Porträt

laut.de-Biographie

La Dispute

Fünf Freunde, die eher aussehen wie Mitglieder der Katholischen Landjugend als die einer Rockband, ein gitarrengeladener Mix aus Post-Hardcore und ergreifendem Spoken Word-Storytelling und ein Sänger, der nie im Rampenlicht stehen wollte, sondern einfach nur seine Gefühle niederschreiben: La Dispute entflammen die Herzen ihrer Fans wie wenige andere Bands ihrer Größenordnung.

Ihr Logo, eine von drei Pfeilen durchbohrte Blüte, gehört wohl zu den am häufigsten gestochenen Bandtattoos abseits des Mainstreams. Bei den Shows macht die Textkenntnis des Publikums den Job von Frontmann Jordan Dreyer beinahe überflüssig.

La Dispute gehören aber auch zu diesen Bands, von denen viele Nichthörer beim ersten Versuch vorschnell die Finger lassen. Sprüche wie "Was soll denn das sein?", "Das ist kein Gesang" oder "Das ist ja fürchterlich" tummeln sich nicht selten oben in den YouTube-Kommentarspalten.

2004 tun sich die Cousins Jordan Dreyer und Brad Vander Lugt mit ihren Freunden Kevin Whittemore, Derek Sterenberg und Adam Kool zusammen. Dreyer hat keinerlei Band- oder Gesangserfahrung, bisher schrieb er hauptsächlich Gedichte und Kurzgeschichten.

Sie benennen ihre Band mit La Dispute nach einem französischen Theaterstück aus dem 18. Jahrhundert. Ihre Heimatstadt, Grand Rapids in Michigan, soll später noch eine Rolle spielen.

Die erste EP heißt "Vancouver" und erscheint 2006. Die Musik der Band gestaltet sich zu dem Zeitpunkt noch als wenig spektakulärer Screamo mit Hardcore-Einschlag. Es gibt Breakdowns und verzerrte Gitarren, aber auch schon erste Spoken Word-Parts.

Kurz nach Veröffentlichung bittet Derek Sterenberg seinen kleinen Bruder Chad, für ihn den Posten an der Gitarre zu übernehmen. Zu der Zeit spielen La Dispute hauptsächlich in Kellern und auf Hauspartys. Erst als Adam Vass ein Jahr später Adam Kool am Viersaiter ersetzt, geht die Band die Sache richtig ernst an.

2008 unterschreiben La Dispute beim kalifornischen Label No Sleep Records. Mit dem Debütalbum "Somewhere At The Bottom Of The River Between Vega And Altair", das im gleichen Jahr noch erscheint, macht die Band landesweit auf sich aufmerksam. Alles, wofür die Combo später steht, findet sich schon auf dieser Scheibe, wenn auch noch nicht in vollendeter Form: die Emotionalität, die Intensität der Texte, die einzigartige Dynamik.

Anders als bei anderen Spoken-Words- und Storytelling-Projekten verkommen die Instrumente nicht zu bloßem Hintergrundgeplänkel. Vielmehr treiben sie den Gesang vor sich her, mal auf Berge, mal in tiefste Abgründe, zwischendrin in nur scheinbar ruhige Oasen.

Dreyer hat seinen Stil - beziehungsweise dessen Abwesenheit - ausreifen lassen und zu seinem Markenzeichen gemacht. Er schreit, er ächzt, er schluchzt, er ruft heisere Laute der Verzweiflung. Die Kraft hinter den Worten, so klingt es zumindest, kommt nicht von der Technik, sondern aus tiefster Emotion.

In seinen Text verarbeitet er eigene Erfahrungen, hauptsächlich solche im Zusammenhang mit Beziehungen und deren Scheitern. "Andria" und "Such Small Hands" avancieren zu Hymnen der Verlassenen und Betrogenen, helfen laut zahlreichen YouTube-Kommentaren noch Jahre später Teenagern aus aller Welt durch ihren ersten Liebeskummer.

Das Songwriting erscheint allerdings noch arg unstet. Erste Anzeichen der künftig prägenden klugen Gitarrenarbeit finden sich schon, genauso aber nichtssagende Noisepunk-Ausbrüche, Heavy Metal-Riffs und deplatzierte Tapping-Soli.

Touren mit Alexisonfire, Norma Jean und Touché Amoré lassen in den folgenden Jahren die Fanbase stetig wachsen. Split-EPs mit letzteren sowie mit Koji tun ihr Übriges. Auch in Europa wird man langsam auf den Fünfer aus Michigan aufmerksam, noch laufen sie aber unter Geheimtipp.

Dies ändert sich schlagartig, als La Dispute 2011 mit "Wildlife" den Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens veröffentlichen. Auf dieser Platte stimmt alles, jeder Break, jeder Akkordwechsel, jede Variation in der Dynamik. Die Lyrics widmen sich nicht mehr nur profan der Liebe, sondern den großen Fragen: Existenz, Sinnhaftigkeit, Metaphysik, seelischer Schmerz und der Umgang mit Schicksalsschlägen.

Bezeichnend sind die wahren Geschichten aus der Heimatstadt der Band, die Dreyer aus wechselnden Perspektiven erzählt. Ein krebskrankes Kind, das bis zu seinem Tod unerschütterlich an seinem Glauben festhält, ein liebender Vater, der von seinem psychisch kranken Sohn mit 27 Messerstichen niedergestochen wird, eine Gang-Schießerei, deren Querschläger ein vorbeilaufendes Kind tötet.

Der Gesang, der Text und die Musik verschmelzen dabei zu einer Einheit. Wenn der Protagonist inne hält, dann tun das auch die Instrumente, wenn der Todesschütze vor der Polizei flieht, dann nehmen die Gitarren Fahrt auf bis zum bitteren Ende. Die Platte braucht dabei keine überverzerrten Gitarren oder dicke Blastbeats, die Brutalität kommt von alleine.

Nach ausgedehnten Touren in Europa und Nordamerika geht die Band ein wenig runter vom Gas. Das nächste Album "Rooms Of The House" erscheint drei Jahre später, es gerät seichter, gibt aber einen würdigen Nachfolger ab. Einen starker Einschnitt in der Band-Bio markiert der wenig später bekanntgegebene Ausstieg von Gründungsmitglied Kevin Whittemore, dem das Musikerleben zu viel wurde.

Mit dem Song "13" setzt die Band 2016 ihre "Here, Hear" EP-Reihe fort, die, zumeist im heimischen Keller aufgenommen, Gedichte mit zurückgefahrener Instrumentierung enthält.

La Dispute lassen im Unklaren, was die Fans künftig erwarten dürfen. "Für diese Band gibt es den offensichtlichen nächsten Schritt nicht", erklärt Bassist Adam Vass. Eines ist jedenfalls klar: Sollten sie eine Clubtour ankündigen, reserviert man sein Ticket besser gleich.

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