laut.de-Kritik

Diese Band wurde für die Bühne geboren.

Review von

Wenn Menschen zu Trompeten und Tuba völlig ausflippen, Männern in Lederhosen ohne Socken und Schuhe zugejubelt wird und die Sprache kaum jemand versteht, dann ist man in Bayern. Oder bei einem LaBrassBanda-Konzert. Im besten Fall in und bei beidem.

Stefan Dettl (Gesang, Trompete) und seine brassbändischen Mitstreiter Andreas Hofmeir (Tuba), Manuel Winbeck (Posaune), Oliver Wrage (Bass) und Manuel da Coll (Drums) spielten im Herbst 2011 eine mehr als erfolgreiche Tour durch den deutschsprachigen Raum, die in Stürmen von Begeisterung und dunklem Weißbier unterging. Als Krönung buchte man sich nicht wie in den Vorjahren in den Circus Krone, sondern plante die große Abschlusssause gleich in der fulminanten Olympiahalle in München, die auch flugs ausverkauft war.

In Momenten absoluter Geistesgegenwart ließen die Männer den Rekorder mitlaufen und bringen nun ein Tondokument des Tourfinales vor knapp 10.000 Menschen. Ein längst überfälliger Streich, denn bei LaBrassBanda handelt es sich um eine leibhaftige Live-Band der allerbesten Güte.

Bestechend perfektes Musikantentum gepaart mit der Wirbelwindenergie von Stefan "Sepp" Dettl und seinem sympathischen Umgang mit dem Publikum sind die Formel, mit der LaBrassBanda bestechen und ihr bläsergetriebenes Gemisch aus Ska, Pop und Reggae mit ordentlichem Verständnis von elektronischer Tanzmusik versetzen.

Dabei werden auf solche Kleinigkeiten wie feste Song-Arrangements und Tempi gleich von Haus aus verzichtet. Kenner der beiden Studioalben werden so manchen Song in doppelter Geschwindigkeit, mit einigen Mitsing, -klatsch und –tanz-Passagen wiederentdecken. Der Band scheint es ein Vergnügen zu sein, auf Zuruf bzw. Geste von Frontsau Dettl viele Parts zu wiederholen oder sonst wie umzubauen. Meistens so, dass es schiebt, drückt und der Groove regiert.

Schon zu Beginn beim Eintritt ins "Bierzelt" pumpt die Rhythmussection einen leichten Technobeat in die Menge, darüber schichten sich langsam die Bläser. "Leit, heit is endlich so weit, seit Wocha homma uns drauf gfreit, heit geh i, sovü is gwis, auf unsre schene Voiksfestwies." Nördlich des Weißwurstäquators wird hier mit dem Verständnis schon Schluss sein. Komplett egal. Wenn das explosive Groove-Gemisch loslegt, ist man einfach drin in der Masse, die hörbar gekommen ist, um zu tanzen und Spaß zu haben.

Schon in der zweiten Nummer "Schuikalier" verlangt Dettl ein "Tubasolo", das auch postwendend in einem Höllentempo durch die Halle fegt. Die Synkopen rasen in Perfektion um die Wette, tummeln sich längst in Sphären, die jeden Hobbymusikanten verständnislos den Kopf schütteln lassen.

Trotzdem lässt sich auch die notenreichste Melodie unter Anleitung mitsingen und mitjodeln, zur Not kann sich auch jeder mit Ausdruckstanz begnügen. Wie man sich zur Musik bewegt, ist egal. Hauptsache, man bewegt sich, das wissen auch LaBrassBanda. Spätestens bei der Entstehungsgeschichte des Bayrischen Technos ("Tecno") frisst die tanzwütige Menge der Band den letzten Stingl aus der Hand.

Launige, durchaus lange Ansagen (natürlich im Chiemgauer Dialekt) zwischen den Songs vermitteln das einzigartige Gefühl, dass man mit dem Frontmann gemütlich in seinem Wohnzimmer die Wirkung von Weißbier erforscht. Deshalb kann er auch unzählige Kommandos und Befehle in die Olympiahalle schreien, und alle werden brav befolgt. LaBrassBanda bedanken sich mit Spiellaune der Extraklasse, die trotz der ganzen Partystimmung sogar Platz für andächtige Momente findet ("El Paso", "Doda Hos"), wobei man natürlich immer nur einen Fingerzeig davon entfernt ist, wieder brutal zu werden.

Dass man dieses Brutale auch noch einmal teuflisch steigern kann, lernten die studierten Orchestermusikers (und Techno-Produzenten) sicher nicht erst bei Wagners Ring. Dass die Männer früher nicht nur am Klassik-Vinyl der Eltern hingen, beweisen kleine Ausreißer in die Popkultur-Geschichte. Nach dem akustischen Stroboskop im "Tecno" ergehen sie sich kurz in ein paar Takte von Daft Punks "Around The World". Reel 2 Reals Klassiker "I Like To Move It", Snap!s nicht minder legendäres "Rhythm Is A Dancer" und sogar die TLC Parade-Schnulze "Waterfalls" (dreimal so schnell, inklusive vollständigem Rap-Part) tauchen auch mitten in Songs auf. Von belederhosten Bayern mit Blechblasinstrument hat man eine Hymne der R'n'B-Music sicher noch nie gehört. Tatsache ist, dass der Laden bei allen Nummer Kopf steht vor lauter Energie und Freude an der Musik. Einfach schön.

Am Schluss kann man nur über die Power und das wahnwitzige Lungenvermögen dieser Jungs staunen. Dass Dettl nach jedem zweiten Lied ins Mikro schreit, wie unglaublich geil das Konzert eigentlich ist, glaubt man ihm gern. So eine Live-Scheibe ist ja im Grunde nichts anderes wie ein Ausgehbefehl für die nächste Gelegenheit, wenn LaBrassBanda die Gegend unsicher machen. Die Zeit als Geheimtipp ist nun endgültig vorbei. Darauf a Weißbier und geht dahi!

Trackliste

  1. 1. Intro / Bierzelt
  2. 2. Schuikalier
  3. 3. Tecno
  4. 4. Da Dub
  5. 5. Byindi
  6. 6. Hostasned
  7. 7. Ofree
  8. 8. El Paso
  9. 9. Rotes Hoserl
  10. 10. Autobahn
  11. 11. Ringlbleame
  12. 12. VW Jetta
  13. 13. Konned
  14. 14. Bauersbua
  15. 15. Arrabica
  16. 16. Doda Hos

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10 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Vielleicht ist "ignorant" das falsche Wort, aber ich finds immernoch unverständlich. Egal. Was ich gehört habe, war gut.

  • Vor 2 Jahren

    @Bodenseenebel (« wäre da doch nur nicht dieser akzent, dieser mittermeier auf koks am mikro. dann könnte ich dem ganzen wohl auch etwas abgewinnen. so kann ich es mir aber nicht lange anhören. bei näherer betrachtung ist mir kürzlich aufgefallen, dass ich selbst sächsisch sympatischer finde, als bayrisch. »):

    Bevor man dumm raus redet, sollte man erstmal den Unterschied von Akzent und Dialekt begriffen haben.

  • Vor 2 Jahren

    "So eine Live-Scheibe ist ja im Grunde nichts anderes wie ein Ausgehbefehl für die nächste Gelegenheit (...)" fällt wohl auch unter Dialekt ;-)
    Zur Scheibe: Die instrumentalen Parts gehen klar. Erinnert stellenweise an andere Brassbands aus Übersee (wie auch nicht...) und der Tubist positioniert sich meines Erachtens im Vergleich zu anderen ziemlich gut, vor Ort würde mich der klangliche Vergleich (räumliche Verteilung des Bass') zu einem Sousaphon interessieren. Zum Rest: So lange man nicht mitkriegt, dass da vorne einer dem Südstaatendialekt frönt, ist auch alles top. Kann dem Bairischen auch nichts abgewinnen.