25. Juni 2009

"Für mich zählt nur das Emotionale"

Interview geführt von

Ein Gespräch mit Moby über sein neues Album "Wait For Me" und die Zusammenarbeit mit David Lynch.Richard Melville Hall a.ka. Moby hat in seinem Heimstudio im Gästeschlafzimmer ein neues Album aufgenommen. Für die erste Single hat David Lynch das Video gedreht. Oder vielleicht auch gezeichnet. Jedenfalls besteht es aus flackerndem Gekrakel, dunklen Comic-Häuserschluchten und einem deprimierten, schwebenden Kopf, der darin umherfliegt. Und das alles passt sogar zur Single. Vielleicht kann Moby das erklären.

Am Vorabend in Berlin angekommen, sieht Moby nicht so aus, als habe er richtig gut geschlafen. Die letzten sechs Stunden Interviews sind wahrscheinlich auch nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Wie soll man es ihm da übel nehmen, dass er erst mal in eine Rede-Routine verfällt, die vor Allem Diktiergeräte und Notizblöcke füllen soll?

Im Interviewt-Werden ist er Profi, das merkt man sofort. Er sieht einen an, und ohne den Bruchteil einer Sekunde nachzudenken spult er nach jeder Frage mit sonorer Stimme eine Antwort ab. Erst im Lauf des Interviews fängt er an, mal lauter und mal leiser zu sprechen, mehr von sich aus zu erzählen und kurze Pausen zu machen um sich zu überlegen, was er sagen will.

Genießt du deinen Aufenthalt hier in Berlin?

Das ist wohl das 50ste Mal, dass ich in Berlin bin. Ich glaube das erste Mal, das ich herkam, war 1990. Da war ich hier, um mit Westbam zusammen aufzulegen.

Bei der Loveparade?

Genau genommen direkt vor der Loveparade, in ein paar verschiedenen Clubs. Westbam war in New York, da hatte ich ihn getroffen und wir hatten uns angefreundet. Und er hat mich das erste mal nach Berlin eingeladen. Aber ich war seit dem sehr oft hier, für meine eigenen Konzerte und für Konzerte mit anderen Leuten, daher kenne ich die Stadt ziemlich gut.

Und gefällt es dir hier?

Ja, sicher.

Wir haben ja eine Menge leerstehende, alte Fabrikhallen hier. Wirst du da manchmal nostalgisch und bekommst Lust, mal wieder in einer zu wohnen?

Ich glaube ich habe den größten Teil meines Lebens damit verbracht, in alten Fabriken zu leben und zu arbeiten. Mein Studio und mein Appartment sind ehemalige Fabrikgebäude. Das Gebäude in dem wir gerade sitzen sieht auch wie eine ehemalige Fabrik aus. Aber hier in Berlin - als ich in den Neunzigern herkam gab es eine Menge alte Fabriken, aber inzwischen wurden sie alle abgerissen um für andere Sachen Platz zu schaffen. Es gibt eine Menge neue Gebäude hier.

Ich habe dieses Interview gesehen, dass David Lynch mit dir geführt hat, in dem ihr beide mit leuchtenden Augen über verlassene Fabrikhallen redet, über ihre Atmosphäre und ihre faszinierenden Texturen ...

Ja, wir beide lieben alte Fabriken.

Bedauerst du also, dass sie abgerissen wurden?

[Hier kommt Moby das erste Mal aus dem Interview-Modus. Ja... sagt er, nickend und nachdenklich in die Luft blickend.]

Ja... ich meine, das ist die Natur des Fortschritts, aber ich muss zugeben, ich liebe schöne, alte, verlassene Fabriken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, einfach weil es solche gewaltigen, kräftigen Gebäude sind.

"Ich habe auch mal Philosophie studiert ..."


Dein neues Album scheint auch eher von alter Musik beeinflusst zu sein als deine früheren Alben.

Ich weiß nicht.

Es klingt nach Einflüssen aus der klassischen Musik, oder z.B. Blues.

Mmmh, wenn ich ein Album mache, versuche ich möglichst wenig über die Inspiration dahinter nachzudenken, ich versuche nur Musik zu machen, die mir gefällt. Bei diesem Album weiß ich zum Beispiel nicht mal, was für ein Stil das ist. Ich habe nur versucht ein schönes Album zu machen, dass ich lieben würde und hoffentlich auch andere lieben würden.

Du hast in irgendeinem Interview gesagt, dass du, wenn du die Zeit zurückdrehen könntest, "metal machine music" machen würdest.

Also, zu den wenigen Dingen die ich bereue, gehört, dass ich nicht genug experimentiert habe. Die Alben anderer Leute, die mir gefallen, sind meistens klanglich sehr offen. Sonic Youth, TV on the Radio - ich liebe deren Herangehensweise an's Musikmachen. Einiges von der Musik, die ich gemacht habe, ist vielleicht etwas zu professionell, denn ich bevorzuge eigentlich Alben die eher experimentell, eher Lo-Fi sind.

Naja, du hast ja einige Lo-Fi-Elemente und einige verzerrte Sounds auf deinem neuen Album. Aber du hast ja auch einen Punk-Hintergrund: Juckt es dich da nie, noch weiter zu gehen? Also mit dem Experimentieren. Z.B. aggressive Rhythmen einzusetzen.

Ich experimentiere gerne, ich mache aber auch gerne emotionale Musik, die die Leute hören können, wenn sie an einem Sonntag Morgen im Bett liegen. Als ich aufwuchs, hatte ich Freunde, die sehr experimentelle Musik gemacht haben, z.B. 12-Ton-Musik. Intellektuell fand ich das interessant, aber es war so emotionslos. Was ich am meisten an Musik liebe, ist die emotionale Seite.

Du legst also keinen großen Wert auf Komplexität?

Hm, nein. Als ich ziemlich jung war, habe ich Musiktheorie studiert. Dann klassische Musik. Mit 14 habe ich Punkrock entdeckt. Und ich habe die Einfachheit des Punkrock ungemein geliebt. Ich habe eine Menge Freunde, die sehr komplexe Musik mögen, aber mir ist es egal ob sie simpel oder kompliziert ist. Für mich zählt nur die emotionale Komponente.

Es ist ja ziemlich erstaunlich, wie dein Erfolg von Anfang an entfernt mit David Lynch verbunden war ...

[Mobys erster Hit "Go" setzte eine Melodie aus einer Fernsehserie von Lynch ein - Anm. d. Red.]

Stimmt.

Siehst du darüber hinaus Parallelen in eurem Schaffen?

Ich liebe David Lynch und alle seine Filme. Das einzige was wir gemeinsam haben, ist vermutlich, dass wir beide Musik und Kunst mögen, die eine starke emotionale Seite hat. Wenn man sich seine Filme anschaut: Selbst die experimentellsten davon sind emotional! Es gibt Regisseure die sehr trockene, nüchterne Filme machen. Lynchs Filme sind voller Emotionen. Selbst wenn sie keine Geschichte, keinen Plot haben, gibt es Gefühle. Gefühle der Traurigkeit, oder der Freude, der Wut, der Verwirrung - er macht sehr menschliche, emotionale Filme. Und ich glaube die Musik die ich mache, ist manchmal auch ziemlich emotional. Ich mag intellektuelle Musik nicht. Ich mag auch dumme Musik nicht. Aber ich mag einfach keine Musik die nur auf der Ebene der Ideen abläuft. Ich habe auch mal Philosophie studiert. Wenn ich also meinen Verstand beanspruchen will, lese ich Schopenhauer.

Also... David Lynch hat ja den Videoclip für deine erste Single, "Shot in the Back of the Head" gemacht. Ich nehme mal an, er hat dir keine Interpretation dazu gegeben?

Nein. Ich habe ihm das Lied geschickt und fünf Tage später kam dieses Video zurück.

Ohne irgendeinen Kommentar?

Er hoffte, ich würde es mögen. Und ich finde es großartig, dass an diesem Video - und an der Single selbst - überhaupt nichts Kommerzielles ist. Die Single hat keine Vocals und kann nicht im Radio gespielt werden und das Video ist so dunkel, dass es nicht auf MTV laufen kann. Daher ist der alte Punkrocker in mir sehr glücklich, dass wir diese erste Single umsonst rausgeben und dass es keine Möglichkeit gibt, sie kommerziell zu verwerten.

"Der kommerzielle Erfolg war reiner Zufall und ziemlich verwirrend"


Allerdings könnten einige deiner Fans von deinem neuen Album enttäuscht sein ...

Warum?

Naja, viele erwarten von dir inzwischen vielleicht eher leichte und tanzbare Musik.

Ich habe ja schon früher viele verschiedene Sorten Musik gemacht. 1996 kam "Animal Rights" raus, dass mehr in die Punkrock-Richtung ging. Eigentlich habe ich über die Jahr vor allem das gemacht: Verschiedene Arten von Musik. Ich liebe zwar tanzbare Musik, aber ich liebe auch Punkrock. Ich hatte eigentlich nie das Bedürfnis, mir eine Sorte Musik rauszusuchen, um die dann zu machen. Manche Musiker sind ziemlich gut darin, sich ein Genre auszusuchen und 20 Jahre dabei zu bleiben. Aber ich weiß nicht - wahrscheinlich liebe ich Musik einfach zu sehr, um in einem Genre festzustecken.

Du hast auch gesagt, dass "Wait for me" ein besonders persönliches Album werden würde. Animal Rights kam mir schon sehr persönlich vor. Aber "Wait for me" wird wahrscheinlich mehr Erfolg haben. Im direkten Vergleich wirkt es eher ruhig und brav.

Wenn ich ein Album mache, denke ich nicht darüber nach, wieviel Erfolg es haben wird, sondern darüber, wie ein einzelner Mensch es in seinem Leben einsetzen kann. Und so sehr ich das Album "Animal Rights" auch mag - es ist sicher kein leicht anzuhörendes Album. Es ist nichts, was man an einem Sonntag Morgen im Bett anhören kann. Und ich stelle mir gerne vor, dass wenn jemand ein Album von mir kauft oder klaut, er es in seinem Leben unterbringen kann. Wenn also jemand "Wait for Me" hat, kann er es hoffentlich auf verschiedene Weisen gebrauchen. Es ist natürlich keine Dance-Scheibe und nicht dass, was man auf einer Party um 23:00 auflegt. Aber dazu gibt es ja glücklicherweise schon genug gute Musik.

Du hattest so gut wie alles selbst in den Händen bei diesem Album und hast sogar das Cover selbst gezeichnet. Hast du dich dadurch eingeengt gefühlt, dass andere immer mehr für dich gemacht haben oder dadurch, dass ein bestimmtes Image von dir entstanden ist, dass dich darin eingeschränkt hat, was für Musik du machen konntest?

Nunja, ich komme aus einem richtigen Underground-Milieu. Die Wahrheit ist: Mein kommerzieller Erfolg war ein riesiger Zufall. Ich war unbekannt und hatte einen Vertrag mit dem unbekannten Independent-Label "Mute Records". Kommerzieller Erfolg war da nicht vorgesehen. Ich dachte ich würde mein Leben damit verbringen, experimentelle Untergrund-Musik zu machen und keinen Erfolg damit zu haben. Der kommerzielle Erfolg, den ich hatte, war reiner Zufall und ziemlich verwirrend. Und bei diesem Album wollte ich einfach nicht über teure Foto-Sessions, teure Designer oder auch nur teure Musikvideos nachdenken, sondern einfach versuchen etwas zu machen, was mir wirklich gefallen würde. Etwas fokussierteres, bescheideneres. Es ist ein sehr schlichtes, bescheidenes Album. Es ist kein riesiges Pop-Album mit einer millionenschweren Promo-Kampagne. Ich habe ein Album gemacht und hoffe das ein paar Leute es anhören werden. So einfach ist das.

Ich vermute, du hast es dir wieder angehört, seit es fertig ist. Bist du rundum zufrieden damit?

Ich habe überhaupt noch kein Album gemacht, mit dem ich ganz zufrieden bin. Aber was dieses Album angeht: Das mag ich wirklich. Ich brauche allerdings auch sehr lange um die Musik, die ich selbst gemacht habe, einschätzen zu können, weil ich alles selbst mache. Und wenn ein Album fertig ist, habe ich jeden Song 1000 mal gehört. Ich habe keine Übersicht. Manchmal brauche ich fünf Jahre, um etwas, was ich gemacht habe, einigermaßen objektiv betrachten zu können.

Die Interviewzeit ist um. Während ich noch schnell zwei Fotos schieße, kommen wir auf den neuen Star-Trek-Film zu sprechen. Wir sind ganz einer Meinung: Die Weltraumszenen sind jetzt viel atmosphärischer und besser, weil die Geräusche weggelassen wurden. Geräusche gibt es im Weltraum nämlich gar nicht. Jeder echte Sci-Fi-Geek weiß das.

"Danke für das Interview", sage ich. "Danke für die nette Unterhaltung" sagt Moby, nicht mehr im Interview-Modus.

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