Nach ihrer Konzertabsage in Berlin wehrt sich Tempest gegen israelfeindliche Vorverurteilungen.

Berlin (ynk) - Kate Tempest sagte am Mittwoch ihren groß angelegten Auftritt am 6. Oktober in der Berliner Volksbühne ab. Mit Orchesterbegleitung wollte die Londoner Ausnahme-Rapperin und Poetin im Rahmen des Ensembles eine exklusive Performance ihres Erfolgsalbums "Let Them Eat Chaos" inszenieren, 2000 Karten waren bereits verkauft. Doch Tempest erhielt massive Anfeindungen als Reaktion auf die Konzertankündigung.

Wie aus einer Pressemitteilung der Volksbühne hervorgeht, veröffentlichte ihr Management folgendes Statement: "Wir erhalten weiterhin persönliche Drohungen via E-Mail oder sozialer Netzwerke und das ist keine akzeptable Umgebung, um unser Konzert zu präsentieren. Kate will in einer derartig aggressiven Atmosphäre nicht auftreten und ich will kein weiteres Risiko über ihre mentale Gesundheit oder die Sicherheit unseres Teams eingehen."

Gestern äußerte sich die Rapperin persönlich gegenüber der Zeit: "Ich möchte klarstellen, dass ich über die Handlungen der israelischen Regierung gegen die palästinensische Bevölkerung entsetzt bin. Ich habe lange darüber nachgedacht und mich, gemeinsam mit vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern, die ich respektiere, als Akt des Protestes dem kulturellen Boykott angeschlossen. Ich bin eine Person jüdischer Abstammung und zutiefst von den Vorwürfen, ich würde eine antisemitische Organisation unterstützen, verletzt. Die israelische Regierung ist nicht die einzige Stimme des Judentums. Dieser Auftritt war dazu gedacht, darauf aufmerksam zu machen, welchen Horror Migrantinnen und Migranten auf der Suche nach einem besseren Leben durchmachen müssen und Solidarität mit ihnen als Menschen zu zeigen und ich bin darüber enttäuscht, dass daraus ein politischer Spielball gemacht wurde. Ich bedauere, dass ich den Auftritt abgesagt habe, aber ich hatte das Gefühl, dass es weder ein angemessener noch ein sicherer Rahmen für mich wäre, meine Kunst zu präsentiere."

Der übergreifende Konflikt zwischen Tempest und der Berliner Volksbühne liegt im Involvement von Volksbühnen-Musikkurator Christian Morin mit dem kürzlich stattgefundenen Berliner Pop-Kultur-Festival und der Tatsache, dass Tempest sich vor zwei Jahren solidarisch mit einer Petition von "Artists For Palestine" gezeigt hat, einer Schwesterorganisation der BDS, die ein dezentrales Kollektiv von pro-palästinensischen Aktivisten darstellt. Der frühere Pink Floyd-Bassist Roger Waters ist einer der prominentesten Befürworter dieser Initiative.

Das BDS-Kollektiv hat es sich zum Ziel gemacht, eine Reaktion der Vereinten Nationen auf den erwiesenen Völkerrechtsbruch der israelischen Siedlungspolitik zu erwirken. Die Mittel – wie Mitbegründer Omar Barghouti sie in Werken wie "Boykott – Desinvestment – Sanktionen" zusammengefasst hat – liegen dabei im wirtschaftlichen wie kulturellen Boykott der israelischen Regierung auf Basis von internationaler Solidarität mit Palästina, um so ein Einlenken der dortigen Regierung zu erzwingen.

Eklat beim Pop-Kultur-Festival

Nachdem in der Vergangenheit vor allem im Ausland Boykott-Aktionen von BDS für rege Diskussionen in der Öffentlichkeit sorgten, etwa um das kürzliche Radiohead-Konzert in Tel Aviv (die Band spielte mit Verweis auf die grenzüberschreitende Kraft der Kunst trotzdem), verzeichnete BDS nun erstmals einen kleineren Erfolg in Deutschland: Nachdem ein für das Pop-Kultur-Festival gebuchter, israelischer Artist mit 500 Euro von seiner Botschaft unterstützt wurde, listete das mit der Volksbühne und dem Kultursenat involvierte Festival die israelische Regierung unter die Sponsoren.

Der daraufhin konzertiert erfolgte BDS-Aufruf bewegte alle arabischen Musiker sowie die britischen Headliner Young Fathers dazu, ihre Teilnahme höchst kurzfristig abzusagen. Die Macher des politisch offenen und auf Austausch bedachten Festivals zeigten sich verständlicherweise irritiert und griffen den Boykott an.

Problematisch ist hier unter anderem, dass der BDS in der Vergangenheit häufiger mit deutlich antisemitischen und antiisraelischen Tendenzen auffiel. Da die Bewegung jedoch dezentral organisiert ist, gibt es wenig Möglichkeiten, eine Richtlinie für derartige Äußerungen und Verhaltensweisen zu finden. Der Berliner Kultursenat, der das Pop-Kultur-Festival förderte, sah sich in der Kunstfreiheit der auftretenden Musiker angegriffen: Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sagte der Zeit, sie fände es "unerträglich, dass antiisraelische Hetze erst Künstler aus arabischen, dann auch aus europäischen Ländern veranlasst hat, ihre Auftritte bei uns abzusagen". Dieses Klima des Konflikts ereilt nun auch Kate Tempest, die im Jahr 2015 durch Solidarität mit der "Artists For Palestine"-Kampagne Assoziationen zu BDS-Positionen erweckt hat.

Eine Frage ohne Antwort, ein Spiel ohne Gewinner

All diese komplexen und verworrenen Dynamiken unterstehen dem grundlegenden Problem, dass es nach aktuellem Konsens schlicht keine einfache Lösung für diesen Konflikt gibt. Fokussiert man sich auf die Wirkung des kulturellen Boykotts, geht es vor allem um Sichtbarkeit und Normalisierung des interkulturellen Austauschs. BDS verfolgt eine Hardliner-Politik und versucht, Auflockerung jeder Art im Ansatz zu unterbinden, da sie fürchten, ein eventuell stagnierender Dialog würde letztendlich ohne Hilfe für die palästinensische Bevölkerung zu einer Normalisierung der Zustände führen.

Dass diese Linie sich auch auf die Kunstfreiheit von israelischen Musikern weit außerhalb der Landesgrenzen auswirkt, kann durchaus als antiisraelisches Ressentiment verstanden werden. Die Frage nach dem Ausloten zwischen kultureller Freiheit und politischer Verantwortung hängt mit mehreren grundlegenden Fragen zum Verhältnis zwischen Kultur und Politik zusammen. Man könnte fragen, ob Kunst überhaupt unpolitisch sein kann, ob ein Konflikt ohne Austausch stattfinden kann oder inwiefern Normalisierung auch im interkulturellen Zusammenspiel stattfinden kann.

Anspruch auf idealistische Deutungshoheit

Das eigentliche Problem liegt darin, dass diese philosophischen Fragen auf einer sehr akuten politischen Situation ausgetragen werden und dadurch alle Parteien in ihrem Aktivismus am Ende eines intensiven, radikalen und emotionalen Positionierungsprozesses stehen. Ob nun Boykott oder Boykottesboykott gefordert wird, beide Seiten agieren mit dem Anspruch auf eine erdrückende idealistische Deutungshoheit und sind kaum kompromissbereit. Das Resultat? Man verliert durch beide Seiten kulturelle Performances von fantastischen Musikern, die wie hier eigentlich über etwas ganz anderes sprechen wollten (Tempests "Let Them Eat Chaos"-Album setzt sich mit globaler Menschlichkeit und der Situation von Geflüchteten auseinander).

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2 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 28 Tagen

    1. @"beide Seiten agieren mit dem Anspruch auf eine erdrückende idealistische Deutungshoheit und sind kaum kompromissbereit. Das Resultat? Man verliert durch beide Seiten kulturelle Performances von fantastischen Musikern, die wie hier eigentlich über etwas ganz anderes sprechen wollten (Tempests "Let Them Eat Chaos"-Album setzt sich mit globaler Menschlichkeit und der Situation von Geflüchteten auseinander)."

    so einfach ist es nicht. tempest hat ihre seite ja selbst definiert und das sielfeld recht nassforsch betreten. - wie jeder der den bds kritiklos unterstützt, weil viele leider glauben, die antisemitische organisation würde der palis-sache dienen.

    und es gibt ne dritte seite: jene der jüdischen künstler, die weltweit entweder von arrschlöchern mit "die israelische regierung" gleichgesetzt werden oder sonstelchen antisemitischen gefahren ausgesetzt sind.

    ich wüßte nicht, dass arabische künstler irgnedwie boykottiert werden oder mit assad, hamas, dem saudischen könig ode IS gleichgesetzt werden.

    jüdische künstler - wie etwa die idraelische musikerin yael naim - hingegen haben es ohne wixxer-boykott schon schwer genug. naim konnte noch nicht ein einziges konzert in deutschland ohne massiven polizeischutz und privaten personenschutz abhalten, noch keinen einzigen gig frei von morddrohungen spielen.

    ein einzelfall? leider nicht! erst wenn man hierzulande dieses probelm behoben hat, darf man es ethisch überhaupt wagen, von außen gönnerhaft über die versäumnisse von "2 seiten" zu schwadronieren.

    2. zum bds:
    a) der bds ist nicht seriös. Er wendet sich an personen, die a) israel mit den rechten kräften dort gleichsetzen und b) den druck der dortigen zivilgesellschaft, von hamas, hisbollah und zahllosen ölregimes bedroht zu sein, nicht einbeziehen, sondern lieber einseitige schuld verteilen und doppelstandards haben.

    an jene, die niemals auf die idee kämen, die türkei mit erdo gleich zu setzen oder usa mit trump, aber die israelische zivilgesellschaft mit bibi gleichsetzen, 

    an jene, die palis nur als opfer sehen und isras nur als täter, 

    an jene, die gern über netanjahu herziehen und die boykotte des bds "irgendwie ok" finden, aber typen wie abbas, (dessen antisemitische doktortarbeit von einem pakt der nazis mit den juden labert) in ordnung finden und auch kein problem haben, etwa einen gründer des bds, der jegliche 2 staatenlösiing ausschließt, für nen normalen politischen repräsentanten zu halten, 

    an jene, die tatsächlich kulturelle boykotte persippenhaft ok finden, obgleich es doch gerade die kultur ist, die brücken baut.

    NICHT an jene, die etwas liebe für beide ineinander verschlungene, zerstrittene brudervölker übrig haben und konstruktiv helfen.

    b) wer sich mit dem bds näher beschäftigt erkennt unweigerlich, wie wenig denen an einer aussöhnung beider brudervölker gelegen ist. dieses hassventil niederster antisemitischer fukker-instinkte ist eine schande für die menschheit. ich spucke auf diese gestalten, die vollkommen kontraproduktive narren sind.

    die waffen des bds sind erkennbar very breitbart! delegitimierung, doppelstandards und dämonisierung sind essentieller teil iher rhethorik. ebenso die weitgehende gleichsetzung von juden, undisraelis mit den reechten kräften in israel. krönung des ganzen war u.a. die gleichsetzung des landes mit dem dritten reich. ganz kranke nummer! und darin ist noch nicht eimal die geschichtsklitternde deutung der gründungsphase enthalten.

  • Vor 27 Tagen

    Uiuiui, inzwischen wird ja ernsthaft mindestens die Hälfte des gesamten Contents hier von diesem Yannik gestellt. Ich hoffe der wird dafür auch angemessen entlohnt.