohnmacht auf. Was ist Macht, was ist Ohnmacht? Ich fühle mich nicht ohnmächtig!
Deine Songs vermitteln teilweise aber auch eine gewisse Endzeitstimmung – so zumindest eine mögliche Interpretationsvariante. Nicht nur der Kapitalismus, auch der Wohlfahrtsstaat stirbt aus. Gibt es bei so viel Endzeitstimmung dennoch Grund zur Hoffnung?
PeterLicht: Für mich macht es Hoffnung, mich über diese Begriffe hinwegzusetzen. Gerade "Hallo Hallo (Dies Ist der Tag)" ist ein pathetisches Lied. Ich habe mich gefragt, wie kannst du mit so einem Pathos vom Ende des Wohlfahrtsstaates singen? Für mich liegt da die Euphorie der Erkenntnis. Ich kann auch mit Euphorie singen, dass der Wohlfahrtsstaat zur Holle fährt. Und ich stelle das fest, und dennoch geht es weiter.
Direkt und offen euphorisch ist auch der Song "Wir Werden Siegen". Wer sind "Wir"? Und wen gilt es zu besiegen?
PeterLicht: (lacht) Da kann ich eigentlich nur auf das verweisen, was ich eben schon gesagt habe. In diesem Song geht es vorrangig um das Gefühl. Ein Kollektiv wird siegen. Eine schöne Vorstellung. Ich weiß auch nicht womit und wer und wohin, aber wenn es gar nicht mehr anders geht, dann werden wir eben siegen. Und das Gute soll natürlich siegen! Da bestehe ich drauf!
Es geht dir also nicht darum konkrete Aussagen zu treffen, sondern vorrangig darum, Emotionen zu vermitteln?
PeterLicht: Ja, da kann ich mich mit anfreunden, Emotionen zu vermitteln. Ich finde das ist eine elementare Aufgabe der Musik.
Zur aktuellen CD ist auch ein Buch erschienen. Inwiefern ergänzen sich CD und Buch?
PeterLicht: Für mich kommen beide aus der gleichen Quelle. Sie beziehen sich sehr auf einander. Da sind die Lieder und die Platte einerseits und die Geschichten, die Zeichnungen, des Buchs andererseits. Zwischen CD und Buch gibt es ganz enge Zusammenhänge.
Warum schreibst du neuerdings auch?
PeterLicht: Meine Musik ist von der ersten Minute an sehr textlastig und ich habe auch schon immer geschrieben. Für mich hat sich nichts geändert. Ich habe die Texte in eine neue Form gebracht und veröffentlicht.
Ich komme nicht umhin, abschließend doch noch einmal nach einem Foto zu fragen. Dass der Kulturladen mit BITTE NICHT FOTOGRAFIEREN-Schildern plakatiert ist, schreckt mich nicht ab. Um einen Kompromiss zu schließen, kann ich dich ja auch von hinten fotografieren oder Hals abwärts, so mein Angebot. PeterLicht zieht sich galant aus der Affäre: "Die Band ist gerade nicht hier, sonst hätten wir ein Foto von der "Band ohne Kopf" schießen können." Außerdem müsse er ja auch bald auf die Bühne und habe jetzt keine Zeit mehr, heißt es. Im Hintergrund wird schon mächtig gewirbelt, deswegen nehme ich ihm die Abfuhr auch nicht übel. Außerdem habe ich insgeheim ja auch damit gerechnet.
Und dann verschwindet der "große Unbekannte der deutschen Musikindustrie" eilig, um sich auf den folgenden Auftritt vorzubereiten – nach einem Gespräch, bei dem er sich einerseits ins Schweigen gehüllt und nur wenige Details zu seiner Person gelüftet hat, andererseits doch auch tiefe Einblicke gewährte, wenn auch nicht offensichtlich.
Vierzehn Lieder (2001)
Beim ORF ist der Text nachzulesen, mit der PeterLicht in Klagenfurt antrat - eine äußerst unterhaltsame Lektüre.
http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/texte/stories/200772/
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