laut.de-Kritik

Taugt nur bedingt zur Abschiedsplatte.

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Von Außerirdischen erzählte Lupe Fiasco unlängst in einem Radiointerview. Sie hätten ihn besucht, als er elf Jahre alt war, wobei er bewusst nur noch das Davonschweben einer schwarzen Scheibe erlebt habe. Ein Art Strom habe ihn ans Bett gefesselt, so dass er sich nicht bewegen konnte. Es war nicht die einzige abstruse Geschichte, die der US-Amerikaner in den vergangenen Wochen von sich ließ.

Einige Zeit zuvor kündigte er per Twitter seinen Abschied aus dem Musikgeschäft an. Voraus gegangen war ein ziemlich unmotivierter, aber harmloser Angriff eines 17-jährigen Rappers namens Chief Keef, der Lupe offenbar ins Mark getroffen hat. Es wäre eine Schande, würde er sein Vorhaben in die Tat umsetzen. Vor allem, weil sich "Food & Liquor II - The Great American Rap Album Part 1" nur bedingt als Abschiedsplatte eignet.

Der Viertling war zunächst als Doppel-Album vorgesehen, was nicht ins Verkaufskonzept der Atlantic Records passte. Dennoch umfasst die Platte ungewöhnlich viele Stücke. 17, um genau zu sein, die den Beinamen "Great American Rap Album" allerdings kaum rechtfertigen. Jedoch stellt sich die Frage: Wie soll man ein Album bewerten, dessen ursprüngliche Planung kurzerhand halbiert wurde?

Ein Meilenstein ist Teil eins für sich betrachtet jedenfalls nicht. Das "Great" passt eher auf den Bombast und den Pathos, die Stücke wie "ITAL (Roses)" und "Brave Heart" mit deftigem Synthie-Einsatz und Autotune-Abgang verbreiten. Dementsprechend ist die Platte kein wirkliches Sequel zum Debüt "Food & Liquor", der Name dürfte nur ein Marketing-Gag sein.

Wirklich hervorstechende Tracks hat "Food & Liquor II" auch nicht zu bieten, dafür durchgehend solides Niveau, das nur einmal unterboten wird. Bei "Battle Scars" sorgt Guy Sebastian für eine kitschige R&B-Ballade zum Vergessen, die dafür schon in Australien, Neuseeland und in den USA gechartet hat. Besser als der Australier macht es Sänger-Kollege Bilal, dessen Gastauftritt in "How Dare You" an die besten Zeiten des Zusammenspiels zwischen R&B und Hip Hop erinnert.

Interessanter sind jedoch die Titel, die sich mit weniger alltäglichen Thematiken auseinandersetzen als (zerflossener) Liebe. "Form Follows Function" mit seinem jazzigen Saxophon und "Strange Fruition" etwa, das namentlich an Billie Holidays Klassiker "Strange Fruits" angelehnt ist und mit souligen Vocals über martialischen Drums und einem drohenden Streicher im Hintergrund soziale Ungerechtigkeit anprangert.

Oder das eindrückliche "Audubon Ballroom", das nach einem ruhigen Piano-Opening ordentlich Fahrt aufnimmt und ebenfalls mit Bombast-Synthies im Hintergrund läuft. Das Stück, dessen Titel an ein Theater in Harlem erinnert, vor dem Malcon X ermordet wurde, befasst sich mit der berüchtigten N-Bombe: "Now white people, they can't say nigga / So I gotta take it back / Now black people, we're not niggas / God made us better than that."

Thematisch ähnlich gelagert ist die bereits veröffentlichte Single "Bitch Bad", die schon Kanye West zum Nachdenken brachte, ob "Bitch" tatsächlich der passende Ausdruck für eine Frau ist: "Bitch bad, woman good, lady better, greatest motherhood."

Das treibende, atmosphärische "Lamborghini Angels" ist vor allem inhaltlich interessant, weil es sich mit der dämonischen Seite der Religion befasst, mit Gehirnwäsche und sexuellen Missbrauch, mit den Kill-Team-Morden in Afghanistan. Ein Überblick über das Böse, abgefrühstückt in atemberaubender Geschwindigkeit. 3:16 Minuten braucht Lupe Fiasco, um dem Hörer ordentlich vor den Kopf zu stoßen.

Um so trauriger wäre es, wenn der Rapper seiner Ankündigung von Anfang September nachkommen würde. Er werde sich nach "Food & Liquor II" wieder seiner ersten Liebe, der Literatur, widmen, schrieb er da via Twitter. Chief Keef ist mittlerweile mit der typischsten aller Ausreden zurückgerudert: Sein Account sei gehackt worden.

Noch ist aber nicht aller Tage Abend. Zumindest der zweite Teil des "Great American Rap Album" steht noch aus. Im Frühjahr 2013 soll er in die Läden kommen. Dann lässt sich auch der erste Teil abschließend beurteilen.

Trackliste

  1. 1. Ayesha Says (Intro)
  2. 2. Strange Fruition feat. Casey Benjamin
  3. 3. ITAL (Roses)
  4. 4. Around My Way (Freedom Ain't Free)
  5. 5. Audubon Ballroom
  6. 6. Bitch Bad
  7. 7. Lamborghini Angels
  8. 8. Put Em Up
  9. 9. Heart Donor feat. Poo Bear
  10. 10. How Dare You feat. Bilal
  11. 11. Battle Scars with Guy Sebastian
  12. 12. Brave Heart feat. Poo Bear
  13. 13. Form Follows Function
  14. 14. Cold War feat. Jane
  15. 15. Unforgivable Youth feat. Jason Evigan
  16. 16. Hood Now (Outro)
  17. 17. Things We Must Do For Others

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