Porträt

laut.de-Biographie

Micachu

Immer diese Wunderkinder! Wer im Alter von 20 Jahren bereits ein Orchesterwerk für die Londoner Philharmoniker geschrieben hat, bräuchte sich in die Niederungen der Popkultur doch gar nicht mehr herabzulassen. Aber Mica Levi alias Micachu weiß eben genau, was sie will. Sie findet es tausendmal spannender, auf LoFi runtergebrezelte Grime-Rhythmen mit selbstgebauten Instrumenten nachzuschrammeln, als noch mal die Barockharmonien von Henry Purcell durchzukauen.

Zugegeben, Micachu hatte es auch leichter als andere. Ende der 80er Jahre in eine East-Londoner Musikerfamilie geboren - Mama Cellistin, Papa Plattensammler -, geht's bei Mica Levi schon ab vier Jahren los: erst Geige, dann Bratsche und später Komposition an der renommierten Purcell School.

Alles schön und gut, findet Mica, die von einem Stipendium weiter an die Guildhall School of Music and Drama gelockt wurde. Die Welt der Konzertpianisten und Orchesterproben wirkt auf sie als quirlige Teenagerin aber schnell zu verstaubt und leblos. "Die Klassikwelt ist tot", meint sie im Rückblick. "Im Grunde muss man darauf warten, dass irgendwer stirbt, um an dessen Stelle in ein viertklassiges Orchester zu kommen." Da versucht Mica es lieber mit anarchischen Mixtapes bei ihren Freunden auf dem Basketballplatz und räumt Garage- und Grime-Beats schön durcheinander. Zu Hause bastelt sie weiter an eigenen Instrumenten, etwa an einer Gitarre mit Basssaite und extra hohem Steg, die sie Chu nannte. Oder sie perfektioniert ihre Soli am Staubsauger.

Die Songs, die ihr scheinbar nur so aus dem Oberstübchen vor die Füße purzeln, möchte sie live bald nicht mehr alleine präsentieren und gründet mit zwei Freunden von der Hochschule ihre Band The Shapes. Zu dritt kümmert man sich seither darum, Formen immer wieder auf Biegen und Brechen zu testen. Die wilde Spielkastenmusik von Micachu ist maßgeblich von elektronischen Experimenten inspiriert, schlachtet aber Metal und Rockabilly genauso aus. Dargeboten wird das alles im Schreddersound, wie auf einem Waschbrett durchgeschrubbt und zusammengeklopft.

Genau so entsteht auch das Debütalbum von Micachu & The Shapes: "Jewellery", eine Schatulle voller Findlinge vom Straßenrand der LoFi-Folklore. Dreckig, kaum mit dem Hemdsärmel poliert und gemeinsam mit Sample-Wizard Matthew Herbert in den Sequenzer sortiert. Das Gerücht vom neuen Genie des Experimental-Pops macht derweil so schnell die Runde, dass das eigentlich noch für Herberts Label Accidental aufgenommene Album vom Fleck weg von Rough Trade gesignt wird.

Zur Belohnung gibt's von Mom einen Bohrer, damit das Basteln absurder Gitarrenvariationen noch schneller geht. Und unterm Weihnachtsbaum liegt eine elektronische Wunderkiste von Matthew Herbert aus den 70er Jahren. Man darf gespannt sein, was Micachu damit in Zukunft noch so alles anstellt.

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