laut.de-Kritik

Ausgeträumt.

Review von

"The Beatles", auch bekannt als das Weiße Album, im November 1968 erschienen, lieferte den endgültige Beweis, dass einiges im Argen lag. Zwar waren alle vier Mitglieder an der Entstehung beteiligt, doch handelte es sich eher um Solostücke mit musikalischer Begleitung der jeweils anderen als um ein organisches Band-Werk.

John Lennon
und Yoko Ono waren seit jenem Sommer ein Paar und kapselten sich zunehmend ab. Im September 1969 erklärte Lennon in einer bandinternen Sitzung, dass er die Beatles verlassen würde. Dass es schließlich Paul McCartney war, der die Trennung im April 1970 - bei der Veröffentlichung seines ersten Soloalbums - der Öffentlichkeit preisgab, hat er ihm wohl nie verziehen.

Unzertrennlich mit Ono, einer US-amerikanisch-japanischen Avantgarde-Künstlerin, verbunden, hatte Lennon in den zwei Jahren dazwischen einige spektakuläre Aktionen hingelegt. Darunter ein Album mit zusammen geschnittenen Loops namens "Two Virgins", auf dessen Cover Lennono nackt posierten, die Flitterwochen in Form von Bed Ins, in denen das Paar im Bett ausgesuchter Suiten Journalisten empfing, um über den Weltfrieden zu reden und schließlich ein Livekonzert in Toronto, in dem sie das schnell zur Hymne avancierte "Give Peace A Chance" darboten. Lennon nutze seinen Promistatus und genoss ihn anscheinend in vollen Zügen.

Doch sein Solodebüt, im Dezember 1970 erschienen, sollte anders werden. Ganz anders. Vorausgegangen war eine mehrmonatige Behandlung beim Psychologen Arthur Janov, der die heilende Wirkung des Schreiens propagierte. Um seine Kindheitstraumata zu überwinden, solle man sie ins Gedächtnis zurückrufen und aus dem Leib brüllen.

Traumata besaß Lennon als Sohn eines Matrosen, der sich aus seinem Leben verabschiedete, als er fünf war und sich erst wieder meldete, nachdem die Beatles weltberühmt geworden waren, genügend. Aufgewachsen bei seiner Tante Mimi, pflegte John einen herzlichen Kontakt zu seiner Mutter, bis diese auf dem Heimweg nach einem gemeinsamen Tag von einem Auto erfasst wurde und starb. Damals war Lennon 17 Jahre alt.

So beginnt das Album mit Totenglocken. Und den eindringlichen Zeilen "Mother, you had me, but I never had you". Eine Feststellung, der viele Fragen folgen und zum Abschluss das schon fast verzweifelt herausgeschriene "Mama don't go. Daddy come home". Einer der herzergreifendsten Momente der Popmusik.

Entstanden war das Album im Wesentlichen auf Lennons Anwesen Tittenhurts Park, westlich von London, in kleiner, aber erlauchter Gesellschaft. Am Bass sein Freund aus Hamburger Zeiten, Klaus Voorman. Am Schlagzeug Beatles-Kumpel Ringo Starr, dazu noch Billy Preston und Phil Spector am Klavier. Letzterer ist auch als Co-Produzent aufgeführt, doch kümmerte sich eher Lennon darum. Ono steuerte "Wind", also Stimmung, bei und ist (gnädigerweise) sonst nicht zu hören. Denn parallel nahmen die Beteiligten auch ein Album für sie auf. Dieses erschien zeitgleich mit fast demselben Cover.

Das zweite Stück "Hold On" klingt schon fast nach einem Wiegenlied und versucht, dem Hörer weis zu machen, dass alles gut wird. Doch gar nichts wird gut. Mit kreischender Stimme und verzerrter Gitarre wettert Lennon in "I Found Out" gegen all jene, die ihm helfen wollten – Hare Krishna, Religion, Manager, Freunde und natürlich auch sein verfeindeter Beatles-Kompagnon McCartney, der hier zum ersten Mal sein Fett abkriegt ("I seen through junkies I been through it all / I seen religion from Jesus to Paul").

"Working Class Hero" ist das zweite Stück des Albums, das die Zeit überstanden hat. Ein Fußgängerzonenklassiker, im Stile des frühen Bob Dylan vorgetragen (einfach angeschlagene Akustikgitarre, Stimme), der nicht so einfach zu deuten ist, wie es scheint. Die unteren sozialen Schichten, aus denen auch er stamme, seien nichts anderes als Kanonenfutter und billige Arbeitskräfte für die Reichen und Privilegierten. "Keep you doped with religion and sex and TV / You think you're so clever and classless and free / But you're still fucking peasants as far as I can see", erklärt Lennon.

Überraschend schließt er ab: "If you want to be a hero well just follow me". Will er damit aussagen, dass er es tatsächlich geschafft hat, den aussichtslosen Kampf zu gewinnen? Oder meint er es eher sarkastisch? Dass er genau das Gegenteil beweise, denn trotz all des Ruhmes und des Geldes sei er unglücklich, missverstanden, gar verzweifelt?

Aufschluss geben der folgende, musikalisch bedächtige Track mit dem bezeichnenden Titel "Isolation" und zwei lange Interviews, die Lennon (und Ono) anlässlich der Albumveröffentlichung dem Rolling Stone gaben. Er wäre gerne ein Fischer, sagt Lennon an einer viel zitierten Stelle. Natürlich lebe er lieber vornehm als in Armut, würde aber gerne den Schmerz, den er ständig spüre, gegen Ignoranz eintauschen.

Egal wie, man sitze in der Falle. Denn letztendlich könne man sein Leben nicht selbst bestimmen. Don't you worry 'bout what you've done / Don't feel sorry 'bout the way it's gone", singt er in "Remember".

Doch bleibt auch Zeit für lichtere Momente. "Love Is Real" ist eine hemmungslose, fast schon kindlich anmutende Liebeserklärung an Yoko Ono. Kindlich muten auch die Fragen in "Look At Me" an: "Who am I supposed to be, what am I supposed to do." Ein Stück, das noch aus den Zeiten des White Albums stammt. Dazwischen quetscht sich das angesäuerte "Well Well Well", der einzige Lückenfüller des Albums.

Der Höhepunkt kommt zum Schluss. "God is a concept / by which we measure / our pain" wirft Lennon zu Beginn von "God" in die Runde. Er glaube nicht an Hitler, Jesus, Buddha, Könige, Elvis oder Zimmermann (Bob Dylan), zählt er in einer schier endlosen Liste auf. Vor allem glaube er nicht mehr an die Beatles. Das hört sich heute nicht mehr so spektakulär an wie damals, als sich kurz zuvor die erfolgreichste, berühmteste und beliebteste Band aller Zeiten aufgelöst hatte. Er glaube nur noch an sich selbst und Yoko. "The dream is over, yesterday ... and so dear friends, you'll just have to carry on" fügt er hinzu, die Tür hinter sich endgültig schließend.

Wie das, was man zu CD-Zeiten einen Hidden Track nennen würde, folgt das kurze, mit einem einfachen Tonbandgerät aufgenommene "My Mummy's Dead". Vielleicht ein Seitenhieb auf McCartney, der auf Abbey Road, dem letzten gemeinsam aufgenommenen Beatles-Album, den Nonsense–Schnipsel "Her Majesty" untergebracht hatte.

Mit McCartney rupfte Lennon noch eine ganze Weile lang Hühner. Ein Jahr später folgte mit "How Do You Sleep?" eine bittere Abrechnung, die umso brisanter ausfiel, weil Beatles-Gitarrist George Harrison und Ringo Starr ebenfalls zugange waren. Das dazugehörige Album "Imagine" enthielt mit dem Titeltrack und "Jealous Guy" Lennons bekannteste Solostücke, fiel aber deutlich flacher aus als Plastic Ono Band. Die Güte dieser Platte erreichte Lennon nicht wieder.

Nachdem er 1971 mit Ono nach New York gezogen war, verschwand er allmählich aus der Öffentlichkeit. Seine folgenden Werke wirken über große Strecken uninspiriert, nach einer mehrmonatigen Sauftour in Los Angeles in Begleitung seiner Assistentin May Pang kehrte er 1975 zu Ono zurück und schloss sich in seine Wohnung im Dakota Building am Central Park ein. Um sich um seinen gerade geborenen Sohn Sean zu kümmern, wie das Paar erklärte.

Als Lennon 1980 wieder auftauchte, war er ein anderer Mensch. So seicht sein Comeback-Album "Double Fantasy", auch ausfiel – in den ersten Wochen nach der Veröffentlichung einer der größten Flops der Musikgeschichte - zeigte es, dass der Ex-Beatle seinen Frieden mit sich und der Welt abgeschlossen hatte. Letztlich ein tröstender Abschied, da er am 8. Dezember 1980 vor dem Eingang des Gebäudes, in dem er lebte, von einem geisteskranken Fan namens Marc Chapman erschossen wurde.

Der Traum war endgültig vorbei.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Mother
  2. 2. Hold On
  3. 3. I Found Out
  4. 4. Working Class Hero
  5. 5. Isolation
  6. 6. Remember
  7. 7. Love
  8. 8. Well Well Well
  9. 9. Look At Me
  10. 10. God
  11. 11. My Mummy's Dead

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8 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    "Entstanden war das Album im Wesentlichen auf Lennons Anwesen Tittenhurts Park"

    *kicher*

    Hmm, kenne ich nicht...ist da ein Hit drauf? "Imagine" schon mal nicht :(

  • Vor 3 Jahren

    @Django77:
    Ich schätze, daß "Mother" und vor allem "Working Class Hero" die beiden bekanntesten Stücke von diesem Album sind. "Mother" war damals ein kleinerer Hit, reicht aber in der Single-Version nicht an die des Albums ran, und "Working Class Hero" hat sich im Laufe der Zeit ins Bewußtsein geschunkelt, als man nicht mehr so richtig auf dem Schirm hatte, daß Lennon mit diesem Machwerk mehrere Jahre zu spät kam.
    In einer späteren Neuauflage ist "Power To The People" noch mit drangeklatscht worden, das war seinerzeit ebenfalls ein ordentlicher Hit.
    Gruß
    Skywise

  • Vor 3 Jahren

    Das besprochene Album ist sicherlich das stärkste, beste, emotionalste, persönlichste was John jemals solo veröffentlicht hat. Und "Double Fantasy" ist zweifelsohne nicht das beste, wobei aber eher Yokos Beiträge den gesamt Eindruck nach unten ziehen. Es als einen der größten Flops der Musikgeschichte zu bezeichnen halte ich aber für sehr gewagt.